Warum zog es das Bildungsbürgertum und viele Künstler der
Klassik so leidenschaftlich über die Alpen hinweg nach Italien?
Sie waren getrieben von der Sehnsucht nach einem idyllischen,
paradiesischen Leben, sie liebten das mediterrane Klima und die
besondere Klarheit des südlichen Lichts und studierten die
Meisterwerke der Antike und der Hochrenaissance.
Man muss kein Künstler sein, um dieses Flair selbst zu
empfinden. Zu unseren ewigen Reisezielen gehörten in diesem
Sinne auch Matera und das Castel del Monte – die rätselhafte
weltberühmte Festung des Stauferkaisers Friedrich II – in
Süditalien. Die Repressalien des Corona-Despotismus ließen uns
eine gebuchte Reise 2020 platzen, sodass wir beschlossen, uns
nie wieder auf solche Mätzchen einzulassen. Nun sind wir diesem
Vorsatz untreu geworden und haben diesen Traum noch
verwirklicht. Fazit der Reise: die Erwartungen wurden erfüllt,
allerdings war die Reisezeit schlecht gewählt, denn wir hatten
nicht erwartet, dass uns im Juni bereits Temperaturen bis zu
42°C beschert würden. Während wir bei einer früheren Reise in
die Nachbarregion Kalabrien (Calabria) im Mai eine blühende
Landschaft vorfanden, litt die Natur in diesem Jahr doch schon
heftig unter der krachenden Hitze.
Ein Quartier bezogen wir in Matera (Basilikata), ein zweites
Quartier in Ostuni (Apulien) und erkundeten von dort die Gegend
(im klimatisierten). Wir haben schon etliche alte Städtchen im
Süden Europas besucht, aber Matera ist der Hammer! Wir zählen zu
viele Erlebnisse auf dieser Reise, weswegen ich darauf nicht
weiter eingehen werde. Einige Bilder sollen aber ganz losgelöst
einen Eindruck vermitteln. Nur von einigen Randerscheinungen
soll hier die Rede sein.
Wie schön waren die Zeiten, als man ins Reisebüro ging, ein
paar Kataloge wälzte und sich für eine Reise oder ein Quartier
entschied. Die gesamte Unternehmung wird heute jedoch über
Internettools abgewickelt, alle zur Legitimation erforderlichen
Daten sind auf dem Handy hinterlegt. Wer kann da eigentlich noch
alles mitlesen? Pech hat man dann, wenn beispielsweise aus der
Wallet plötzlich eine Bordkarte verschwunden ist. Aber wir
lernen: auch wenn es die Servicekraft am Schalter anstinkt - sie
kann das Dokument tatsächlich noch nachträglich ausdrucken, aber
es gibt zusätzlich unnötigen Stress.
An Tankstellen und Parkplätzen läuft es weitgehend
automatisiert, bloß die Displays sind bei der grellen
Sonneneinstrahlung kaum zu lesen. Anstelle einer Speisekarte
liegt in vielen Lokalen nur so eine Art Bierdeckel mit einem
QR-Code auf dem Tisch. Der Code lässt man dann vom Telefon
einlesen und übersetzen. Ob altersmüde Augen das Ergebnis aber
noch lesen können, ist eine andere Sache.
Zu unserer Freude war es gelungen, Ferienwohnungen direkt in
den historischen Stadtzentren von Matera und Ostuni zu buchen.
Man wohnt in gut ausgestatteten Ferienwohnungen (denen man das
von außen gar nicht ansieht) authentisch in typisch
einheimischen Wohnvierteln, genauso hat man sich das
vorgestellt, mit Glück auch noch mit einer schönen Dachterrasse,
auf der man des Abends eine Flasche Wein genießen kann. Nicht
bedacht hat man allerdings dabei, wie man den Mietwagen in die
engen, winkligen Gassen hineinsteuert und dort einparkt. Das
Navi versagte unter diesen Verhältnissen restlos und schickte
den Fahrer zuweilen immer im Kreise und auch in gesperrte
Sträßchen hinein. Diese sind, abgesehen von einigen
Haupttrassen, in einem katastrophalen Zustand. Das ungewohnt
forsche Fahrverhalten manch italienischer Brüder und Schwestern
macht es nicht einfacher. Die zu Hause gelernten Verkehrsregeln
kann man getrost vergessen, am besten man hält an Kreuzungen und
Seitenstraßen den Blickkontakt zum Kontrahenten, um zu gucken,
was der vorhat. Am Ende kann man froh sein, den Leihwagen ohne
Kratzer und Beule wieder heim kutschiert zu haben.
Zum Glück ist bei der Hitze in Apulien das Meer nicht weit. Das
nutzt allerdings nicht all zu viel, denn Abkühlung ist kaum zu
erwarten, außerdem ist die Adria hier stellenweise so flach,
dass man meint, nach Albanien hinüber waten zu können. Gerade in
den letzten Tagen berichtete die italienische Presse, dass in
Mogale, einem Stadtteil von Ostuni an der Küste der Adria unser
Freund und Halbgott Bill Gates mit einem israelischen
Immobilienunternehmen ein Fünf Sterne Luxusresort für ca. 100
Mio errichten möchte. Wohin auch mit der Knete? Lokale
Bürgerinitiativen und Umweltschutzverbände wehren sich vehement
gegen das Großprojekt. Sie befürchten eine irreversible
Zerstörung der dortigen Sanddünen, Feuchtgebiete und des
Ökosystems für Zugvögel. Zudem wird kritisiert, dass das Projekt
über Sondergenehmigungen einer zentralen Wirtschaftszone
regionale Umweltprüfungen umgeht. Der Fall liegt aktuell zur
rechtlichen Klärung vor dem regionalen Verwaltungsgericht. Man
wird sehen, wie die Sache ausgeht. Dreimal darf der Leser raten.
Das Leben in den kleinen Städten beginnt erst in den
Abendstunden, wenn es sich etwas abgekühlt hat, dann wird es
lebendig. Der unterkühlte Mitteleuropäer findet sich wieder in
einem ausgelassenen, lebensfrohen Milieu. In den Bars und
Ristorantes findet man kaum Platz, das Geschäft floriert und
bedient wird man meistens von aufmerksamen, flotten jungen
Kellnerinnen und Kellnern, immer heiter gestimmt und – man
glaubt es kaum – bei der Arbeit zuweilen auch noch ein
fröhliches Liedchen trällernd. Wann hat man das zuletzt in
Deutschland erlebt? Von einer Ausnahme allerdings gilt es zu
berichten. Am letzten Abend wurden wir etwas missmutig von einer
älteren Servicekraft bedient, die sprach Deutsch, Schwäbisch
sogar (und Italienisch). Wir kamen mit ihr ins Gespräch und
wollten wissen, was sie hierher verschlagen hat. Sie sagte, sie
habe Deutschland den Rücken gekehrt und auch nicht vor, jemals
wieder dahin zurückzukehren. Die Erfahrungen aus der
Corona-Zeit, die Zwietracht und die Spaltung der Gesellschaft
mit dem damit verbundenen Hass und der abscheulichen Ausgrenzung
Andersdenkender hat die Bindung zur ehemaligen Heimat zerstört.
Das macht in Italien wohl den Unterschied. Wir können das gut
verstehen.
P.S. Eines hat uns dann in Italien dann doch gefehlt. Also sind
wir auf der Heimreise schnell noch in Mergthal (Mařenice) im
Restaurant „Husky“ eingekehrt um ein Bier zu trinken nebst
Klobasa und Hermelin, um die heimische Geschmacksnote
wiederzufinden.
Basilikata
Apulien