Mittwoch, 9. Dezember 2015

Lesestoff: Über Pi, Knaffs und grüne Hunkis sowie Glocken ohne Klöppel...

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Bücher und Bibliotheken sind die bei weitem wichtigsten Erfindungen der Menschheit, nicht etwa das Fernsehen, das Internet, das Automobil oder grad das Smartphone, wie manche vielleicht annehmen mögen. Denn sie bewahren Wissen über die Lebensdauer der Menschen hinaus auf, die dieses Wissen einst einmal zusammengetragen, zusammengestellt und vielleicht sogar selbst erarbeitet haben.


Sie stellen das eigentliche Gedächtnis der Menschheit dar und sind damit die Grundlage für jeden wissenschaftlich-technologischen und natürlich auch kulturellen Fortschritt. Deshalb verachtet Bücher nicht! Denn ohne Bücher und Bibliotheken gäbe es mit Sicherheit heute all das nicht, was unser Leben in einer modernen Gesellschaft so bequem und lebenswert macht. Schon der große mährische Pädagoge Johann Amos Comenius (1592-1670) schrieb im Jahre 1650: 

„Wenn es keine Bücher gäbe, wären wir alle völlig roh und ungebildet, denn wir besäßen keinerlei Kenntnisse über das Vergangene, keine von göttlichen oder menschlichen Dingen. Selbst wenn wir irgendein Wissen hätten, so gliche es den Sagen, die durch die fließende Unbeständigkeit mündlicher Überlieferung tausendmal verändert wurden. Welch göttliches Geschenk sind also die Bücher für den Menschengeist! Kein größeres könnte man sich für ein Leben des Gedächtnisses und des Urteils wünschen. Sie nicht lieben heißt die Weisheit nicht lieben. Die Weisheit aber nicht lieben bedeutet, ein Dummkopf zu sein. Das ist eine Beleidigung für den göttlichen Schöpfer, welcher will, dass wir sein Abbild werden.“ 

Wunderkammern

Eng mit den Bibliotheken verwandt (in denen man bekanntlich Bücher sammelt) ist das Panoptikum, die Wunderkammer, in der man seit dem späten Mittelalter und in der beginnenden Neuzeit „Dinge“, in erster Linie „Kuriositäten“, naturkundliche Objekte sowie Kunstgegenstände, meist unsystematisch gesammelt und aufbewahrt hat.


Ein weltweit bekanntes Beispiel ist das „Grüne Gewölbe“ in Dresden, welches Sie unbedingt besuchen sollten, wenn Sie es einmal nach Dresden verschlägt. Es ist die Schatz- und Wunderkammer der Wettiner Fürsten, die darin ihre Kunstschätze seit 1724 öffentlich zugänglich gemacht haben. Der Begriff der „Wunderkammer“ wurde meines Wissens zum ersten Mal in der sogenannten „Zimmerischen Chronik“, der Familienchronik der Grafen von Zimmern aus Meßkirch in Baden-Württemberg (sie entstand zwischen 1564 und 1566), verwendet, um damit eine unspezifische Kunst-, Naturalien- und Kuriositätensammlung zu bezeichnen, wie sie besonders im Zeitalter des Barocks unter Landesherrn und vermögenden Bürgern weit verbreitet waren. Es gab auch „städtische Wunderkammern“, die sich, wie die im ostsächsischen Zittau, bis auf das Jahr 1564 zurückverfolgen lassen. In genau diesem Jahr wurde hier mit der Schenkung einer Wiener Standsonnenuhr quasi ihr „Grundstein“ gelegt. Aus deren Bücherbestand entwickelte sich im Laufe der folgenden Jahrhunderte eine überaus wertvolle Bibliothek, die zu Teilen noch heute im Altbestand der Christian-Weise-Bibliothek erhalten geblieben und Interessenten zugänglich ist. Einige der Kunstgegenstände daraus (wie z. B. der „Engelmannsche Himmelsglobus“ von 1690) können im Zittauer Stadtmuseum besichtigt werden.


In früheren Zeiten bezeichnete man eine „Wunderkammer“ meist als ein Panoptikum. Heute wird dieser Begriff gewöhnlich nur noch als Synonym für ein „Wachsfigurenkabinett“ verwendet, welches ja, wenn man es richtig betrachtet, in einem gewissen Sinn auch eine spezielle Art von „Wunderkammer“ ist, insbesondere dann, wenn man sich vor Augen führt, wie die dort ausgestellten und ausgesprochen lebensecht wirkende Figuren hergestellt werden. Wir wollen uns an dieser Stelle unter einem „Panoptikum“ jedoch eher so etwas wie ein „Kuriositätenkabinett“ vorstellen, das eine Vielzahl unterschiedlichster wunderlicher Dinge enthält, wobei der Begriff „wunderliche Dinge“ sehr weit gefasst wird und nicht nur „dinghafte“ Objekte, sondern auch Begebenheiten, Lebensschicksale, wissenschaftliche und philosophische Erkenntnisse, geschichtliche Ereignisse sowie technische und kulturelle Errungenschaften umfassen soll. Und wenn diese Dinge nicht nur bemerkenswert, sondern auch noch interessant sind (d. h. eine kognitive Anteilnahme auch ohne erkennbaren höheren Zweck bei Ihnen als Leser oder Betrachter hervorrufen), ja dann sind sie vielleicht sogar Thema dieses Buches… 

Es gibt nichts Neues unter der Sonne

So, und das soll auch schon die ganze Vorrede gewesen sein. Denn wie heißt es schon in der Bibel (Prediger 1,9): „Es gibt nichts Neues unter der Sonne.“ Denn, wenn man es wirklich ganz genau betrachtet, ist alles, was Sie im Folgenden lesen werden bzw. sogar alles, was Sie in ihrem Leben bereits gelesen haben oder je noch lesen werden, in einer codierten Form in einer Zahl enthalten, deren ersten drei Ziffern (eine Vorkommastelle, zwei Nachkommastellen) sie garantiert kennen. Und wenn Sie sich darüber hinaus noch folgenden, etwas holprigen Spruch merken und dabei auch noch dessen Sinn erkennen, dann kennen Sie die Kreiszahl Pi – und um die geht es hier - sogar bis auf 31 Stellen nach dem Komma genau:

„Sei e hoch i reell bezwecket, es klappt nicht mit jenem Exponent. Imaginäre Untiefe verdecket, wer Pi mit Primzahl zwei dezent zu dieser Zahl mit Mut verrührt, bis so Einheit Erweckung spürt.“ 


Die geheimnisvolle Zahl Pi

Das ist doch schon etwas. Denn wer kennt denn schon diese Zahl auf 32 Stellen genau? Der „inoffizielle“ Weltrekord beim memorieren der Kreiszahl liegt übrigens bei 83.431 Nachkommastellen und der „offizielle“ bei 67.890, was etwas weniger als die Hälfte der Anzahl der Wörter in diesem Buch entspricht.


Pi, also das Verhältnis des Umfangs eines (euklidischen) Kreises zu dessen Durchmesser, ist nämlich eine ganz besondere Zahl, denn es handelt sich um eine nichtrationale reelle Zahl (d. h. sie kann nicht als Bruch zweier ganzer Zahlen aufgeschrieben werden), sowie um eine transzendente Zahl, was bedeutet, dass sie unendlich viele Stellen besitzt und die sich nicht ab einer bestimmten Stelle periodisch wiederholt. Der mathematisch exakte Beweis dafür gelang im Jahre 1882 dem deutschen Mathematiker Ferdinand von Lindemann (1852-1939). Und da Pi bekanntlich auch der Fläche eines Einheitskreises entspricht, folgt daraus zwingend, dass eine Quadratur des Kreises (einer Aufgabe, an der sich schon die Mathematiker des alten Griechenlands ihre Zähne ausgebissen haben) unmöglich ist. Was ist nun das Besondere an solch einer transzendenten Zahl? Der Mathematiker würde sagen, dass sie erst einmal irrational ist und zum anderen, dass sie niemals die Nullstelle eines irgendwie gearteten Polynoms mit ganzzahligen Koeffizienten sein kann – was ihre Transzendenz begründet. Praktisch bedeutet das, dass eine derartige Zahl eine Folge von Ziffern ist, die keine wie auch immer geartete Regelmäßigkeit erkennen lässt. Man muss gewöhnlich jede einzelne Ziffer davon separat berechnen (was man einen „Tröpfelalgorithmus“ nennt) und es lässt sich nie exakt vorhersagen, was wohl die nächste Ziffer in der Ziffernfolge sein wird - es sei denn, man rechnet sie aus. Von Pi sind heute bereits mehr als 12.100.000.000.000 Nachkommastellen bekannt (die Computer laufen noch!). Und dabei gilt: 

„Jede endliche Näherung von Pi (unabhängig, wie groß sie auch ausfallen mag) ist klein gegenüber den unendlich vielen Stellen, die diese Zahl ausmacht.“ 

Jedes Buch der Welt ist in Pi enthalten

Wenn man jetzt noch beweisen könnte, das Pi eine sogenannte „normale“ Zahl ist, d. h. dass jede der Ziffern 0, 1, … 9 in ihr mit gleicher Häufigkeit vorkommt, dann führt das zu einer zutiefst logischen, aber unausweichlichen Konsequenz: Dieses Buch, welches Sie hier lesen (und genaugenommen jedes geschriebene und noch zu schreibende Buch auf der Welt) ist in verschlüsselter Form irgendwo in Pi enthalten.


Und auch in allen denkbaren Kombinationen von Druckfehlern etc. pp. „Verschlüsselt“ bedeutet hier nichts weiter, als dass man z. B. irgendeinen Buchstaben oder ein Zeichen gemäß dem ASCII-Code (als Beispiel für eine häufig verwendete Codierung) durch drei aufeinanderfolgende Ziffern verschlüsselt und auf diese Weise eine beliebige Zahlenfolge in Pi in eine Buchstabenfolge rückübersetzen kann. Es ist bei einer normalen transzendenten Zahl mit unendlich vielen Nachkommastellen natürlich müßig, in ihr konkret nach einem codierten Buch zu suchen (wie gesagt, jeder endliche Teil dieser Zahlenfolge ist (winzig) klein gegenüber der gesamten (unendlichen) Zahlenfolge). 

ISBN und Pi

Aber nun haben sich ein paar Enthusiasten gedacht, man kann die Sache ja einmal ganz entspannt angehen und schauen, welche Bücher in den ersten 50 Millionen Nachkommastellen von Pi enthalten sind – und zwar anhand ihrer ISBN-Nummer. Also flugs ein Programm geschrieben und alle ISBN-Nummern überprüft, ob ihre 13 Stellen irgendwo in diesem winzig kleinen Teil der Ziffernfolge, die Pi ausmacht, hintereinander auftauchen. Und man wurde auch prompt fündig. 

Schneeweißchen und Rosenrot

So konnten schon beim ersten Versuch 3 Bücher auf diese Weise in Pi aufgefunden werden, darunter die holländische Ausgabe des Märchens „Schneeweißchen und Rosenrot“ der Gebrüder Grimm. Dieses leider in der heutigen Zeit etwas in Vergessenheit geratene Märchen hat in einem Lied der deutschen Rockgruppe „Rammstein“ erst kürzlich eine gewisse Renaissance erfahren („Rosenrot“) und ist schnell auf YouTube zu finden.



Ursprünglich ist dieses Märchen selbst eine Adaption eines anderen Märchens gewesen, welches auf die Pädagogin Karoline Stahl (1776-1837) zurückgeht und das 1837 in die berühmten Sammlung „Kinder- und Hausmärchen“ der Gebrüder Grimm (Jacob (1785-1863) und Wilhelm Grimm (1786-1859)) aufgenommen wurde. Dass dieses Märchen eine besonders tiefe tiefenpsychologische Bedeutung zukommt, wusste aber weder Karoline Stahl, die es erfunden hat, noch ahnten es die Gebrüder Grimm, die es in ihre Märchensammlung übernommen hatten. Erst der bekannte Theologe und Psychoanalytiker Eugen Drewermann, der übrigens eine sehr lesenswerte Biografie über Giordano Bruno (1548-1600) geschrieben hat (ISBN 3-423-30747-1), gelang diese wahrhaft fundamentale Entdeckung… 

Die Gebrüder Grimm und das „Deutsche Wörterbuch“

Doch zurück zu den Brüdern Grimm. Ihre eigentliche Leistung als Germanisten liegt in der Herausgabe des „Deutschen Wörterbuchs“, ein Werk von 34.824 Seiten, welches erst 1961, also 123 Jahre nach dessen Beginn, vollendet werden konnte.


Es ist heute für jedermann im Internet kostenlos einsehbar, kann aber auch als 33-bändige gedruckte Ausgabe in Leder für schlappe 4000 € als Zierde für die heimische Bücherwand erworben werden. Wenn man also wissen will, was ein bestimmtes deutsches Wort, welches es eventuell noch nicht bis in die Wikipedia geschafft hat, genau bedeutet, dann ist Grimm’s Wörterbuch zweifellos die erste Wahl, um das in Erfahrung zu bringen. Oder wissen sie auf Anhieb, welche Bedeutung das Verb „abblatten“ hat? „Entblättern“ ja, aber „abblatten“? Wenn ja, denn sind Sie entweder Mediziner oder Jäger. Denn „abblatten“ tut das Wild, wenn es das grüne Laub von jungen Bäumen zupft oder aber das Schultergelenk, wenn aus irgendeinem Grund der Nervus suprascapularis gelähmt ist. Wörter haben also eine Bedeutung und eine Herkunft. Beides versuchten Jacob und Wilhelm Grimm für jedes deutsche Wort, dessen sie habhaft werden konnten, zu ermitteln. 

Was ist ein Idiot?

Dabei gingen ihnen natürlich einige Wörter durch die Lappen. So beispielsweise das schöne und oft genutzte Wort „Idiot“, welches aus dem Griechischen stammt und eigentlich nichts anderes als eine „Privatperson“ bezeichnet.


Heute weiß man, dass eine Privatperson unter gewissen Umständen durchaus ein „Idiot“ sein kann, und zwar dann, wenn sie sich wie ein Dummkopf oder Trottel anstellt. Das Wort „idiotes“ hat also seit Homer einen gewissen Bedeutungswandel erfahren. Deshalb fühlt man sich auch beleidigt, wenn man als „Privatperson“ (oder noch häufiger als „Amtsperson“) auf diese Weise tituliert wird. Wir verwenden alle tagtäglich eine Unmenge von Wörtern, deren Bedeutung uns als Muttersprachler zwar voll bewusst ist, aber über deren Herkunft wir gewöhnlich so gut wie nichts wissen. 

Etymologisches Wörterbuch

Damit sich dieses „Nichtwissen“ nicht kultiviert, wurde 1883 das „Etymologische Wörterbuch der Deutschen Sprache“ erfunden und bis heute 25-mal verlegt. Es ist mittlerweile im „Digitalen Wör-terbuch der deutschen Sprache“ aufgegangen. Darin zu schmökern kann durchaus Spaß machen. Lehrreich ist es allemal. So weiß man gewöhnlich, dass in einer Poliklinik (DDR-Bezeichnung für ein Ärztehaus) viele Krankheiten behandelt werden und dass der Polytheismus die Vielgötterlehre ist. Aber warum zum Teufel wird „Poli“ einmal mit „i“ und „Poly“ ein anderes Mal mit „y“ ge-schrieben? Haben Sie sich darüber schon einmal Gedanken gemacht? Die Antwort ist eigentlich ganz einfach. Das griechische Wort „polys“ bedeutet „viel“ – deshalb Polyp, wenn man viele Arme hat oder Polyhistor, wenn man ein „Vielwisser“ ist wie z. B. Gottfried Wilhelm Leibnitz (1646-1716) oder, unter den Physikern, Lew Landau (1908-1968), oder Sie selbst, wenn Sie Zeit und Mut aufbringen, dieses Buch bis zum Ende zu lesen. Die Polizei dagegen ist genauso wie die Poliklinik nichts weiter als eine städtische Einrichtung. Und eine Stadt nannten die Griechen nun mal „Polis“ – so wie die Amerikaner ihre große Stadt in Indiana „Indianapolis“ oder ihre große Stadt in Minnesota folgerichtig „Minneapolis“ nannten. Dass man im preußischen Berlin in manchen zwielichtigen Kreisen die Polizisten verächtlich „Polypen“ geschimpft hat (und zwar bevor dafür das schöne Wort „Bullen“ in den allgemeinen Sprachgebrauch, insbesondere einiger linksalternativer Mitbürger, überging), muss entweder an deren rudimentären Griechisch-Kenntnissen oder der Fähigkeit der Polizei, wie ein „Polyp“, quasi „vielarmig“, Gesetzesbrecher zu ergreifen, gelegen haben. 

Hans Albers als „Der Greifer“

Daraus leitete sich dann, glaube ich, die quasi wieder eingedeutschte Form „Der Greifer“ für einen ganz bestimmten Polizisten aus Essen ab (genauer Otto Friedrich Dennert, „Kriminaloberkommissar“), der in dem gleichnamigen Film von 1958 durch Hans Albers (1891-1960) verkörpert wurde.


Hans Albers sieht man heute nicht mehr so oft im Fernsehen. 

Münchhausens Ritt auf der Kanonenkugel

Aber sein Ritt auf der Kanonenkugel in dem Film „Münchhausen“ von 1943 ist und bleibt trotzdem legendär. Da fragt man sich als Laie: Ist so etwas überhaupt möglich? Als Physiker möchte ich antworten: Ja, natürlich. Wenn die Kanonenkugel auf dem Boden liegt. Einfach draufsetzen. Andernfalls, im Fluge, nein. Die Abschussgeschwindigkeit einer Kanonenkugel zur Zeit des Russisch-Österreichischen Türkenkrieges (zu jener Zeit handelt der Film) dürfte bei ~150 m/s gelegen haben.


Da ist nicht nur das Aufsteigen ein ernstes Problem. Selbst das „Festhalten“ dürfte in realo ziemlich schwierig werden. Auch das Kunststück, welches der Legende nach Hieronymus Carl Friedrich von Münchhausen (1720-1797) vor der Feste Otschakov am Schwarzen Meer vollbrachte, indem er mitten im Flug auf eine entgegenkommende Kanonenkugel umstieg, erscheint bei einer Relativgeschwindigkeit von dann, sagen wir mal 300 m/s, bereits vom Gefühl her als etwas unrealistisch. Ich denke, hier hat der Baron eindeutig gelogen. Das Gleiche gilt auch für „Münchhausens Theorem, Pferd, Sumpf und Schopf“ (Hans Magnus Enzensberger). Denn wenn es wahr wäre und der Baron hätte sich wirklich selbst mit samt seinem Pferd – und zwar am eigenen Schopf – aus dem Sumpf gezogen, dann hätte Isaak Newton (1642-1726) mit seinem Theorem „actio=reactio“ wahrlich einpacken können. Die Welt würde sich dann aber auch viel wunderlicher verhalten und wäre wahrscheinlich nicht mehr wiederzuerkennen. Also, wenn Sie einmal die dem Baron von Münchhausen zugeschriebenen Geschichten lesen möchten (was ich nur empfehlen kann, z. B. auf Google Books „Des Freiherrn von Münchhausen wunderbare Reisen und Abentheuer zu Wasser und zu Lande“), behalten Sie immer im Hinterkopf: Es handelt sich dabei um Lügengeschichten. 

Lügen, Logik, Paradoxien

Gelogen wurde bekanntlich schon immer. Das ist eine Binsenweisheit. Kleine Lügen helfen das Leben angenehmer zu gestalten, große Lügen erreichen eher das Gegenteil. Und Lügen können auch zu unüberbrückbaren logischen Problemen führen, wenn man z. B. felsenfest behauptet „Dieser Satz ist falsch!“. Das ist eine moderne Form der Aussage „Alle Kreter sind Lügner“ – sobald er von einem Kreter artikuliert wird. Hier kollidiert eine Aussage mit der Aussagenlogik. So etwas nennt man ein logisches Paradoxon. Wenn der obige Satz mit den Kretern wahr sein sollte (wie es einst Ephimedes, der Kreter, behauptete), dann folgt aufgrund der Selbstreferenz, dass er falsch ist – und umgekehrt. Diese direkte Selbstreferenz lässt sich leicht durch zwei aufeinanderfolgende Aussagen aufheben – aber ohne, dass es irgendwie besser wird: „Der nächste Satz ist falsch. Der vorhergehende Satz ist wahr“. Auch hier wird einem ganz wirr im Kopf. Wenn die Aussage wahr ist, dann ist sie falsch – also kann sie nicht wahr sein, und wenn die Aussage falsch ist, so ist sie wahr, kann also nicht falsch sein. „Logisch“ ist dieses Paradoxon offensichtlich nicht aufzulösen. Ähnlich verhält es sich mit der Aussage „Nichts, aber auch gar nichts in diesem Buch ist wahr“ im Vorwort eines Buches (nicht dieses – es hat nämlich keines!). Im Falle eines Romans ist das erst einmal nur eine Feststellung, die sicherlich für das gesamte Buch gilt (man denke nur an die Romanfigur James Bond von Ian Fleming), jedoch nicht für das Vorwort selbst, welches vom Autor eventuell vorangestellt wurde. Wenn aber das Vorwort zum Buch gehört, dann impliziert die Aussage, dass auch das Vorwort inkl. dieses Satzes unwahr ist, also der Roman selbst dagegen Tatsache. 

Mister Shanks hat sich verrechnet

Dieses Paradoxon widerspiegelt in einem gewissen abstrakten Sinn auch die Tragik des Mathematikers William Shanks (1812-1882), der zu seinen Lebzeiten natürlich noch keine Zugriff auf die Webseite www.pibel.de hatte, weshalb er die Mühe auf sich nahm, die von uns schon behandelte Zahl Pi Ziffer für Ziffer (Tröpfelalgorithmus!) auszurechnen.


Seine Tragik bestand darin, dass er bei Erreichen der 528. Dezimalstelle einen Fehler machte (entspricht dem Vorwort) und es nicht bemerkte, was dazu führte, dass alle folgenden Ziffern (er berechnete Pi bis zur 707. Dezimalstelle ohne Taschenrechner!) auch falsch waren. Dieser Fehler hatte aber glücklicherweise keinen Einfluss auf das Wohlbefinden von Mr. Shanks, denn der Fehler wurde erst 1945, 63 Jahre nach dessen Tod, entdeckt… Hätte er damals geahnt, dass er sich an irgendeiner Stelle verrechnet hat, dann wäre die Suche nach der fehlerhaften Stelle eine Tortur geworden. Denn wenn die letzte Ziffer, die er berechnet hat, falsch ist, dann ist mit hoher Wahrscheinlichkeit auch die Ziffer davor falsch. Aber nicht nur diese, sondern wahrscheinlich eine ganze Reihe von Ziffern (hier konkret 176). Um den Fehler zu finden, muss man offensichtlich an der Stelle wieder von vorn beginnen, von der man ganz genau weiß, dass sie richtig ist. 

Lose und Trugschlüsse

Ähnlich, wie man nicht weiß, wo der Fehler in der genannten Ziffernfolge liegt, weiß man auch nicht, welches Los in einem Lostopf mit, sagen wir einmal, 10.000 Losen, gewinnt. Wenn man aus diesem Lostopf ein Los zieht, dann erwartet man bei einer Wahrscheinlichkeit von 1/10.000 natürlich nicht, dass man genau das Richtige zieht. Auch bei jedem weiteren Zug dürfte die Erwartung nicht sonderlich größer werden, einen Treffer zu landen. Interessanterweise steht der Erwartung, dass man nicht das richtige Los ziehen wird, im Gegensatz zu der Tatsache, dass irgendjemand doch gewinnt. Die Lotterieindustrie baut nämlich auf der Überzeugung eines Loskäufers auf, welches da lautet „Irgendjemand muss ja schließlich gewinnen, warum nicht ich?“. Zugleich davon überzeugt zu sein, dass zwar keines der Lose, die man zieht, gewinnen wird, gleichwohl aber ein glücklicher Gewinner ermittelt wird, erscheint irgendwie widersprüchlich. Deshalb ist es nicht rational, an beide Aussagen zugleich zu glauben. Die Einzige Strategie, die bleibt, ist möglichst viele Lose zu kaufen, um die Wahrscheinlichkeit, nicht nur die Nieten zu ziehen, signifikant zu erhöhen. Diese Strategie taugt aber nichts, wenn der Gewinn des richtigen Loses bei 10.000 Losen bei vielleicht 5000 Euro liegt, jedes Los aber 10 Euro kostet… Der Satz „Irgendjemand muss ja schließlich gewinnen, warum nicht ich?“, ist also in letzter Konsequenz ein Trugschluss. Und nun noch ein Beispiel für den „Praktiker“, der regelmäßig mit der Erwartung endlich doch noch Millionär zu werden, Lotto (6 aus 49) spielt. Eine kleine Rechnung mit den mathematischen Mitteln der Kombinatorik zeigt, dass es genau 13.983.816 unterschiedliche Möglichkeiten gibt, 6 Ziffern aus den 49 auszuwählen.


Nehmen wir mal an, 32 Losscheine mit je einem Tipp wären aufeinandergelegt genau 1 Zentimeter dick, dann ergeben 13.983.816 Losscheine einen Stapel von etwa 4,37 Kilometer Länge. Genau einer von diesen Losscheinen soll nun die richtige Kombination von 6 Zahlen, die gewinnen haben. Dann bedeutet „Losglück“ im Sinne von 6 Richtigen, dass sie zufällig genau den richtigen Schein aus dem 4,37 Kilometer langen Losscheinstapel ziehen. Und wenn auch noch die Superzahl richtig sein soll, dann ist der Stapel schon 43,7 Kilometer lang… Wie sie sehen, auch wenn Sie 10 oder 100 Tipps machen – nun ja, die Wahrscheinlichkeit auf diese Weise Millionär zu werden, ist praktisch nicht vorhanden. 

Gourmet-Tipp: Hering mit Schlagsahne

Trugschlüsse findet man übrigens sehr häufig, z. B. in der Gastronomie („Schlagsahne ist gut, Hering ist gut. Wie gut muss erst Hering mit Schlagsahne sein!“) oder in der Gynäkologie („Im Frühjahr kehren die Störche heim. Im Frühling steigt die Geburtenzahl. Die Rückkehr der Störche befördert offensichtlich die Geburtenzahl.“). Aber auch sonst ist man nicht gegen Trugschlüsse gefeit, denn sie müssen nicht logisch widersprüchlich sein. Logik funktioniert auch mit, ich will mal sagen, etwas ungewohnten Objekten. Oder wissen Sie vielleicht, was „grüne Hunkis“, Plautze, Hemputis oder Knaffs sind? Trotzdem können Sie mit etwas logischem Nachdenken sicherlich folgende einfache Frage beantworten: 

Alle Knaffs haben die gleiche Form und sind gleich groß. Alle grünen Hunkis haben ebenfalls die gleiche Form und Größe. Zwanzig Knaffs passen gerade in einen Plautz. Alle Hemputis enthalten grüne Hunkis. Ein grüner Hunki ist zehn Prozent größer als ein Knaff. Ein Hemputi ist kleiner als ein Plautz. Wenn der Inhalt aller Plautze und Hemputis vorwiegend rot ist, wie viele grüne Hunkis können maximal in einem Hemputi sein? 

(Lösung darf als Kommentar veröffentlicht werden...)

Logik bedeutet ja vom Wort her, „vernünftig schlussfolgern“. Sie ist deshalb in Form der Aussagenlogik ein wichtiges Werkzeug der Mathematik, um beispielsweise mathematische Sätze zu beweisen, weshalb sich der Mathematik-Student auch zwangsweise damit herumplagen muss. Und sie hilft natürlich im täglichen Leben. 

Warum Sachsen nicht zu Deutschland gehört

Um einmal ganz aktuell zu sein (Januar 2015), wenn also Sachsen zu Deutschland gehört und, wie unsere Bundeskanzlerin A. M. gesagt hat, der „Islam“ zu Deutschland, und man davon ausgeht, dass Herr Tillich (der gegenwärtige Ministerpräsident von Sachsen) mit der Aussage recht hat, dass der Islam nicht zu Sachsen gehört, ja, dann gehört zweifelsfrei Sachsen nicht zu Deutschland. Und es stellt sich die Frage: Darf ein Ministerpräsident so etwas öffentlich behaupten? 

Unscharfe Logik

Logik ist ein scharfes Schwert, wie schon die alten Griechen er-kannten. Aber nicht alles im Leben erscheint eindeutig und scharf. Nehmen wir als Beispiel den eBook-Reader, das Tablett oder das Smartphone, welches Sie vielleicht gerade zum Lesen dieser Zeilen verwenden. Sie alle besitzen eine Batterie, die sie mit der nötigen elektrischen Energie für deren Funktion versorgt. Im Gegensatz zum Ein- und Ausschalter, der den Energiefluss herstellt oder abbricht, ist die Batterie entweder leer oder in einem Zustand irgendwo zwischen „leer“ und „voll“. Solche Zustände nennt man unscharf. Sie lassen sich nicht in ein „wahr“ – „falsch“ oder „0“ – „1“ – Korsett zwängen. Um auch solche Zustände mathematisch zu beschreiben, wurde die „unscharfe Logik“, besser als „Fuzzy-Logik“ bekannt, ab etwa dem Jahr 1965 entwickelt. Später, als sich die auf der „scharfen Logik“ beruhende Digitaltechnik immer mehr etablierte, erkannte man auch schnell deren Grenzen. Das führte zur Entwicklung einer mehrwertigen Logik, die schließlich in der modernen Fuzzy-Logik mit ihrer mittlerweile unüberschaubar gewordenen Anwendungsbreite aufgegangen ist. Wenn Sie auf Ihrem Smartphone also eine Übersetzungs-App installiert haben, welche die Schriftzüge eines zuvor mit dessen Kamera geknipsten Dokuments in eine andere Sprache übersetzt, dann geht das nur mit Fuzzy-Logik. Und wenn es in ein paar Jahren Autos geben wird, die völlig autonom fahren (damit sie derweil flensburgpunktelos mit dem Handy telefonieren oder mit dem Smartphone im Internet surfen können), dann geht das nur mit komplexen Regelkreisen, die auf Fuzzy-Logik aufbauen. Aber neben Aussagenlogik, der Prädikatenlogik und der Fuzzy-Logik (um nur Einige zu nennen) gibt es auch noch weitere „Logiken“ wie die für Männer nur schwer deutbare „Frauenlogik“ sowie die für Frauen nur schwer deutbare „Männerlogik“. Aber diese sind weniger ein Thema der Mathematik, sondern mehr ein Thema der sich exzessiv ausbreitenden Ratgeberliteratur… 

Ratgeberliteratur: Frag Mutti!

Diese Art von Literatur ist vom Ursprung her ein Produkt der Aufklärung und ist gerade dabei, ihren Höhepunkt auf solchen Internetplattformen wie „Frag Mutti“ zu erreichen.


Früher hieß es oft, guter Rat sei teuer. Heute gibt es dafür kostenlose Apps. Und ich (der Autor) sage ehrlich, ich empfinde diese Entwicklung als durchaus positiv. Ohne ein Youtube-Video hätte ich beispielsweise das Notebook, auf dem ich hier schreibe (ein HP Pavilion g7), nie aufbekommen, um den seit einiger Zeit nervtötend lauten Lüfter kostengünstig auszutauschen. Beim wieder Zusammenschrauben ist zwar eine Schraube übrig geblieben. Aber das soll ja ganz normal sein, wie mir ein Servicetechniker einmal schmunzelnd erklärt hat. 

Schrauben und Gewinde

Dabei ist die Schraube zwar eine schon recht alte Erfindung (man erinnere sich an die Archimedische Schraube), aber als ultimatives technisches Verbindungselement erst ein Kind der technischen Revolution des ausgehenden 18. und des beginnenden 19. Jahrhunderts. Nachdem 1744 der Schraubendreher (wir ältere Semester kennen ihn noch als „Schraubenzieher“) erfunden wurde, gelang es bereits 53 Jahre später einem englischen Erfinder und Maschinenbauer auch den Gewindeschneider zu erfinden, der die Herstellung der Schraube, die ja den erfolgreichen Einsatz eines Schraubendrehers erst ermöglicht sowie einen tieferen Sinn verleiht, wahrlich revolutionierte. Damit war der Siegeszug der Schraube, die sich bekanntlich für die Verbindung von Metallteilen besser eignet als der schon länger bekannte Niet, nicht mehr aufzuhalten. Heute werden übrigens fast ausschließlich Schrauben mit standardisierten metrischem Gewinde eingesetzt. Aber es gibt natürlich Ausnahmen, die selbstverständlich auf britischem Mist gewachsen sind, genauso wie die Rechtslenkervarianten diverser Automobile. 

Kampf gegen zu geringe Tiefenschärfe - Fotostacking

Ein Beispiel ist auch die Schraube am Kopf ihres Fotostativs (soweit Sie eines besitzen), mit der Sie gewöhnlich Ihre Digitalkamera am Stativ befestigen. Es handelt sich hier um eine Schraube mit einem ¼ Zoll-Gewinde. Gerade solch ein Stativ ist von großem Nutzen, wenn man gezwungen ist, nicht allzu lichtstarke oder sehr langbrennweitige Objektive einzusetzen wie der Autor, der als Liebhaberei der Makrofotografie frönt (siehe http://wincontact32naturwunder.blogspot.de).


Hier sind Verwacklungen geradezu tödlich. Das liegt an dem großen Abbildungsmaßstab, der bei einem guten Makro meist bei 1:1 liegt. Problematisch ist dagegen die geringe Tiefenschärfe, die es bei nahen Objekten erlaubt, nur einen sehr dünnen Streifen wirklich scharf abzubilden. Und dieser Streifen ist oftmals nicht mal 1 mm breit. Aber dem lässt sich abhelfen, in dem man auf dem Stativkopf zuerst einen Fotoschlitten und darauf erst die Kamera befestigt. Der Fotoschlitten erlaubt es, die Kamera an das zu fotografierende Objekt – z. B. den Kopf einer Schmeißfliege – heranzufahren und dann eine Serie von Aufnahmen zu machen, wobei der Schlitten immer um ca. 1/10 mm an das Objekt heranbewegt wird. Jede Aufnahme zeigt jetzt eine andere scharfe Schnittebene mit dem Objekt. Und der Rest, das Zusammenführen der Aufnahmeserie zu einem Gesamtbild besonders hoher Tiefenschärfe (die allein durch Abblenden des Objektivs niemals zu erreichen gewesen wäre), kann ganz automatisch ein Computerprogramm übernehmen. Dieses Verfahren nennt man Fotostacking. Auf diese Weise lassen sich äußerst eindrucksvolle Aufnahmen kleiner Objekten wie z. B. Insekten, anfertigen. Das Verfahren selbst ist nicht besonders schwierig. Das Problem besteht eher darin, die als Beispiel genannte „Schmeißfliege“ zu überreden, während der ca. 15 bis 20 Schritte umfassenden Annäherung – und zwar ohne sich zu bewegen - in die Kamera zu lächeln… 

Schmeißfliegen

Das Wort „schmeißen“, welches in der Bezeichnung „Schmeißfliege“ steckt, stammt übrigens aus dem Althochdeutschen und lässt sich am besten mit „beschmieren“ oder „besudeln“ übersetzen. Früher, als die Chemie in Form von Antioxidantien noch keinen Einzug in die Butterherstellung gefunden hatte und auch der Kühlschrank noch weitgehen unbekannt war, wurde die Butter im Sommer oft ranzig. Ranzige Butter, bei der die in ihr enthaltene Fette und Lipide durch Oxidation zersetzt wurden, entwickelt bekanntlich einen ganz eigenen unverwechselbaren „Duft“, der gerade Fliegen der Familie Calliphoridae in besonders großen Scharen anzulocken pflegt.


Wenn sie sich dann auf der übelriechenden Butter niedergelassen haben, werden sie sich zwangsläufig mit dem ranzigen Fett besudeln, also althochdeutsch „schmeißen“, weshalb man sie auch „Schmeißfliegen“ genannt hat. Da ranzige Butter seit der Zugabe von Antioxidantien sowie aufgrund der fast ausschließlichen Lagerung im Kühlschrank eher selten geworden ist, sollte man im Spätsommer zur Beobachtung von Schmeißfliegen am besten auf den Fruchtkörper der Stinkmorchel (Phallus impudicus) ausweichen. 

Gourmet-Tipp: Hexeneier

Dieser aufgrund seiner Phallusform unverwechselbare Pilz ist oft so dicht mit Schmeißfliegen und Rothalsigen Silphen (einem Aaskäfer) besetzt, dass man dessen olivfarbene übelriechende Fruchtmasse, Gleba genannt, in vielen Fällen gar nicht mehr erkennen kann. Dem erfahrenen Mykologen sagt diese Beobachtung, dass es hier nichts mehr zum Sammeln gibt.


Aber vielleicht sind in der Umgebung noch ein paar „Hexeneier“ zu finden, deren Verzehr man bekanntlich in manchen Gourmet-Kreisen nicht ganz abgeneigt ist. Dazu muss man nur deren äußere, etwas lederartige Haut entfernen und vielleicht noch die darunter liegende Gallertschicht abpopeln. Der Rest lässt sich in Scheiben schneiden und wie Bratkartoffeln zubereiten. Soll übrigens echt lecker sein. Zum Schluss noch ein Tipp. Hexeneier gehen im Sammelkorb oder Sammelbeutel oft kaputt, was sie schnell un-appetitlich aussehen lässt – von dem austretendem grünlichem Gallertzeug ganz zu schweigen. Hier hilft es ungemein, wenn man einen Eierkarton, am Besten in der Klappform, zur Hand hat. 

Eierkartons und Frühstückseier

Derartige Eierkartons sind mit Füllung in jedem Supermarkt erhältlich. Sie enthalten braune oder weiße potentielle Rühr-, Spiegel-, Sol-, pochierte oder Frühstückseier aus meist ökologisch verträglicher Käfig- oder Bodenhaltung mehr oder weniger unglücklicher Hühner. Besonders am Wochenende ist das Frühstücksei beliebt, welches meist 5 Minuten in siedendem Wasser gekocht wird („kochendes Wasser“ ist falsch, weil man Wasser im Gegensatz zu einer Suppe nicht kochen kann). Dabei ist zu empfehlen, das Ei anzustechen, damit es nicht zerplatzt, sobald es mit dem heißen Wasser in Berührung kommt. Das ist andernfalls zu erwarten, da sich mit der Erhitzung die im Ei eingeschlossene Luftblase ausdehnt und durch die damit verbundene Druckerhöhung die Schale auseinandertreibt. Das ist eine direkte Konsequenz des von Amedeo Avogadro (1776-1856) im Jahre 1811 aufgestellten und nach ihm benannten Gesetzes. Es besagt, dass bei einem Gas in einem konstanten Volumen (Inneres des Hühnereis) bei Temperaturerhöhung der Gasdruck ansteigt. Übersteigt dabei die Druckkraft die Festigkeit der Eierschale, dann platzt sie auf, was man leicht an dem dann am Riss austretenden Eiklar erkennen kann, von wo aus es bei der Gerinnung im Kochwasser unappetitliche weiße Fäden zieht. 

Nicht-Newtonsche Flüssigkeiten

Eiklar ist bekanntlich flüssig und gilt damit als eine Flüssigkeit. Aber es ist keine gewöhnliche (man sagt auch „Newtonsche“) Flüssigkeit, wie Sie sicherlich selbst schon oft bemerkten, als Sie versuchten, ein kleines Stück Eierschale mit den Fingern aus einem frisch in eine Schüssel geschlagenen Hühnerei heraus zu pulen.


Das ist nämlich gar nicht so einfach, weil „Eiklar“ eben keine gewöhnliche Flüssigkeit wie beispielsweise Benzin oder Diesel ist (Wasser tut nur so, als ob es eine „gewöhnliche“ Flüssigkeit wäre, was aber so auch nicht stimmt. Wasser ist nämlich alles andere als eine „gewöhnliche“ Flüssigkeit). Das Eigelb dagegen kann man leicht vom Eiklar trennen, am besten mit Hilfe einer leeren Cola- oder Saftflasche aus Plastik. Probieren Sie es einfach mal aus… 

Eierlöffel aus Plastik und Perlmutt

Plastik ist bekanntlich eine Bezeichnung für Stoffe, die so, wie sie sind, in der Natur nicht vorkommen, weshalb man sie ja auch als Kunststoffe bezeichnet. Der Eierschneider besteht beispielsweise zu > 99% aus Plastik und der typische „Eierlöffel aus Plastik“ sogar zu 100%. Letztere Einschränkung „Eierlöffel aus Plastik“ muss sein, denn es gibt bekanntlich auch Eierlöffel, die nicht aus Plastik, sondern beispielsweise aus Perlmutt bestehen. Und da solche gewöhnlich aus der Schale der Perlmuschel hergestellt werden, kann einer von ihnen schon schnell mal einen Hunderter kosten. Deshalb werden sie auch eher zum Verzehr von echtem Kaviar, von dem ein Löffel ungefähr in der gleichen Preislage wie die genannten Löffel zu haben ist, verwendet, anstatt zum Verzehr von schnöden, mehr oder weniger weichgekochten weißen oder braunen Hühnereiern.


Muscheln und Perlmutt

Die Besonderheit dieser speziellen Löffel ist ihr geheimnisvoll irisierender Glanz, der gerade für Muscheln typisch ist. Selbst die Große Teichmuschel (Anodonta cygnea) weist ihn auf ihrer glatten Innenfläche auf. Sie ist in manchen flachen Teichen bei uns hier in der Oberlausitz (soweit sie sauberes Wasser enthalten) noch in größerer Zahl vorhanden. Ihre Schalen findet man relativ leicht, wenn man (im Sommer!) barfuß durch den Schlamm am Rande des Schilfgürtels watet und man darauf achtet, ob man auf etwas Hartes tritt. Laut der binären Logik handelt es sich dann entweder um eine Teichmuschel oder um keine Teichmuschel (bzw. Teichmuschelschale). Aber das lässt sich mit einem beherzten Griff in den Schlamm leicht überprüfen. Aber zurück zum irisierenden Glanz der Innenseite der Muschelschale, der die daraus geschnitzten Eierlöffel so begehrt und teuer macht. Der Grund dafür ist das Perlmutt, ein Verbundmaterial aus feinen Schichten von Calciumcarbonat in Form von Aragonit sowie verschiedenen, dazwischen gelagerten organischen Feststoffen. Der weiche Körper der Muschel scheidet dieses Aragonit in Form von ungefähr 10 µm breiten und 0,5 µm dicken mehr oder weniger durchsichtigen Plättchen ab, die sowohl in horizontaler als auch vertikaler Richtung leicht schräg gestellte Stapel bilden, deren Zwischenräume mit organischen Substanzen (quasi als Kleber, z. B. in Form von Chitin) aufgefüllt sind. 0,5 µm sind eine Schichtdicke, die der Wellenlänge sichtbaren Lichts entspricht.


Da an jeder Schicht ein Teil des einfallenden weißen Lichts an dessen Oberseite und ein anderer Teil nach Durchgang durch die Schicht an dessen Unterseite reflektiert werden, entsteht ein Gangunterschied, der zur Interferenz führt. Dabei werden bestimmte Anteile des sichtbaren Spektrums ausgelöscht und andere verstärkt, wobei je nach Blickwinkel unterschiedliche Farbtöne übrig bleiben. Das ist der Grund dafür, warum Perlmutt bunt schillert - irisiert - und deshalb Perlen aus Muscheln wie der Flussperlmuschel oder der Auster, so begehrt und teuer sind. 

Ritter Runkel und die schwarze Perle


Besonders wertvoll sind dabei schwarze Perlen, von denen seinerzeit der berühmte Ritter Runkel von Rübenstein (sein Vorname war übrigens „Heino“) im Golf von Ormuz zufällig eine fand, und zwar auf der Schatzkiste, die er bei einem Tauchgang zum Wrack der "Poseidon" entdeckt hatte und die, wenn man Hannes Hegen (1925-2014) glauben darf, die goldene Prunkrüstung Alexander des Großen enthalten hat. 


Kapitän Nearchos und die Diadochen

Mit diesem Schiff soll der berühmte Seefahrer Nearchos (360 – 312 v. Chr.), ein Admiral Alexander des Großen und aus Kreta stammend, genau vor der „Insel der Verdammten“ bei Ormuz Schiffbruch erlitten haben, was natürlich völliger Quatsch ist. Richtig ist, dass nach dem frühen Tod Alexanders (323 v. Chr. in Babylon) Nearchos in den Dienst Antigonos Monophthalmos (d. h. der „Einäugige“) trat und aktiv an den Diadochenkriegen teil nahm. Monophthalmos gilt als einer der wichtigsten Diadochen, d. h. der Generäle, die unter sich das Alexanderreich aufteilten. Er begründete damit die Dynastie der Antigoniden, die bis zum Jahre 168 v. Chr. große Teile Griechenlands (Makedonien) beherrschten. 

Perseus, der letzte Antigonide

Ihr letzter König war Perseus (213 – 168 v. Chr.), der im Jahre 179 v. Chr. auf den makedonischen Thron gelangte. Während sich sein Vorgänger mit den Römern noch gut stellte, machte er sich durch eine heimliche Aufrüstung ziemlich verdächtig. Und das konnte und wollte sich das aufstrebende Römische Reich nicht bieten lassen. Im Sinne der Politik des „reinen Tisches“ (tabula rasa), wurden im Jahre 168 v. Chr. Legionen nach Makedonien in Marsch gesetzt, wo sich oberhalb des Flusses Elpeus im Nordosten Griechenlands Perseus von Makedonien verschanzt hatte. Dort wurde die griechische Phalanx am 22. Juni bei Pydna von den Römern unter Leitung des römischen Konsul Lucius Aemilius Paullus vernichtend geschlagen. Dabei waren beide Armeen etwa gleichstark. Die Römer boten ~ 38.000 Mann und die Makedonier 44.000 Mann auf, von denen auf beiden Seiten jeweils ~4000 zu Pferde kämpften. Das Gemetzel konnte durch die geniale Gefechtsführung durch Paullus schnell entschieden werden. Man berichtet, dass die ganze Schlacht nicht mehr als anderthalb Stunden gedauert haben soll. 25.000 Makedonier waren danach tot, verwundet oder gefangen genommen worden (von den Römern fehlt mir leider die Zahl). Der Rest, inklusive Perseus, suchte ihr Heil in der Flucht. 

Perseus und 6000 Talente Gold

Dabei wurden dem makedonischen König die 6000 Talente Gold zum Verhängnis, die er bei der Flucht angeblich mit sich führte. Wenn man weiß, dass ein Talent einem Gewicht zwischen 25 kg und 30 kg entsprach, erscheinen einen 6000 Talente ein wenig viel. Immerhin entspricht es einem kompakten Goldwürfel mit einer Seitenlänge von etwas über 2 Meter und damit gewichtsmäßig ungefähr der Hälfte der heutigen Goldreserve Großbritanniens. Aber sei es wie es sei. Perseus wurde von seinen Fluchtgefährten verraten, nach dem er einen von ihnen erschlagen hatte. So bekam er schließlich ungewollt die Gelegenheit zu einem Kurzbesuch von Rom, wo er gezwungen wurde, an dem obligatorischen Triumphzug teilzunehmen um danach genauso unfreiwillig in einen feuchten Kerker am Fuciner See umzuziehen. Dort starb er einige Jahre später. Der römische Sieg bei Pydna führte dazu, dass das makedonische Königtum abgeschafft und der bisherige Staat in vier „freie Regionen“ aufgeteilt wurde, die keine Beziehungen untereinander eingehen durften und auch jeweils unter römischer Aufsicht eigene Münzen einführen mussten. Dass die Römer die angeblich 6000 Talente Gold einsackten, braucht nicht weiter erwähnt zu werden. 

Griechische Geschichtsschreibung

Wir wissen das von dem griechischen Historiker Polybios von Megalopolis (200 -120 v. Chr.), also einem, der „viele Leben“ hatte und aus einer „Großstadt“ stammte… Er wurde im Zuge der Beendigung des dritten Makedonischen Krieges als Geisel nach Rom gebracht, wo er für die Erziehung der beiden Söhne des Sohnes des Konsuls Lucius Aemilius Paullus (gestorben 216 v. Chr.), Lucius Aemilius Paullus Macedonicus (229 – 160 v. Chr.), verantwortlich zeichnete.


Dort entwickelte er sein Interesse für die Geschichtsschreibung, die in seinem in Altgriechisch geschriebe-nen 40bändigen Werk „Historia“ gipfelte, eine Art Universalgeschichte des römischen Imperiums. Seine Methode der Darstellung historischer Ereignisse und ihre Einordnung in die jeweils bestehenden politischen Zusammenhänge zeichnet sich durch eine Nüchternheit und eine immer der Wahrheit verpflichtete Methodik aus, die Quellenkritik mit einschließt. Er gilt deshalb neben Herodot und Thukydides als der Dritte bedeutende antike Geschichtsschreiber, an dem sich die Geschichtswissenschaft in Form der pragmatischen Geschichtsschreibung noch heute orientiert und misst. Das, was man zu Polybios Zeiten „Universalgeschichte“ nannte, würde man heute „Weltgeschichte“ nennen. 

Warum es gut ist, Universalgeschichte zu studieren

Warum es gut ist, „Universalgeschichte“ zu studieren, hat vor über 225 Jahren ein gewisser Friedrich Schiller (1759-1805) als Thema für seine Antrittsvorlesung an der Jenaer Universität gewählt. Darin stellte er sich die noch heute aktuelle Frage: 

„Welche Zustände durchwanderte der Mensch, bis er von jenem Äußersten zu diesem Äußersten, vom ungeselligen Höhlenbewohner – zum geistreichen Denker, zum gebildeten Weltmann hinauf stieg?“ 

Und er sah es als Aufgabe einer „Universalgeschichte“ an, gerade diesen Weg in Form einer durch ein teleologisches Band verfestigte Kette von Menschheitsereignissen erfahrbar zu machen. Dabei ist nicht die Aufzählung von Ereignissen in Form einer reinen Chronik das Wesentliche, sondern das Erkennen der Zusammenhänge zwischen einzelnen Ereignissen, ihre Bedingtheit, ihr gesellschaftlicher und politischer Kontext, die Beschreibung des „Zeitgeistes“ – und dasjenige, was ein „philosophischer Kopf“ daraus für seine eigenen Handlungen ableitet.


Diese Vorlesung hat seinerzeit – es war die Zeit Kant’s und der Aufklärung – einen wahren Begeisterungssturm unter den Studenten ausgelöst. Leider war seine Professur ohne Gehalt, so dass er sich weiterhin mittels der Dichtkunst durchs Leben schlagen musste. Ihm half dabei die große Resonanz, welches sein Drama „Die Räuber“ nicht nur in Deutschland gefunden hatte. Während sein zweites größere Geschichtswerk über die „Geschichte des dreißigjährigen Krieges“ eher mittelmäßig blieb (sein Erstes, welches ihm die Jenaer Professur bescherte, war die „Geschichte des Abfalls der Vereinigten Niederlande“), bereicherten seine Dramen, Gedichte und Balladen den Kanon deutscher Dichtkunst ungemein und nachhaltig. 

Weimarer Klassik

In diesem Zusammenhang ist insbesondere die tiefe Freundschaft mit Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) zu nennen, mit dem er zusammen mit Johann Gottfried Herder (1744-1803) und Christoph Martin Wieland (1733-1813) eine Epoche begründete, die als „Weimarer Klassik“ in die Literaturgeschichte eingegangen ist. 

Viele seiner Dramen und Bühnenstücke sowie Gedichte und Balladen gehören seitdem zum obligatorischen Lesestoff einer jeden Schülergeneration, wobei sich die Beschäftigung mit Schillers Werken vom Auswendiglernen berühmter Balladen immer mehr zu deren Interpretation (Gedichtsdeutung – „Was will uns der Dichter damit sagen?“) verschoben hat. 

Die Glocke ohne Klöppel

Noch vor hundert Jahren kannten die Schüler humanistischer Gymnasien solche Mammutgedichte wie „Das Lied von der Glocke“ fehlerfrei auswendig. Immerhin besteht das „Lied von der Glocke“ aus 425 Gedichtzeilen.


Heute fragt man oft vergebens, aus welchem Gedicht wohl der Satz „Gefährlich ist's, den Leu zu wecken, verderblich ist des Tigers Zahn; jedoch der schrecklichste der Schrecken, das ist der Mensch in seinem Wahn.“ stammt. Junge Leute haben da oftmals schon bei der Deutung des Wortes „Leu“ ihre Probleme. Aber Gott sei Dank, gab es auch begnadete Dichter, denen das „Lied von der Glocke“ selbst zu lang erschien, und die deshalb intensiv an einer kürzeren, schülerfreundlicheren Version gearbeitet haben. 

Goethe, Schiller, Arthur Schramm sind die Besten, die wir ham

Einer von ihnen war Arthur Schramm (1895-1994), der nicht nur als begnadeter Heimatdichter einprägsamer Zwei- und Vierzeiler, sondern auch als großer Erfinder außerhalb seiner Heimat weitgehend unbekannt geblieben ist. Seine Version von Schillers „Glocke“ dürfte die kürzeste und kompakteste sein, die je erdichtet worden ist: „Loch in Erde, Bronze rinn, Glocke fertig, bimm, bimm, bimm.“ Aber auch er konnte einen fundamentalen Kritikpunkt an Schillers Ballade nicht ausräumen. Damit eine Glocke „bimm, bimm, bimm“ machen kann, benötigt sie bekanntlich einen Klöppel. Aber davon ist weder bei Schiller noch bei Schramm etwas zu lesen. Doch zurück zu Arthur Schramm, der aufgrund seiner Größe in seiner Annaberger Heimat (Erzgebirge) nur der „Klaane Getu“ genannt wurde. Von ihm lohnt es sich, noch ein paar weitere mehr oder weniger bekannte („Rumpeldipumpel, weg war'n die Kumpel! Schippe drauf, Glück auf.“) oder unbekannte („Die Sonne scheint ins Kellerloch. Ach lass sie doch - ach lass sie doch!“) oder damals politisch unkorrekte („Der Kumpel aus dem Bergloch kriecht. Hurra, der Sozialismus siecht!“)




oder auch zeitlos schöne Sprüche („Sommer, Sonne, Wellenpracht, Badehose, Sowjetmacht.“) der Vergessenheit zu entreißen. Und was seine Erfindungen betrifft, hat leider nur die „MIRAMM-Wäschezange“ in Form der „hölzernen Grillzange“ die Zeiten überdauert. 

Ein Zeppelin zum Fliegenfang

Und natürlich muss noch unbedingt seine größte Erfindung, der Zeppelin-Fliegenfänger, erwähnt werden, der aus Pappe bestand, einem Luftschiff nachempfunden und innen mit süßlich riechenden, für Fliegen unwiderstehlich duftenden Leimstreifen ausgekleidet war.
...




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