Ein Gastbeitrag von Björn Ehrlich, Zittau-Hörnitz
Ein weißer Fleck in unserem Wanderverzeichnis ist noch die Gegend um Aussig (Ústí nad Labem), hier insbesondere die Burg Schreckenstein (Střekov) und die Hohe Wostrey (Vysoký Ostrý). Dass wir uns für diese Wanderung ausgerechnet einen Tag ausgesucht haben, der die Temperaturgenze von 30° überschreitet, ist etwas schicksalhaft, aber nicht abschreckend, da nach der Erfahrung das schützende Blätterdach der Wälder die Hitze absorbiert.
Von Nemschen (Němčí) aus wandern wir zunächst durch die steile Prutschelschlucht (Prucelska rokle) hinunter nach Birnai (Brná), denn in der Prutschelschlucht möchte man nun wirklich nicht in der Nachmittagshitze aufwärts steigen. Birnai zieht sich nun ein paar Kilometer an der Elbe entlang bis zur Burg Schreckenstein. Wir gehen auf Sträßchen durch die oberen Ortsteile, als plötzlich die Burg vor uns auftaucht.
„Aus dem endlosen Hasten und Treiben, aus dem nimmer ruhenden Leben, wie es die großartige Verkehrsentwicklung im deutschen Elbetale Böhmens mit sich gebracht hat, erhebt sich in stolzer Ruhe der gewaltige Klingsteinfelsen, der aus seiner einsamen Höhe dereinst die mächtige Burg Schreckenstein getragen hat.
Eine halbe Stunde südwärts von Aussig entsteigen die schroff und steil emporstrebenden Höhen unmittelbar den Fluten der Elbe, die hier mit besonderer Schnelle dahingehen.
Trotzig und kühn steht die Felsmasse da, losgelöst durch eine Senke von den umgebenden Höhen, wie ein Wächter, von der Natur hochgestellt und wie ein Beherrscher des Elbestromes.
Freilich liegt die ehedem so stolze Veste seit Jahrhunderten in Schutt und Trümmern, doch bietet das, was heute noch als Ruine da ist, ein treues Bild von vergangener Macht und Größe. Der Schreckenstein ist nicht nur die bedeutendste unter den Ruinen des Elbetales, er ist auch die schönste, ausgezeichnet durch die unvergleichliche Lage und durch die interessante Gestaltung des Felsens. Dichter und Maler haben ihr unzählige Huldigungen dargebracht, sie haben die Schönheit gepriesen und sie den berühmtesten Ruinen des Rheinlandes an die Seite gestellt.
Man kann das Bild des Schreckensteins vom Tale und von den Höhen aus betrachten, von Norden oder Süden her, es macht stets einen entzückenden Eindruck, weshalb man auch mit Fug und Recht die alte Burg als eine Perle des Elbetales bezeichnen kann.
Vom Schreckenstein aus gesehen, gleicht der breite Talboden, der sich elbeauf erstreckt, einem üppigen Obst- und Weingarten. Er wird einerseits von den bewaldeten Hängen des Wostreystockes und des Lerchenberges begrenzt, während anderseits die eichengekrönte Staudenspitze und die Felsengruppen des Matzensteines erscheinen. Im Mittelpunkte baut sich die schöngeformte Waldkuppe des Aarhorstes aus. Aus dem Grün der Fluren grüßen die Dörfchen Schreckenstein, Birnai und Wannow.
In der Nähe des letzten Ortes befindet sich der berühmte Ostabsturz des Ziegenrückens, welcher durch seine strahlenförmig angeordneten Basaltsäulen das Interesse der Geologen und Laien in Anspruch nimmt. Auch ein Wasserfall fehlt dem Bilde nicht: in der an den Ziegenrücken grenzenden Schlucht stürzt der Padloschiner Bach über eine hohe, senkrechte Felsenwand.
Diesem Bilde des Friedens steht nach Norden zu ein Bild reger Tätigkeit und lebhaften Verkehrs gegenüber. Im Vordergrunde erscheint der große Bahnhof Schreckenstein, dahinter folgen Krammel und Obersedlitz mit zahlreichen Fabriksanlagen, auf der Elbe herrscht ein buntes Durcheinander von Personen- und Kettendampfern, von Zillen, Kähnen und Flößen, an den Ufern eilen Züge hin und her und in der Einsenkung zwischen Ferdinandshöhe und Marienberg breitet sich die bedeutsamste Elbestadt Böhmens, der nördliche Seehafen der Monarchie, Aussig, aus. Den Hintergrund bilden die besiedelten Höhen des Mittelgebirges und weit draußen der dunkle Wall des Erzgebirges mit dem historisch berühmten Passe von Nollendorf, an dem freistehenden Kirchlein leicht zu erkennen.“ („Österreich-Böhmen: Das Elbetal von Leitmeritz bis Herrnskretschen“, Eduard Wagner)
Ergänzend ist hinzuzufügen, dass im Angesicht der imposanten mittelalterlichen Ruine des Schreckensteins Richard Wagner die Inspiration zu seiner Oper „Tannhäuser“ fand. Einen umfassenden Überblick über die Burg erhält der Leser in Band II unseres Buches „Burgen in der Oberlausitz und Nordböhmen“.
Unterhalb der Burg begrüßt ein Kiosk die Gäste. Auf einer schönen Terrasse, kann der Wanderer gemütlich sein Bierchen schlürfen und den Ausblick über das Elbtal genießen, bevor er zur Burgbesichtigung hinauf steigt. Der Burgbesuch ist lohnenswert, der Gesamteindruck wird nur durch die Ansicht der nördlich gelegene Industriestadt Aussig etwas gedämpft, aber nach Süden kommt die Schönheit des Elbtales eindrucksvoll zur Geltung. Der weitere Weg zur Hohen Wostrey beginnt dann unmittelbar am Parkplatz unterhalb der Burg.
„Vom Schreckenstein aus kann man leicht zur Hohen Wostrey emporsteigen. Am Fuße der Burg zweigt ein Weg ab, welcher anfangs am Hange des Schanzenberges längs des Waldes hinaufführt und dann in weiten Windungen die Höhe von Neudörfel erreicht. Dieser Waldpfad gehört zu den schönsten Bergsteigen des Mittelgebirges, zeigt reizende Tiefblicke und berührt ein Gebiet, welches in floristischer Beziehung viel Interessantes bietet. In Neudörfel trifft er mit der Straße zusammen, die vom Aussig her über die industriereichen Orte Krammel und Obersedlitz die Höhe gewinnt, und zwischen den Obstbäumen hindurch Aussig, das Vokauer Tal und die Kulmer Ebene sehr schön übersehen läßt. Die Aussicht von der hohen Wostrey wird mit Recht sehr gerühmt, auch Alexander von Humboldt und Goethe haben sich an derselben erfreut. Sie zeigt vor allem den Elbestrom, der schon in weiter Ferne oberhalb Leitmeritz aufblitzt, dann in den Bergen verschwindet, aber immer wieder in seinen Windungen den glänzenden Spiegel dem Auge darbietet. Sieben solcher Flußwindungen können wir von der Höhe der Wostrey aus erblicken. Den Vordergrund bilden die zahllosen Berge des Mittelgebirges in prächtiger Gruppierung, den Hintergrund begrenzen die dunklen Massen des Erzgebirges, der hohe Schneeberg, der Wilsch, der Geltschberg, der Georgsberg, die Hasenburg und der Biliner Borschen.“ (ebenda)
Auf dem Weg über Neudörfl (Nová Ves) kann man die Hohe Wostrey tatsächlich mühelos erreichen, abgesehen einmal von dem Sonderweg, den wir gewählt haben. Zwecks Verkürzung der Wanderstrecke lassen wir uns dazu verleiten, einem unmarkierten Pfad etwas nördlich vom Wanderweg zu folgen, der direkt zur Aussicht hinaufführen soll. Dem gemeinen Wandervolk ist die Benutzung dieses Weges dringend abzuraten, denn es wird am Ende so steil, dass man nicht mehr weiß, wo man sich festhalten kann und ob man überhaupt den Aussichtsfelsen noch erreichen wird. Wir haben es gerade so geschafft. Die gemauerte Aussicht entschädigt dann aber für dieses Abenteuer mit ungewissem Ausgang. Der Abstieg auf dem ausgeschilderten Weg ist dann vergleichsweise gesittet. Der Rückweg nach Nemschen bietet keine Abwechselung mehr, verläuft dafür aber unter geschütztem Blätterdach, jedoch mit dauerndem Anstieg.
Die GPS-Daten zu dieser Tour findet man hier.































