Freitag, 10. Juli 2026

Wanderung zu den Guckeln

 Ein Gastbeitrag von Björn Ehrlich, Zittau-Hörnitz


Die Zahl der unentdeckten landschaftlichen Glanzlichter in unserer Wanderregion nimmt immer weiter ab. Zu den unbekannten gehören aber zum Beispiel die Guckeln (Malá u. Velká kvočna) bei Bösching, die aus diesem Grund schon lange auf der Warteliste stehen. Vor Jahren sahen wir die Felsformation einmal von Sestronowitz (Sestroňovice) über die Baumwipfel ragen. Ganz alte Aufnahmen zeigen sie aber als besondere Attraktion in baumloser Umgebung. Wir möchten heute einmal schauen, wie sich die Guckeln aus der Nähe darstellen.

Wir beginnen unsere Wanderung in Reichenau (Rychnov u Jablonce nad Nisou) und steuern zunächst den beliebten Bienertberg (Bienerthův vrch) an. Die Sicht ist gut und mit dem Gewinn an Höhe entfaltet sich ein grandioses Panorama vom Jeschken über das südliche Isergebirgsvorland bis zu der fernen Ruine der Burg Trosky im Böhmischen Paradies. Auf den Wiesen blühen üppig die Frühlingsblumen. Während sich am Fuß des Berges die "Pusteblumen" ausbreiten, hüllt der blühende Löwenzahn die Hänge um den Gipfel herum in ein sattes Gelb.  Der Abstieg auf der Südseite des Berges in Richtung Radonowitz (Radoňovice) ist dann etwas gewagt. Extrem steil geht es talwärts auf rölligem Untergrund. Alle sind froh, unfallfrei heruntergekommen zu sein. Gemütlich geht es weiter zu der bizarren Felsformation der Guckel, die als Teil der Lausitzer Verwerfung angesehen werden.

Jener zackige, ausgeschartete Felskamm, welcher, vor dem Bahnhofe in Liebenau mit dem plumpen Sandsteinblock des Katzesteins beginnend, über die Ruine Friedstein und das Felsenpantheon bei Kleinskal sich mit kurzen Unterbrechungen bis zur Iser herabsenkt, um jenseits derselben in den abenteuerlich geformten Orgel- oder Dürrenfelsen seine Fortsetzung zu finden, birgt für den Kletterer zwischen den Dörfern Radonowitz und Luhsen (30 Minuten vom Bahnhof Liebenau entfernt) zwei stolze Felsenriffe die beiden «Guckeln«. Als ich vor zwei Jahren das erstemal an einem trüben Sonntagnachmittage in der bachdurchrauschten Schlucht zwischen den beiden Riesen stand, deuchte es mir, als ob die altersgrauen Kämpen, die einst mit den Naturgewalten einen harten Strauß ausgefochten haben mußten, wieder zu neuem Leben erwacht seien und nur noch jenes Augenblickes harrten, wo einer von ihnen mit blitzendem Schlachtschwerte sich wieder zu frischem Kampfe auslegen werde. So zerfurcht und zerrissen auch die »zahme Guckel« erscheint, so schlank und wild, ja geradezu furchteinflößend reckt die „wilde Guckel« ihren glatten Riesenleib keck empor in die blauen Lüfte. Tief und lang sind die Wunden in dem Steinpanzer der zahmen Guckel welche einst der feindliche Speer geschlagen, der selbst den harten Schädel in der Mitte gespalten hat, unversehrt dagegen sieht der wilde Nachbar aus, dessen linke Stirnseite nur wenige hohe, parallele Quarten sich als dauernd Andenken an wütenden Kampf mitgenommen hat. Während die Besteigung der zahmen, zweizinkigen Guckel von der Bergseite keinen sonderlichen Schwierigkeiten begegnet, kann das freie Erklimmen „Der wilden Guckel mit Recht den schneidigsten heimatlichen Klettertouren beigezählt werden. …

Auch hier errang sich die Siegespalme jener furchtlose Felsenpionier Rudolf Kauschka. Dieser war es, der in jenem denkwürdigen Gipfelsturme im Herbste 1904 in Gesellschaft der Oktavaner Fritz Stempes und Max Tischer am 23. Oktober genannten Jahres als Erster das bis dahin noch jungfräuliche Felshorn bezwang.“ (M.U.C. J.König, „Heimatliche Kletterfahrten“, Jahrbuch des Deutschen Gebirgsvereines für das Jeschken- und Isergebirge 1908)

Die Guckeln sind vollständig von Wald umgeben. Tritt man an den Fuß der Felsen, kann man von unten die Spitzen der Türme sehen. Ein Besteigen der Felsen ist aber bis 30. Juni untersagt, da Vögel darin brüten. Darauf weisen Aushänge ausdrücklich hin.

Durch das Böschinger Tor geht es wieder hinauf auf den Kamm, der den Bienertberg mit dem Kopainberg (Kopanina) verbindet. Dieser Weg ist dem Gedenken des Ehepaares Jana und Josef V. Scheybal, gewidmet, die sich als Regionalhistoriker, Volkskundler und Ethnografen verdient gemacht haben. Leider ist der Weg asphaltiert. Radler wird das erfreuen.

Wie schon vermutet, ist der Turm auf dem Kopainberg verschlossen, wer hinauf steigen möchte, muss sich den Schlüssel zum Eingang unten im Dorf Kopain besorgen. Diesen Umweg sparen wir uns, obwohl der Turm eine umfassende Aussicht verspricht. Eine andere Freude wird uns aber zuteil. Bei der verlassenen Chata Kopanina steht ein kleiner Kiosk, dessen Türe offen steht. Unseren ungläubigen Augen entgehen nicht der Zapfhahn und die Becher die hier herumstehen. Es handelt sich doch tatsächlich um eine Selbstbedienungseinrichtung, in der man sein Bier selber zapfen kann. Auch an Wein und anderen Köstlichkeiten kann man sich bedienen. Bezahlt wird in eine Kasse des Vertrauens, eine Preisliste hängt aus. Die unverhoffte Offerte (die wir gern annehmen) verhilft zu guter Laune und so geht uns der Rückweg hinunter nach Reichenau heiter und locker von der Hand (beziehungsweise von den Füßen).


Die GPS-Daten zu dieser Tour findet man hier.





Von Reichenau hinauf zum Bienertberg ...















 … und wieder hinunter nach Radonowitz

















Bei den Guckeln










Auf dem Weg zum Kopainberg











Die Art der Zapfkultur, die wir so lieben







Blogverzeichnis - Blog Verzeichnis bloggerei.de Interessante Blogs Blog-Webkatalog.de - das Blogverzeichnis