Freitag, 24. Juli 2026

Wanderung in die Eisenbroder Bergregion

 Ein Gastbeitrag von Björn  Ehrlich, Zittau-Hörnitz


Wir waren schon in Gegenden, von denen wir gar nicht wussten, dass es sie gibt. Zum Beispiel heute. Die Landschaft nennt Eisenbroder berge (Železnobrodská vrchovina). Es handelt sich um ein reliefartiges, aber dennoch sehr abwechslungsreiches Hügel- und Bergland. Typisch sind tief eingeschnittene Flusstäler und bewaldete Hänge. Die Region liegt im Einzugsgebiet der Flüsse Iser (Jizera) und Kamnitz (Kamenice). Sie bildet den nordwestlichsten Zipfel des Riesengebirgs-Vorlandes (Krkonošské podhůří) und wird durch markante Täler und Nachbargebirge eingegrenzt. Im Norden stößt sie direkt an die steileren Hänge des Isergebirges an. Im Westen und Südwesten geht sie als Hügellandschaft fließend in das Jeschkengebirge (Ještědsko-kozákovský hřbet) über und im Süden bricht die Ebene zum Becken von Turnau (Turnov) ab, welches bereits zum Böhmischen Paradies (Český ráj) gehört. Schon die Anreise ist eine Augenweide, wenn man die Höhen bei Marschowitz (Maršovice u Jablonce nad Nisou) und Pintschei (Pěnčín u Jablonce nad Nisou) passiert hat und sich der Blick (bei der ziemlich kurvenreichen Fahrt) auf die Hügel- und Berglandschaft richtet.

In Jablonetz (Jablonec nad Jizerou) beginnen wir unsere Wanderung, zunächst durch das Tal der Iser. Die üppig blühenden Azaleen in den Gärten begleiten uns während der gesamten Tour. Der Weg wendet sich nun von der Iser weg und führt steil ansteigend hinauf nach Pasek (Paseky nad Jizerou). An der Kirche zum hl. Wenzel macht sich erst einmal eine Verschnaufpause erforderlich. Der Ort ist gut gewählt, weil sich über die Gräber des romantischen Bergfriedhofs ein erster schöner Blick auf das Riesengebirge bietet.

Ober Pasek überlebte mit seinen verstreuten Häuschen bis ins 20. Jahrhundert fast im gleichen Aussehen so, wie es in alten Schriften beschrieben wurde. „Einödpatrioten“ nannte man die Häusler, deren Leben hier vor hundert Jahren noch aus mühsam schwerer Arbeit bestand, um ein bitteres Brot zu erwerben. Mit einem etwas moderateren Anstieg führt uns der Weg jetzt über blühende Frühlingswiesen hinauf bis zur Minibrauerei Na PerlíčkuPrdek. Der gleichnamigen Baude wollen wir die sehr mäßige Verköstigung nur deswegen nachsehen, weil beim Verzehr des selbstgebrauten Bieres uns der Blick unablässig auf dem Kamm des Riesengebirges ruhen lässt. Dieses Panorama begleitet uns jetzt unablässig während des weiteren Weges nach Hochstadt (Vysoké nad Jizerou). Man spaziert dahin wie auf einer Balustrade zunächst bis Glaserdorf (Sklenařice) und dann hinauf nach Hochstadt mit dauerndem Fernblick.

Schon der Name der Stadt oberhalb der Iser beinhaltet alles, was für dieses herrliche Fleckchen Erde in Böhmen so typisch ist. Er erinnert an die steilen Hänge der rauhen Gebirgsgegend, durchleuchtet von klarem Sonnenschein in durchsichtiger Höhenluft, oder zu anderen Zeiten halb in wallende Nebel gehüllt oder auch sich in rauhen Wintertagen fast impressionistisch im treibenden Schnee verlierend. Und die Iser im Tal vertritt im zweiten Teil des Namens mit ihren unruhig über unzählige Felsblöcke und rund geschliffene Steine dahineilenden Wassern all die kristallklaren, eiskalten Gebirgsbäche und Quellen im Gebiet von Starkenbach (Jilemnice)


Hochstadt ist unvorstellbar ohne die örtliche, berühmte Tradition des Laientheaters, die bis zum Jahre 1768 zurückreicht. Vom Theater war es nicht weit zu den Laienschriftstellern, an denen gerade diese Gegend außerordentlich reich war. Wir wollen an die verzweigte Familie der Metelkas erinnern, die ihre Wurzeln in Sklenařice/Glasersdorf hatte, deren Vertreter aber im ganzen Riesengebirgsvorland und an vielen weiteren Orten zu finden waren. Das Gebiet um Hochstadt zählt zum Riesengebirgsvorland. Schon die ersten Wege im Mittelalter neigten sich von hier auf natürliche Weise vor allem gegen Starkenbach und Semil (Semily) zu.“ (Album alter Ansichtskarten vom Riesengebirgsvorland)

Hochstadt trägt seinen Namen nicht ganz unbegründet, es ist eine kleine, malerische Bergstadt. Sie liegt idyllisch auf einer Höhe von 703 Metern und wird wegen ihrer Höhenlage oft liebevoll als „Städtchen des schönsten Winters“ bezeichnet. Es soll sich dabei um die höchst gelegene Stadt Tschechiens handeln. Wie schon in dem Bergkessel um Pasek gibt es hier zahlreiche Skipisten, auf denen man im Winter ins Tal brettern kann (falls mal wieder Schnee liegt). Welche Höhe man hier erklommen hat, merkt man erst beim Abstieg zurück nach Jablonetz. Der geht ganz schön in die Knochen und man ist froh, wieder unten angekommen zu sein.

Die GPS-Daten zu dieser Tour gibt es hier.





Durch blühende Gärten von Jablonetz hinauf nach Pasek












Hinauf zur Minipivovar Prdek













Von Prdek nach Hochstadt



















Dienstag, 14. Juli 2026

Wanderung zur Burg Schreckenstein und der Hohen Wostrey

 Ein Gastbeitrag von Björn Ehrlich, Zittau-Hörnitz


Ein weißer Fleck in unserem Wanderverzeichnis ist noch die Gegend um Aussig (Ústí nad Labem), hier insbesondere die Burg Schreckenstein (Střekov) und die Hohe Wostrey (Vysoký Ostrý). Dass wir uns für diese Wanderung ausgerechnet einen Tag ausgesucht haben, der die Temperaturgenze von 30° überschreitet, ist etwas schicksalhaft, aber nicht abschreckend, da nach der Erfahrung das schützende Blätterdach der Wälder die Hitze absorbiert.

Von Nemschen (Němčí) aus wandern wir zunächst durch die steile Prutschelschlucht (Prucelska rokle) hinunter nach Birnai (Brná), denn in der Prutschelschlucht möchte man nun wirklich nicht in der Nachmittagshitze aufwärts steigen. Birnai zieht sich nun ein paar Kilometer an der Elbe entlang bis zur Burg Schreckenstein. Wir gehen auf Sträßchen durch die oberen Ortsteile, als plötzlich die Burg vor uns auftaucht.

Aus dem endlosen Hasten und Treiben, aus dem nimmer ruhenden Leben, wie es die großartige Verkehrsentwicklung im deutschen Elbetale Böhmens mit sich gebracht hat, erhebt sich in stolzer Ruhe der gewaltige Klingsteinfelsen, der aus seiner einsamen Höhe dereinst die mächtige Burg Schreckenstein getragen hat.

Eine halbe Stunde südwärts von Aussig entsteigen die schroff und steil emporstrebenden Höhen unmittelbar den Fluten der Elbe, die hier mit besonderer Schnelle dahingehen.

Trotzig und kühn steht die Felsmasse da, losgelöst durch eine Senke von den umgebenden Höhen, wie ein Wächter, von der Natur hochgestellt und wie ein Beherrscher des Elbestromes.

Freilich liegt die ehedem so stolze Veste seit Jahrhunderten in Schutt und Trümmern, doch bietet das, was heute noch als Ruine da ist, ein treues Bild von vergangener Macht und Größe. Der Schreckenstein ist nicht nur die bedeutendste unter den Ruinen des Elbetales, er ist auch die schönste, ausgezeichnet durch die unvergleichliche Lage und durch die interessante Gestaltung des Felsens. Dichter und Maler haben ihr unzählige Huldigungen dargebracht, sie haben die Schönheit gepriesen und sie den berühmtesten Ruinen des Rheinlandes an die Seite gestellt.

Man kann das Bild des Schreckensteins vom Tale und von den Höhen aus betrachten, von Norden oder Süden her, es macht stets einen entzückenden Eindruck, weshalb man auch mit Fug und Recht die alte Burg als eine Perle des Elbetales bezeichnen kann.

Vom Schreckenstein aus gesehen, gleicht der breite Talboden, der sich elbeauf erstreckt, einem üppigen Obst- und Weingarten. Er wird einerseits von den bewaldeten Hängen des Wostreystockes und des Lerchenberges begrenzt, während anderseits die eichengekrönte Staudenspitze und die Felsengruppen des Matzensteines erscheinen. Im Mittelpunkte baut sich die schöngeformte Waldkuppe des Aarhorstes aus. Aus dem Grün der Fluren grüßen die Dörfchen Schreckenstein, Birnai und Wannow.

In der Nähe des letzten Ortes befindet sich der berühmte Ostabsturz des Ziegenrückens, welcher durch seine strahlenförmig angeordneten Basaltsäulen das Interesse der Geologen und Laien in Anspruch nimmt. Auch ein Wasserfall fehlt dem Bilde nicht: in der an den Ziegenrücken grenzenden Schlucht stürzt der Padloschiner Bach über eine hohe, senkrechte Felsenwand.

Diesem Bilde des Friedens steht nach Norden zu ein Bild reger Tätigkeit und lebhaften Verkehrs gegenüber. Im Vordergrunde erscheint der große Bahnhof Schreckenstein, dahinter folgen Krammel und Obersedlitz mit zahlreichen Fabriksanlagen, auf der Elbe herrscht ein buntes Durcheinander von Personen- und Kettendampfern, von Zillen, Kähnen und Flößen, an den Ufern eilen Züge hin und her und in der Einsenkung zwischen Ferdinandshöhe und Marienberg breitet sich die bedeutsamste Elbestadt Böhmens, der nördliche Seehafen der Monarchie, Aussig, aus. Den Hintergrund bilden die besiedelten Höhen des Mittelgebirges und weit draußen der dunkle Wall des Erzgebirges mit dem historisch berühmten Passe von Nollendorf, an dem freistehenden Kirchlein leicht zu erkennen.“ („Österreich-Böhmen: Das Elbetal von Leitmeritz bis Herrnskretschen“, Eduard Wagner)

Ergänzend ist hinzuzufügen, dass im Angesicht der imposanten mittelalterlichen Ruine des Schreckensteins Richard Wagner die Inspiration zu seiner Oper „Tannhäuser“ fand. Einen umfassenden Überblick über die Burg erhält der Leser in Band II unseres Buches „Burgen in der Oberlausitz und Nordböhmen“.

Unterhalb der Burg begrüßt ein Kiosk die Gäste. Auf einer schönen Terrasse, kann der Wanderer gemütlich sein Bierchen schlürfen und den Ausblick über das Elbtal genießen, bevor er zur Burgbesichtigung hinauf steigt. Der Burgbesuch ist lohnenswert, der Gesamteindruck wird nur durch die Ansicht der nördlich gelegene Industriestadt Aussig etwas gedämpft, aber nach Süden kommt die Schönheit des Elbtales eindrucksvoll zur Geltung. Der weitere Weg zur Hohen Wostrey beginnt dann unmittelbar am Parkplatz unterhalb der Burg.

Vom Schreckenstein aus kann man leicht zur Hohen Wostrey emporsteigen. Am Fuße der Burg zweigt ein Weg ab, welcher anfangs am Hange des Schanzenberges längs des Waldes hinaufführt und dann in weiten Windungen die Höhe von Neudörfel erreicht. Dieser Waldpfad gehört zu den schönsten Bergsteigen des Mittelgebirges, zeigt reizende Tiefblicke und berührt ein Gebiet, welches in floristischer Beziehung viel Interessantes bietet. In Neudörfel trifft er mit der Straße zusammen, die vom Aussig her über die industriereichen Orte Krammel und Obersedlitz die Höhe gewinnt, und zwischen den Obstbäumen hindurch Aussig, das Vokauer Tal und die Kulmer Ebene sehr schön übersehen läßt. Die Aussicht von der hohen Wostrey wird mit Recht sehr gerühmt, auch Alexander von Humboldt und Goethe haben sich an derselben erfreut. Sie zeigt vor allem den Elbestrom, der schon in weiter Ferne oberhalb Leitmeritz aufblitzt, dann in den Bergen verschwindet, aber immer wieder in seinen Windungen den glänzenden Spiegel dem Auge darbietet. Sieben solcher Flußwindungen können wir von der Höhe der Wostrey aus erblicken. Den Vordergrund bilden die zahllosen Berge des Mittelgebirges in prächtiger Gruppierung, den Hintergrund begrenzen die dunklen Massen des Erzgebirges, der hohe Schneeberg, der Wilsch, der Geltschberg, der Georgsberg, die Hasenburg und der Biliner Borschen.“ (ebenda)

Auf dem Weg über Neudörfl (Nová Ves) kann man die Hohe Wostrey tatsächlich mühelos erreichen, abgesehen einmal von dem Sonderweg, den wir gewählt haben. Zwecks Verkürzung der Wanderstrecke lassen wir uns dazu verleiten, einem unmarkierten Pfad etwas nördlich vom Wanderweg zu folgen, der direkt zur Aussicht hinaufführen soll. Dem gemeinen Wandervolk ist die Benutzung dieses Weges dringend abzuraten, denn es wird am Ende so steil, dass man nicht mehr weiß, wo man sich festhalten kann und ob man überhaupt den Aussichtsfelsen noch erreichen wird. Wir haben es gerade so geschafft. Die gemauerte Aussicht entschädigt dann aber für dieses Abenteuer mit ungewissem Ausgang. Der Abstieg auf dem ausgeschilderten Weg ist dann vergleichsweise gesittet. Der Rückweg nach Nemschen bietet keine Abwechselung mehr, verläuft dafür aber unter geschütztem Blätterdach, jedoch mit dauerndem Anstieg.


Die GPS-Daten zu dieser Tour findet man hier.





Von Nemschen durch die Prutschelschlucht nach Birnai an der Elbe





Die Burg Schreckenstein
























Die Hohe Wostrey










Zurück in Nemschen


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