Sonntag, 7. Juni 2026

Das Haus unter dem Halbmond in Sobotka

 Ein Gastbeitrag von Rainer Gründel, Zittau-Olbersdorf


Die Stadt Sobotka liegt im Böhmischen Paradies (Český ráj). Im dortigen Stadtpark wurde 1991 die Skulptur La casa sotto la luna = Haus des Mondes/Haus unter dem Mond (Mondsichel) des italienischen Bildhauers Claudio Parmiggiani enthüllt.
 

Die Skulptur mit einem kreisförmigen Grundriss symbolisiert ein Auge, das nach allen Seiten der Welt blickt. Durch das Fenster sieht man die Burg Humprecht mit ihrer Mondsichel.
 

Sobotka liegt an der Fernstraße Nr. 16 von Jungbunzlau (Mlada Boleslav) nach Jitschin (Jičín).
In Sobotka folgt man vom Friedensplatz (náměstí Míru) im Stadtzentrum der Straße Boleslavská.
Nach 200 Metern gibt es auf der rechten Seite einen Parkplatz am Stadtpark.
 

Der Text von diesem deutschsprachigen Faltblatt wurde fett + kursiv zu den folgenden Fotos beigefügt:
 

Das Haus unter dem Halbmond ist ein Werk des italienischen Bildhauers Claudio Parmiggiani.
Die Skulptur befindet sich im zauberhaften Dekansgarten (Stadtpark) mit einem unvergesslichen Blick auf das barocke Jagdschloss Humprecht mit dem goldenen Halbmond auf der Dachspitze.
 

Das Schloss erinnert mit seinem Grundriss an den byzantinischen Galataturm und wurde nach dem Entwurf des italienischen Architekten Carlo Luragho erbaut.
 

Das Haus unter dem Halbmond wurde am 19. Oktober 1991 als der letzte Teil des Projektes Una Scultura enthüllt.
 

Das Werk besteht aus zwölf in drei konzentrischen Kreisen angeordneten Ziegelmauern, die von einer Öffnung in Form des Malteserkreuzes durchschnitten sind. Auf dem Gipfel der Skulptur ist die Aufschrift Siate Misteriosi (Seid mysteriös).
 

Entstehungsgeschichte des Denkmals
Unweit von Sobotka hatte der ehemalige Botschafter und spätere Außenminister Jaroslav Šedivý ein Wochenendhaus. Auf dessen Einladung kam der italienische Bildhauer und Maler Claudio Parmiggiani nach Sobotka.
Sobotka und die Stelle im Garten gegenüber dem Schloss mit dem Halbmond haben ihn so gefangengenommen, dass er sich entschloss, dieses Werk als letztes Stück seines Raumprojektes in Sobotka auszuführen  - ein Bauwerk, welches in der heutigen Zeit geheimnisvoll wirkt und zu einem neuzeitigen Symbol der Stadt wurde.
 

Claudio Parmiggiani wurde 1943 in der italienischen Stadt Luzzara geboren. Er studierte Malerei in Bologna unter der Leitung des Malers Giorgio Morandi. In seinem Schaffen widmet er sich vor allem der Konzeptkunst, seine Werke druckt er beispielsweise auf Papier, Leinwand ab und nutzt auch vergängliches Material wie Asche, Feuer, Schatten. Der Autor besuchte auf seinen Reisen Tschechien, wobei er gerade in Sobotka dauerhafte Spuren hinterließ.
 

Vergils Weg zu Weisheit
Das Projekt Una Scultura besteht aus vier künstlerischen Bauwerken aus unverputzten, in allen vier Himmelsrichtungen angeordneten Ziegeln. Die erste Skulptur entstand 1975 im italienischen Collebeato, der Heimat des Künstlers. Dieser Bau erinnert an einen Schlüssel, weshalb er „Clavis" genannt wurde. 1983 entstand der nächste Bau in Ägypten auf einer der Inseln im Nil unter dem Titel „La grande pietra" (Großer Stein).
Französische Freimaurer ließen den dritten Bau des Projektes im Schlosspark Saint-Géry bei Albi errichten. Dieses Werk mit dem Titel „La Torre" (Turm) wurde 1989 vom Autor selbst unter einem Rauchvorhang eingeweiht.
Das letzte Bauwerk ist das Haus unter dem Halbmond „La casa sotto la luna" in Sobotka.
 

Die Bauten sind weit voneinander entfernt, weshalb man das Werk des Künstlers nie komplett sehen und sich somit auch nicht aneignen kann. Parmiggiani sieht den Sinn seines Werkes als eine „Pilgerreise", als Vergils Weg zu Weisheit, einen Weg, den der Beobachter des Werkes absolvieren soll, wenngleich selbst dann das Werk nicht verstanden werden kann, weil ein Kunstwerk laut Parmiggiani eine Frage und keine Antwort ist. Seine Werke verlassen daher Galerien und Museen, wo - wie der Autor sagt – „heutzutage keiner mehr die ausgestellten Werke wirklich betrachtet. So dass das Verhüllen vielleicht die wirkliche Wahrnehmungskraft wieder zurück geben kann..." Und so ist der Autor auf der Suche nach naturnahen, oft von der Zivilisation weit entfernten Orten.
Und Sobotka war für ihn ein solcher Ort.
 

Zum Schluss kurz zur Rekonstruktion der Skulptur
Wie alle seine Bauten ließ der Autor die Skulptur aus gebrannten Ziegelsteinen erbauen. Das Werk sollte mit seiner Umgebung verschmelzen. Bedingt durch unser Klima verfiel der Bau jedoch (die übrigen waren in südlichen Gefilden). Es wurde sogar eine Debatte geführt, ob man den Bau seinem Schicksal überlässt und sich nicht weiter kümmert. Zum Schluss gewann die Variante einer Rekonstruktion, die 2015 bis 2016 durchgeführt wurde. Der ursprüngliche Bau wurde abgerissen und an seiner Stelle wurde ein neuer Bau aus besserem Material auf neuen Fundamenten errichtet. Um den Effekt des Werkes zu erhöhen, wurde eine Nachtbeleuchtung installiert.
 

Die Touristische Visitenkarte
TOURISTISCHE VISITENKARTE
Parmiggianis Skulptur in Sobotka
Skulpturenhaus unter dem Halbmond, Teil des Projekts „Eine Skulptur“ von 1991
 

Der automatisch übersetzte Text dieser Infotafel im Stadtpark:
 
Cassa Sotto La Luna
Haus unter der Mondsichel
Claudio Parmiggiani
 
Die Skulptur „Cassa sotto la luna“ aus dem Jahr 1991 ist Teil des Gesamtkunstwerks „Una Scultura“.
Das Projekt besteht aus insgesamt vier Bauwerken aus gebrannten Ziegeln in vier Ländern – Frankreich, Ägypten, Italien und Tschechien. Claudio Parmiggiani platzierte die Gebäude bewusst in großen Abständen, um beim Besucher den Wunsch zu wecken, die anderen Teile des Werks zu erkunden. Der Autor legt großen Wert auf die Himmelsrichtungen und die Formen der einzelnen Werke, deren Interpretation er dem Besucher überlässt. Das erste Bauwerk, Clavis (Schlüssel), symbolisiert den Norden, wurde in Italien platziert, das Bauwerk Pietra (Stein) im Süden in Ägypten und der westliche Turm La Torre (Turm) in Frankreich. Die Skulptur „Cassa sotto la luna“ (Haus unter der Mondsichel) aus Sobotka repräsentiert den Osten und beschließt das Gesamtwerk mit der Inschrift „Siate misteriosi – Sei geheimnisvoll“. 
 
„Wenn wir uns einem Teil nähern, entfernen wir uns gleichzeitig vom anderen, und selbst wenn wir die gesamte Pilgerreise unternommen und alle vier Teile gesehen haben, ist die Reise nicht zu Ende. Wir kennen das Werk nie und verstehen es nicht vollständig, wir können es nicht vollständig und perfekt erklären, interpretieren. Es ist eine Art allegorischer Ausdruck der nie endenden Reise unserer Suche, unseres Wissens, unseres menschlichen Lebens.“
Claudio Parmiggiani
 
Nach fast einem Vierteljahrhundert seines Bestehens wurde das Werk sowohl durch Witterungseinflüsse als auch durch ungeeignete Baumaterialien beeinträchtigt. Anfang 2015 war das Haus unter der Mondsichel ein trauriges, verfallendes Gemäuer, das seinen Charme verloren hatte und nur auf eigene Gefahr betreten werden konnte. Der Stadtrat von Sobotka beschloss daher, die Skulptur, die zur modernen Stadtgeschichte gehört, zu retten. Im Juni 2015 wurde das alte Bauwerk abgerissen, und in den folgenden Monaten entstand an gleicher Stelle eine exakte Kopie. Ende 2015 wurde die Beleuchtung der Skulptur installiert, und die Landschaftsgestaltung rund um das gesamte Werk wurde im Frühjahr 2016 abgeschlossen.
 
Für die Unterstützung bei der Realisierung dieses Werks danken wir der Wienerberger cihlářský průmysl, a. s.
 

Einen virtuellen Rundgang durch die Skulpturen finden Sie unter http://unascultura.com

Burgen-Podcast: Die Ronburg auf dem Ronberg bei Graber (Nordböhmen(

 


Burgen-Podcast: Mäuseschloss im Hirschberger Großteich (Doksy)


 

Samstag, 6. Juni 2026

Wanderung auf neuen Wegen nach Wiskersch

 Ein Gastbeitrag von Björn Ehrlich, Zittau-Hörnitz


Die Anreise aus dem Raum Zittau in das Böhmische Paradies ist für eine Tagestour schon sportlich, vor allem das Auffinden eines Parkplatzes, insbesondere im Gebiet der Podtrosecké-Täler (Podtrosecká údolí). Sie will genau geplant sein. Und also sind wir froh, am Věžák-Teich (Rybník Věžák) einen Waldparkplatz ausbaldowert zu haben. Alles fängt gut an, bis kurz vor dem Ziel ein schnödes Baustellenschild die Weiterfahrt unmöglich macht. Ein weiter Umweg über Sobotka (Sobotka) lässt sich nicht vermeiden. Dafür gibt es dann ausreichend freie Flächen auf dem Parkplatz, womit an Wochenenden und in den Ferien nicht zu rechnen ist.

Der Věžák-Teich ist der erste in einer Reihe vom acht Teichen in den Podtrosecké-Tälern, eines der schönsten und ökologisch wertvollsten Naturreservate im Böhmischen Paradies. Besonders reizvoll sind Wanderungen, die von hier zur Ruine der Burg Trosky (Trosky) hinauf führen. Genau so attraktiv ist aber der Aufstieg nach Wiskersch (Vyskeř), den wir heute auf neuen Wegen absolvieren möchten. Zunächst geht es ein Stück entlang des Věžák-Teiches. einem bekannten, hochromantischen See. Er zeichnet sich besonders durch seine einzigartige Kulisse aus, bei der markante Sandsteinfelsen direkt aus dem Wasser ragen und sich auf der Oberfläche spiegeln. Schwäne und Kraniche führen hier ein ungestörtes Dasein.

Bald zweigt fast unbemerkt ein Pfad in das sogenannte Certoryje-Tal, ein felsiger, bewaldeter Canyon mit einer Länge von ca. 3,5 Kilometern. Zu Beginn zwängt sich der Weg durch schmale Felspforten bergan, um danach bis Drahoňovice gemütlich durch ein bewaldetes Tal zu gleiten, gefolgt von einem kurzen ruppigen Abstieg in das nächste Tal. Nach dem Aufstieg aus demselben taucht der Kreuzberg mit der Barockkapelle Sankt-Anna aus dem 17. Jh. auf einem Basalthügel über Wiskersch auf, zu dem ein Kreuzweg aus 14 Sandsteinsäulen hinaufführt. Malerisch thront die Kapelle auf dem Dach des Böhmischen Paradieses. Ein ungehinderter Rundblick wird hier dem Wanderer zuteil, kolossal der Blick auf die aus der Ebene aufragende Burg Trosky, die von hier oben eher den Eindruck eines Spielzeugs erweckt. Jeschken (Ještěd), Roll (Ralsko), Bösige (Bezdězy), Tabor (Tabor) und Kumburg (Kumburk) entdeckt das Auge in der Ferne. Beim besten Willen ist es mir aber nicht gelungen, eine besondere Erwähnung der Örtlichkeit in der Wanderliteratur zu finden. Bestenfalls erfährt man da, dass es ein Flecken für stille Naturen abseits der touristischen Hauptwege ist. Uns kommt das gewiss entgegen.

Eine andere Spezies gab sich hier aber vor ca. 50 Jahren die Ehre. In der Zeit zwischen 1966 und 1995 verfolgten bis zu 60000 Zuschauer ein spektakuläres Motorsportereignis. Rennwagen der Marken Skoda, Fiat, Zastava und später BMW jagten in diesen Jahren bei insgesamt 22 Rennen den Berg hinauf, wobei sie zuweilen widrigen Wetterverhältnissen mit Schnee ausgesetzt waren. Das Bergrennen von Wiskersch war nicht nur ein sportlicher Höhepunkt, sondern auch ein wichtiges Stück tschechoslowakischer Motorsport-Geschichte im Herzen des Böhmischen Paradieses. Mehr darüber erfährt der Motorsportfan hier.

Das Wetter auf dem Berg war heute eher kühl und stürmisch, so dass es uns gelegen kommt, ins geschützte Tal des Schechrow-Baches (Žehrovka) abzusteigen, durch welches wir die letzten Kilometer zum Ausgangspunkt unserer Tour zurücklegen.


Die GPS-Daten zu dieser Tour findet man  hier.





Am Vezak-Teich







Durch das Certoryje-Tal


















Schnappschüsse in Wiskersch



















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