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Mittwoch, 19. Oktober 2016

Von Triebsch auf Kelch und Jungfrau (Böhmisches Mittelgebirge)

Ein Gastbeitrag von Björn Ehrlich, Zittau-Hörnitz

Dichter Nebel empfängt uns auf unserer Fahrt ins Böhmische Mittelgebirge am Schöberpass (Stožecké sedlo) und will sich nur schwerlich lichten. Als wir die Höhen des Gebirges bei Mertendorf (Merboltice) erreichen, zeigt sich zögerlich die Sonne und bei der Ankunft in Triebsch (Třebušín) scheint es, als würde es noch einen schönen Spätsommertag geben. Der Ort schmiegt sich an die Felsen des Kelchberges (Kalich). Das Ensemble der Häuser des Bergdorfes, die sich um den kleinen Markt sammeln, hätte das Zeug zu einem munteren Marktflecken, aber es ist wie ausgestorben und das alte Schloss, welches bis 2010 noch ein Hotel beherbergte, ist dabei, sich in die ewigen Jagdgründe zu verabschieden. Das war nicht immer so. Die Enzyklopädie 'Das Königreich Böhmen. Leitmeritzer Kreis' von 1833 beschreibt ein lebendig gewerbliches Geschehen im Ort.

'Die Zahl der Gewerbsleute des Dominiums betrug zu Anfang des Jahres 1832: 33. Darunter befanden sich: 2 Bäcker, 3 Bierschänker, 1 Bräuer, 2 Fleischhauer, 2 Krämer, 1 Maurermeister, 1 Müller, 2 Schmiedte, 5 Schneider, 3 Schuhmacher, 2 Wagner, 1 Ziegeldecker und 1 Zimmermeister. Auf dem Jahrmarkte zu Triebsch, der zu Michaeli gehalten wird, verkauft man in 60 bis 80 Buden und Ständen die gewöhnlichen Artikel des ländlichen Marktverkehrs an Schnitt~, Leder~, Blech~, Eisen~, Kürschner~ und andere Waren. … Das Gesundheits~Personale besteht aus einem Wundarzte und einer geprüften Hebamme , beide zu Triebsch'. 

Gleichwohl findest man um Triebsch und dem Nachbarort Rübendörfel (Řepčice) ein paar hübsche Anwesen, aber deren Besitzer werden ihre Arbeit heute wohl in Leitmeritz (Litomerice) verrichten. 

Gleich zu Beginn der Wanderung geht es hinauf auf den Kelch. Schon von weitem hören wir vom Gipfel Antriebsgeräusche von Arbeitsgeräten. Tatsächlich wird der Gipfelbereich professionell von Bewuchs befreit und archäologisches Personal bemüht sich, die Reste der einstigen Burganlage zu sichten und zu sichern. Die einst wehrhafte Burg wurde Mitte des 13. Jahrhunderts erbaut und 1437 durch die Truppen des Oberlausitzer Sechsstädtebundes niedergebrannt, da sich deren Besitzer an räuberischen Einfällen in die Oberlausitz beteiligten. Eine Informationstafel bescheinigt der Ruine, ein Denkmal europäischen Ranges zu sein. 

Wir erfreuen uns indes an der weiten Aussicht ins böhmische Land; insbesondere die sich über Rübendörfel erhebende Jungfrau (Panna) und der herrliche Dreiberg (Trojhora) mit seinem zackigen Basaltgipfel südlich von Triebsch erregen unsere Aufmerksamkeit. Das Schattenspiel der letzten sich auflösenden Wolken und Nebelschwaden zeichnet schöne Farbspiele in die Landschaft.

Unser nächstes Ziel ist der Weiler Hinternessel (Zadní Nezly). Eigentlich ist uns die Gegend gut bekannt, trotzdem zieht uns Hinternessel wegen seiner reizvollen Lage immer wieder an. Von den wenigen Häusern hier oben öffnet sich ein wunderbarer Blick in die tiefer liegenden Täler und auf die eingebetteten Berge, im Dunst gerade noch erkennbar die Hasenburg (Hazmburk). Hier ist der richtige Platz für eine Rast. Auf dem folgenden Weg nach Hummel (Homole u Panny) geht es über ausgedehnte Wiesen weiter hinauf auf den Kamm des Böhmischen Mittelgebirges. Hier befinden wir uns auf dem Niveau der Höhen um Wernstadt (Vernerice), die jetzt in der Ferne zu sehen sind. 

In dem schönen Bergdorf Hummel, welches wir bereits früher einmal erspäht hatten, wäre eigentlich die Zeit für eine Erfrischung gekommen, aber der Gasthof öffnet wieder einmal erst um 16 Uhr und wir haben uns noch ein wichtiges Ziel vorgenommen, welches man unmöglich aufgeben darf: den Aufstieg zur Jungfrau. Ihren Gipfel bekrönte einst die Schwesterburg des Kelchs, von der aber keine Reste mehr vorhanden sind. Es ist heute schwer vorstellbar, wie diese Burg in dem exponierten Gelände einen Halt finden konnte. Der Sage nach sollen die beiden Burgen durch einen unterirdischen Gang verbunden gewesen sein, was aufgrund der geografischen Verhältnisse getrost ins Reich der Fabel verwiesen werden kann. Der Ausblick vom Gipfel ist beschränkt aber dennoch gewaltig: im Osten der Kelchberg, diesen überragend der Geltsch (Sedlo), südlich zwischen Dreiberg und Sankt Georgsberg (Říp) das Band der Elbe. Ein schöner Abschluss einer genussreichen Wandertour.

Die GPS-Daten zu dieser Tour findet man hier.


Blick über Triebsch





Aussichten vom Kelchberg



 … zur Jungfrau


… zum Dreiberg


Der Geltsch


In Hinternessel









Der Fernsehturm auf dem Zinkenstein (Buková hora)


Blick hinüber zu den Wernstädter Höhen




Die Jungfrau


Die Kirche des hl. Pius (in Hummel)


Aussichten von der Jungfrau


 … Geltsch und Kelch


St. Georgsberg, Elbe, Dreiberg


Goldberg (Liščín), Langer Berg (Dlouhý vrch), im Vordergrund Dreiberg


Der Dreiberg


 Rübendörfel mit Jungfrau



Kirche in Triebsch


Sonntag, 11. Oktober 2015

Zum Drachenrücken des Geltschberges (Nordböhmen, bei Auscha)


Man sieht den Geltsch (Sedlo) aus großer Ferne und aus allen Richtungen und häufig wird man gefragt, was das für ein Berg sei, der so einsam aus der Landschaft ragt. Dabei ist es vielleicht der schönste Berg des Böhmischen Mittelgebirges (České středohoří). Ein gewisser T.R. Espe lässt in einem Artikel seiner Begeisterung freien Lauf

´Wenn Du, lieber Leser oder liebe Leserin einigermaßen vertraut bis mit Stadt und Dorf, Berg und Thal von Böhmen, so mußt Du auch den herrlichen Geltsch bei Leitmeritz kennen. Man sieht ihn weit herum im Kreise und in der Nachbarschaft; auch der Prager kann ihn bei heiterer Atmosphäre vom Laurenziberg oder der Marienschanze , dem altberühmten Rip (Georgsberg) zur Seite am Rande des nördlichen Horizontes mit unbewaffnetem Auge und stillem Vergnügen beschauen. Vom Süden aus besehen sitzt er wie ein Sattel auf dem Lande, woher sein böhmischer Name Sedlo stammt, oder, was meinem Sinne immer näher lag und dem stattlichen Berge mehr Ehre macht, wie ein lagernder Löwe, die schweren Tatzen vorn übereinander gelegt, den Kopf mit der prächtigen Mähne in majestätischer Ruhe nur wenig emporgehoben; in seinen Umrissen etwa so wie der Löwe, den unsre „Prager Zeitung“ oben im Schilde hat.

Der Geltsch verdient den hohen Ehrenposten, den er einnimmt, mit vollem Rechte. Die 2154 Wiener Fuß seiner Höhe könnte auch ein anderer Berg haben, das ist kein sonderliches Verdienst; eine so herrliche Aussicht über das weite Land hat aber kaum ein anderer in der Nachbarschaft; es ist über allen Zweifel erhaben, dass der Geltsch in dieser Hinsicht den vielgepriesenen, vielbesuchten Milleschauer hinter sich läßt . Von drei schönen Felsgruppen gegen Süd, West und Nord sieht man in weiter Ausdehnung über das „Paradies Böhmens“ hin, die schönbestellten Felder, die sauberen Dörfer, die freundlichen Städte, die dunklen Wälder, den im Süden bei Raudnitz herüberglänzenden Elbestrom, der im weiteren Laufe hinter den einzelnen Hügeln und Bergen mit uns Verstecken spielt, bis er in der Ebene bei Leitmeritz wie ein breites „Silberband“ vor uns liegt und dann zwischen malerischen Bergen zur Grenze fortzieht.´

(Illustrierte Blätter für Ernst und Humor, 1859)

Tatsächlich ist der Geltsch nicht nur ein vorzüglicher Aussichtsberg, er stellt an den Wanderer auch besondere Anforderungen, denn Auf- und Abstieg sind sehr steil, wie man auf nachstehenden Tourprofil ersehen kann. Bei feuchtem, rutschigen Untergrund wird von einer Begehung abgeraten.


Das Wetter war eigentlich bei unserem Besuch nicht besonders einladend, diffuser Nebel lag über dem Land, so dass keine Chance für die großartigen Ausblicke bestand, die von T.R. Espe beschrieben wurden. Das alles haben wir natürlich schon früher einmal gesehen. Ein Naturwunder hat Espe jedoch vergessen zu erwähnen (vielleicht hat er den Berg nur von unten gesehen und hat sich seinen Teil gedacht). Entlang des schmalen Pfades, zu dessen beider Seiten der Berg steil abfällt, türmen sich bizarre Phonololit- und Basaltfelsen auf oder stürzen mit dem Hang in die Tiefe. Ein Wanderfreund beschrieb diesen Grat einmal bezeichnend als Drachenrücken. Der Weg durch diesen Felsparcours ist schon ein guter Grund, hier herauf zu kraxeln. 

Ein weiterer guter Grund für den weiteren Wegverlauf ist die Ortslage von Vorder- (Přední- ) und Hinternessel (Zadní Nezly). Von diesen, auf dem Kamm des Mittelgebirges gelegenen Weilern genießt man einen phantastischen Ausblick, besonders in Richtung der südlich gelegenen Erhebungen Kelchberg (Kalich), Jungfrau (Panna) und Dreiberg (Trojhora), der das Herz erweicht. Neid ist ein impertinenter Geselle, aber nichts anderes ziehen die wenigen Günstlinge auf sich, denen es gelang, die wenigen hier befindlichen Parzellen zu ergattern. Die Welt ist ungerecht !


Der Weg führt durch den schönen Ort Lewin






 Mit Fernsicht vom Geltsch ist heute nix


… ein schönes Erlebnis ist der Drachenrücken






... und der Gipfelfels (Maienstein), er ist aber nicht der höchste Punkt




 … weiter über den Kamm














Die Herbstzeitlose blüht, der Geltsch liegt hinter uns


Herbststimmung in Hinternessel




Abendlicher Blick von Hinternessel über das Böhmische Mittelgebirge


Letzter Blick zum Geltsch


Lewin im Abendlicht




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