Donnerstag, 30. Dezember 2010

Totenstein bei Kunnersdorf in Böhmen



Es gibt abseits von normalen Wanderwegen einige interessante Örtlichkeiten, die sich immer einem Besuch lohnen. Einer davon ist der Jungfernsprung oder Totenstein (Skála smrti) unweit von Zwickau (Cvikov) in Böhmen, der an einer scharfen Biegung des Zwittebaches bei Kunnersdorf (Kunratice u Cvikova) gelegen, aber nicht unbedingt leicht zu finden ist.  Deshalb soll als Erstes erklärt werden, wie man am besten diese Örtlichkeit erreicht. Dazu noch ein kleiner Hinweis. Wenn Sie ihre Kinder zu dieser kurzen Wanderung mitnehmen möchten, stecken sie sich eine Taschenlampe ein. Sie werden sie brauchen können.

Kunnersdorf  liegt, wenn Sie auf der E442 aus Richtung Lemberg kommen, kurz vor Böhmisch Zwickau rechts und links der Europastraße. Wenn Sie sich aus dieser Richtung dem Ort nähern, müssen Sie links abbiegen, sobald Sie den Ort erreichen und im Ort wiederum links in die schmale Einfahrt in Richtung Lindenau (Lindava) einbiegen, die ausgeschildert ist.  Diese Straße müssen sie ca. 1.5 Kilometer folgen bis Sie wieder auf bewohntes Gebiet treffen, welches früher einmal Müllerloch (Mlynářská díra ) genannt wurde. Am linken Straßenrand, dort wo bereits der Zwittebach zu sehen ist und ein erneuertes, auffälliges eisernes Wegkreuz mit einem Kruzifix auf einem weißen Sandsteinsockel steht, ergibt sich die Gelegenheit zum Parken. Ein paar Schritte zurück gelangen Sie rechterhand auf einen Weg, den Sie jetzt an einer Koppel und an einem auffälligen Wohnhaus vorbei folgen sollten, bis sie am Rand eines Gartens nach wenigen Hundert Metern eine nicht sehr gut sichtbare Wegkreuzung  erreichen.  Hier müssen Sie unbedingt den Weg am Uferbereich des Zwittebaches wählen, obwohl der Weg an dieser Stelle nicht unbedingt einen sonderlich guten Eindruck hinterläßt. Er  verengt sich zu einem malerischen felsigen Tal und führt uns geradewegs zum Totenstein. Die sumpfige Bachniederung mit ihren reichen Weiden- und Erlenbeständen fördert ein starkes Pflanzenwachstum und der botanisch Interessierte wird hier eine ganze Anzahl interessanter und anderswo seltener Arten finden. Zu nennen ist hier z.B. das Bachnelkenwurz (Geum rivale), der echte Baldrian (Valeriana officinalis) und vielleicht noch das Sumpfvergißmeinnicht (Myosotis scorpioides) . Im Frühjahr verschönern Massenbestände der Sumpfdotterblume (Caltha palustris)  mit ihren großen, leuchtendgelben Blüten, das Tal. 

Achten Sie jetzt auch auf die Sandsteinfelsen am linken Rand des Weges. Bereits am Eingang des Tales sieht man hinter dichtem Gestrüpp eine Anzahl in die Felsen gehauene Keller. Wahrscheinlich standen in früheren Zeiten davor einmal Bauernhäuser, deren Bewohner tiefe, oftmals in mehrere Räume aufgeteilte Gewölbe in den weichen Sandstein geschlagen haben. Solche in Stein gehauene Gewölbe findet man übrigens häufig in dieser Gegend. Soweit sie in noch heute bewohnten Orten liegen (z.B. in Lindenau), werden sie oftmals noch als Lagerräume genutzt, wie die mit Schlössern versehenen Holztüren davor beweisen.


Nach wenigen Schritten gelang man zu einem ersten auffälligen Felsen, der mit seinem dunklen Eingang verblüffend einem Bunker der Schöberlinie ähnelt. Ein in den Fels eingemeiselter „Kopf mit Stahlhelm“ verstärkt noch diesen Eindruck. Das Begehen dieser und der noch folgenden Höhlen ist übrigens völlig gefahrlos. Eine Taschenlampe hilft aber, deren Inneres zu erkunden. Man erkennt dabei, daß sie von Hand mit Spitzmeiseln mühevoll aus dem Sandstein herausgearbeitet worden sind. Dabei ist die nächste und bei weitem größte Höhle wahrscheinlich einmal zur Gewinnung von Feinsand für die Glasindustrie (ähnlich wie im nahe gelegenen Wellnitztal)  angelegt worden. Sie öffnet sich am Wegrand unbesehen in einen langen und innen immer breiter werdenden Gang, der einige Dutzend Meter in den Sandstein hineinführt. Innen herumliegende Gegenstände jüngerer Zeitl lassen vermuten, daß diese Höhle ab und an immer noch als Abenteuerspielplatz verwendet wird.

Da der Boden durchgängig eben und mit feinem Sand bedeckt ist, kann man die Höhle unbesehen auch ohne Taschenlampe betreten. Schon nach kurzer Zeit haben sich die Augen an die Dunkelheit gewöhnt und es lassen sich im schwachen Licht, welches schwach durch den Eingang in das Innere gelangt, die beachtlichen Ausmaße des künstlichen Gewölbes erahnen.

Aber diese Höhle ist nicht das eigentliche Ziel der Wanderung. Ein paar Schritte weiter, und man erkennt durch die Bäume hindurch an einer steil aufragenden Felswand übermannsgroße, aus dem Felsen plastisch herausgearbeitete Figuren, insbesondere einen Ritter auf einem Roß und eine mit ausgestreckten Armen und wallendem Haar herabstürzende junge Frau. Das ist der Jungfernsprung. Der gleichfalls gebräuchliche Name „Totenstein“ rührt von einer Sage her, deren dramatisches Ende in diesem Felsenmonument nachgestaltet ist:

Die Sage vom Totenstein 

"... Und sieh´ ein Engel breitet leise
Um´s fromme Weib die Flügel aus
Der Sprung gelingt ihm wunderweise
Und glücklich kommt es bald nach Haus.
Herrn Kunz begräbt sein Pferd im Falle,
Ein wilder Fluch - sein letzter Ruf!
Am Totenstein siehst du die Kralle
Von Teufelshand - vom Pferdehuf... „
(Josef Friedrich, Zwickau)

Die Hintergründe zu dieser Sage liegen in ferner Vergangenheit.  Der Ritter Kuno (nach dem der Ort Kunnersdorf benannt sein soll, Kurzform von „Konrad“), besaß eine Burg auf dem Abhang des Schloßberges (Zámecký vrch ) gegenüber der heutigen Kirche. Von dieser Burg ist so gut wie nichts mehr erhalten, da sie während der Hussitenkriege, wahrscheinlich im Jahre 1429, größtenteils vernichtet und später kaum mehr genutzt wurde.  Ruinenreste waren noch bis ins ausgehende 17. Jahrhundert vorhanden, wurden dann aber zur Bausteingewinnung abgetragen.  Der Sage nach soll sich eine jungfräuliche Müllerstochter aus einem nahegelegenen Ort dem Nachstellungen des Ritters nur dadurch entzogen haben, daß sie in Todesmut auf einem Felsen in den Abgrund sprang, wo sie, von Engeln getragen, auch sicher ankam, während der Ritter mit seinem Pferd zu Tode stürzte. 


Das Relief im Zwittetal, das zur Kunnersdorfer Schweiz gehört, ist erst ca. 100 Jahre alt. Es wurde im Rahmen der Erschließung dieser Gegend durch den „Gebirgsverein für das nördliche Böhmen“  im Jahre 1910 von zwei einheimischen Künstlern angelegt, deren Namen nicht  vergessen werden sollen:  Karl Beckert, ehemals Oberlehrer aus Kunnerdorf sowie Karl Bundesmann, ehemals k. und k. Gendarmerie-Wachtmeister ebenda. Eine neu restaurierte Metallplakette an der Felswand erinnert an ihr Wirken. Von ihnen sind noch weitere Arbeiten erhalten geblieben wie z.B. das Theodor-Körner-Relief am nahegelegenen Hohlstein bei Zwickau oder die restaurierte Sandsteinkapelle auf dem Weg von Kunnersdorf nach Klein Grün (Drnovec ). Auch in der Nähe des Totensteins gab es von Ihnen ein weiteres Relief, das aber leider schon kurz nach der Fertigstellung im Jahre 1912 von künstlerisch wenig angetanen Zeitgenossen aus Lindenau (Lindava) zerstört wurde. Es zeigte einen alten Mann, den eine junge Frau mit einem Krug Quellwasser versorgte in Allegorie an die Goethe-Worte „Edel sei der Mensch, hülfreich und gut!".


Das Schicksal hat es nicht gut mit ihnen gemeint,  da beide noch ihre Vertreibung aus ihrer geliebten Heimat miterleben mußten.

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