Mittwoch, 24. Oktober 2012

Gartenbaumläufer

Ein Gastbeitrag von R. Gründel, Zittau




Es gehört schon etwas Glück dazu, einen Baumläufer emsig den Stamm eines Baumes hinaufhuschen zu sehen (immer von unten nach oben - wenn andersrum, dann ist es sicherlich ein Kleiber ...). Nun gibt es aber bei uns zwei Arten von Baumläufern, den Gartenbaumläufer und den Waldbaumläufer. Selbst für den Kenner sind sie nicht leicht zu unterscheiden. Am besten unterscheidet man sie noch an ihrem Gesang. Aber welcher Baumläufer singt gerade, wenn er einen Baum hinauf huscht? Dann hilft es nur, mit dem Fernglas auf die Unterscheidungsmerkmale zu achten. Der Schnabel des Waldbaumläufers ist etwas kürzer als der des Gartenbaumläufers, Der Oberkopf ist deutlicher, vor allem im Bereich der Stirn, hell längsgestreift Die Unterseite erscheint seidenweiß und ist ohne bräunliche Flanken. An den Flügeln sind die hellen Streifen nicht stufig gestaffelt. Davor sieht man einen größeren eckigen oder runden Fleck. Das sicherste Unterscheidungsmerkmal ist jedoch die Kralle der Hinterzehe. Sie ist beim Waldbaumläufer länger als beim Gartenbaumläufer. 

Sieht man einen Baumläufer irgendwo in unseren westlichen Bundesländern, dann kann man davon ausgehen, daß es sich um einen Gartenbaumläufer handelt. Beobachtet man dagegen einen Baumläufer in Ostpolen, dann ist es sicherlich ein Waldbaumläufer. Bei uns in der Oberlausitz ist es dagegen schwieriger, denn bei uns gibt es beide Arten nebeneinander. Warum das so ist, hängt mit der Artbildung zusammen. Das Stichwort ist hier "allopatrische Speziation". Während der letzten Eiszeit, als sich das Inlandeis langsam in den mitteleuropäischen Raum hinein schob, wurde der Lebensraum des Baumläufers in zwei Bereiche getrennt. Eine Population überlebte in den Laubwäldern des Mittelmeerraumes, während die andere Population in die Nadelwälder Sibiriens abgedrängt wurde. Durch das Inlandeis konnten sie sich nicht mehr mischen, und so passten sich die einen an Laubwälder und die andere an Nadelwälder an. Die Zeit reichte aber nicht aus, um sich auch phänomenologisch weit auseinander zu entwickeln. Mit dem Schwinden des Inlandeises vor etwas mehr als 10000 Jahren begannen sich die beiden Populationen wieder zu vereinigen - über den Westen als Gartenbaumläufer und über Osten der Waldbaumläufer. Die allmähliche Klimaerwärmung ermöglichte dem Waldbaumläufer, England zu erreichen, bevor das Meer anstieg. Der Gartenbaumläufer blieb den wärmeliebenden Wäldern verhaftet, so daß er die Landbrücke des Ärmelkanals nicht mehr bezwingen konnte, bevor sie überflutet war. So entstand das Paradoxon, daß die östliche Art England besiedelt hat und die westliche Art nicht. 

Daß sich beide Arten heute nicht wieder mischen, liegt weniger daran, daß es biologisch nicht möglich wäre. Es ist eher ein Kommunikationsproblem. Die Gesänge der beiden Arten haben sich nicht nur zum Vorteil für den Ornithologen auseinander entwickelt. Auch eine Gartenbaumläuferin fühlt sich von dem Gesang eines Waldbaumläufermannes nicht mehr sonderlich angezogen und umgekehrt. Darüber hinaus bevorzugen sie auch noch jeweils andere Lebensräume. Deshalb kommen sie quasi nicht zusammen und bleiben damit unter sich. Übrigens, die letzte Eiszeit hat uns auch noch andere sehr ähnliche Arten beschert: Weiden- und Fitislaubsänger, Nebel- und Rabenkrähe, Rot- und Weißsterniges Blaukehlchen, Nachtigall und Sprosser, Winter- und Sommergoldhähnchen usw.

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