Samstag, 16. Juni 2012

Eine Wanderung um den "Grünen Berg" bei Zwickau in Nordböhmen Teil 2

Ein Gastbeitrag von Werner Schorisch, Zittau


Nachdem wir unsere Besichtigungs-Tour auf dem „Hohlstein“ beendet haben (siehe Schilderung 1.Teil), wollen wir nun unsere eigentliche Wanderung beginnen. 

Ausgangspunkt ist wieder das Motel Dutý Kámen, Drnovec 56, CZ-47154 Cvikov (Tel.: +420 487 751 952/web: www.dutykamen.cz), wo wir unser Auto abgestellt hatten. Der grün gekennzeichnete Wanderweg führt uns zunächst, vom Motel aus gesehen, nach links bis ins Zentrum der Stadt Zwickau i.B. (Cvikov). 

Den Marktplatz mit dem Rathaus hat man nach ungefähr 1.5 Kilometern erreicht. Man bekommt hier schnell den Eindruck, daß diese kleine Stadt in den letzten Jahrzehnten etwas gelitten haben muß, obwohl der alte Glanz hier und da noch etwas hindurch schimmert.



Auf diesem Foto - am rechten Bildrand - ist das ehemalige Rathaus am Marktplatz zu sehen, welches bis 1919 ein spitziges Türmchen auf dem Dach trug (auch die Turmuhr ist damals sicher ihrer Funktion gerecht geworden).

Historische Aufnahme vom Rathaus auf dem Marktplatz:

Zur Verfügung gestellt von Andreas Bültemeier

Hier noch ein paar ergänzende Anmerkungen zu dieser nordböhmischen Stadt: 

Die Stadt Zwickau in Böhmen entstand am Boberbach (Boberský potok) an der alten Handelsstraße zwischen Mittelböhmen und Zittau (der sogenannten „Alten Leipaer Straße“) und wurde erstmal 1346 urkundlich erwähnt. Zwickau erlitt schwere Schäden im Dreißigjährigen Krieg, wurde 1680 von einer schwere Pestepidemie und 1850 von einer Choleraepidemie heimgesucht. Für die in den Jahren 1553-1558 im Stile der gotischen Renaissance umgebaute St. Elisabethkirche wurde zum Bau ihres Turmes der auf dem „Hohlstein“ (Dutý kámen) gebrochene Sandstein verwendet (siehe Teil 1 der Wanderung). Auch ein paar aus der Oybiner Klosterkirche gerettete Inventarien sind nach deren Brand 1577 nach Zwickau gelangt.

Während der Industrialisierung in den Jahren um 1900 wurde neben der Textilindustrie vor allen Dingen die Glasindustrie in dieser Region ein wesentlicher Wirtschftsfaktor.


Auf diesem Foto ist die Pestsäule aus dem Jahre 1697 zu sehen, die auf dem Kirchvorplatz aufgestellt ist. Im Zentrum dieser Gruppe steht auf einer Säule die Sandsteinfigur der Jungfrau Maria. In der Ebene darunter befinden sich die Statuen des Hl. Wenzels, des Johannes und des Sebastians, die auf einem dreiseitigen Sandsteinsockel befestigt sind. 

Im Hintergrund kann man übrigens wieder den Gipfel des „Grünen Bergs“ erkennen, den zu umrunden wir uns vorgenommen haben. 

An der nordöstlichen Ecke des Marktplatzes beginnt die blaue Wegmarkierung, der wir in östlicher Richtung folgen.


An der Peripherie der Stadt geht es vorbei an überraschend schönen, neu errichteten Einfamilienhäusern mit gepflegten Vorgärten.


Der blau markierte Wanderweg führt uns schließlich nach einem weiteren Kilometer an dem überregional bekannten Kindersanatorium für Atemwegserkrankungen vorbei.


Nachdem wir die (nur symbolisch vorhandene) Schranke passiert haben führt uns der Weg direkt zum „Kalvarienberg“ (Křížový vrch), einem Kreuzweg, wie man ihn im ehemals katholischen Nordböhmen an verschiedenen Orten noch heute finden kann.


Die 14 Kreuzwegstationen, an denen der Leidensweg von Jesu Christi nachgebildet wird, sind seinerzeit direkt an den Ausläufern des Hausberges, dem „Grünen Berg“ errichtet worden. Diesen Ort hat man bereits 1728 für eine Wallfahrt genutzt. Die gegenwärtige Gestalt der Kreuzwegstationen mit den Skulpturen in den verglasten Nischen stammt aus dem Jahre 1900 und sind von der Münchner Firma „Mayer’ische k. Hof Kunstanstalt“ angefertigt worden. Anfang der neunziger Jahre ließ die Stadt Zwickau i.B. den Kalvarienberg renovieren, nach dem er in den "sozialistischen Zeiten" fast gänzlich dem Vandalismus zum Opfer gefallen war.


Dieses Firmenschild des Herstellers kann man an der Station XIV sehen


Etwas mehr über die wechselvolle Geschichte dieses Kreuzweges erfährt man z.B. in der Wikipedia.

Oberhalb der 14 Stationen befindet sich die Wallfahrtskapelle mit einem dahinter liegendem kleinem Park, der einer Statuengruppe enthält, von der heute aber nur noch die Hl. Magdalena sowie Reste der Jungfrau Maria (ohne Kopf) zu sehen sind.


Dieser idyllische Platz bot uns Gelegenheit für ein ausgiebiges Picknick. Mit einem Einwegegrill wurden leckere Bratwürste gegart; Obst und Getränke vervollständigten unser Freiluftmenü, und so ließen wir es uns gut gehen... 

Nachdem wir uns in der erwähnten kleinen Parkanlage gestärkt (und keinen Müll liegen gelassen) hatten, ging es nun noch ein Stück auf dem blau markierten Weg in nördlicher Richtung weiter. 

Bevor der Weg abschüssig in ein Waldstück führt, wenden wir uns an der Waldkante nach rechts und gehen direkt in Richtung „Grüner Berg“  und zwar bis wir auf einen Forstweg stoßen, den wir absteigend um den Grünen Berg folgen. Nach ca. 2 Kilometer (ab der Wallfahrtskapelle gerechnet) stoßen wir auf die Verbindungsstraße von Groß-/ Kleinmergthal (Mařenice-Mařeničky) nach Kleingrün (Drnovec) mit dem Motel, wo wir unser Auto abgestellt hatten. Wir entscheiden uns für den knapp 2 Kilometer entfernten Biergarten des Motels um dort eine längere Pause einzulegen. 

Für den letzten Wanderabschnitt haben wir uns insofern eine Erleichterung gegönnt, als daß wir ein paar Kilometer mit dem Auto überbrückt haben (siehe Wanderkarte). Die Fahrt ging vom Motel nach Kunnersdorf (Kunratice) und von dort in Richtung Groß-/ Kleinmergthal (Mařenice-Mařeničky), um zwischen dem oberen- und den unteren Fischteichen einen Parkplatz anzusteuern. 

Plötzlich und ganz unerwartet fahren wir am Ortsausgang von Kunnersdorf an einer Blumenwiese vorbei, die mich zu einem spontanen Halt animierte. Hier das Ergebnis:



(Weitere Aufnahmen mit Erläuterungen finden Sie hier) Nach diesem wunderbaren Geschenk der Natur haben wir, wie vorgesehen, unser Auto bei den Fischteichen bei Kunnersdorf parken können.

Ziel unserer jetzt folgenden kurzen Wanderung sind zwei interessante Felsreliefs, die ein wenig versteckt im angrenzenden Wald zu finden sind. Dazu gehen wir über den Damm zwischen den Fischteichen queren den Zwittebach und wenden uns nach rechts, bleiben aber immer an der links befindlichen Waldkante, bis wir an eine Weggabelung kommen. Wir wählen nun den Weg nach links in nördliche Richtung (siehe Wanderkarte) (in östlicher Richtung kann man wenige Meter weiter eine interessante PKW-Ausstellung bewundern). Schon nach ca. 300 m erkennt man rechts zwischen den Bäumen das erste Felsrelief - einen imposanten Altarfelsen (Skalní oltáře). 

Dieses wunderschöne Felsrelief der Heiligen Dreifaltigkeit wurde 1740 vom Tischler und Volkskünstler Franz Schier (er stammte direkt aus dem Ortsteil „Dreihäuser“ (Třídomí) von Kunnersdorf, der später aufgegeben wurde), aus dem sogenannten „Dreihäuserstein“, der Bestandteil eines ehemaligen Steinbruches war, herausgearbeitet.




In diesem 4x3,5 m großen Altar-Relief der Dreifaltigkeit (Gott Vater, Sohn und heiliger Geist), der mit vielen Engelsfiguren und Engelsköpfen versehen ist, sehen wir im unteren Bereich einem Baldachin, der von Säulen gestützt scheint, als Himmelstor mit einer Königskrone, unter der die Jungfrau Maria mit dem Jesuskind steht. 

Ich bin der Meinung, daß diese beeindruckende Arbeit ein weiteres schönes Beispiel für die vielen „Flurdenkmäler“ ist, die in den nordböhmischen Wäldern noch allenthalben zu finden sind. Sie sind von großer kulturhistorischer Bedeutung und haben wahrlich Schutz und Erhaltung verdient. Es ist schon erstaunlich, daß viele von diesen Denkmalen derzeit in keiner Wanderkarte zu finden sind! Oder ist das eher vielleicht sogar ein Glücksfall? 

Nun führt uns der Weg noch einmal ca. 300 m in die gleiche nördliche Richtung. Es geht vorbei an einem erstaunlich gut gepflegten Anwesen. Wir möchten nicht achtlos vorbeigehen, und so beglückwünschen wir das Ehepaar, zu ihrem wunderschönen Garten, der offensichtlich ihre ganze Liebe und viel, viel Fleiß empfängt. 

Wenn wir dieses Grundstück hinter uns gelassen haben, sind es nur noch wenige Meter bis zu unserem letzten Ziel. Aber gerade an dieser Stelle müssen wir besonders aufpassen, denn dieses Relief ist leicht zu übersehen. Kein Hinweisschild! Keine Markierung! Nichts dergleichen! 

Unser Weg läuft nun leicht abschüssig und von rechts mündet eine kleine felsige Schlucht auf diesen Weg. Erst wenn wir uns diese kleine Schlucht - es war der ursprüngliche Weg - etwas genauer ansehen, entdecken wir ein weiteres Felsrelief:




Die ungefähr 2x1,5 m große Steinmetzarbeit zeigt die „Flucht der Heiligen Familie nach Ägypten“.

Im unteren Bereich sieht man wie Josef einen Esel führt, auf dem Maria mit dem Jesuskind sitzt. Darüber sind unterschiedliche Engel dargestellt, welche die Familie auf ihrem Weg begleiten. Die Vermutung drängt sich auf, daß auch dieses Relief von Franz Schier stammt. Leider ist der Zustand  nicht mehr ganz so gut, was meine Gedanken zur Sicherung und Erhaltung dieser Kulturgüter nur noch unterstreicht. 

Wir sind uns nach der Besichtigung alle einig, daß diesem Volkskünstler größte Hochachtung gebührt, unabhängig von den Beweggründen für das Schaffen dieser Altäre. 

Auf dem Weg zu unserem Auto und der Nachhausefahrt lassen wir den ereignisreichen Tag noch einmal Revue passieren (vom lohnenden Gang über den Hohlstein am Beginn unserer Tagestour, immer auch mit einem Exkurs in die geschichtlichen Zusammenhänge, nicht zu vergessen die Ausblicke in die Landschaft mit dem Kennenlernen der beeindruckenden Bergwelt im Lausitzer Gebirge, der Weg durch Zwickau i.B., der Aufstieg am Kalvarienberg, immer auch mit dem Gedanken an unsere Altvorderen -wie sie gelebt haben mögen-, schließlich unsere heitere und unbeschwerte Wanderung um den „Grünen Berg“ selbst, danach die bezaubernde Orchideenwiese bis hin zu den beeindruckenden Felsreliefen. 

Eine Tagestour ohne größere Schwierigkeiten im Lausitzer Gebirge, die ich gern weiter empfehlen möchte. 

Ich wünsche allen, die diese Tour nachwandern möchten, viel Vergnügen. 

Für die Leser, die diese Wanderung nicht gehen können, hoffe ich mit dieser Schilderung ein wenig Freude und Unterhaltung in ihr Domizil gebracht bzw. Interesse für diesen wunderschönen Landstrich geweckt zu haben.

Werner Schorisch

Kommentare:

  1. Wieder einmal wunderschöne Aufnahmen, gepaart mit informativen und spannenden Erklärungen.
    Danke Werner Schorisch
    I. Steiner

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    1. Es freut mich sehr, dass Dir meine Erzählungen mit den eingefügten Bildern über einen Tagesausflug im "Lausitzer Gebirge" gefallen haben. Vielen Dank für Deine netten Worte. Ich wünsche Dir alles Gute und eine schöne Zeit.
      L.G. Werner

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