Donnerstag, 17. November 2011

Groß-Iser im Isergebirge ...

Ein Gastbeitrag von Werner Schorisch und Björn Ehrlich. Text M.S.



Anfang des Monats erschien im hießigen Sachsenblatt (SZ - Sächsische Zeitung) unter dem Titel "Mit der Bibel ins Isermoor" ein interessanter Artikel über die Bewohner der "Neuen Schule" in dem ehemaligen Ort Groß-Iser (~900 m hochgelegen) auf der schlesischen Seite des Isergebirges. Sie ist das einzige Gebäude, welches die Nachkriegszeit dieses abgelegenen Gebirgsdorfes bis heute überdauert hat und wird von einer netten polnischen Familie als uhrige Gebirgsbaude (Chatka Górzystów) betrieben. Seitdem es das Misthaus (im allegorischen Sinn) im benachbarten böhmischen Klein-Iser nicht mehr gibt, ist sie zu einer Anlaufstätte auch vieler deutscher Touristen geworden. Grund genug, einmal etwas über diesen Ort auf der Großen Iserwiese am Fuße des Heufuders (Stóg Izerski, 1105 m) zu berichten.


Ich habe vor über 25 Jahren zum ersten Mal von dem Ort jenseits der Iser im Misthaus von Gustav Ginzel gehört, der uns warnte, die Iser auf der Höhe der Großen Iserwiese zu besuchen, da sie Grenzfluß zwischen Polen und der CSSR ist und die dort Patroille gehenden Grenzer einen vorwitzigen "Touristen" (besonders wenn er Gast des Misthauses war) gern mal nach Reichenberg kutschierten, um ihn dann in "unsere DDR" abzuschieben. Wir hatten es damals trotzdem versucht, ohne aber direkt bis an die Iser heranzugehen. Wir wagten es eigentlich nur bis zum Raubschützenfelsen auf dem mittleren Iserkamm, von wo man einen schönen Blick auf die Große Iserwiese hat. Damals war die Neue Schule, das Einzige von ehemals 58 Gebäuden vor dem Krieg, noch von den polnischen Grenztruppen "okkupiert" - was wahrscheinlich auch der Grund dafür ist, warum sie bis heute überlebt hat. Der Raubschützenfelsen (Pytlácké kameny) soll an einen zur Zeit Napoleons lebenden "Raubschützen" mit Namen Hennerich oder so ähnlich (ich weiß es nicht mehr genau) erinnern, der damals hier am Dreiländereck zwischen Sachsen, Preussen und Böhmen sein Unwesen trieb. Gustav Ginzel erzählte nur, daß er damals in einer selbstgebauten Holzhütte unterhalb des Felsens gehaust haben soll und ein sehr erfolgreicher Wilderer war. Aber lange hat er es nicht gemacht, denn ein "Schaffgotscher" Förster soll ihn beim Trinken aus einem Gebirgsbach einfach so von hinten erschossen haben...

Groß- und Klein-Iser waren zwei sehr entlegene Gebirgsdörfer, die ihre Existenz böhmischen Exulanten, Glaubensflüchtlingen, verdanken, die sich, um der Verfolgung zu entgehen, hier gegen Ende des 30jährigen Krieges angesiedelt hatten. Sie trennte der mittlere Iserkamm und waren von Gebirgswiesen, Knieholzgürtel und Hochmooren umgeben. Um in die nächsten Orte zu gelangen, waren mehrstündige Fußmärsche von nöten und im Winter nur mit Skiern oder Schneeschuhen zu schaffen. Im Fall von Groß-Iser war das in erster Linie Bad Flinsberg am nördlichen Fuße des Isergebirges.



Aufgrund der besonders im Winter äußerst widrigen Lebensbedingungen (Temperaturen unter -20° C sind nicht selten) erfolgte der Ausbau von Groß-Iser nur sehr langsam. Wer hier siedelte, mußte schon einem besonderen Menschenschlag angehören: Landwirtschaft war auf den nährstoffarmen Moorwiesen so gut wie nicht möglich, höchstens etwas Viehhaltung. Nur Heidelbeeren gab es im Spätsommer reichlich. Während es in Klein-Iser eine Glashütte gegeben hat, war in Groß-Iser das Torf-stechen (zuerst als Brennmaterial, später als "Heilmoor" für die Moorbäder im Kurort Bad Flinsberg) und die Forstwirtschaft die einzige Erwerbsquelle, die zumindest während des kurzen Sommers Geld einbrachte. 



Zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts verbesserten sich die Bedingungen dahingehend, daß der Ort als Sommerfrische und Wanderziel entdeckt wurde und die Bewohner so andere Einkommensquellen erschließen konnten. Der Steg von Bad Flinsberg nach Groß-Iser war bereits einige Jahrzehnte zuvor hergerichtet und befestigt worden. Dadurch konnten im Sommer ein bis zwei mal die Woche Kleinhändler wie Fleischer und Bäcker mit ihren Pferdewagen den Ort besuchten und belieferten.  

Zuletzt bestand das locker angelegte Dorf aus  45 Wohnhäuser, 3 Gasthöfe mit Übernachtung, einer Jugendherberge, dem Schaffgottschen Jagdschloß und einer Försterei. Die "Obrigkeit" war mit zwei Zollhäusern vertreten. Elektrisch Licht gab es nur in den Gasthöfen und wenigen Wohnhäusern. Ansonsten wurde mit Petroleumlampen beleuchtet und auf Propangasherden gekocht. Für den Winter mußte man im Sommer sehr viel Holz spalten, wenn man es warm haben wollte. Brauchte man etwas, dann war ein mehrstündiger Fußmarsch nach Bad Flinsberg unvermeidlich.

Wie sich das Leben aus der Sicht eines jungen Mädchen, die damals die neue Schule besuchte, gestaltete, kann man in der heutigen Bergbaude lesen:


Während des zweiten Weltkrieges wurden die Lebensbedingungen, die eh schon nicht einfach waren, immer schwieriger. Die jungen Männer wurden zur Wehrmacht eingezogen und die Besucher blieben zunehmend aus. Insbesondere dem Wirt Paul Hirt ("Friedel Paul") war es zu verdanken, daß das Leben weiterging. 

Das Unglück für den Ort begann (für D begann es bereits 12 Jahre früher), als am 10. Mai 1945 russisches Militär den abgelegenen Ort erreichte, besetzte und sich dort einquartierte. Dabei wurde Paul Hirt, wie man sagt, völlig ohne Grund erschossen. Sein Grabmal kann man noch heute im Ort besichtigen:


Ab dem 21. Juni begann dann - diesmal vom nachrückenden polnischen Militär organisiert - die Vertreibung der deutschen Bevölkerung. Sie mußten von einem Tag zum anderen mit wenigen Habseligkeiten ihre geliebte Heimat verlassen. Die meisten der ~ 250 Bewohner haben sie nicht mehr wiedergesehen. Das 1913 erbaute hölzerne Jagdschloß wurde abgefackelt und in der Neuen Schule wurde eine Grenzstation eingerichtet.


Zwischen 1946 und 1956 galt Groß-Iser als militärisches Sperrgebiet. Die Häuser wurden bei "Manövern" bis auf die Grenzstation vom Militär zerstört und dem Erdboden gleichgemacht. Nur die Grundmauern erinnern noch daran, daß hier einmal Menschen gelebt haben. Ein Besuch des Ortes war kaum mehr möglich, denn es war ja Grenzgebiet. 




Seit der "Wende" hat sich die Situation grundlegend geändert. Sommers wie Winters ist die Örtlichkeit wieder für Wanderer und Naturfreunde erreichbar. Und auch die Nachfahren der ehemaligen deutschen Bewohner, die nun weit verstreut in Deutschland wohnen, sind wieder versöhnt und treffen sich ab und an in der "Neuen Schule", der  Chatka Górzystów. Sie wird von einer jungen polnischen Familie bewirtschaftet (seit 1996), die mit ihren zwei Kindern hier eine Heimat gefunden hat. Wie dazumal im Misthaus kann man in der Baude übernachten, wenn man höflich nachfragt und dann des Nachts, bei klarem Wetter, einen unbeschreiblichen Sternhimmel bewundern.





Blick zum 1122 m hohen Sieghübel. Im Vordergrund sind die Reste einiger der zerstörten Häuser zu sehen.


Und hier ein Panorama über die Große Iserwiese... und hier nochmal ganz groß ((Achtung - u.U. wegen der Größe längere Ladezeit). Rechts die Berge des Riesengebirges mit der Reifträger- und Schneegrubenbaude.

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Kommentare:

  1. Besten Dank für diese Seite. Meinen Grosseltern Berta und Wilhelm gehörte die "Isermühle", und ich bin dankbar für alle Informationen dazu.

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  2. Auch von mir vielen Dank für diese Veröffentlichung. Die Wanderung nach Groß Iser ist wunderschön, egal ob von Bad Flinsberg oder von Klein Iser her. Allerdings möchte ich empfehlen, vor Beginn der Wanderung diese Seite zu lesen. Wenn man um die Geschichte des Ortes weiß, sieht man dort vieles mit anderen (besseren) Augen.
    Birgit Proft

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  3. Ferdy Hojer 15.10.201415. Oktober 2014 um 09:17

    Meine Grosseltern kommen aus dem Isergebirge. Ihre Erzählungen über Wanderungen nach Klein Iser faszinierten mich als junger Bursche. Als der "kleine Grenzverkehr" für Einwohner der Grenzgebiete zwischen Sachsen und Nordböhmen eingeführt wurde, erkundete ich ihre Wege im Isergebirge, später auch mit Familie. Heut ist es wieder möglich die alten Grenzwege zu betreten und die Wanderungen auf die andere Seite des Gebirges zu erweitern. Es ist noch nicht solange her, da wurde man von Grenzern beider Seiten, um es vorsichtig auszudrücken, mit Nachdruck des Platzes verwiesen, aber auch nur wenn keine "Grenzverletzung" vorlag.
    Ich glaube ich muß nochmal dorthin.
    Vielen Dank für ihre wunderschöne Seite.
    Ferdy

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  4. Vielen Dank für diese Infos,wir sind neulich von Bad Flensburg nach Schreiberhau gewandert und haben Gross Iser zum ersten mal gesehen.Man kann sich vorstellen wie schön und schwer das Leben hier war.

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