Sonntag, 1. April 2012

La fusion froide est mort, vive LENR!


So oft eine neue überraschende Erkenntnis durch die Wissenschaft gewonnen wird, ist das erste Wort der Philister: es sei nicht wahr; das zweite: es sei gegen die Religion; und das dritte: so etwas habe Jedermann schon lange vorher gewußt.

Wilhelm Raabe (1831-1910)


Der Pons-Fleischmann-Effekt – Warum LENR richtig, „cold fusion“ aber Humbug ist

In meinem Blogbeitrag „Kalte Fusion – doch keine Chimäre?“ habe ich im Eindruck des Vortrages von Prof. Francesco Celani geschrieben, daß an der Sache (der „Kalten Fusion“) vielleicht doch etwas dran ist. Dabei ist mir der interessantere Teil, nämlich der Vortrag von Prof. Yogendra Srivastava erst mal durch die Lappen gegangen. Es ging da um eine theoretische Erklärung von LENR, die sogenannte Wisdom-Larson-Theorie. Grundlegende Artikel dazu kann man auf ArXiv finden (z.B. http://arxiv.org/pdf/cond-mat/0505026.pdf), die aber naturgemäß sehr technisch gehalten sind. Bevor ich näher darauf eingehe, noch ein paar Worte zum Pons-Fleischmann-Effekt. Vor nunmehr 23 Jahren (1989) begann der Wirbel um ein Experiment, welche von den genannten beiden Autoren durchgeführt wurde und daß unter dem Stichwort „Kalte Kernfusion“ eine Zeitlang die Presse beschäftigte, bis es als fehlerhaft und als nicht reproduzierbar hingestellt wurde. Danach sollte es zu Verschmelzungen von Deuteriumkernen innerhalb des Kristallgitters der Oberflächenschicht einer Palladium-Kathode während eines Elektrolyse-Vorgangs gekommen sein. Es wurde behauptet, daß die Messungen einen Energieüberschuß ergeben haben, der mit elektrochemischen Phänomenen allein nicht erklärbar ist (wenn Sie mehr darüber wissen möchten, sollten Sie den englischen Wikipedia-Artikel zur „Cold Fusion“ studieren). Da der Energie-Exzeß recht hoch war und man glaubte, He-Atome als Reaktionsprodukte gefunden zu haben, diskutierte man Fusionsreaktionen der Art: 


d) p+p->He+Positron+Elektronenneutrino (D Deuterium, T Tritium, p Proton, n Neutron, He(M) Helium der Massezahl M; bei derartigen Experimenten verwendet man Metalle wie Palladium, Nickel oder Titan, die mit Wasserstoff- oder Deuteriumgas quasi „vollgesogen“ sind)

Die Crux ist jedoch, daß derartige Reaktionen bei „Zimmertemperatur“ schlichtweg unmöglich sind. „Deuteriumbrennen“ findet in der Natur „frühestens“ in Braunen Zwergsternen sowie konvektiven Protosternen ab einer Temperatur von ~ 1 Million K statt („normales“ Wasserstoffbrennen erfordert eine Zündtemperatur von mindestens 10 Millionen K in Sternen und 100 Millionen K in Kernfusionsreaktoren). Warum das so ist, liegt an der sogenannten Coulomb-Barriere, die ein Proton durchdringen muß, um in den Atomkern seines Stoßpartners zu gelangen. Oder anders ausgedrückt, man muß zwei Protonen (welche die gleiche positive Ladung besitzen) so nahe aneinander heranführen, daß die kurzreichweitigen Kernkräfte die langreichweitigen elektrischen Abstoßungskräfte überwinden können. Und selbst das ist nur die halbe Wahrheit, denn z.B. in der Sonne kommt es nur deshalb zur Wasserstoff-Fusion, weil dort erst ein quantenmechanischer Effekt die Durchdringung der Coulomb-Barriere ermöglicht, der "Tunneleffekt". Erst bei Temperaturen oberhalb 100 Millionen K ist die kinetische Energie einiger thermischer Protonen ausreichend, um auch ohne Tunneleffekt bei Stößen miteinander verschmelzen zu können.

Die „Höhe“ der Coulomb-Barriere läßt sich größenordnungsmäßig über eine Faustformel abschätzen. Bezeichnet Z1 und Z2 die Kernladungszahl zweier Atomkerne und A die Massezahl des Target-Kerns, dann gilt näherungsweise 


was z.B. für die Reaktion b) einen Wert von ~0.7 MeV ergibt, was wiederum einer kinetischen Temperatur von über einer Milliarde K entspricht.


Ein Mechanismus, der auf kaltem Wege eine „echte“ Kernfusion ermöglicht, müßte nicht nur die exorbitant hohe Coulomb-Schwelle überwinden, sondern auch die dafür typischen Reaktionsprodukte (He, T, schnelle Neutronen und Gammastrahlung) liefern. Da insbesondere Letzteres nicht der Fall ist (Herr Rossi wäre sonst schon lange tot), kann nach allem, was wir in den letzten 100 Jahren über Kernphysik gelernt haben, eine "echte" Kernfusion keine Erklärung für den ohne Zweifel realen Pons-Fleischmann-Effekt sein. Was ist es aber dann? Das Schlüsselwort hier ist „neutron capture“, wenn man den Arbeiten von Alan Widom und Lewis Larsen (2005) folgen möchte. Neutroneneinfangreaktionen spielen auch in der Astrophysik eine große Rolle bei der Synthetisierung von Elementen (insbesondere) mit ungradzahliger Kernladungszahl sowie von Elementen oberhalb von Eisen (s-Prozeß, r-Prozeß). Dazu muß man wissen, daß freie Neutronen mit einer Halbwertszeit von 881 Sekunden (eine knappe viertel Stunde) in Protonen und Elektronen (+ Elektronen-Antineutrinos) zerfallen – was man als ß-Zerfall bezeichnet. Das Interessante ist, daß diese Zerfallsart nicht auf freie Neutronen beschränkt ist, sondern auch in instabilen Isotopen auftreten kann. Das ist immer dann der Fall, wenn bei einem radioaktiven Zerfall der entstehende Tochterkern energetisch stabiler ist (also eine geringere Energie aufweist) als der Mutterkern. Dann passiert Folgendes: Ein Neutron zerfällt in ein Proton (dabei erhöht sich die Kernladungszahl Z um 1 –> „Transmutation des Elements“ – der Traum jedes Alchimisten), wobei zusätzlich noch ein Elektron (+Neutrino) emittiert wird. Das radioaktive Isotop ist in diesem Fall ein sogenannter Beta-Minus-Strahler. Ein typischer Beta-Minus-Strahler ist z.B. (198)Au, welches bei diesem Prozeß quasi zu Quecksilber mit der gleichen Massezahl A=198, aber der Kernladungszahl Z=80 „mutiert“ (ein echter Alchimist hätte es gerne anders herum).

In AGB-Sternen (AGB – Asymptotic Giant Branch) könnte eine solche „langsam“ verlaufende Neutroneneinfangs-Neutronenzerfallskette ungefähr wie folgt aussehen:



Dabei entsteht aus einem Silberkern mit der Kernladungszahl 47 letztendlich ein Antimon-Kern mit der Kernladungszahl 51. Bedingung sind extrem starke Neutronenflüsse aus der Brennzone, die den Stern durchfluten. Näheres dazu findet man z.B. in dem Buch „Nuclear Physics of Stars“ von Christian Iliadis. Das Wesentliche hier ist, daß ein Atomkern solange Neutronen einsammelt (die Coulomb-Barriere spielt hier keine Rolle, da Neutronen elektrisch neutral sind) bis es energetisch instabil wird und deshalb seine „Energie“ durch den ß-Zerfall eines Neutrons auf einen stabilen Wert erniedrigt. In der Natur ist aber auch der gegenläufige Prozeß möglich, der dementsprechend „inverser ß-Zerfall“ genannt wird. Er tritt in verschiedenen Spielarten auf. So kann z.B. ein im Kern angeregtes Proton ein Elektron aufnehmen (z.B. aus der innersten Schale der Elektronenhülle) und dabei ein Elektronen-Neutrino sowie ein Röntgen-Photon (wenn die innerste Schale durch ein „nachrutschendes“ Elektron wieder besetzt wird) emittieren - ein Vorgang, der gewöhnlich als „Elektroneneinfang“ bezeichnet wird. Erfolgt der Prozeß dagegen „strahlungslos“, dann nennt man das Auger-Effekt. Energetisch muß dabei aber immer die Massedifferenz zwischen Neutron und Proton (~1.3 MeV/c²) ausgeglichen werden. Das kann auch durch die Bildung eines Elektron-Positron-Paares erfolgen, wobei das Elektron zur Umwandlung des Neutrons in ein Proton benötigt und das Positron zusammen mit einem Elektronenneutrino emittiert wird. Dieser Vorgang ist als Beta-Plus-Zerfall wohlbekannt. In der Grundvorlesung „Atomphysik“ lernt man, daß sich instabile Isotope mit Neutronenüberschuß gewöhnlich in Kerne mit gleichbleibender Massezahl, aber um 1 erhöhte Kernladungszahl umwandeln (Beta-Minus-Zerfall). Kerne mit Protonenüberschuß wandeln sich dagegen gewöhnlich in Kerne gleicher Massezahl, aber um 1 erniedrigter Kernladungszahl um und zwar entweder durch Beta-Plus-Zerfall (d.h. unter Emission eines Positrons) oder durch Elektroneneinfang. Auf jeden Fall muß die Zerfallsenergie die doppelte Ruheenergie eines Elektrons (1.022 MeV/c²) übersteigen, damit dieser Vorgang spontan ablaufen kann.

Das sind erst einmal Vorbetrachtungen, die aber für das Verständnis des Pons-Fleischmann-Effekts nützlich sind, wie wir noch sehen werden. Denn genau hier setzen Widom, Larsen, Srivastava und Kollegen an – an der Umwandlung eines Neutrons in ein Proton auf der Oberfläche eines Metallgitters während eines elektrolytischen Vorgangs. Bei ihnen ist nicht die starke Wechselwirkung, sondern im Wesentlichen die schwache Wechselwirkung (aber nicht allein) für LENR (Low Energy Nuclear Reactions) verantwortlich. 

Kapitulieren wir, bevor ich auf die Widom-Larsen-Theorie zu sprechen kommen, was die „Cold Fusion“-Experimente bis heute ergeben haben (Folie 42 in Celanis CERN-Vortrag):

  1. Der Effekt, den Fleischmann und Pons 1989 beschrieben haben, ist bestätigt. (!) 
  2. Diese Reaktionen (LENR genannt) treten in kondensierter Materie normalerweise in den Kristallgittern von Metallen auf. 
  3. Die Reaktionen sind Oberflächen-sensitiv. Vergrößert man die Oberfläche, dann vergrößert sich die Reaktionsrate. 
  4. Das Gitter, in dem die Reaktion stattfindet, zeigt in einigen physikalischen Eigenschaften Veränderung. 
  5. Die komplexe Reaktionsumgebung bietet viele Gelegenheiten für eine strikte Kontrolle der Randbedingungen. In den produktivsten Experimenten, in denen das Gitter mit molekularen Wasserstoff oder Deuterium gesättigt ist, wird sie durch eine chemische Umgebung beherrscht, die viele Ähnlichkeiten mit chemischen Prozessen auf der Grundlage heterogener Katalyse hat. 
  6. Die produktivsten Experimente, die ohne unabhängige wissenschaftliche Kontrolle ausgeführt wurden, behaupten, daß geheime Katalysatoren für die Erhöhung der Reaktionsrate und für die thermischen Effekte verantwortlich sind.
Weiterhin beobachtet man bei den Experimenten weder schnelle Neutronen noch nennenswerte kurzwellige elektromagnetische Strahlung, die man bei einer „klassischen“ Fusionsreaktion erwarten würde.
  • a) Der Energiegewinn (in %, was mehr „heraus“ kam als „hinein“ gesteckt wurde) lag bei der Vielzahl publizierter Experimente zwischen 2% und 200% (die Angaben von A. Rossi und Defkalion ausgenommen (600%-2500%), da nicht unabhängig verifiziert. Außerdem wird vereinzelt auch von „Selbstläufern“ berichtet (Arbeitsgruppe Yoshiaki Arata, Japan), deren prozentuale Energieausbeute dann quasi „unendlich“ wäre ;-)). 
  • b) Die besten Resultate werden mit Pa / Ni –Kathoden erzielt, wenn das Kathodenmaterial in Form von Nanopartikeln vorliegt. Auch Ti ist als Kathodenmaterial geeignet, also alles Metalle, die leicht mit Wasserstoff oder Deuterium „befüllt“ werden können (sie saugen diese Gase wie ein Schwamm auf. Pa kann z.B. das 900-fache seines eignen Volumens an Wasserstoff- oder Deuteriumgas binden). 
  • c) Man hat massenspektroskopisch Mutationsprodukte beobachtet, z.B. He-4, weniger He-3, aber auch andere Elemente.
Mit der Widom-Larsen-Theorie, deren physikalischen Grundlagen im Folgenden stark vereinfacht behandelt werden sollen, liegt eine m.E. weitgehend plausible Theorie vor, die insbesondere die Punkte 1- 3 sowie c) ohne „neue Physik“ zu erklären in der Lage ist. Es handelt sich dabei um die theoretische Beschreibung einer Art „Transmutation“, wie sie atomphysikalisch seit langem bei Beta-Plus-Strahlern beobachtet wird und die mit einer Energiefreisetzung verbunden ist. 

Wie bereits erwähnt, sind radioaktive Prozesse der Art


seit langem bekannt: Ein Elektron gelangt in einen Kern, der aus Z Protonen und N=A-Z Neutronen besteht, wobei ein Proton das Elektron einfängt und sich in ein Neutron sowie ein Elektronenneutrino umwandelt. Übrig bleibt ein „transmutierter“ Kern mit Z-1 Protonen und N+1=A-(Z-1) Neutronen. Die Reaktionskette


ist ein sogenannter „schwacher Prozeß", bei dem ein u-Quark in ein d-Quark umgewandelt wird. Für diesen Prozeß stellt der Coulomb-Wall keine Barriere dar, da das Elektron negativ geladen ist und der positive Ladungsüberschuß des Kerns den Vorgang des Elektroneneinfangs eher befördert. 

Im Unterschied zum gewöhnlichen Beta-Plus-Zerfall haben wir es hier aber mit keinem Kern mit Protonenüberschuß (und damit bereits verfügbarer „überschüssiger“ Energie) zu tun, sondern mit einem freien einzelnen Proton (oder Deuteron). Das bedeutet, daß das Elektron mit seiner Gesamtenergie die Differenz in der Ruheenergie zwischen Neutron und Proton von 


ausgleichen muß. Und hier beginnt das eigentliche Problem. Die Ruheenergie eines Elektrons liegt bekanntlich bei 0.51 MeV, was weit unterhalb der Schwellenergie von 1.29 MeV liegt. Geht man von dem (unrealistischen) Fall aus, daß im Elektrolysekasten eine Gleichspannung von 100 V anliegt, dann beträgt der Energiegewinn des Elektrons beim Durchlaufen dieser Potentialdifferenz bescheidene 100 eV – um Größenordnungen zuwenig, um die für den Elektroneneinfang notwendige Schwellenergie zu erreichen. Die Frage ist nun, existieren überhaupt physikalische Prozesse, die in der Lage sind, quasi das Energieäquivalent eines Elektrons mehr als zu verdoppeln? Und die Antwort lautet „ja“. Stark fluktuierende elektromagnetische Felder, wie sie z.B. in Laserstrahlen auftreten, sind sehr wohl in der Lage, das Trägheitsverhalten eines Elektrons so zu verändern, daß sich das elektromagnetische Feld (ausgedrückt durch ein Potential U) durch Einführung einer effektiven Masse m* in dessen Bewegungsgleichung quasi weg renormieren läßt (siehe z.B.  Landau / Lifschitz Bd. IV, „Ein Elektron im Feld einer ebenen elektromagnetischen Welle“):


(U ist genaugenommen der Mittelwert eines sogenannten Viererpotentials, das nicht nur aus einer zeitabhängigen Komponente – das gewöhnliche Potential - besteht, siehe Landau, Lifschitz, Bd. II). Ein Elektroneneinfang durch ein ungebundenes Proton erfolgt also in dieser Sichtweise immer dann, wenn für die effektive Masse des Elektrons


gilt. So weit, so gut. Wie kommt es aber zu diesem enormen Massezuwachs des Elektrons? Hier muß man nun die Festkörperphysik von Metallen bemühen und das Stichwort lautet „Heavy mass surface plasmon polaritron electronsSPP-Elektronen). Beginnen wir mit dem Begriff des Plasmons. Das klingt erst einmal nach einem Teilchen – es handelt sich dabei aber nicht um „ein“ Teilchen, sondern um eine kollektive Anregung von sehr vielen Teilchen (hier von freien, entarteten Elektronen des Fermigases, die ein Metall als freie Ladungsträger ausfüllen), die man quantisiert quasi wie „ein“ Teilchen – ein Quasiteilchen eben – behandeln kann. Ein Plasma ist bekanntlich ein nach außen neutrales, aus geladenen Teilchen (z.B. Ionen und Elektronen) bestehendes Gas. Solch ein „Gas“ befindet sich auch in jedem Metall – das Elektronengas, welches sich frei zwischen den positiv geladenen Atomrümpfen des Metallgitters (deshalb Quasineutralität) bewegen kann. Wenn wir uns jetzt vorstellen, daß sich durch irgendeine äußere Einwirkung die Elektronendichte an einem Ort ändert (sie wird z.B. größer), dann entstehen dort Abstoßungskräfte zwischen den Elektronen. Diese führen dazu, daß die Elektronen aus dem betrachteten Ort als Reaktion darauf heraus verschoben werden, wobei effektiv an diesem Ort eine überschüssige positive Ladung entsteht (die Elektronendichte wird geringer). Diese positive Ladung holt dann die Elektronen quasi wieder zurück und so entsteht eine Art von Plasmaschwingung, kurz gesagt, ein Plasmon. Plasmonen können z.B. mit Photonen in Wechselwirkung treten (die „Mischung“ von beiden nennt man Polaritron) und sind, wenn sie auf der Oberfläche eines Metalls auftreten, für deren Farbe / Metallglanz verantwortlich. Ihre Frequenz f (die über E=h f ihre Energie festlegt) ist von der Größe her mit der Frequenz von Licht vergleichbar. Dieser interessante Fakt soll hier aber nicht weiter vertieft werden. Für die Widom-Larsen-Theorie spielen jedoch gerade diese Oberflächen-Plasmonen (SPP – Surface Plasmon Polaritron) eine wichtige Rolle, da sie einzelne Elektronen energetisch aufschaukeln können (es werden lokal Feldstärken von mehr als 10^11 V/m erreicht!), bis sie eine effektive Masse annehmen, welche die Schwellenergie für den Elektroneneinfang übersteigt. Und solch ein Elektron kann nun einen inversen Beta-Zerfall verursachen, bei dem aus einem (niederenergetischen) Proton, daß sich zwischen dem Metallgitter der Kathode aufhält, ein niederenergetisches Neutron (ULM-Neutron, ULM = ultra-low momentum) und ein Neutrino entsteht. Bloß ein solches Neutron konnte in der Nähe eines Elektrolysekastens noch niemals beobachtet werden. Der Grund dafür könnte z.B. an ihrer Seltenheit liegen (man rechnet mit lediglich 10^9 bis 10^16 inversen ß-Zerfällen pro cm² und Sekunde). Er ist es aber nicht. Die Neutronen können nämlich das Metallgitter gar nicht verlassen, weil sie sofort von den Metallkernen, die das Gitter bilden (oder Fremdatomen im oder auf der Oberfläche des Gitters), sofort eingefangen werden. Der Grund dafür liegt an ihrem geringen Impuls p, der eine besonders große „Materiewellenlänge“


impliziert. Das ist weit mehr als der Atomdurchmesser (~ 1 nm) der Ni- , Pa- oder anderer Atome im Gitter oder auf der Metalloberfläche (hier paßt die Einheit barn = "Scheunentor" einmal ganz gut für den Einfangquerschnitt). Ein ULM-Neutron kann so gesehen gar nicht anders, als mit ihnen zusammenzustoßen und sich mit ihnen zu einem (meist instabilen, da Neutronenüberschuß) Isotop zu vereinen (ein Akt der starken Wechselwirkung). Und nun beginnt die fröhliche Energieproduktion. Ich halte mich jetzt einmal an das Beispiel der Originalveröffentlichung. Mit Hilfe von www.chemglobe.org oder Wolfram Alpha (z.B. „Li 8“ eingeben) kann man sich eigene, mögliche Zerfallsprozesse selbst zusammenbasteln. Angenommen, die Oberfläche des Kathodenmaterials ist mit Lithium-Atomen verunreinigt. Dann könnte ein UML-Neutroneneinfang folgende Zerfallskette initiieren:


Dabei wird eine Energie von ~26.9 MeV freigesetzt, was vergleichbar mit der Energie ist, die bei der Reaktion c) bei einer „heißen“ Fusion frei wird! Sie kann direkt noch in der Kathode thermalisiert werden, was u.U. zu deren Zerstörung (Schmelzung) führt. 

Die Reaktion könnte sogar weiter geführt werden in der Art


womit der Kreislauf geschlossen ist und weitere 2.95 MeV an Energie produziert werden (ein hübscher Zyklus, erinnert ein wenig an den Bethe-Weizsäcker-Zyklus im Innern massereicher Hauptreihensterne). 

Also noch mal der wichtigste Punkt der Theorie. Es gibt auf Festkörperoberflächen kollektive Phänomene, die in der Lage sind, hohe Energiebeträge auf ansonsten „langsame“ Elektronen zu übertragen wobei eine Reaktionskette angestoßen wird, die in etwa dem s-Prozeß der Elementebildung in Sternen entspricht. Experimente an bestimmten hydratisierten Metallen (Pa, Ni, Ti) zeigen, daß es dort zu einem Energieexzeß kommt (Pons-Fleischmann-Effekt), der nicht auf chemische bzw. elektrochemische Prozesse zurückgeführt werden kann. Die Widom-Larsen-Theorie (pre reviewed) gibt dafür eine logisch schlüssige Erklärung, die auf „bekannte“ Physik aufbaut und in all ihren Schritten theoretisch plausibel ist. Man sollte deshalb nicht mehr von „Kalter Fusion“ sprechen, denn diese ist schon aufgrund der Coulomb-Barriere physikalisch in einem Elektrolysekasten nicht realisierbar, sondern besser von LENR: 

La fusion froide est mort, vive LENR!

Man hat mittlerweile nicht nur in der Festkörperphysik Anwendumgen von LENR gefunden. Prof. Srivastava geht in seinem Vortrag auch auf Prozesse ein, die z.B. in der Sonnenkorona stattfinden bzw. die mit dem Phänomen der solaren Flares zu tun haben. Auch hier spielen kollektive Phänomene offensichtlich eine Rolle, die es erlauben, in magnetischen Flußröhren gespeicherte Energie via LENR in die kinetische Energie von Teilchenströme zu transformieren. Das würde u.a. das alte Rätsel lösen, wie bestimmte kurzlebige Isotope in die Sonnenkorona gelangen, für die es dort überhaupt keine Entstehungsmechanismen gibt. 

Damit will ich meine kleine physikalische Abhandlung schließen und kurz noch meine Meinung zu LENR als zukünftige „grüne“, CO2-freie, die Landschaft nicht verschandelnde Energiequelle kund tun. 

Die absoluten Leistungen, die in den dokumentierten Experimenten gemessen wurden, sind ohne Zweifel noch bescheiden (einige Dutzend Watt). Was Rossi und sein e-Cat betrifft, da will ich erst einmal abwarten, wie sich die (crime?) Story weiterentwickelt. Solange sein „Gerät“ nicht zu kaufen ist und jedermann feststellen kann, daß es, auch, wie behauptet, funktioniert und er sein „Geheimnis“ verständlich und nachvollziehbar offen gelegt hat, bin ich geneigt, ihn als Scharlatan (der Begriff stammt übrigens von Johann Burkhard Mencke aus Leipzig) zu betrachten. Andernfalls sind die Energien, die pro Zerfallsvorgang der oben beschriebenen Art frei werden so enorm, daß ein Weiterverfolgen der Experimente – jetzt von einer plausiblen Theorie unterstützt – auf jeden Fall anzuraten ist (wird eh gemacht). Was am Ende raus kommt – ein Flop oder eine neue, effektive Energiequelle, wird die Zukunft zeigen. Aber auf jeden Fall sind m.E. Stanley Pons und Martin Fleischmann (ein gebürtiger Böhme aus Karlsbad) mittlerweile rehabilitiert – und das sollte man langsam auch mal wieder der Öffentlichkeit sagen…


Kommentare:

  1. Sehr guter Artikel.
    Ich hoffe das im deutschsprachigen Gebiet die Forschung und Entwicklung und auch die Wirtschaft diese Fakten deuten um nicht den Zug sozusagen verpassen der in naher Zukunft unsere Arbeitsplätze sichert und unseren Wohlstand.
    Ganz zu schweigen von der Versorgungssicherheit mit sauberer Energie. etc..

    LENR4you

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  2. Die Srivastava-Widom-Larsen Theorie erklärt auch die gemessene Neutronenproduktion bei Gewitter-Blitze. (http://arstechnica.com/science/news/2012/03/nuclear-lightening.ars)

    Guter Artikel.

    ein WP-editor

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  3. Danke für diesen sehr interessanten Beitrag. Allerdings sollten Sie diese theoretischen Überlegungen nochmals überdenken, da nach den Aussagen von Rossi, Foccardi etc. bei ihren LENR Experimenten mit Nickel und Wasserstoff sehr wohl Gammastrahlung emmitiert wird, welche an einer Bleiplatte in Wärme umgewandelt wird.

    Quelle:
    http://www.youtube.com/watch?v=S7lAlzMBzLQ

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  4. Lieber Herr Scholz,

    ich werde Ihren für mich sehr erhellenden Beitrag auf meiner eigenen Homepage verlinken.

    Schöne Grüße aus der Provence,

    Edgar L. Gärtner

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    1. http://rulev-igor.narod.ru/theme_141.html
      lesen Sie hier

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  5. La fusion froide est morte..
    Ist der erste Schritt in der WL-Theorie, die Bildung schwerer Elektronen, ein von der bekannten Physik genauso wenig akzeptiertes Phänomen wie die ganze Kalte Fusions Geschichte ?
    Trotzdem Physik 1, Französich 3

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  6. Geniale Darstellung der komplexen Materie,danke!
    Kosbrueg

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  7. Letztendlich müsste man trotzdem eine charakteristische Gammastrahlung messen und die Reaktionen zweifelsfrei identifizieren.

    Genauso sieht es für die Neutronen aus, da verhindert auch die niedrige nicht, dass ein Anteil das Metall verlässt. Schließlich ist es immer noch ein stochastischer Prozess.

    Auch wenn man für die ersten beiden Überprüfungen irgendwelche Ausreden findet, so gibt es keine Entschuldigung für eine Isotopenspektroskopie. Sie würde eindeutig die Ausgangsprodukte identifizieren und zeigen, ob da noch etwas dran ist.

    Und wie sieht es mit den Reaktionsraten aus? Das ist doch ein nicht zu unterschätzender Faktor.


    Die Beweislage scheint noch sehr dünn zu sein, obwohl es doch so einfach wäre die entsprechenden Messungen durchzuführen...

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    1. Ich gebe Ihnen da recht. Was man auf den einschlägigen Webseiten von den Rossi-Kochern hört, klingt für mich immer noch nach Marketing-Propaganda. Was die Fachartikel zum Thema betrifft (siehe z.B. arxiv.org), sind sie selbst in das Bild LENR nicht immer einfach einzuordnen, weil ich - genauso wie Sie - Effekte vermisse, die ich eigentlich aus kernphysikalischen Gründen erwarten würde. Trotzdem würde ich die Sache - im Gegensatz zu Rossis Wunderlampe - nicht als Quatsch abtun, denn ich gehe davon aus, daß die publizierenden Experimentatoren sorgfältig arbeiten. Also, die Sache weiterverfolgen. LENR muß ja noch nicht der Weisheit letzter Schluß gewesen sein ... M.S. zu La fusion froide est mort, vive LENR!

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  8. Danke für den interessanten Artikel; das Widom-Larsen-Theorem ist übrigens nicht der einzige Erklärungsansatz für LENR. Stoyan Sarg Sargoytchev beschreibt in seinem Paper "Theoretical Feasibility of Cold Fusion According to the BSM - Supergravitation Unified Theory" ( http://www.helical-structures.org/Publications/Sarg-Cold-Fusion-feasibility.pdf ) z.B. die recht interessante These, dass unsere vereinfachte Vorstellung des Bohrschen Atommodells schlichtweg nicht stimmt.

    Seiner These nach weisen die Atome der einzelnen chmischen Elemente mehr oder weniger starke Abweichungen von Bohrs "Kugelmodell" auf. Gerade aber das Kugelmodell ist ja die Voraussetzung dafür, dass die Coulomb-Barriere als EIN Wert angesehen werden kann: Weicht die Form der Atome hiervon aber ab, dann ist das, als ob der Wall einer Burg nicht überall gleich hoch ist -ein "Eindringling" könnte sich also stattdessen mit weniger Energie eine niedrigere Stelle des Walls aussuchen.
    Sargoytchevs Papier ist auch deshalb interessant, weil es die Prognose wagt, dass mit Chrom statt Nickel ebenfalls LENR Reaktionen zu erwarten sein sollten.
    Seine Theorie erklärt auch, warum wir weniger radioaktive Zerfallsprodukte zu erwarten haben als bei der "heissen" Fusion (=weil der Einbau des Protons in das Nickel-Atom zu einem Kupfer-Atom führt, dessen Grundstruktur derjenigen des Nickel-Atoms so ähnlich ist, dass keine grösseren "Umbauten" innerhalb des Atomkerns stattfinden, welche Instabilitäten und Zerfallsprozesse auslösen).
    Es erklärt meines Erachtens aber *nicht*, warum keine Gammastrahlung zu beobachten sein soll!

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  9. Thanks to cover tha subject.

    about Theory, first there is non validated and many ridiculous. WL theory is interesting, populare, but it seems refuted... However it is based on key assumption (not enough) that are to be reminded :
    - usual quantum physics is respected
    - it is a collective effect
    - near the surface

    the better and best approache is for be by Edmund Storms, the LENR editor/reviewed of Naturwissenschaften

    http://lenr-canr.org/acrobat/StormsEexplaining.pdf (paper)
    https://www.youtube.com/watch?v=qfpdvwaQSnA (video)

    He is the author if that review published in naturwissenschaften
    http://lenr-canr.org/acrobat/StormsEstatusofcoa.pdf
    and of this student manual
    http://lenr-canr.org/acrobat/StormsEastudentsg.pdf

    about LENR in general we seems neer to reachin industrial application , even if business practice are less rigorous (many carpet baggers and scam artist) than science.
    This summary is well made
    http://www.lenrftw.net/home/are-low-energy-nuclear-reaction-devices-real

    note also the fantastic book of Mats Lewan on E-cat saga: An Impossible invention
    http://animpossibleinvention.com/


    to understand the real story of cold fusion, best is to read Excess Heat by Charles Beaudette
    http://iccf9.global.tsinghua.edu.cn/lenr%20home%20page/acrobat/BeaudetteCexcessheat.pdf#page=35

    to understand how the frauds and manipulations agains cold fusion was conducted, beside the good description in excess heat you can read :
    http://www.lenr-canr.org/acrobat/RothwellJcoldfusion.pdf#page=4
    http://pages.csam.montclair.edu/~kowalski/cf/293wikipedia.html
    http://newenergytimes.com/v2/conferences/2012/ICCF17/papers/Miles-Examples-of-Isoperibolic-Slides-ICCF-17.pdf
    http://lenr-canr.org/acrobat/Fleischmanreplytothe.pdf

    then more general article on paradigm change resistance, groupthink
    http://www.uky.edu/~eushe2/Pajares/Kuhn.html http://www.princeton.edu/~rbenabou/papers/Groupthink%20IOM%202012_07_02%20BW.pdf
    and science history
    http://amasci.com/weird/vindac.html
    http://www.mosaicsciencemagazine.org/pdf/m18_03_87_04.pdf


    good reading (sorry it is in English)

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