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Montag, 24. Dezember 2012

Ist es schwierig, Exoplaneten zu entdecken?


Die Frage, ob etwas schwierig ist oder nicht, kann man in der Regel nicht pauschal beantworten. Das gilt natürlich auch für die Entdeckung von Exoplaneten. Wenn man liest, daß allein das Weltraumteleskop Kepler über 2000 Exoplanetenkandidaten in petto hat, die noch auf ihre offizielle Bestätigung warten, dann kann man leicht zu dem Schluß kommen, daß die Exoplanetensuche mittlerweile ein Massengeschäft geworden ist. Im Prinzip stimmt das auch. Anders sieht es dagegen aus, wenn man fragt, wie viele extrasolare Planeten man bis heute eigentlich direkt abbilden konnte? Und diese Zahl ist sehr bescheiden: 31 (Stand Mitte 2012). Warum das so ist, läßt sich leicht durch ein Gedankenexperiment plausibel machen in dem man sich vorstellt, man befinde sich auf einem bewohnten Planeten in der Nähe des Zwergsterns Proxima Centauri, also bei dem Stern, der unserer Sonne nach heutigen Kenntnisstand am nächsten steht (Entfernung 4.3 Lj). Und von dort beobachten fiktive „Proxima-Centauri“-Astronomen mit ihren Riesenteleskopen die Sonne („Proxima Centauri“ ist ein Roter Zwergstern mit einer Leuchtkraft von nur 0.0017 L⊙, (Sonnenleuchtkraft) der mit hoher Wahrscheinlichkeit ein stellarer Begleiter des aus zwei sonnenähnlichen Sternen bestehenden Doppelsternsystems Alpha Centauri ist. Um dessen B-Komponente konnten Astronomen der ESO mittels der Radialgeschwindigkeitsmethode einen etwa erdgroßen Planeten auf einer sternnahen Bahn (0.027 AU) entdecken, der seinen Mutterstern einmal in 4.3 Tagen umläuft. Dort ist es übrigens so heiß, daß es dort sicher keine Teleskope und entsprechendes Bedienungspersonal gibt…). 

Von der Erde aus gesehen hat die Sonne eine scheinbare Helligkeit von m⊙ = -26.74m, was gemäß

M⊙=m⊙-5(lg D - 1)

einer absoluten Helligkeit von M⊙ =4.83m entspricht, wenn man für D die Entfernung der Erde zur Sonne in pc einsetzt. Daraus läßt sich leicht errechnen, wie hell die Sonne und wie hell z.B. Jupiter (der von der Erde aus gesehen zur Oppositionszeit maximal eine Helligkeit von -2.45m erreicht) von Proxima Centauri aus erscheinen wird: Sonne ~ +0.43m, Jupiter ~21.6m. Und hier offenbart sich schon das erste Problem. Im optischen entspricht das einem Intensitätsunterschied von

m⊙-mJ=-2.5 log(I⊙/IJ ) ≈ -21.2

d.h. Jupiter erscheint rund 300 Millionen mal schwächer als die Sonne. Einen Einzellichtpunkt „Jupiter“ mit einer Helligkeit von 21.6m abzubilden, ist überhaupt kein Problem. Er wäre also durchaus schon mit einem kleineren Teleskop beobachtbar, wäre nicht der riesige Helligkeitsunterschied von 21 Größenklassen. Der maximale Winkelabstand, den Jupiter von Proxima Centauri aus gesehen bei einer seiner Elongationen erreicht, beträgt bei einem mittleren Abstand von der Sonne von a=5.2 AU 

tan α=a/D

mit D=272000 AU (=4.3 Lj.) 3.94‘‘. Das stimmt wieder optimistisch, denn solch ein Winkelabstand sollte mittels spezieller Beobachtungstechniken (Sternkoronographen, Nulling-Interferometrie) leicht aufzulösen sein. Außerdem läßt sich der störende Intensitätsunterschied weiter drücken, in dem man im IR-Bereich arbeitet, in dem Jupiter vergleichsweise hell und die Sonne als G2V-Stern vergleichsweise schwach leuchtet. Die Schlußfolgerung, die sich aus dieser kleinen Rechnung ergibt ist die, daß sich Planeten von der Größe Jupiters bei Sonnennachbarn durchaus direkt beobachten lassen, wenn ihr (projizierter) Winkelabstand zum Mutterstern nicht zu klein ist. Dabei ist noch ein kleiner, aber nicht unbedeutender Auswahleffekt zu beachten. Die günstige Elongationsstellung wird im Fall von Jupiter nur alle 6 Jahre erreicht. 

Führt man die gleiche Rechnung für die Erde durch, dann muß man leider feststellen, daß die Proxima Centauri – Astronomen sie wohl nicht direkt zu sehen bekommen werden. Sie wäre aber anderweitig äußerst auffällig – man denke nur an das vor 5 Jahren schon nicht allzu gute Fernsehprogramm…

Würde man von Proxima Centauri aus genau auf die Kante der Bahnebene Jupiters sehen (was nicht der Fall ist), dann könnte man dort alle 12 Jahre einen Jupiter-Transit beobachten. Der Intensitätseinbruch mit einer Dauer von ca. 32 Stunden 

- ∆I / I⊙ =AJ/A⊙ =(RJ / R⊙ )^2

beträgt ~10^-2 (also 1 % der Sonnenhelligkeit) und sollte deshalb noch leicht zu detektieren sein (übrigens, hier ist es egal, wie weit der Beobachter von der Sonne entfernt ist, denn die Transitmethode arbeitet ähnlich wie die Radialgeschwindigkeitsmethode entfernungsunabhängig). 

Ein „Erdtransit“ tritt zwar jedes Jahr einmal auf, aber die dadurch verursachte Intensitätsabnahme ist so gering, daß sie mit den heutigen technischen Möglichkeiten wohl nicht zu detektieren ist. 

Als letztes soll hier noch der Frage nachgegangen werden, ob Jupiter eventuell durch die Radialgeschwindigkeitsänderung nachgewiesen werden kann, die sich aus der gemeinsamen Bewegung von Sonne und Jupiter um ihren gemeinsamen Schwerpunkt (die anderen Planeten sollen einmal außen vor bleiben) ergibt. Gemessen wird sie anhand der periodischen Wellenlängenänderung ∆λ aufgrund des Dopplereffektes, die bekanntlich der Radialgeschwindigkeit vr proportional ist. Die Frage, die es demnach zu beantworten gilt, ist die Frage nach der Größe dieser Wellenlängenänderung und ob sie sich mit den heute verfügbaren Spektrographen messen läßt. Damit der Effekt maximal wird, gehen wir auch hier vom „Transit-Szenario“ aus, d.h. die Astronomen auf dem fiktiven Planeten um Proxima Centauri schauen genau auf die Kante der Jupiterbahn.

Nach dem Schwerpunktsatz gilt

r⊙/rJ =MJ/M⊙ ≈10^-3

Die Summe aus der Bahngeschwindigkeit von Sonne und Jupiter läßt sich mit Hilfe des 3. Keplerschen Gesetzes ausrechnen

(vJ+v⊙ )^3=(2π G (MJ+M⊙))/T

wobei man eine Geschwindigkeit von ≈13 km/s erhält.

Das Verhältnis v⊙ ⁄ vJ ist aufgrund des Schwerpunktsatzes gleich dem Verhältnis von Jupitermasse zu Sonnenmasse. Das bedeutet, daß sich die Sonne mit einer Bahngeschwindigkeit von 1.3∙10^-2 km/s (=13 m/s) um den Systemschwerpunkt bewegt.

Die aufgrund des Dopplereffekts erwartete maximale Wellenlängenänderung

∆λ=λ∙|vr/c|

liegt im sichtbaren Licht (λ=700 nm) demnach bei 3∙10^-5 nm. Sie läßt sich also mit modernen Échelle-Spektrographen sicher messen. 

Natürlich könnten die Proxima-Centauri – Astronomen die Sonne auch astrometrisch über viele Jahre verfolgen, wobei zumindest mit entsprechenden Satelliten analog Hipparcos eine Genauigkeit von 0.001‘‘ bei den Positionsmessungen erreicht wird. Es ließe sich dann u. U. eine mehr oder weniger komplizierte Wobbelbewegung am Himmel feststellen (hängt davon ab, wie viele Jahrzehnte man beobachtet), aus der sie auf die Existenz von mehreren Planeten, zumindest aber von zwei „jupiterartigen“ (Jupiter und Saturn), um die Sonne schließen läßt. Der allein von Jupiter verursachte Anteil führt – vorausgesetzt, man schaut senkrecht auf die Ekliptikalebene – zu einer Amplitude von 0.0038‘‘. Sie liegt damit in einer Größe, die mittels Satellitenastrometrie noch gut meßbar ist. 

Anhand dieser einfachen Rechnungen läßt sich ein Gefühl dafür entwickeln, wie leicht oder wie schwierig die Beobachtung extrasolarer Planeten wirklich ist. Mit den entfernungsunabhängigen Methoden (Transit, Radialgeschwindigkeit) lassen sich offensichtlich Gasplaneten aus der Gruppe der jupiters (und eventuell auch der neptunes) vergleichsweise einfach detektieren, wenn sie auf sternnahen Bahnen (Umlaufszeit Tage bis Wochen) ihren Mutterstern umlaufen und auch ihre Bahnlage in Bezug zur Erde stimmt. Je größer ihr Abstand vom Mutterstern ist, desto geringer ist auch die Wahrscheinlichkeit, daß sie überhaupt entdeckt werden. Mit derartigen Auswahleffekten hat man generell in der Exoplanetenforschung zu kämpfen. Sie erschweren insbesondere statistische Untersuchungen der galaktischen Exoplanetenpopulation, da sie eine sehr inhomogene Stichprobe liefern, in der immer noch massearme Planeten (super earths und earths) als auch massereiche Gasplaneten in sternfernen Umlaufbahnen kaum repräsentiert sind.







Samstag, 24. November 2012

Eine kurze Geschichte der Exoplanetenforschung


Quelle: NASA

Die Frage, ob es um andere Sonnen im Universum auch Planeten wie unsere Erde gibt, beschäftigt die Menschen schon seit vielen Jahrhunderten. Man ist geneigt, auch bei dieser Frage bei den Naturphilosophen des antiken Griechenlands zu beginnen, also dort, wo das abendländische Denken seinen Anfang nahm. Und wenn man die alten Schriften studiert, wird man auch fündig. Die Idee, daß der Mensch nicht allein im damals schon von manchen erahnten, unermeßlich großen Kosmos sein kann, wurde nach Hippolytos von Rom (um 170 – 234) bereits von Demokrit (um 460 – 400 v.Chr.) geäußert. Von ihm selbst sind nur Bruchstücke seiner Philosophie und die seines Lehrers Leukipp überliefert, von denen die Idee der Leere und der darin sich bewegenden ewigen und unteilbaren Atome die wohl Bedeutendste ist. Was die Vielzahl der Welten betrifft, so schreibt 6 Jahrhunderte später Hippolytos in seinem Werk „Refutatio omnium haeresium“ (Widerlegung aller Häresien): „Demokrit macht über die Elemente, das Volle und das Leere ähnliche Angaben wie Leukippos. Er nennt das Volle seiend, das Leere nichtseiend. Er sprach davon, wie sich das Seiende ewig im Leeren bewege. Es gebe unendlich viele Welten von unterschiedlicher Größe. In einigen gebe es keine Sonne und keinen Mond, in anderen seien sie größer, und wieder in anderen gebe es mehr Sonnen und Monde als bei uns. Die Zwischenräume zwischen den Welten seien ungleich, die Welten selbst in einem Gebiet zahlreicher, in einem anderen weniger zahlreich, die einen wüchsen und stünden in Blüte, die anderen seien in Schwund begriffen, und an einer Stelle entstünden sie neu, an anderer gingen sie zugrunde. Vernichtet würden sie dadurch, daß sie aufeinanderstoßen. In einigen Welten gebe es keine lebenden Wesen und keinerlei Feuchtigkeit. In unserer Welt sei die Erde früher entstanden als die Gestirne; der Mond befinde sich unten, dann folge die Sonne und zuletzt die Fixsterne. Auch die Planeten hätten nicht alle den gleichen Höhenstand. Eine Welt stehe in Blüte, bis sie keinen Zuwachs von außen mehr in sich aufnehmen könne.“ 

Mit der Atomlehre übernahmen die Epikureer (nach Epikur, um 341 – 270 v.Chr.) auch die Idee, daß es „unendlich viele“ Welten, „der Erde ähnelnd und der Erde nicht ähnelnd“, gibt. Aristoteles (384 – 322 v.Chr.) glaubte dagegen beweisen zu können, daß die Erde einmalig ist und im Mittelpunkt der Welt steht. Es ist klar, daß diese beiden einander entgegen stehenden Thesen damals nicht zu entscheiden waren. Aber in den folgenden fast 2000 Jahren setzte sich im christlichen Abendland die Ansicht Aristoteles durch und wurde fester Bestandteil der Kirchenlehre und der frühen universitären Ausbildung. Abweichungen davon wurden insbesondere in der frühen Neuzeit von der zuerst katholischen und dann auch reformierten Kirche als Häresien verfolgt. Eines der prominentesten Opfer war der italienische Dominikanermönch Giordano Bruno (1548 – 1600), der u.a. gerade wegen seiner These über die Vielzahl (bewohnter) Welten den Zorn der Inquisitionsbehörden auf sich zog.  Giordano Bruno war ein hochgebildeter Mann, der viel in Europa herumgekommen ist und der im Stil seiner Zeit seine Philosophie in Form von Dialogen verfaßt und verbreitet hat. In unserem Zusammenhang ist seine Schrift „De l'infinito, universo e mondi“ aus dem Jahre 1584 von Bedeutung, in dem er (in Anlehnung an die Epikureer) die Unendlichkeit und die ewige Dauer des Universums postulierte und daraus auch auf eine Vielzahl bewohnter Welten schloß.

Da diese „Anschauung“ keinen Platz mehr ließ für ein Jenseits oder für eine Schöpfung, ist es verständlich, daß sie zu jener Zeit als „gefährlich“ eingestuft und seine Schriften folgerichtig auf den „Index Librorum Prohibitorum“ (bis zum Jahr 1966) gesetzt wurden und er selbst auf dem Scheiterhaufen (17. Februar 1600, Rom) endete. Seine teilweise Rehabilitation von Seiten der katholischen Kirche ließ dann noch einmal 400 Jahre auf sich warten, denn erst im Jahre 2000 wurde seine Hinrichtung vom päpstlichen Kulturrat als Unrecht anerkannt. 

Sehr aufschlußreich ist die Erläuterung Giordano Brunos (hier als „Fileteo“), warum man andere „Erden“ um ihre „Sonnen“ nicht sehen kann, die ausnehmend modern wirkt. Deshalb hier ein kurzes Zitat aus dem genannten Buch „Über das Unendliche, das Universum und die Welten“: 

Elpino: Warum aber sehen wir um die andern Lichtkörper, die Ihr ja auch Sonnen nennt, nicht andre Lichter kreisen, die als deren Erden gelten könnten, warum können wir keine derartige Bewegung wahrnehmen? Warum zeigen sich alle andern Weltkörper mit Ausnahme der sogenannten Kometen uns immer in derselben gegenseitigen Lage und Entfernung?

Fileteo: Einfach deshalb, weil wir nur die Sonnen sehen, welche die größeren, ja die größten Körper sind, nicht aber deren Erdkörper oder Planeten, welche, da ihre Massen viel kleiner sind, für uns unsichtbar sind. Widerspricht es doch nicht der Vernunft, daß selbst um diese unsere Sonne noch andre Planeten kreisen, die für uns, - sei es wegen ihrer größeren Entfernung, sei es wegen ihrer geringeren Größe oder weil sie keine großen Wasserflächen haben, oder weil sie diese Oberfläche nicht gleichzeitig in Opposition mit uns und der Sonne zeigen, welche letztere sich in ihnen, wie in einem kristallenen Spiegel widerspiegelt, - nicht sichtbar sind. ...

Die katholische Kirche versuchte dann noch über ein Jahrhundert lang die Idee der Vielzahl (bewohnter) Welten zu unterdrücken, aber sie hatte sich schon – zusammen mit dem neuen kopernikanischen Weltsystem – unter den Gelehrten verbreitet und war damit wieder in der Disputation. So erschienen 1686 in Frankreich die „Gespräche über die Vielzahl der Welten“ (Entretiens sur la pluralité des mondes) des Schriftstellers und Vertreters der französischen Aufklärung Bernard le Bovier de Fontenelle (1657 – 1757), in der er  in lockerem Ton das astronomische Wissen seiner Zeit – insbesondere stark beeinflußt von René Descartes „Wirbeltheorie“ der Weltenentstehung – ausbreitet und die These, daß es neben der Erde noch eine Vielzahl weiterer bewohnter Welten im Universum gibt, populär macht.

Das 18. Jahrhundert war davon geprägt, daß sich die Naturwissenschaften immer energischer von dem starren vorgegebenen theologischen Weltbild emanzipierten, in dem sie dieses hinterfragten. Newton’s Theorie eröffnete dann die Möglichkeit der Entwicklung einer aus sich heraus auf mathematisch-rationaler Grundlage aufbauenden Weltsicht. So ist es vielleicht gar nicht mehr so verwunderlich, daß gerade in diesem Jahrhundert immer mehr nach Alternativen zur christlichen Schöpfungsgeschichte gesucht wurde, um die Welt auf natürliche Weise erklärbar zu machen. Die 1755 erschienene „Allgemeine Naturgeschichte und Theorie des Himmels“ des jungen Immanuel Kant (1724 – 1804) – wenn auch von seinen Zeitgenossen wenig beachtet – zeigte, daß eine Kosmogonie des Sonnensystems auch auf mechanisch-rationaler Weise möglich ist (siehe auch hier). Und wenn die Sonne mit all ihren Planeten aus einem rotierenden „Urnebel“ entstanden ist, warum sollte es bei anderen Sternen nicht ähnlich sein? Eine der weltanschaulich brisantesten Ideen, die langsam zum Allgemeingut der Naturforscher werden sollte, war deshalb die Einsicht, daß es Himmelskörper wie die Erde überall im Kosmos geben sollte. Zum anderen wurde den Astronomen aber auch immer bewußter, daß das Bestreben, neue Planeten außerhalb unseres eigenen Sonnensystems aufzufinden, ein praktisch aussichtsloses Unterfangen ist. Seit den ersten erfolgreichen Parallaxenmessungen (1836/37) hatte man eine ganz neue Vorstellung über die kosmische Entfernungsskala gewonnen, die im folgenden Jahrhundert noch mehrfach revidiert werden sollte (Entdeckung, daß die „Spiralnebel“ „Welteninseln“ ähnlich unserer eigenen Milchstraße sind; Hubbles Entdeckung der linearen Beziehung zwischen Entfernung und „Fluchtgeschwindigkeit“ genau dieser Welteninseln, d.h. die Entdeckung der kosmischen Expansion; Walter Baades Revision der Entfernung der Andromedagalaxie 1952 etc.).  

Schon eine kleine Überschlagsrechnung zeigt, daß selbst große Planeten –  etwa von der Art Jupiters –  mit den Beobachtungsgeräten und Methoden des ersten und zweiten Drittel des 20. Jahrhunderts auch dann quasi unbeobachtbar wären, wenn sie zu unmittelbar benachbarten Sternen gehören würden. Und als Frank Drake 1960 zum ersten Mal seine berühmte Formel zur Abschätzung der Häufigkeit außerirdischer Zivilisationen an die Wandtafel des Seminarraums des Green Bank Radio-Observatoriums schrieb, war man über die Größe des Faktors fp (der Anteil der Sterne in der Milchstraße mit einem Planetensystem) genauso unsicher wie heute über die folgenden Faktoren der „Green - Bank - Formel“… Es gab zu diesem Zeitpunkt einfach überhaupt noch keine belastbaren Zahlen in dieser Beziehung, höchsten hie und da ein paar Abschätzungen, die man aber auch mit gutem Gewissen unter „raten“ zusammenfassen konnte. Der einzige gut dokumentierte Versuch, Planeten bei einem unmittelbar benachbarten Stern unserer Sonne – dem durch seine große Eigenbewegung auffällig gewordene „Barnard’sche Pfeilstern“ im Sternbild Schlangenträger (Ophiuchus) – beobachterisch nachzuweisen, wurde seit 1938 am Sproul-Observatorium des Swarthmore Colleges (bei Philadelphia) unternommen, welches ansonsten auf Parallaxenmessungen spezialisiert war. Es besitzt ein heute nur noch für Ausbildungszwecke und öffentliche Beobachtungen genutztes Linsenfernrohr (Refraktor) mit einer Öffnung von 61 cm, mit dem seinerzeit fotografische Astrometrie auf hohem Niveau betrieben wurde. 1937 bis 1972 war hier der aus den Niederlanden stammende Astronom Peter van de Kamp (1901 – 1995) Direktor und Observator. Er hat während seines Arbeitslebens immer wieder Barnard‘s Stern fotografiert, die Fotoplatten akribisch ausgemessen und die dabei erhaltenen Positionen reduziert. Dabei meinte er eine „Wobbelbewegung“ dieses Sterns am Himmel auszumachen, die, wenn sie real sein sollte, ein eindeutiger Hinweis auf die Existenz eines oder mehrerer Planeten um diesen Stern wäre.  1982 hat er dann seine Ergebnisse präzisiert und auf der Grundlage von rund 2400 Einzelbeobachtungen auf die Existenz zweier Exoplaneten mit Massen von 0.7 Jupitermassen (MJ ) und 0.5 Jupitermassen sowie einer Umlaufszeit von 12 bzw. 20 Jahren geschlossen. Bis zu diesem Zeitpunkt war diese Entdeckung in der astronomischen Community weitgehend unbestritten, obwohl astrometrische Beobachtungen in anderen Observatorien diesen Befund – wenn auch mit schwächerer Datenlage – nicht bestätigen konnten (z.B. Gatewood et.al. 1973). Der letzten „Todesstoß“ für Peter van de Kamp’s Planeten kam dann 1999, als eine entsprechende Beobachtungskampagne mit dem Hubble-Weltraumteleskop zu Ende ging, die endgültig zeigte, daß die am Sproul-Observatorium astrometrisch gemessenen Auslenkungen der Bahn von Barnard’s Stern an der Himmelskugel nicht real waren, sondern vielmehr auf einen unerkannt gebliebenen systematischen Fehler in den Messungen zurückzuführen sind (Benedict et.al. 1999). 

Das alles soll auf keinen Fall den Verdienst Peter van de Kamp’s an der Exoplanetenforschung schmälern (es kann ja bis heute nicht ausgeschlossen werden, daß Barnard’s Stern vielleicht doch ein Planetensystem – nur mit masseärmeren Planeten – besitzt), denn seine astrometrischen Untersuchungen haben seinerzeit Maßstäbe gesetzt. Seine Methode jedenfalls, Exoplaneten aufzuspüren, ist heute aktueller denn je, seitdem sie auf die Möglichkeiten der optischen Interferometrie  (wie sie z.B. am VLT betrieben wird) zurückgreifen kann.

Nicht unerwähnt soll bleiben, daß neben Barnard’s Stern (Entfernung 5.98 Lj.) in den 40ziger Jahren des vorigen Jahrhunderts auch noch die Sterne 70 Ophiuchi (16.6 Lj.) und 61 Cygni (11.4 Lj.) astrometrisch überwacht wurden, ohne daß dabei irgendwelche Anzeichen eines planetaren Begleiters nachgewiesen werden konnten. Und 1960 waren die Sterne ε Eridani (10.49 Lj.) sowie τ Ceti (11.9 Lj.) Ziel des ersten SETI-Projektes, weil man damals noch naiver Weise glaubte, von einem dortigen Planeten Funksignale einer außerirdischen Zivilisation empfangen zu können (F.D.Drake 1961).

Die Entwicklungen, an deren Ende die Entdeckung des ersten „echten“ Exoplaneten im Jahre 1995 stand („echt“ deshalb, um sie etwas von den „exotischen“ Exoplaneten um Pulsare abzugrenzen, die immerhin eine Supernovaexplosion überleben mußten), begannen in den 80ziger Jahren, als man versuchte eine bis dato nur hypothetische Sternklasse, die man Braune Zwerge nannte (J.C. Tarter 1975), aufzufinden. Diese Objekte, deren Existenz aus theoretischen Überlegungen zwingend folgt, stellen massemäßig die Zwischenstufe zwischen „echten“ Hauptreihensternen (die ihre Energie durch Wasserstoffbrennen erzeugen) und den Gasplaneten (in denen keine Kernfusionsprozesse stattfinden können) dar. Ihre Entdeckung ist deshalb im Prinzip erst einmal genauso schwierig wie die Entdeckung von Gasplaneten, nur daß man sie eher im allgemeinen Sternfeld vermutet. Nur sind sie dort aufgrund ihrer geringen Leuchtkraft selbst mit Riesenteleskopen nur schwer zu beobachten und wenn doch, dann wiederum nur sehr schwer von ähnlich hellen Roten Zwergen zu unterscheiden. Deshalb erschien es aussichtsreicher, sie als Komponente eines Doppelsternsystems zu suchen. Als bevorzugte Beobachtungsmethoden boten sich hier einmal die Speckle-Interferometrie naher Sterne an und zum anderen Radialgeschwindigkeitsmessungen, denn die Bewegung von Hauptstern und Begleiter um deren gemeinsamen Schwerpunkt sollten bei günstiger Bahnlage zu einer periodischen Verschiebung der Spektrallinien des Hauptsterns im Rhythmus der Umlaufszeit des (unsichtbaren) Begleiters aufgrund des Doppler-Effekts führen. Die Idee, mittels Radialgeschwindigkeitsmessungen unsichtbare Begleiter um Sterne aufzuspüren, ist schon relativ alt, nur war die Spektrographentechnik erst Anfang der 80ziger Jahre soweit ausgereift, um damit auch substellare massearme Objekte um sonnenähnliche Sterne nachweisen zu können. Dazu mußte man in der Lage sein, Radialgeschwindigkeiten mit einer Genauigkeit besser als ~20 m/s spektral aufzulösen – ein Problem, daß erst durch die Einführung von hochauflösenden Echelle-Spektrographen in Verbindung mit Gasabsorptionszellen möglich wurde (B.Campbell, G. Walker 1979).

Mit dieser Technik hoffte man zu recht – wie sich zeigen sollte - in den Genauigkeitsbereich vorzustoßen, der notwendig ist, um auch planetare Körper detektieren zu können. Im Falle eines „jupiters“ um einen sonnenähnlichen Stern bedeutet das konkret, daß man spektroskopisch eine Radialgeschwindigkeitsamplitude von ~13 m/s sicher auflösen muß. Heute erreicht man bereits Genauigkeiten bis nahe an die  1 m/s - Grenze, die quasi eine natürliche Barriere für Radialgeschwindigkeitsmessungen darstellt. 

Die ersten systematischen Beobachtungen geeigneter Sterne mittels dieser neuen Methode blieben zwar weitgehend erfolglos, was den Nachweis von Braunen Zwergen oder sogar Exoplaneten betrifft (B. Campbell, G. Walker, S. Yang 1988), aber es konnten immerhin reiche Erfahrungen gesammelt werden, die natürlich auch anderen Beobachtergruppen zugute kamen. So war es dann nur noch eine Frage der Zeit und des Beobachterglücks, bis sich der erste „echte“ Exoplanet (1995, 51 Peg) über seine Radialgeschwindigkeitssignatur verraten hat (M. Mayor, D. Queloz 1995).

Zuvor konnten aber bereits Radioastronomen die Entdeckung von zwei Exoplaneten, die interessanterweise einen Millisekundenpulsar umlaufen (PSR B1257+12), bekanntgeben (A. Wolszczan, D.A. Frail 1992).Die Entdecker arbeiteten damals mit dem 305 m Arecibo-Radioteleskop, um die genaue Rotationsfrequenz dieses von dem polnischen Astronomen Aleksander Wolszczan im Jahre 1990 entdeckten Pulsars (ein rotierender Neutronenstern) zu bestimmen. Dabei fiel ihnen eine quasiperiodische Änderung der Pulsfrequenz auf, die sich am einfachsten damit erklären ließ, daß der Schwerpunkt des Pulsars nicht mit seinem Mittelpunkt zusammenfällt. Eine genaue Analyse der Periodenvariationen des Pulsars ergab dann, daß sie sich am besten durch die Präsenz von zwei planetaren Körpern mit einer Masse von 4.3 Erdmassen (ME ) und 3.9 Erdmassen in einem Abstand von 0.36 AU und 0.46 AU vom lediglich 20 bis 30 km großen Pulsar erklären läßt. Später konnten dann noch zwei weitere Begleiter aus den Meßwerten herausgelesen werden, wobei einer von ihnen aufgrund seiner geringen Masse (0.0004 ME) mittlerweile als „Komet“ angesehen wird. 

Es hat schon eine gewisse Ironie, daß die ersten Exoplaneten an einem Ort gefunden wurden, bei dem man vorher nie ernsthaft nach Planeten gesucht hätte. Mußten sie doch offensichtlich eine der größten kosmischen Katastrophen überstehen, einen Supernovaausbruch. Bis dahin konnte man glaubhaft argumentieren, daß die dabei freigesetzten Energien (>10^46 J) jeden Planeten auf der Umlaufbahn um den progenitor – Stern verdampfen würde. Danach nicht mehr…

Doch zurück zu den „echten“ Exoplaneten. Die Entdeckung eines ersten extrasolaren Planeten um den Stern 51 Pegasi brachte den Entdeckern, die am Haute Provence Observatorium arbeiteten, viel Aufmerksamkeit, wurde doch damit die Tür zu einem völlig neuen Forschungsgebiet – den der  Exoplanetenforschung – aufgestoßen. Und gleich das erste Objekt erwies sich als Prototyp einer neuen Klasse von Planeten, von Gasplaneten in etwa der Art Jupiters, die sich aber auf einer kaum für möglich gehaltenen, außergewöhnlich sternnahen Umlaufbahn (Umlaufszeit wenige Tage) um ihren Mutterstern bewegten und deshalb auf ihrer „Sonnenseite“ extrem stark aufgeheizt werden. Zuerst nannte man sie nach ihrem „Prototypen“ „pegasids“, später setzte sich der Begriff „hot jupiters“ durch. Über sie wird noch ausführlich zu berichten sein.

Trotzdem noch ein kleiner Hinweis. Im nachhinein betrachtet, gab es zeitlich vor der Entdeckung von 51 Pagasi noch 3 Objekte, die damals als Exoplanetenkandidaten gehandelt wurden und die später – nach Veröffentlichung der Arbeit von Mayor und Queloz – dann auch bestätigt werden konnten. Das betrifft γ  Cephei (1988), HD 114762 (1989) und HD 62509 (1993). Wegen ihrer späten Bestätigung blieb ihren Entdeckern jedoch die „Ehre“ der Erstentdeckung eines Exoplaneten verwehrt.

Bereits ein Jahr nach der Entdeckung von 51 Pagasi b konnte eine Arbeitsgruppe am Lick-Observatorium die Entdeckung eines weiteren Exoplaneten annoncieren. Geoffrey Marcy und R.Paul Butler hatten, angestachelt durch die Entdeckung der Schweizer Forscher, die über Jahre angesammelten Radialgeschwindigkeitsmessungen sonnennaher Sterne durchgesehen und neu reduziert. Dabei wurden sie bei dem sonnenähnlichen Stern 70 Virginis fündig (G.W. Marcy, R.P. Butler 1996). Aus dessen Radialgeschwindigkeitskurve ließen sich die ungefähren Parameter von dessen Begleiter ablesen: (Minimum) Masse ~  7.5 MJ, Umlaufszeit 116.7 d, große Bahnhalbachse 0.48 AU. Da er sich offenbar innerhalb der habitablen Zone seines Muttersterns bewegte, erhielt er den Nicknamen „Goldilock“ als Verballhornung von „not to cold and not to hot“ (offensichtlich war den Namensschöpfern auch die Story von den drei Bären des amerikanischen Schriftstellers Robert Southey bekannt…). 

Im gleichen Jahr konnten die beiden Astronomen noch die Entdeckung eines weiteren Exoplaneten bekanntgeben: 47 Ursae Majoris b. Erstaunlich an dieser Entdeckung war, das damit der erste langperiodische Exoplanet (Umlaufszeit 2.95 Jahre) aufgefunden wurde (G.W. Marcy, R.P. Butler 1996). Er gehört damit zu einer Klasse von Exoplaneten, die von ungeduldigen Astronomen, die mit der Radialgeschwindigkeitsmethode auf Entdeckungsreise gehen, eher übersehen wird. Die Erfolge von Marcy und Butler animierten eine ganze Anzahl weiterer Astronomen, sich dem spannenden Gebiet der Exoplanetensuche zuzuwenden. Natürlich konnten sie zur Jahrtausendwende noch nicht einmal im Ansatz ahnen, daß bereits ein Jahrzehnt später die 500 – Marke an Exoplanetenentdeckungen überschritten sein wird. Aber im Gegensatz zu vielen ihrer Kollegen war ihnen von Anfang an die Aufmerksamkeit der interessierten Öffentlichkeit gewiß (was bei Budgetverhandlungen und einwerben von Drittmitteln bekanntlich von Vorteil ist). So wurde z.B. die Entdeckung der ersten Exoplaneten im renommierten „Time Magazine“ mit einer eigenen cover-story sowie der rhetorischen Frage „Is anybody out there?“  gewürdigt, „der“ Frage also, deren Suche nach Antwort ohne Zweifel eine der wichtigsten Antriebskräfte der Exoplanetenforschung bis heute geblieben ist. 

Während in der Geschichte der Astronomie vor dem Jahr 1996 (oder 1992, wenn man die „Pulsarplaneten“ mit dazu nehmen möchte) die Frage nach der Existenz von Exoplaneten und ihrer Eigenschaften nur theoretischer Natur war, wurden sie jetzt auf einmal greifbar – und wenn auch vorerst nur durch kleine periodische Verschiebungen der Spektrallinien ihres Muttersterns. Im Fall von 51 Pegasi reichten sie aber aus, um quasi über Nacht neue Forschungsprogramme aus dem Boden zu stampfen, um Ingenieure und Optiker mit der Entwicklung und den Bau noch empfindlicherer Spektrographen zu beauftragen und um Astronomen zu animieren, nach weiteren Möglichkeiten zur Entdeckung dieser eigentlich zuvor als „unentdeckbar“ geltenden Himmelskörper zu suchen. Eine von diesen Möglichkeiten ist ziemlich offensichtlich: Da Planeten selbst nicht leuchten, sollten sie zu einer kleinen Verringerung der Helligkeit ihres Muttersterns führen, wenn sie zufällig genau in Blickrichtung vor deren Sternscheibe vorbeiwandern. Also genau die Erscheinung, die man zuletzt im Jahre 2004 und 2012 bei Venus und Sonne beobachten konnte – einen Transit. Da sich Prinzip bedingt mittels der Radialgeschwindigkeitsmethode die Neigung der Exoplanetenbahn zur Blickrichtung nicht eindeutig bestimmen kann, dieser Winkel i aber äußerst wichtig für die Massebestimmung ist, kam man ziemlich schnell auf die Idee, bei allen durch Radialgeschwindigkeitsvariationen auffällig gewordenen Sternen auch nach Transits zu suchen (bereits Otto von Struve hat 1952 diese Idee publiziert). Solch ein auffällig gewordener Stern war HD 209458 (=V376 Pegasi), der sich in einer Entfernung von ~162 Lj. von der Sonne im Sternbild Pegasus befindet und wegen seiner Helligkeit von  ~7.5m leicht mit einem Feldstecher aufzufinden ist. Als man ihn mit Hilfe des Keck-Teleskops genau photometrierte, fand man einen winzigen Intensitätseinbruch von ~1.6% zu genau dem Zeitpunkt, den man aufgrund der Radialgeschwindigkeitsmessungen vorhergesagt hatte. Und dieser Intensitätseinbruch wiederholte sich alle 3,525 Tage, wobei der Transit selbst jeweils ungefähr 2.5 Stunden andauert. Damit war der erste Exoplanet nach der Transit-Methode aufgefunden worden (G.W. Henry et al. 1999). Da sowohl Radialgeschwindigkeitsmessungen vorlagen als auch aufgrund des Transits der Winkel i bekannt war, konnte man die Masse sehr genau zu 0.71 MJ bestimmen. Überraschend war, daß sein Abstand zum Mutterstern nur „winzige“ 0.045 AU beträgt (Merkur ist ungefähr 0.38 AU von der Sonne entfernt). Die große Frage, die sich hier noch ein wenig krasser als bei 51 Pegasi b stellt, ist die Frage „wie ist er dort bloß hingekommen?“ Damit gab es viel neuen Stoff für kontroverse Diskussionen sowie theoretische Untersuchungen. HD 209458b, der später den Nicknamen „Osiris“ erhielt, sollte deshalb in den Folgejahren ein bevorzugtes Objekt sowohl der „beobachtenden“ als auch der mehr „theoretischen“ Exoplanetenforscher werden, denn er hat so einiges Überraschendes zu bieten…

Heute ist die Transitmethode zur Entdeckung und Beobachtung extrasolarer Planeten soweit ausgefeilt, daß man sie nicht nur zu „Massenentdeckungen“ nutzen kann (das Weltraumteleskop „Kepler“ hat z.B. bis zum 6. Dezember 2011 bereits 2421 „Exoplanetenkandidaten“ auf diese Weise gefunden). In einigen Fällen ist selbst die selektive Spektroskopie von Exoplanetenatmosphären unter Ausnutzung von Transitereignissen gelungen, obwohl sich die Planeten selbst mit den besten Teleskopen der Welt optisch nicht von ihrem Mutterstern trennen lassen.

Photometrie spielt auch bei einer weiteren „Entdeckungsmethode“ eine Rolle, die primär nicht zur Exoplanetensuche entwickelt wurde. Sie geht auf den bekannten polnischen Astrophysiker Bohdan Paczynski ( 1940 – 2007) zurück, der lange Zeit in den USA an der Universität von Princeton forschte. Er beschäftigte sich relativ früh mit dem Problem der sogenannten „Dunklen Materie“, die sich bekanntlich massiv in den Rotationskurven von Spiralgalaxien bemerkbar macht. Damals gab es die Vermutung, daß zumindest ein Teil davon aus quasi unbeobachtbaren „massiven Haloobjekten“ (sogenannte MACHOs, Massive Astrophysical Compact Halo Object) bestehen könnte – was auch immer das physikalisch für „Objekte“ sein sollen.  Die Idee war, daß,  wenn ein MACHO genau in Sichtlinie vor einem schwachen oder einen für das entsprechende Teleskop gar unsichtbaren Stern vorbeiwandert, er aufgrund seiner Eigengravitation dessen Licht wie eine Linse bündeln und damit verstärken würde. Und genau diese „Verstärkung“, die man gewöhnlich als Mikro-Gravitationslinseneffekt bezeichnet, läßt sich mit etwas Glück in Form einer typisch geformten Lichtkurve beobachten. Wie man sich leicht vorstellen kann, unterliegt auch ein Planet in Sternnähe einer derartigen „Verstärkung“, die sich quasi der ungestörten Lichtkurve seines Muttersterns überlagert. Sucht man also gezielt nach Lichtkurven, deren Flanken eine lokale Erhellung aufweisen, dann kann man daraus auf die Existenz eines Exoplaneten schließen. Dazu muß nicht mal unbedingt ein MACHO vor dem Stern mit Planeten vorbeiwandern. Ein „normaler“ Stern tut es auch. 

Seit 1992 gibt es die von der Universität Warschau koordinierte OGLE (Optical Gravitational Lensing Experiment) – Collaboration, mit der gezielt in dichten Sternfeldern der Milchstraße noch solchen „Mikrolinsenereignissen“ gesucht wird. Was Exoplaneten betrifft, konnte innerhalb dieses Beobachtungsprogramm im Jahr 2002 die erste Entdeckung anhand eines Transits (OGLE-TR-56) und 2004 die erste Exoplaneten-Entdeckung anhand eines microlensing – Events veröffentlicht werden (I. Bond 2004). 

Mikrolinsenereignisse haben den großen Vorteil, daß sich damit auch relativ massearme Planeten nachweisen lassen, während man mit der Radialgeschwindigkeits- und Transitmethode aufgrund ihrer Spezifik in erster Linie extrasolare Planeten im Massebereich zwischen 12 MJ (Grenze zu den Braunen Zwergen) und ~ 1 MJ (Jupiter) auffindet. Der Nachteil besteht dagegen darin, daß ein derartiges Ereignis nachträglich nicht mehr verifizierbar ist, d.h. solch ein Ereignis tritt nur einmal auf. Für dieses „eine Mal“ müssen dann genügend viele Helligkeitsmessungen (möglichst von mehreren Beobachtergruppen) über den Zeitraum des Mikrolinsenereignisses vorliegen (die Zeitskala liegt bei einigen Wochen) vorliegen, um entsprechende Auswertungen vornehmen zu können.

Der erste Exoplanet, der später in die neu definierte Gruppe der „Supererden“ eingeordnet wurde (das sind extrasolare Planeten im Massebereich zwischen 1 und 10 ME), war OGLE-2005-BLG-390Lb (J.-P. Beaulieu et al. 2006). Er umkreist einen Roten Zwergsterne im Sternbild Schütze  (Sagittarius) und besitzt eine Masse von 5.5 ME. Sein Mutterstern ist 21500 Lj. von der Erde entfernt und fällt ansonsten mit einer Helligkeit von 15.7m im Sternfeld der Milchstraße überhaupt nicht auf. 

Das Jahr 2002 war für die Exoplanetenforschung dahingehend von Bedeutung, als es im Rahmen eines Beobachtungsprogramms am Roque de los Muchachos Observatoriums gelang, einen Himmelskörper (S Ori 70) im Bereich des σ Ori – Sternhaufens in der unmittelbaren Nähe des berühmten „Pferdekopfnebels“ aufzufinden, der massemäßig ein Planet sein könnte, sich aber im Gegensatz zu „echten“ Planeten frei im Weltraum bewegt. Ob es sich dabei wirklich um einen „frei fliegenden“ Planeten handelt („free floater“), hängt dabei entscheidend davon ab, ob er Mitglied des 1150 Lj. entfernten Sternhaufens ist oder nicht. Leider ist diese Frage nicht so einfach zu beantworten, so daß auch heute noch seine Klassifizierung umstritten ist. Auf jeden Fall scheint es auch vom theoretischen Standpunkt möglich, daß solche free floaters unsere Milchstraße in großer Zahl bevölkern. Statistische Untersuchungen anhand aller bis heute beobachteten Mikrolinsenereignissen lassen eine grobe Abschätzung ihrer Zahl zu. Danach könnte es mindestens (!) doppelt so viele free floaters als Sterne in der Galaxis geben. 

Alle bis jetzt erwähnten „Entdeckungsmethoden“ für Exoplaneten sind indirekter Natur. Keines davon macht einen Exoplaneten „wirklich sichtbar“ – man beobachtet vielmehr nur Effekte, die auf seine Anwesenheit um einen Stern schließen lassen. Trotzdem sollte es möglich sein, mittels der heute verfügbaren Riesenteleskope (inklusive des Hubble-Weltraumteleskops) bei Sternen der  Sonnenumgebung zumindest Planeten der Jupiter-Klasse entdecken und direkt abbilden zu können. Um es vorweg zu sagen, der technische Aufwand, um dieses Ziel zu erreichen, ist enorm. Insbesondere muß man bei irdischen Teleskopen mittels adaptiver Optik die Luftunruhe (Seeing) soweit eliminieren, daß die Sternbildchen nicht mehr verschmiert werden und die Teleskope näherungsweise beugungsbegrenzt arbeiten können. Eine Spezialkamera, die genau diese Anforderungen erfüllt, ist NACO (Nasmyth Adaptive Optics System (NAOS) + Near-Infrared Imager and Spectrograph (CONICA)), die am Vierten 8.2 m – Spiegel des VLT („Yepun“, Mt. Paranal) im Einsatz ist. Sie arbeitet im Infraroten und ist mit einem speziellen Sternkoronographen ausgestattet, der bei Bedarf das teilweise Ausblenden eines hellen Sterns ermöglicht. Was die räumliche Winkelauflösung betrifft, so übersteigt sie diejenige des Hubble-Weltraumteleskops. 

Mit diesem Beobachtungsgerät konnte 2004 eine internationale Arbeitsgruppe, an der auch Astronomen der Friedrich Schiller – Universität in Jena beteiligt waren, einen engen, vermutlich planetaren Begleiter um den T Tauri-Stern GQ Lupi, im infraroten K-Band direkt abbilden (R. Neuhäuser et al. 2004). Sollte es sich bei dem Begleiter nicht um einen Braunen Zwerg handeln, so wäre das der erste Exoplanet, den Menschen je zu Gesicht bekommen haben.

Ungefähr zur gleichen Zeit hat eine andere Arbeitsgruppe am gleichen Beobachtungsinstrument einen Begleiter um den Braunen Zwerg 2M1207 fotografiert, dessen Masse zwischen 4 und 10 MJ liegen dürfte. Danach muß es sich um einen Gasplaneten handeln, der etwa 1 ½ mal so groß wie Jupiter ist und eine Temperatur um 1600 K besitzt (G. Chauvin et al. 2004). 

Diese beiden Beispiele zeigen, daß die direkte Beobachtung von Gasriesen durchaus möglich ist. Deshalb arbeitet man am VLT quasi an einer Weiterentwicklung von NACO. Die Kamera SPHERE (Spectro-Polarimetric High-contrast Exoplanet Research) ist extra zur Beobachtung und Entdeckung von Gasriesen um benachbarte Sterne konzipiert worden und soll die Frage klären helfen, wie Gasplaneten auf extrem sternnahe Bahnen gelangen können (hot jupiters), obwohl sie doch nach Lehrmeinung nur in den Außenbereichen einer protoplanetaren Scheibe entstehen können. Auch in anderen Observatorien wird am Einsatz ähnlicher „Planetenfinderkameras“ gearbeitet, so z.B. für das japanische Subaru-Teleskop oder für die beiden Gemini-Teleskope.

Unbedingt zu erwähnen ist noch, daß das erste Spektrum eines optisch aufgelösten Exoplaneten (HR 8799c) Ende 2009 mit dem NACO – Instruments am VLT in Chile  aufgenommen wurde, was man wirklich als Meilenstein in der Exoplanetenforschung ansehen kann  (M. Janson et al. 2010).

Die direkte Abbildung eines Exoplaneten dürfte aber auch in den nächsten Jahren trotz neuer Spezialkameras (z.B. SPHERE am VLT) an den größten Teleskopen der Welt noch eher die Ausnahme bleiben. Dafür versucht man über raffinierte Methoden das Licht von Exoplaneten, die sich durch einen Transit bemerkbar machen, von dem Licht ihres Muttersterns zu trennen, um daraus wiederum spektralphotometrisch Informationen über dessen physikalische Eigenschaften zu erhalten. Die ersten Ergebnisse sind in dieser Beziehung sehr erfolgversprechend. 2003 konnte mit Hilfe des Hubble-Teleskops ein „Gasschweif“ um den Exoplaneten HD 209458b („Osiris“) beobachtet werden der deutlich zeigt, wie dieser „heiße Jupiter“ langsam in der Hitze seines Muttersterns (welcher unserer Sonne ähnelt) verdampft. Es ließ sich weiterhin die Masseverlustrate abschätzen und sogar einzelne Bestandteile seiner Atmosphäre (darunter Kohlenstoff und Sauerstoff, die wahrscheinlich in der Planetenatmosphäre als Kohlendioxid und Methan vorkommen) nachweisen (A. Vidal-Madjar et al. 2004). 

Mit dem Spitzer-Weltraumteleskop und dem noch leistungsfähigeren Herschel-Weltraumteleskop gelangen weitere aufsehenerregende Entdeckungen: 

  • 2006 konnte erstmalig die Temperaturdifferenz zwischen Tag- und Nachtseite von u And b mit dem Spitzer-Weltraumteleskop gemessen werden (J. Harrington et al. 2006). 
  • 2007 konnte bei dem Transit-Planeten HD 189733 b mit dem IRAC – Instrument (Infrared Array Camera) erstmalig atmosphärischer Wasserdampf (G. Tinetti 2007) und später auch noch mit Hilfe des Hubble-Weltraumteleskops Kohlenmonoxid und Kohlendioxid (M.R. Swain et al. 2009) nachgewiesen werden. Im Jahr 2011 gelang es sogar, die Auswirkungen eines riesigen Röntgen-Flares auf die Atmosphäre dieses „hot jupiters“ mit Hilfe des Hubble-Teleskops im Detail zu verfolgen (A. Lecavelier des Etangs et al. 2012). Der Mutterstern, den jeder Amateurastronom schon einmal (wenn auch sicherlich nur unbewußt) gesehen hat, ist ein K1.5V -  Zwerg mit besonders starker chromosphärischer Aktivität. Er ist schon seit langem als veränderlicher Stern (V452 Vul) vom Typ der BY Draconis-Sterne bekannt. Ein besonders intensiver chromosphärischer Ausbruch (Flare) fand am 7. September 2011 statt und konnte mit dem Röntgenteleskop des Swift-Satelliten beobachtet werden. Das eröffnete erstmals die Möglichkeit, spektralphotometrische Beobachtungen des Exoplaneten mit dem Hubble-Teleskop vor und nach dem Ausbruch zu vergleichen. 
  • Das Herschel-Weltraumteleskop entdeckt eine riesige Trümmerscheibe um den 57 Lj. von der Erde entfernten Stern HD 10647 (=q1 Eridani), um den sich der im Jahre 2003 mit der Radialgeschwindigkeitsmethode entdeckte Exoplanet HD 10647b bewegt (J.P. Marshall, C. Eiroa 2011).
  • Um TW Hydrae, einem 175 Lj. entfernten Zwergstern vom Spektraltyp K8V, konnte mit Hilfe des Heterodyne Instrument for the Far Infrared des Herschel-Weltraumteleskops ein Wasserdampftorus im Bereich der schon länger bekannten Gasscheibe entdeckt werden (M.R. Hogerheide 2011). Dieser Befund ist kosmogonisch von großer Bedeutung, da er erlaubt, den Wassergehalt von protoplanetaren Scheiben aus Beobachtungen abzuleiten. 

Auch die weltgrößte „astronomische“ Forschungsanlage, das Atacama Large Millimeter/sub-millimeter Array (ALMA) hat bereits für die Exoplanetenforschung relevante Beobachtungsdaten geliefert. Sie betrifft den außergewöhnlich scharf begrenzten Staubring um den Stern Fomalhaut im Sternbild Südlicher Fisch. Es ist nicht ausgeschlossen, daß seine Form durch zwei etwa erdgroße Planeten bedingt ist, die ihn jeweils an der Innen- bzw. Außenkante umlaufen. In Analogie zu den shepherd-Monden im Saturn- und Uranus-Ringsystem hat man für sie den Begriff der shepherd-Planeten geprägt. Direkt beobachten konnte man sie freilich noch nicht. 

Alle diese Beobachtungen zeigen, daß die Planeten unseres Sonnensystems nur ein ganz kleiner Ausschnitt aus der offensichtlich riesigen Formenvielfalt möglicher planetarer Körper sind. Um dieser Formenvielfalt auch mit bewährten statistischen Methoden auf die Spur zu kommen, galt es die Suche nach extrasolaren Planeten zu intensivieren. Gefragt waren dabei Entdeckungsmethoden mit hoher Ausbeute bei möglichst geringem Aufwand. Radialgeschwindigkeitsdurchmusterungen gehören sicherlich nicht dazu, obwohl damit bis heute die meisten der offiziell anerkannten Exoplaneten entdeckt wurden. So konnten allein mit dem HARPS-Spektrographen (High Accuracy Radial velocity Planet Searcher) am 3.6 m Teleskop der ESO auf La Silla (Chile) in den mittlerweile 9 Jahren seines Einsatzes durch Beobachtung sorgfältig ausgewählter Einzelsterne mehr als 150 neue Exoplaneten entdeckt werden. Darunter befinden sich rund zwei Drittel aller bekannten Exoplaneten mit einer Masse unterhalb der Neptunmasse. Für Massendurchmusterungen größerer Sternfelder sind jedoch andere Methoden besser geeignet. Die Methode der Wahl ist hier vielmehr die Transitmethode und mit Einschränkungen das microlensing. Beide Methoden beruhen auf der extrem genauen Photometrie von Einzelsternen über längere Zeiträume. Dabei wird die für eine Entdeckung oder Verfolgung von Planeten-Transits notwendige Genauigkeit heutzutage mittels moderner CCD-Kameras bereits von Amateurastronomen erreicht, die sich damit an diesem aufregenden Forschungsgebiet durchaus aktiv beteiligen können. Günstiger ist es aber auch hier, in den Weltraum auszuweichen, also entsprechende Beobachtungen im Orbit durchzuführen. In diesem Zusammenhang sind insbesondere zwei Missionen zu nennen, die quasi und mit durchschlagenden Erfolg Pionierarbeit auf diesem Gebiet leisten: COROT (für „Convection, Rotation and planetary Transits“, ESA, gestartet Ende 2006) und Kepler (gestartet 7. März 2009, NASA). Gerade letzteres Weltraumteleskop ist eine wahre Entdeckungsmaschine, von deren Exoplanetenentdeckungen selbst Boulevardzeitungen regelmäßig berichten. Zwar vermitteln diese Berichte oft den Eindruck, man würde damit diese „Alienplaneten“ genau so sehen, wie es die abgedruckten farbenprächtigen Abbildungen suggerieren. Sie sind aber dahingehend von Bedeutung, daß sie das Interesse derjenigen befriedigen und aufrechterhalten, die mit ihren Steuergeldern solche Weltraummissionen wie Kepler (über 600 Millionen $) überhaupt erst möglich machen.

„Keplers“ Hauptinstrument ist ein speziell konstruierter Schmidt-Spiegel von 1.4 m Durchmesser und einer Korrektionsplatte mit einem Durchmesser von 95 Zentimeter. Damit wird eine Fläche von 105 Quadratgrad eines Teils der Milchstraße zwischen den hellen Sternen Wega (α Lyr) und Deneb (α Cyg) bis zu einer Grenzgröße von 14m  kontinuierlich photometrisch überwacht. Die riesige Datenmenge, die dabei täglich anfällt, wird im Bordrechner des Weltraumteleskops zwischengespeichert und dann einmal monatlich zur Bodenstation übertragen. Dort wird sie dann ausgewertet, wobei insbesondere gezielt nach Signaturen von Exoplanetentransits sowie anderen photometrisch auffälligen Erscheinungen (Lichtwechsel veränderlicher Sterne, chromo- und photosphärische Aktivitäten, kleine Intensitätsänderungen in Bezug auf die Sternseismologie) gesucht wird. Das Ergebnis von mittlerweile drei Jahren Beobachtungstätigkeit kann sich sehen lassen: 77 bestätigte Exoplanetenentdeckungen und allein über 2300 Exoplanetenkandidaten (Hinweis: zur Bestätigung eines Exoplaneten ist mindestens die Beobachtung von drei Transitereignissen notwendig). 

Übrigens, im Rahmen eines „citizen science“ – Projektes im Rahmen des ZOONIVERSE kann sich jeder an der Auswertung der Kepler-Daten beteiligen und damit selbst zum „Exoplanetenentdecker“ werden (http://www.planethunters.org/). Die ersten beiden „Entdeckungen“ im Rahmen dieses Projektes wurden im September 2011 veröffentlicht (D. Fischer et al. 2011). Aber richtiges Aufsehen erregte erst die Entdeckung eines Exoplaneten in einem Vierfachsternsystem mit der nicht leicht zu merkenden Katalogbezeichnung KIC 4862625 (M.E. Schwamb et al; V.B. Kostov et al., 2012). Die genaue Analyse der von Kepler erhaltenen Transitlichtkurven in Verbindung mit hochauflösenden Radialgeschwindigkeitsmessungen (u.a. mit dem SOPHIE – Spektrographen des Haute Provence Observatoriums) ergab überraschend, aber auch weitgehend zweifelsfrei, daß es in diesem „doppelten“ Doppelsternsystem einen Exoplaneten von ~0.5 M_J gibt (der mittlerweile den leicht zu merkenden Namen „PH1“ erhalten hat), über den schon aus himmelsmechanischen Gründen noch gesondert berichtet werden muß. Auf jeden Fall zeigt dieses Beispiel ganz deutlich, wie Amateurastronomen sich aktiv an wissenschaftlichen Forschungsprojekten beteiligen und in Zusammenarbeit mit Fachwissenschaftlern sogar zu völlig unerwarteten Entdeckungen beitragen können. 

Diese Erfolge von „Kepler“ haben einige Satellitenmissionen initiiert, mit denen man in Zukunft die Datengrundlage der Exoplanetenforschung weiter verbessern möchte. Hier soll nur kurz die in Planung begriffene Mission PLATO (PLAnetary Transits and Oscillations of starsPLAnetary Transits and Oscillations of stars) der Deutschen Luft- und Raumfahrt (DLR) in Zusammenarbeit mit der ESA erwähnt werden. Sollte sie alle administrativen und technischen Hürden überwinden, ist mit ihrem Start um das Jahr 2022 zu rechnen.
Mit dem heutigen Stichtag (26.09.2012) sind 838 Exoplaneten offiziell gelistet (http://exoplanet.eu/catalog/), wobei bei 125 „Muttersternen“ mehr als ein Exoplanet entdeckt wurde. Solche multiple Planetensysteme sind in vielerlei – insbesondere jedoch in himmelsmechanischer und kosmogonischer Hinsicht – von Interesse. Bereits die ersten Planeten, die 1991 um den Pulsar PSR B1257+12 entdeckt wurden, gehören zu solch einem Mehrfachsystem. 

1996 fanden Geoffrey Marcy und R. Paul Butler den ersten Exoplaneten um 55 Cancri, einem relativ nahen Doppelsternsystem (Entfernung ~41 Lj), welches aus einem sonnenähnlichen G8V-Stern und einem M3.5V-Stern (Roter Zwerg mit einer Masse von ~0.13 M⊙) besteht. Bei einem Winkelabstand von 1.4 Bogenminuten beträgt ihr Abstand ungefähr 1000 AU (zum Vergleich, Pluto ist von der Sonne ~40 AU entfernt). Und wenn das nicht schon überraschend genug wäre (Exoplaneten in einem Doppelsternsystem!), dieses Doppelsternsystem beheimatet noch 4 weitere Exoplaneten, darunter eine „Supererde“ (55 Cancri e) sowie einen Gasriesen (55 Cancri f, Masse ~45 ME), der sich sogar innerhalb der habitablen Zone um 55 Cancri A aufhält. Gerade bei solchen Systemen drängen sich Fragen zu deren Entstehung sowie Langzeitstabilität auf, die schon zu vielfältigen wissenschaftlichen Untersuchungen Anlaß gegeben haben. Noch vor wenigen Jahrzehnten haben z.B. die Himmelsmechaniker darüber gestritten, ob es um (insbesondere enge) Doppelsterne überhaupt langzeitstabile Planetenbahnen geben kann. Diese Frage läßt sich mittlerweile sowohl vom theoretischen Standpunkt (siehe z.B. E. Pilat-Lohinger et al. 2002) als auch (für ein wirklich enges System) von Seiten der Beobachtung mit „ja“ beantworten. 2012 konnte genau solch ein Planetensystem mit 2 Exoplaneten mittels der Transitmethode bei einem ca. 4900 Lj.  entfernten Doppelsternsystem im Sternbild Cygnus – bestehend aus einem sonnenähnlichen Stern und einem nur 1/3 so großen Begleiter – entdeckt werden. Die Entdeckung erfolgte mit dem Kepler-Weltraumteleskop und das Doppelsternsystem erhielt deshalb folgerichtig den Namen „Kepler-47“ (J.A. Orosz et al. 2012). In ihm bewegen sich beide stellaren Komponenten innerhalb von 7.45 Tagen um ihren gemeinsamen Schwerpunkt. Das impliziert einen Abstand (große Bahnhalbachse) von a~0.08 AU. Der erste Planet folgt dann bereits in einer Entfernung von ~0.3 AU (Umlaufszeit 49.5 d) und der zweite Planet in einer Entfernung von ~ 1 AU (Umlaufszeit 303 d). Wie dieses Beispiel zeigt, macht es also durchaus Sinn, auch Doppelsternsysteme nach Exoplaneten abzusuchen.

Was die Bahnlagen von Exoplaneten betrifft, so führte der Nachweis des Rossiter-McLaughlin-Effekts bei dem Exoplaneten HAT-P-7b (und etwa zeitgleich auch bei WASP 17b) zu der überraschenden Entdeckung, daß es offensichtlich Exoplaneten auf retrograden Bahnen um ihren Mutterstern gibt (N. Narita et al. 2008). Retrograd bedeutet hier, daß der Drehsinn der Umlaufbahn der Rotationsrichtung des Muttersterns entgegengesetzt gerichtet ist. Dieses Faktum ist schwer erklärlich, da Planeten nach der gängigen Lehrmeinung (Paradigma) bekanntlich in einer protoplanetaren Scheibe um einen jungen Stern entstehen, die aus Gründen der Drehimpulserhaltung im gleichen Richtungssinn um den Mutterstern rotiert wie der Mutterstern selbst um seine eigene Achse. Physikalisch bedeutet das, daß Bahn- und Eigendrehimpuls gleich gerichtet sind. Der umgekehrte Fall ist deshalb, gelinde gesagt, ungewöhnlich und verlangt dringend nach einer Erklärung.

Dieses letzte Beispiel in der noch kurzen Geschichte der „Exoplanetenentdeckungen“ soll auf die an dieser Stelle ohne Frage etwas zu kurz gekommenen theoretischen Arbeiten hinweisen, die direkt als Reaktion auf diese „Entdeckungen“ und Beobachtungen entstanden sind. Sie sind ein nicht unbedeutender Bestandteil der mittlerweile über 7000 Fachpublikationen, die auf dem Gebiet der Exoplanetenforschung in den letzten 15 Jahren verfaßt wurden. Sie helfen, die wenigen Spuren, die weit entfernte extrasolare Planeten in den Spektren und Lichtkurven ihrer Muttersterne hinterlassen, zu deuten und sie im Kontext der „vergleichenden Planetologie“ zu verstehen. Gerade ihnen verdankt man, daß man mit bestimmten Exoplaneten auch bildliche Vorstellungen verbinden kann, die dann nicht nur aus der Luft gegriffen erscheinen. 

Der „Heilige Gral“ der Exoplanetenforschung besteht aber unausgesprochen weiterhin in der Suche nach einer „Zweiten Erde“. Zwar ist dieses Ziel noch immer recht weit entfernt, aber einige Objekte, die einem „terrestrischen Planeten“ zumindest schon recht nahe kommen, hat man bereits entdeckt. Als Beispiel soll hier nur Kepler-20f genannt werden, der einen sonnenähnlichen Stern im Sternbild Lyra (Entfernung 950 Lj.) in 19.6 Tagen einmal umläuft (F. Fressin et al. 2011). Für „Leben“ sollte es  dort aber etwas zu warm sein …

Wahrscheinlich aber werden bei der Suche nach einem Erdzwilling erst neue Entwicklungen auf dem Gebiet der Beobachtungsgeräte zu entscheidenden Durchbrüchen verhelfen. Zu nennen sind hier insbesondere das z.Z. im Aufbau befindliche E-ELT  (European Extremely Large Telescope, 39.3 m Öffnung) auf dem Cerro Armazonis in der chilenischen Atacama-Wüste und das auch noch im Bau befindliche James Webb Weltraumteleskop. Inwieweit in den nächsten Jahrzehnten raumgestützte optische Interferometer, auf die man viele Hoffnungen gesetzt hat,  für die Exoplanetenforschung zum Einsatz kommen, steht bildlich gesprochen noch in den Sternen. Alle diesbezüglichen Projekte sind bis jetzt leider über das Planungsstadium nicht hinaus gekommen oder wurden sogar ganz gestrichen (z.B. SIM PlanetQuest der NASA).

Auf jeden Fall kann man aber gespannt sein, wie die Entwicklungen auf diesem stetig wachsenden Forschungsgebiet weitergehen werden. Und irgendwann wird man dann vielleicht auch mal eine „Zweite Erde“ finden…





Mittwoch, 17. August 2011

Exoplaneten (24) - Super-Earths und erdähnliche Exoplaneten

Biomarker bei Terrestrischen Planeten
Unter Biologen und Biochemikern ist man sich mittlerweile einig daß es, wenn es außer auf der Erde  noch irgendwo anders Leben in unserer Milchstraße gibt, diese Leben auf der Kohlenstoffchemie beruhen muß. Andere stoffliche Grundlagen, wie z.B. das ehemals vieldiskutierte Silizium, sind für selbstorganisierte lebende Systeme aus vielerlei Gründen nicht geeignet. Es macht deshalb Sinn, in erster Linie nach Biomarkern zu fahnden, die Beiprodukte einer Kohlenstoffbiologie sind und deren häufiges Vorkommen durch abiotische Prozesse nicht schlüssig erklärbar ist.

In diesem Zusammenhang soll als Erstes auf den klassischen Artikel von Carl Sagan et.al. „A Search for Life on Earth from the Galileo Spacecraft“, publiziert 1993 in der Zeitschrift „Nature“ (Heft 365), hingewiesen werden. Er und seine Mitarbeiter unternahmen darin den Versuch, aus Spektren und anderen Meßergebnissen, welche die Jupitersonde Galileo bei ihrem Vorbeiflug an der Erde im Dezember 1990 gewonnen hat, unvoreingenommen nach Anzeichen von Leben auf der Erde zu suchen. Es zeigte sich, daß dies kein leichtes Unterfangen ist. Zum Einsatz gelangten das Near-Infrared Mapping Spectrometer (NIMS), das Ultraviolet Spectrometer (UVS), das Solid-State Imaging System (SSI) und das Plasma Wave Spectrometer von Galileo, die bei dieser Beobachtungssequenz zugleich ihr exzellentes Funktionieren demonstrierten. Der geringste Abstand von der Erde (~960 km) erreichte die Sonde am 8. Dezember 1990 über der Karibik.  

Um es gleich vorab zu sagen: die Präsenz von Leben auf der Erde konnte aus den Meßergebnissen nicht eindeutig herausgelesen werden. Aber es ergaben sich eine Anzahl von Absonderlichkeiten, die in ihrer Gesamtheit die Erde als einen wirklich außergewöhnlichen Planeten erscheinen lassen.  Die wesentlichsten Punkte sind:
  • Die Erde ist offensichtlich ein Wasserplanet, dessen Oberfläche zu einem großen Teil mit Ozeanen bedeckt ist. Die von der Sonde ermittelten Temperaturen zeigen, daß Wasser H2O in allen drei Aggregatzuständen, also als Eis, flüssiges Wasser und als Wasserdampf in der unteren Atmosphäre vorkommt.
  • Die Erde enthält sehr viel freien (d.h. ungebundenen) Sauerstoff O2 in ihrer Stickstoffatmosphäre, dessen Konzentration sich allein aus der Photodissoziation von Wasserdampfmolekülen durch die UV-Strahlung der Sonne kaum erklären läßt. Eine plausible Deutung für dieses Faktum ist die Präsenz eines biologisch vermittelten chemischen Kreislaufs, welches in der Lage ist, Wassermoleküle unter Mitwirkung von Kohlendioxid CO2 sowie Licht zu spalten und dabei Sauerstoff O2 freizusetzen. Dieser Vorgang ist bekanntlich ein Teil der Photosynthese, wie sie im Chlorophyll der grüne Pflanzen abläuft.
  • Über den Landmassen der Erde konnte eine Substanz detektiert werden, die außergewöhnlich viel rotes Licht absorbiert. Minerale, die diese Eigenschaft haben, sind nicht bekannt. Man weiß aber, daß Chlorophyll, der grüne Pflanzenfarbstoff, genau diese Eigenschaft besitzt.  
  • Besonders außergewöhnlich und erklärungsbedürftig ist der hohe Methan-Anteil von ~1 ppm in der Gashülle der Erde. Sie liegt 140 Größenordnungen über dem Gleichgewichtswert einer sauerstoffreichen Atmosphäre, was bedeutet, daß dieses fragile Molekül ständig in großer Menge nachgeliefert werden muß. Es ist sehr unwahrscheinlich, daß die dazu erforderlichen Methanquellen anorganischer Natur (z.B. Serpentinisierung) sind.
  • Einige Landstriche in Australien und Antarktika konnten mit den Kameras von Galileo mit einer Auflösung von einigen Kilometern pro Pixel aufgenommen werden. Trotz intensiver Suche ließen sich darauf keine Spuren technologischer Tätigkeit ausmachen.
  • Der Nachweis schmalbandiger amplitudenmodulierter Radio-Emissionen oberhalb der Plasmafrequenz kann jedoch als starkes Indiz der Präsenz einer technologischen Zivilisation gewertet werden. 

Der letzte Punkt ist der einzige, wirklich eindeutige Biomarker, der gefunden wurde. Alle anderen Punkte lassen aber die Präsenz von Leben mit hoher Wahrscheinlichkeit vermuten. Radiosignale sind aber wiederum astrobiologisch kaum von Bedeutung, weil es wenig Sinn macht, bei Exoplaneten gezielt danach zu suchen.

Biomarker
Spezielle Merkmale in Spektren von Exoplaneten, die Stoffe oder physikalische Verhältnisse anzeigen, die eng mit einer biologischen Tätigkeit verbunden sind, bezeichnet man als Biomarker oder Biosignaturen. Eine der wichtigsten Biomarker hat bereits Carl Sagan (1934-1996) bei der Analyse der von der Sonde Galileo aufgenommenen Erdspektren verwendet – die Konzentration und das Verhältnis von molekularem Sauerstoff O2 zu Methan CH4 in einer planetaren Atmosphäre. Diese beiden Gase sowie das Ozon lassen sich bereits mit Spektrographen geringerer Auflösung detektieren. Freier Sauerstoff in höherer Konzentration in einer dichten planetaren Atmosphäre ist an sich schon außergewöhnlich, da Sauerstoff ein sehr reaktives Gas ist und gewöhnlich sofort in Form von Oxiden gebunden wird. Wenn z.B. auf der Erde schlagartig alles (pflanzliche) Leben ausstirbt, dann würde sich die Zusammensetzung der Erdatmosphäre als Konsequenz daraus in geologisch kurzer Zeit völlig verändern, wobei als Erstes der Sauerstoff verschwindet. Deshalb würden auch Exoplaneten, in deren Spektren Sauerstoff O2 und Ozon O3 nachweisbar ist, sofort die Aufmerksamkeit aller Exobiologen auf sich ziehen. Der Verdacht auf die Existenz von Leben würde sich noch verstärken, wenn darüber hinaus Methan CH4 in einer so hohen Konzentration gemessen wird, die mit der Gleichgewichtskonzentration in einer sauerstoffreichen Atmosphäre nicht vereinbar ist. Die Vermutung, daß dieses Methan  biogenen Ursprungs sein muß, wäre durchaus schlüssig.  

Sauerstoff und Methan in vergleichsweiser hoher Konzentration markieren offensichtlich sehr gut Exoplaneten, auf denen eine kohlenstoffbasierte Biochemie, die in gewisser Analogie zu der auf der Erde steht, existiert. Sie sind aber keine notwendigen Anzeichen für Leben, da – wie entsprechende Beispiele auf der Erde zeigen – Leben auch ganz gut ohne Sauerstoff und Sauerstoffbildung auskommen kann.  Letzteres wäre „aus der Ferne“ natürlich noch viel schwerer (wenn überhaupt) nachweisbar.

Ein weiterer geeigneter molekularer Biomarker, auf den hier hingewiesen werden soll, ist Distickstoffmonoxid („Lachgas“) N2O. Dieses Gas bildet sich zwar auch abiotisch, die Hauptquelle ist jedoch der Stoffwechsel anaerober Bakterien. Eine außergewöhnliche Anreicherung dieses Spurengases in einer weitgehend sauerstoffreien Atmosphäre kann deshalb theoretisch auf deren Existenz zurückgeführt werden. Marker für dieses Molekül lassen sich bei mittlerer bis höherer Auflösung im IR-Teil (z.B. bei λ={7.75; 8.52; 16.89}  μm)  eines Spektrums finden.

In der Wissenschaft ist es immer gut, genau zu wissen, nach was man sucht. Deshalb werden bereits im Vorfeld aus Atmosphärenmodellen rechnerisch synthetische Spektren abgeleitet und analysiert, um in Zukunft über den genau umgekehrten Weg auf biogene Einflüsse in konkreten Exoplanetenatmosphären schließen zu können.

Fragen und Aufgaben

(1) Angenommen, mit einem Riesenteleskop läßt sich die Amplitude der Eigenbewegung eines Sterns mit einer Genauigkeit von 50μ^'' messen. Bis zu welcher Entfernung von der Erde wäre damit ein Planet mit der Masse Jupiters, der sich in a) 5 AU, b) 1 AU und c) 0.1 AU Entfernung um einen Stern mit der Masse unserer Sonne bewegt, astrometrisch nachweisbar?


(2) Unter welchen Bedingungen (z.B. Lage der Bahnebene des Exoplaneten zur Sichtlinie) ist ein Exoplanet mit der Radialgeschwindigkeitsmethode entdeckbar? Welche Bahnelemente und welche physischen Parameter eines Exoplaneten lassen sich aus einer Radialgeschwindigkeitskurve entnehmen?


(3) Mit speziellen spektroskopischen Methoden kann man heute Radialgeschwindigkeiten bis auf ungefähr 1 m/s recht sicher messen. Reicht diese Genauigkeit aus, um einen Planeten von der Masse der Erde, der sich in einem Abstand von 1 AU von einem Stern mit der Masse der Sonne befindet, nachzuweisen?


(4) Angenommen, um einen Stern von der Masse unserer Sonne bewegen sich zwei jupiters, von denen der Erste einen Abstand von 0.2 AU bei einer Masse von 2 MJ und der Zweite eine Masse von 3 MJ bei einem Abstand von 0.6 AU hat. Die Lage der Bahnebene fällt mit der Sichtlinie zusammen (i=90°). Konstruieren Sie aus diesen Angaben die zu erwartende Radialgeschwindigkeitskurve des Muttersterns!


(5) Wie groß ist der Helligkeitseinbruch und die Transitzeit für einen Planeten von der Größe der Erde, der sich in einem Jahr einmal um einen Stern mit Sonnendurchmesser bewegt? 


(6) Man bestimme aus der Transitlichtkurve von HD 189733 den Durchmesser des Exoplaneten HD 189733b in Jupiterradien. Der Radius des Sterns beträgt  0.78 RS.



(7) Wie machen sich eine eventuell vorhandene Randabdunklung sowie eventuell vorhandene „Sternflecke“ in einer Transitlichtkurve bemerkbar?


(8) Ein Exoplanet von der 1.5-fachen Größe Jupiters bewegt sich mit einer Umlaufperiode von 10 Tagen um einen Hauptreihenstern der Größe der Sonne. Wie lange dauert der Transit, wenn er genau über die „Sternmitte“ (i=90°) erfolgt? Wie stark darf seine Bahn gegenüber der Sichtlinie maximal geneigt sein, daß gerade noch ein Transit stattfindet?


(9) Warum kann man aus Radialgeschwindigkeitskurven nur eine Untergrenze für die Masse eines Exoplaneten ableiten, während man in Kombination mit der Transitmethode sehr verläßliche Masseangaben erhält?


(10) Erläutern sie die Auswirkungen des Phaseneffekts auf die Form einer Transitlichtkurve! Wie läßt sich daraus die ungefähre Albedo eines Exoplaneten bestimmen?


(11) Wie könnte sich theoretisch ein großer Mond um einen Exoplaneten in einer Transitlichtkurve bemerkbar machen?


(12) Diskutieren Sie die wichtigsten Fehlerquellen bei Transitbeobachtungen, wie man sie vermeiden kann und wie sich Exoplanetenentdeckungen mit dieser Methode am besten unabhängig davon verifizieren lassen.


(13) Wie kann man Bedeckungslichtkurven von Doppelsternen (z.B. Veränderliche vom Algol-Typ) von Transitlichtkurven von Exoplaneten unterscheiden? 


(14) Ein Stern mit einer Sonnenmasse, der von der Erde 100 pc entfernt ist, bewegt sich mit einer Geschwindigkeit von 20 km/s rechtwinklig zur Sichtline vor einen noch sehr viel weiter entfernten Stern vorbei. Berechnen Sie die typische Zeitskalen für dieses Ereignis a) nur für den Stern und b) für einen Begleiter mit einer Masse von einer Jupitermasse!


(15) Nennen Sie Vorteile und Nachteile der Mikrogravitationslinsenmethode zur Entdeckung von extrasolaren Planeten! Bis zu welcher Entfernung lassen sich damit Exoplaneten nachweisen?


(16) Erläutern Sie das Prinzip der Nulling-Interferometrie! Warum kann diese Methode ihre Stärken insbesondere bei Weltraumteleskopen ausspielen?


(17) Vergleichen Sie das Timing-Verfahren zur Entdeckung von Pulsarplaneten mit der Radialgeschwindigkeitsmethode und erläutern Sie die Unterschiede und Gemeinsamkeiten! Was meinen Sie, welche von beiden Methoden ist genauer?


(18) Informieren Sie sich im Internet über laufende und geplante Weltraummissionen zur Entdeckung und Erforschung von Exoplaneten und ihre Ergebnisse!  Welche Entdeckungsmethoden werden eingesetzt und wo liegen Potentiale für deren weitere Verbesserung?

(19) Die Folgende Tabelle enthält Radialgeschwindigkeitsmessungen des Sterns 51 Pegasi, die 1995 und 1996 mit Hilfe des Keck-Teleskops gewonnen wurden (Marcy, Butler 1996). 51 Peg hat nahezu die gleiche Masse wie die Sonne. Bestimmen Sie aus den Meßdaten die fehlenden Phasenwinkel (iterativ die Umlaufperiode ermitteln) und aus der endgültigen Radialgeschwindigkeitskurve die große Bahnhalbachse (Annahme Kreisbahn) sowie die ungefähre Masse des mutmaßlichen Planeten (MP⁄(M*=v*⁄vP )).




Diskutieren Sie die Ergebnisse! (Der Phasenwinkel entspricht dem Phasendatum für einen Umlauf = Umlaufperiode).



(20) Warum nimmt die Entdeckungswahrscheinlichkeit eines hot jupiters mit größer werdender Bahnhalbachse (=längere Umlaufdauer) sehr schnell ab?

(21) Erläutern Sie die Ihnen bekannten Klassifikationsschemen für extrasolare Planeten und gehen Sie dabei auf deren Sinnhaftigkeit ein. Welche physischen Parameter müssen von einem Exoplaneten bekannt sein, um ihn klassifizieren zu können?

(22) Auf welche Weise kann man aus Beobachtungen die effektive Temperatur eines Gasplaneten ableiten? Welche Daten müssen dafür bekannt sein und wie bestimmt man sie? Was für physikalische Prozesse auf dem Gasplaneten können diesen Wert verfälschen?

(23) Erläutern Sie die Sudarsky-Klassifikation von Gasplaneten anhand ihrer effektiven Temperatur. Wieso hängt das „Aussehen“ (für einen Beobachter in der Nähe) eines Gasplaneten ganz entscheidend von seiner effektiven Temperatur ab?

(24) Diskutieren Sie die wichtigsten Unterschiede zwischen Braunen Zwergsternen und Gasplaneten. Wie kann man durch Beobachtungen diese beiden Gruppen substellarer Objekte auseinanderhalten? 

(25) Was verstehen Sie unter dem „Lithiumtest“ zur Identifizierung von Braunen Zwergen?

(26) Warum ist die theoretische Modellierung eines Hauptreihensterns bedeutend einfacher als die Entwicklung eines Modells des inneren Aufbaus eines Gas- oder Gesteinsplaneten?

(27) Welche physikalischen Prozesse bestimmen die intrinsische Leuchtkraft eines Gasplaneten? 

(28) Beschäftigen sie sich mit der Webseite exoplanets.org. Dort finden Sie auswertbar die Daten aller bekannten Exoplaneten. Versuchen Sie verschiedene (vernünftige) Korrelationen  zwischen Beobachtungsparametern herzustellen und interpretieren Sie – wie es Astronomen gewöhnlich machen – die Ergebnisse.

(29) Unter welchen Bedingungen bilden sich in der Atmosphäre eines Planeten Kondensate in Form von Dunst und Wolken? Auf welche Weise läßt sich vorhersagen, in welchen Regionen welche Wolkenbildung stattfindet?

(30) Welchen Zusammenhang gibt es zwischen der Sudarsky-Klassifikation von Gasplaneten und der Präsenz von Wolken in deren Atmosphäre?

(31) Erläutern Sie den Rossiter-McLaughlin-Effekt! Welche wichtigen Daten über ein Exoplanetensystem lassen sich daraus ableiten?

(32) Warum ist der hydrodynamische blow-off - Effekt ein besonders effektiver Prozeß des Atmosphärenverlustes eines sternnahen hot jupiters? Gibt es Möglichkeiten, ihn durch Beobachtungen direkt nachzuweisen?

(33) Was sind „Super-Erden“ und in welche Gruppen lassen sie sich heuristisch einteilen? Untersuchen Sie alle bekannten Exoplaneten diesen Typs (siehe exoplanets.org) und versuchen Sie herauszubekommen (wenn die Datenlage es zuläßt), wie sie im Inneren aufgebaut sein könnten (mehr felsisch, mehr metallisch oder mehr aus Eis).

(34) Auf welche physischen und spektroskopischen Merkmale muß man achten, wenn man potentiell biologisch aktive terrestrische Planeten finden möchte?

SCHLUSS ...







Sonntag, 14. August 2011

Exoplaneten (23) - Super-Earths und erdähnliche Exoplaneten


Auf der Suche nach einer zweiten Erde - Terrestrische Exoplaneten
Zum „heiligen Gral“ der Exoplanetenforschung gehört ohne Zweifel das Auffinden eines erdähnlichen Planeten, der möglichst in der habitablen Zone seines Muttersterns seine Bahn zieht. Wenn er dann noch im Licht seiner Sonne blau erscheinen und die Astronomen Sauerstoff in seiner Atmosphäre feststellen würden, dann hätte man mit hoher Wahrscheinlichkeit eine zweite Erde gefunden. Ob das jemals passieren wird, sei dahingestellt. Zur Zeit nähert sich jedenfalls die Beobachtungstechnik mit großen Schritten der Nachweisgrenze für derartige Objekte und man kann gespannt sein, was die nächsten Jahrzehnte in dieser Hinsicht bringen werden. Mit der Entdeckung der ersten „Supererden“ ist man dem Ziel des Nachweises eines „erdähnlichen“ Planeten immerhin schon ein gutes Stück näher gekommen.

Was macht die Entdeckung erdähnlicher Planeten so schwierig?
Fast alle bisherigen mit Erfolg angewandten Entdeckungsmethoden für Exoplaneten zeigen einen signifikanten Auswahleffekt, denn man findet mit ihnen bevorzugt große und damit massereiche Objekte in unmittelbarer Sternnähe (Transits) bzw. massereiche Objekte mit relativ kurzen Umlaufszeiten (Radialgeschwindigkeitsmethode). Ein Planet von der Größe und der Bahn unserer Erde wäre selbst bei Sternen in der unmittelbaren kosmischen Nachbarschaft der Sonne gegenwärtig so gut wie nicht detektierbar. Da die genannten „klassischen“ Nachweismethoden auf relativ kurze Zeiträume (Tage bis Monate) ausgelegt sind, ist es schon allein deshalb schwierig, Exoplaneten zu finden, deren Umlaufszeit im Bereich von wenigen Jahren liegt. Große Hoffnungen setzt man deshalb auf spezielle indirekte Methoden sowie auf weltraumgestützte interferometrischen Verfahren, die in naher Zukunft in der Lage sein sollen, erdähnliche Planeten bei sonnennahen Sternen direkt nachzuweisen. Als die erfolgversprechendste Mission gilt hierbei die des Weltraumteleskops „SIM Planet Quest“ (offiziell Space Interferometry Mission Lite Observatory, Start 2017), während der Bau des Terrestrial Planet Finder (TPF) erst einmal auf unbestimmte Zeit verschoben wurde (Stand 2010). Aber auch das James Webb-Weltraumteleskop soll demnächst seinen Beitrag zur Suche erdähnlicher Exoplaneten leisten. 

Die meßbaren Effekte, die ein Planet von der Größe unserer Erde z.B. in der Radialgeschwindigkeitskurve eines Sterns hervorruft, sind äußerst gering und nahe oder unterhalb der Nachweisgrenze. Erfolgversprechender erscheint es deshalb, in bereits bekannten Planetensystemen mit gut beobachtbaren Mitgliedern nach indirekten Effekten in Form von Resonanzen und damit einhergehenden Bahnstörungen zu suchen, um auf diese Weise einen „terrestrischen Exoplaneten“ aufzufinden. 

Unter welchen Bedingungen kann ein extrasolares Planetensystem erdähnliche Planeten besitzen?
Man kann den Begriff „erdartig“ auf zweierlei Weise auffassen – 1. zur Beschreibung eines Gesteinsplaneten in der Art, wie man sie im Sonnensystem in Form der Planeten Merkur, Venus, Erde und Mars her kennt (d.h. Planeten, die in einen Eisenkern und einen silikatischen Mantel ausdifferenziert sind und eine feste Oberfläche besitzen, die von einer Hydro- bzw. einer mehr oder weniger dichten Atmosphäre begrenzt wird) und 2. mit der Einschränkung, daß sich deren Bahnen innerhalb der planetaren habitablen Zone um ihren Mutterstern befinden, was im Sonnensystem genaugenommen nur für die Erde und vielleicht gerade noch so für den Mars zutrifft. Für den Astrobiologen ist aus verständlichen Gründen die letztere Einschränkung von großer Wichtigkeit. Die Frage, die sich zuerst einmal in diesem Zusammenhang stellt, ist himmelsmechanischer Natur und verlangt Antwort darauf, unter welchen Bedingungen in einem Planetensystem langzeitstabile Bahnen innerhalb einer habitablen Zone überhaupt möglich sind. Diese Frage ist nicht trivial, da sich Planeten bekanntlich gegenseitig gravitativ beeinflussen, was im ungünstigsten Fall zu einem dynamisch chaotischen Verhalten bis hin zur Entfernung eines Planeten aus dem System führen kann. Im Sonnensystem ist Jupiter mit seinen 318 Erdmassen der stabilisierende Faktor. Wie sieht es aber mit Planetensystemen aus, in denen es keine oder keinen bzw. einen oder mehrere massereiche Gasriesen gibt, wie z.B. einen sternnahen hot jupter ? Unter welchen Voraussetzungen lohnt es sich überhaupt, dort nach „bewohnbaren“ Planeten Ausschau zu halten?

Die Frage nach der dynamischen Stabilität der Bahn eines terrestrischen Planeten in einem gegebenen planetaren Umfeld läßt sich mit den Methoden der „experimentellen“ Himmelsmechanik durch numerische Lösung des entsprechenden Mehrkörperproblems untersuchen. Der Spezialfall eines Systems aus einem Gasgiganten und eines terrestrischen Planeten kann dabei bereits im Rahmen des eingeschränkten Dreikörperproblems behandelt werden (siehe Band I, Kapitel 3). Ziel ist es dabei, für eine bestimmte Planetenkonfiguration Regionen um einen Stern zu finden, in der langzeitstabile Planetenbahnen möglich sind und darüber hinaus zu ermitteln, ob diese Regionen die jeweilige habitable Zone mit einschließen. 

Planetare habitable Zonen
Als „habitable“ oder „bewohnbare“ Zone um einen Stern wird gewöhnlich der Abstandsbereich bezeichnet, in dem auf einen geeigneten Planeten theoretisch Leben unter natürlichen Verhältnissen entstehen und sich über längere Zeiträume hinweg entwickeln kann. Physikalisch macht man diesen Abstandsbereich an der Präsenz von Wasser in seiner flüssigen Form fest, da flüssiges Wasser als universelles Lösungsmittel für organische Stoffe die wichtigste chemische Voraussetzung für Leben ist. 

Ansonsten beschreibt der Begriff der habitability natürlich ein sehr komplexes Phänomen mit sehr vielen Facetten, von denen die dauerhafte Existenz einer genügenden Menge flüssigen Wassers nur eine, wenn auch ausschlaggebende ist. Im konkreten Fall spielen natürlich u.a. noch planetare Parameter wie die Existenz einer Atmosphäre (Klima), die Verfügbarkeit freier Energie und natürlich der Zeitfaktor, festgemacht an der Entwicklung des Muttersterns, eine Rolle.  

Sterne unterscheiden sich im Wesentlichen in ihrer Größe und effektiven Temperatur, woraus ihre Leuchtkraft folgt. Letztere bestimmt wiederum den Bereich um den Stern, in dem theoretisch flüssiges Wasser auf einem planetaren Körper möglich ist. Von Bedeutung sind weiterhin nur Sterne der Leuchtkraftklasse V, also Hauptreihensterne („Zwerge“).  Alle späteren Entwicklungsstadien, wie z.B. Rote Riesensterne, können aus den Betrachtungen herausgenommen werden, da sie sich so schnell entwickeln, daß deren „habitable Zonen“ viel zu unstetig sind und auch deren zeitlicher Bestand für die Entwicklung und Ausbreitung von Leben nicht ausreichen würde. 

Hauptreihensterne zeichnen sich dadurch aus, daß sie in ihrem Innern Wasserstoff zu Helium fusionieren, wodurch im Laufe der Zeit in ihrem Kernbereich die Konzentration von Wasserstoff abnimmt und die Konzentration von Helium zunimmt. Dieser Prozeß ist mit einer stetigen Zunahme der Leuchtkraft verbunden, weshalb sich auch im Laufe der Zeit die Ausdehnung der habitablen Zone ändern wird. Ihre Größe läßt sich leicht abschätzen, wenn man für ihre Grenzen den Gefrierpunkt (273 K) und den Siedepunkt (373 K) von Wasser unter Normalbedingungen zugrunde legt. Ausgangspunkt ist die Gleichung (3.25), aus der sich gemäß dem Stefan-Boltzmannschen Gesetz folgende Gleichgewichtsbedingung ergibt:
Mit einer Albedo von 36.7% (Erde) erhält man demnach für die innere Grenze einen Wert von 0.88 AU und für die Außengrenze 1.64 AU. Ähnliche Rechnungen lassen sich für alle Vertreter der Hauptreihe (Spektraltypen) durchführen, wobei für eine realistische Einschätzung der habitability noch die Lebensdauer des Sterns (sie korrespondiert in etwa mit der Häufigkeit des entsprechenden Sterntyps in der Milchstraße) und der sogenannte tidal lock radius (das ist der Abstand vom Stern, ab der Planeten mit hoher Sicherheit in einem gebundenen Rotationszustand übergehen) zu berücksichtigen sind:

Tabelle: Habitable Zonen um Hauptreihensterne


5.87   Lage der habitablen Zone bei Hauptreihensternen. Das gelbe Band entspricht einer konservativen, der rosa Streifen einer großzügigen Abschätzung. Letztere schließt im Sonnensystem sogar die inneren Jupitermonde mit ein (die Temperaturen in ihren Inneren erlaubt u.U. flüssiges Wasser).   © SuW

Wie die Tabelle zeigt, lohnt es sich erst bei Sternen ab dem Spektraltyp F nach erdähnlichen Exoplaneten, die vielleicht Leben tragen könnten, zu suchen. Sterne der Spektralbereiche O bis A haben zwar rein rechnerisch recht  große habitable Zonen. Ihre Lebensdauer ist aber zu gering, als das sich dort Leben entwickeln könnte. Außerdem spielen natürlich noch kosmogonische Gesichtspunkte eine Rolle, die mit der Entstehung terrestrischer Planeten aus einer protoplanetaren Gas- und Staubwolke zusammenhängen. Die Wahrscheinlichkeit, daß Planeten entstehen, nimmt mit steigender Sternmasse schnell ab. Das ist auch der Grund, weshalb man bis heute (2010) noch bei keinem Stern mit einer effektiven Temperatur oberhalb von 7000 K einen Exoplaneten gefunden hat.

Stabilitätskarten
Eine gute Strategie ist es, erst einmal in bereits bekannten Exoplanetensystemen gezielt nach terrestrischen Planeten zu suchen, da die zu ihrer Entdeckung notwendigen Meßgenauigkeiten bei Surveys effektiv nicht zu erreichen sind und die Negativquote entsprechend hoch sein wird. Deshalb ist es nützlich, wenn man bereits im Vorfeld die Abstandsbereiche in einem solchen System bestimmen könnte, wo bei einer gegebenen Konfiguration (i.d.R. Mutterstern + Gasriese) überhaupt langzeitstabile Bahnen möglich sind und ob diese Bereiche die entsprechende habitable Zone mit einschließen. Auf diese Bereiche (Abstand respektive Umlaufszeit) läßt sich dann eine konkrete Suche abstimmen. 

Um das chaotische Verhalten von dynamischen Systemen zu ermitteln bzw. zu quantifizieren, wurden einige Methoden entwickelt. In der Himmelsmechanik kommen davon im Wesentlichen zwei zum Einsatz, einmal die Untersuchung des Verhaltens von Planetenbahnen im Phasenraum (siehe Band 1, Kapitel 3, Abschnitt „Deterministisches Chaos“) und zum anderen die wesentlich einfachere Methode der numerischen Berechnung von Stabilitätskarten (stability maps). Dabei handelt es sich um 3-parametrische Diagramme, in denen eine Größe, die man „Relativer Lyapunov-Indikator“, kurz RLI, nennt über die Bahnexzentrizität egiant  des im System vorhandenen Gasriesen und über die große Bahnhalbachse  ap des terrestrischen Planeten aufgetragen wird. Das zugrundeliegende Rechenmodell ist das elliptische eingeschränkte Dreikörperproblem, welches sich numerisch sehr gut lösen läßt. In diesem Modell wird als Koordinatensystem ein Schwerpunktsystem verwendet, d.h. die beiden massereichen Körper des Systems – der Mutterstern und der Gasgigant – bewegen sich auf Ellipsenbahnen unterschiedlicher Exzentrizität um ihren gemeinsamen Schwerpunkt, wobei als „Schwerpunktmasse“ die reduzierte Masse
verwendet wird. Die Masse des terrestrischen Planeten wird dagegen als verschwindend klein angenommen. In diesem System wird jetzt, ausgehend für verschiedene Anfangswerte für die große Bahnhalbachse ap, über lange Zeiträume das Verhalten der Bahn des Testplaneten verfolgt, wobei ein chaotisches Verhalten als Instabilität und nichtchaotisches Verhalten (d.h. die Bahnelemente bleiben über die Simulationsdauer weitgehend konstant) als Stabilität gedeutet wird. Diese Aussage gilt zwar nicht absolut, kann aber durchaus als vernünftige Arbeitshypothese verwendet werden (im Planetoidengürtel zwischen Mars und Jupiter gibt es auch Resonanzbereiche, welche die Bahnen der sich dort befindlichen Planetoiden stabilisieren). Als Maß für die Stabilität von Bahnen wird der bereits genannte RLI-Wert verwendet, der sich für jede Ausgangsbahn im Laufe der Simulation berechnen läßt (siehe z.B. Sandor et.al. 2000).  Dabei gilt die Regel, je kleiner der RLI-Wert, desto stabiler die Bahn. RLI=10^(-10) impliziert z.B. eine hochgradig stabile Bahn, während RLI=10^(-5) bahndynamisch völlig instabile Abstandsbereiche kennzeichnet. In den Stabilitätskarten wird dieser Wert gewöhnlich farbig codiert. Für die Interpretation der Karte ist noch wichtig zu wissen, daß die Abszisse derart normiert ist, daß die große Halbachse des Gasriesen auf 1 gesetzt ist (deshalb semi-major axis).
Beispiel für eine Stabilitätskarte
5.88  Stabilitätskarte für ein Exoplanetensystem mit μ=0.005. Die jeweiligen habitablen Zonen für 14 Her, HD 50554 und HD 10697 sind als weiße Rechtecke eingezeichnet.  © Sandor et.al. 2006

In der obigen Abbildung kennzeichnen die orangenen Bereiche Bahnen hoher Stabilität, während die dunklen, blauen Bereiche hochgradig instabil sind. Ein Exoplanetensystem, welches zu einer Karte mit μ=0.005  paßt, ist HD 10697 (109 Psc).  Der Hauptstern vom Spektraltyp G5 besitzt eine Masse von ~1.15 MS und eine Leuchtkraft von ~2.97 LS. 1999 konnte ein jupiterähnlicher Gasriese (Mgiant~ 6 MJ) auf einer elliptischen Bahn mit einer Exzentrizität von egiant=0.1 und einer großen Bahnhalbachse von ap=2.16 AU um diesen Stern entdeckt werden (Vogt et.al. 2000).  Auf der Stabilitätskarte wird dieses System durch die Gerade mit egiant=0.1 repräsentiert. Man erkennt, das bis zu einem Abstand von 0.33 (=0.713 AU) die Bahnen hypothetischer terrestrischer Planeten stabil sind. Dann folgt ein Bereich, wo vermehr Resonanzspitzen die Stabilität stören. Besonders deutlich betrifft das die Resonanzen 5:1, 4:1 und 3:1. Ab einen Abstand von 0.73 (=1.577 AU) beginnt die Zone hochgradig chaotischer Bahnen. Die habitable Zone überdeckt dabei zu 2/3 einen durch Resonanzen gestörten Bereich und zu 1/3 einen völlig instabilen Bereich. Völlig im chaotischen Bereich liegt die habitable Zone von HD 50554. Dort braucht man offensichtlich gar nicht erst nach einen erdähnlichen Planeten suchen. Die habitable Zone von 14 Her ist nur in seiner Innenkante einigermaßen stabil. Dahinter folgt eine durch Resonanzen beeinflußte Zone, wo langzeitstabile Bahnen eher ungewöhnlich sind.

Wie viele terrestrische Planeten sind im Milchstraßensystem zu erwarten?
Diese Frage kann man auf zweierlei Arten angehen. Theoretisch, in dem man im Detail die Prozesse der Planetenentstehung analysiert und daraus Planetenentstehungsraten in Abhängigkeit von der Masse ableitet; aus Beobachtungen, in dem man aus dem beobachteten Massespektrum hin zu geringeren Massen interpoliert. Diese Methode ist solange durchaus legitim, solange keine statistisch relevanten Beobachtungen von Exoplaneten mit Massen unterhalb von, sagen wir, drei Erdmassen, vorliegen. Beide Methoden können durchaus zu unterschiedlichen Ergebnissen führen, wie eine Studie der Universität von Kalifornien in Berkeley gezeigt hat (Howard et.al., 2010). 

Um eine einigermaßen verläßliche Abschätzung über die Häufigkeit extrasolarer Planeten im Massebereich der terrestrischen Planeten machen zu können, reicht es nicht aus, die Daten aller bis jetzt entdeckten Exoplaneten statistisch hoch zu rechnen. Diese Methode ist aufgrund der bereits mehrfach erwähnten Auswahleffekte sogar hochgradig unbrauchbar. Besser ist es, eine genau definierte Stichprobe von Sternen innerhalb eines bestimmten Entfernungsintervalls systematisch nach der Präsenz von Exoplaneten zu untersuchen und auf diese Weise eine grobe Massefunktion der dabei entdeckten Exoplaneten zu ermitteln. Die Methode der Wahl ist dabei die Radialgeschwindigkeitsmethode, da deren erzielbare Genauigkeit für einen gegebenen Spektrographen bekannt ist und die damit zugleich auch die detektierbare Mindestmasse eines Exoplaneten festlegt.  In der erwähnten Studie der Universität von Berkeley bestimmten die Autoren mit Hilfe des Keck-Teleskops über einen Zeitraum von ~ 5 Jahren die Radialgeschwindigkeitskurven von 166 sorgfältig ausgewählten sonnenähnlichen Hauptreihensterne (Spektraltyp K und G) der Sonnenumgebung (Entfernung <25 pc). Mit Hilfe des HIRES Echelle-Spektrographen konnte dabei eine Meßgenauigkeit von ± 1 m/s in der Radialgeschwindigkeit erreicht werden. Damit lassen sich theoretisch noch Exoplaneten bis ungefähr 3 Erdmassen nachweisen, vorausgesetzt,  ihre Umlaufsperiode ist kleiner als 50 Tage (entspricht in etwa einer Entfernung vom Mutterstern von 1/4 AU).  In die statistischen Betrachtungen werden auch nur die Exoplaneten einbezogen, die dieser Bedingung genügen.

Im Ergebnis dieser Kampagne konnten schließlich bei 22 der 166 Sterne insgesamt 33 Exoplaneten nachgewiesen werden (einige davon waren bereits bekannt), von denen wiederum 16 Umlaufsperioden unterhalb von 50 Tagen hatten. Unter der heuristisch gerechtfertigten Annahme, daß mit kleiner werdender Masse die Nachweiswahrscheinlichkeit sinkt, ließen sich daraus für den Prozentsatz an Sternen, die eine Supererde besitzen, ein Wert von 11.8% ermitteln. 1.6%  sonnenähnlicher Hauptreihensterne haben demnach einen jupiterähnlichen Planeten in ihrem Planetensystem. Extrapoliert man diese Tendenz in Richtung 1-3 Erdmassen weiter, dann sollten in rund 23% der Hauptreihensterne erdähnliche Planeten innerhalb eines Bereichs von 0.25 AU um ihren Mutterstern zu finden sein. Da in der Untersuchung nur Planeten mit derart kleinen Bahnradien berücksichtigt wurden, könnte es in entfernteren Umlaufbahnen sogar noch mehr Planeten dieser Größe geben.

Nimmt man diese Ergebnisse trotz der recht kleinen Stichprobe ernst, dann kann man konstatieren, daß rund ein Viertel aller G- und K-Sterne der Leuchtkraftklasse V (sonnenähnliche Hauptreihensterne) mindestens einen terrestrischen Planeten in ihrem Planetensystem besitzen – und zwar allein schon in dem „heißen“ Bereich von weniger als 1/4  AU Abstand von ihrem Mutterstern. Eine vorsichtige Abschätzung entsprechend dieser Daten liefert eine Zahl von mindestens 45 Milliarden derartiger Planeten in unserer Milchstraße. Im weitesten Sinne „erdähnliche“ Planeten gibt es also anscheinend genügend. Aber wie kann man feststellen, wie viele davon in den habitablen Zonen beheimatet sind und auf welchen es vielleicht sogar Leben gibt? Gibt es irgendwelche Merkmale, die man in näherer oder fernerer Zukunft vielleicht sogar messen kann und welche die Präsenz von lebender Materie verraten?


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