Ein Gastbeitrag von Björn Ehrlich, Zittau-Hörnitz
Gefühlte drei Monate, seit November, liegt ein Dunstschleier über unserem Land. Er hat das Zeug, Schwermut hervorzurufen. Dem zum Trotz ist es ein bewährtes Mittel, sich vom Chaiselongue zu erheben und die Wanderschuhe zu schnüren. Eine Wanderung, die schon lange für solche Verhältnisse vorbereitet ist, ist eine Tour durch die Drehsaer Schweiz. Um Nützliches über diese Gegend zu erfahren, versuchen wir zunächst einmal, uns mit Hilfe der sogenannten künstlichen Intelligenz (KI) schlau zu machen. Die liefert zwar bei jeder Anfrage andere Ergebnisse, aber letztendlich erfahren wir, dass die Drehsaer Schweiz nichts mit der Schweiz im eigentlichen Sinne zu tun hat, sondern
„Die Drehsaer Schweiz ist ein kleines, malerisches Tal mit Sandsteinfelsen, Wald und historischem Gutspark – benannt nach dem schweizerischen Landschaftsideal des 18./19. Jahrhunderts, das auch an anderen Orten in Deutschland (z. B. „Sächsische Schweiz“) Verwendung fand. Sie liegt im Landkreis Bautzen und gilt als lohnendes Ausflugsziel für Wanderer und Naturfreunde“
Dank der Erkenntnisse der KI können wir also die schweren Bergstiefel zu Hause lassen. Die Drehsaer Schweiz ist eine typische Landschaft des Lausitzer Gefildes, geprägt von engen, felsigen Durchbruchstälern mit vielfältiger Flora, die durch intensive Erosion entstand.
Auf unserer Wanderung, die wir bei immer noch trübem Wetter in Rodewitz beginnen, begegnen uns einige interessante Orte, die einerseits von historischer Bedeutung sind, andererseits von der wirtschaftlichen Lage der Region in der Vergangenheit künden.
Wir wandern zunächst durch die sanft hügelige Gegend hinüber nach Drehsa. Das auf einer Anhöhe thronende imposante Schloss, hervorgegangen aus einem Rittergut, ist heute in Privathand und nicht zu besichtigen. Die ehemalige vermögende Schlossbesitzerin Elisabeth Fürstin von Hanau und Gräfin von Schaumburg ließ einst im Schlosspark Nibelungen-Skulpturen aufstellen und die Anlage der Fürstengruft errichten. Siegfried begegnet uns in seiner Drachenhöhle und die Fürstengruft gibt uns in ihrer schlichten Erscheinungsform ein paar Rätsel auf.
Das nächste Ziel ist Hochkirch. Der Weg führt über den Weiler Pommritz. Das ehemalige Rittergut wird bereits im 13. Jahrhundert erstmals urkundlich erwähnt, diente ab dem 19. Jahrhundert als „Agrikulturchemische Versuchsanstalt Pommritz“ und wurde bis zur Machtergreifung der Nazis als „Versuchsanstalt für Landarbeitslehre“ betrieben. Seit den 1990er Jahren wird das schön restaurierte Gut vom Verein „Neue Lebensformen e.V.“ als ökologisches und soziales Modellprojekt geführt. Pommritz ist nach Hochkirch eingemeindet.
Als man vor ca. 300 Jahren – ähnlich wie heute wieder – noch Gefallen daran fand, sich in kriegerischen Auseinandersetzungen gegenseitig totzuschlagen, wimmelte es in den umliegenden Dörfern (Drehsa, Pommritz, Kupritz, Niethen) vor preußischer und Österreichischer Soldateska. Am 14. Oktober 1758 kam es hier zu der verlustreichen Schlacht bei Hochkirch, bei der die Truppen Friedrich II. vernichtend und in die Flucht geschlagen wurden. Nur der Unentschlossenheit der Österreicher ist es zu verdanken, dass den Preußen noch größeres Unheil erspart blieb, denn die Kaiserlichen verzichteten darauf, die Verfolgung der Preußen aufzunehmen, aber die Verluste waren auf beiden Seiten immens.
„101 Kanone, 28 Fahnen und 2 Standarten bildeten die Trophäen der Österreicher. Außerdem verloren die Preußen an Todten, Vermißten und Gefangenen: 119 Offiziere und 5381 Mann, an Verwundeten 127 Offiziere und 3470 Mann. Der Verlust der kaiserlichen Armee an Todten. Verwundeten und Vermißten bestand in: 325 Offizieren und 5614 Mann.
Der König von Preußen nahm eine Stellung auf den Kreckwitzer Höhen. Feldmarschall Daun ging in das Lager von Kittlitz zurück und nur das kaiserliche Grenadier- und Carabiniers-Corps lagerte auf dem blutigen Schlachtfelde.“ („Erklaerungen zu den Schlachten-Plaenen“, Fr. R. v. Rothenburg, 1840)
Wir merken: nach soldatischem Ermessen wiegt gemäß der Reihenfolge der Verlust an Kanonen, Fahnen und Standarten höher als die Anzahl der verlorenen Mannen. Aber immerhin, damals wurde das noch bekannt gegeben.
Als wir an dem in den Karten verzeichneten Schlachtfeld vorbei gehen, kommt plötzlich unerwartet die Sonne heraus und wir erleben einen wundervollen Vorfrühlingstag. Nichts mehr erinnert aber an diesen blutigen Oktobertag des Jahres 1758, wenn man es nicht weiß. Wir verlassen den schaurigen Ort und wandern hinunter in das beschauliche Tal des Kuppritzer Wassers. Kuppritz beherbergt ebenfalls ein schön restauriertes Schloss, ebenfalls erbaut auf den Mauern eines Rittergutes. Es dient heute zu Wohnzwecken.
Der Weg durch das Tal des Kuppritzer Wassers ist der schönste Teil unserer heutigen Tour, er folgt ein Stück dem touristischen Siebenbrückenweg durch das Tal. Der Siebenbrückenweg beginnt in Kohlwesa und endet am Czorneboh, Länge etwa 30 km. Der Weg überquert tatsächlich sieben Brücken über zwei Flüsse und führt durch das historische Eisenbahnviadukt „Siebenbrücken" bei Pommritz.
„In einem Tal mit schmaler Aue und stark geneigten Hängen quert der Bach das granodioritische, von pleistozänem Material überdeckte Vorland des Czornebohzuges. Bei Niethen treten die Hänge so nahe aneinander, daß ein enges Kerbsohlental, eine Skala entsteht. Wie an einigen anderen Abschnitten begleitet zwischen Niethen und der Kujatzmühle ein Streifen von allmählich ansteigendem Ackerland die als Wiese genutzte, bachnahe Aue. Oberhalb des Streifens steigt der eigentliche Talhang an, meist mit Gebüschen bestanden und von ehemaligen Steinbrüchen unterbrochen. Unterhalb von Rodewitz verbreitert sich das Tal muldenartig und wird südlich von Nechern mit einer Gruppe von Teichen ausgefüllt.“ („Zwischen Strohmberg und Czorneboh“, Werte unserer Heimat, Bd. 24, Theodor Schütze).
Im Gemeindebereich des Weilers Niethen treffen wir auf die Niethener Schanze. Eine Erklärtafel informiert über die Historie:
„Die wohl im 10. Jhdt. errichtete Burg gehört in das System frühmittelalterlicher slawischer Burgen in der Oberlausitz. Wenige bronzezeitliche Scherben aus dem Walinneren belegen eine Nutzung des Burgareals bereits 2000 Jahre zuvor. Der über dem Tal des Kuppritzer Wassers auf einer Granodioritklippe gelegene Wall ist von ovaler Form. Er umspannt eine Fläche von 127 x 75 m, der Wallumfang beträgt 437 m, die Wallhöhe beträgt bis zu 16 m. Der alte Zugang befindet sich im Süden der Burg.“
Im Inneren des Walls wurden bei Grabungen Reste von slawischen Gebäuden und frühdeutsche Siedlungsreste aufgefunden. Ein im Wallinneren vermutetes Rittergut wird wohl schon vor der urkundlichen Ersterwähnung von Niethen nach außen verlegt worden sein. Die Niethener Schanze ist eine der best-erhaltenen und mächtigsten slawischen Wallanlagen der Oberlausitz.
An der Krujatzmühle wendet sich der Siebenbrückenweg der Lausker Skala zu. Er verlässt das Tal und steigt zu einer Anhöhe an. Von hier bietet sich ein schöner Ausblick über die hügelige Landschaft. In einem kleinen Wäldchen steht ein steinerner Gedenkstein mit der Aufschrift
grauenvoller
That!
Am Charfreitag
Nachmittags 1886
wurde hier auf
dem Heimwege
aus dem
Gottesdienst
Martha Therese
Farack
aus Lauske
13 Jahre alt
in entsetzlicher
Von diesem Ort ist es nicht mehr weit bis zur Lausker Skala, die wir früher schon besuchten (siehe hier). Wir aber gedenken Martha Therese Farack, laufen zurück zur Krujatzmühle, von wo es nur noch ein knappes Stück zurück bis Rodewitz ist. Wir hatten Glück an diesem Tag. Ein paar Stunden später holt uns das Sauwetter wieder ein.
Die GPS Daten zu dieser Tour findet man hier.



























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