Dienstag, 10. Juni 2014

Hoch über der Elbe - Die Burg Sperlingstein


Ein paar Kilometer südlich von Tetschen an der Elbe erhebt sich bei dem kleinen Dorf Tichlowitz der mächtige herausgewitterte Vulkanschlot des Sperlingsteins rechtselbisch aus dem Tal des Reichenbachs. Er stellt eine wahre Landmarke dar, dessen in verschiedene Richtungen ausstreichenden Basaltsäulen, die den aus vier Spitzen bestehenden Felsen bilden, auch einen weniger geologisch interessierten Mitmenschen wahrhaft begeistern können – besonders dann, wenn man einen Feldstecher dabei hat… Einen besonders eindrucksvollen Blick auf die dunkle Felsengruppe hat man vom Ortsausgang von Babutin aus, von wo aus manche Menschen in dem Felsen die Figur eines mächtigen Bären zu erkennen glauben. Und man glaubt es kaum. Dieser Felsen verbirgt auf seinem Gipfel die Reste einer alten Burganlage, von der vom Tale aus aber so gut wie nichts mehr zu erkennen ist. Um sie zu erkunden, muß man sich schon auf den kurzen, aber beschwerlichen Weg hinauf zum Gipfel machen. Der Aufstieg beginnt am Dorfende, wo eine Infotafel auf die Felsenburg aufmerksam macht. Und dann geht es erst einmal steil bergan. Dabei wird man – besonders wenn es Sommer und heiß ist – die beiden Sitzbänke nutzen, die am Wegrand auf dem Weg zum Bergsattel von tschechischen Naturfreunden in jüngster Zeit aufgestellt wurden. Irgendwann erreicht man die ehemaligen „Sperlingshäuser“, von denen aber nur noch einige Grundmauern stehen geblieben sind. 


Zuvor sollte man aber noch den wunderschönen Blick über die Elbe zu den Ausläufern des linkselbischen Elbsandsteingebirges mit dem hohen Schneeberg, dem Hopfenberg sowie, ganz rechts, Teile von Tetschen genießen. 


Auf diesem Bergsattel, den man auch bei einer weniger anstrengenden Wanderung vom Zinkenstein (mit dem „Aussiger Fernsehturm“) aus erreichen kann, lohnt es sich noch mal eine kleine Rast einzulegen. Hier befinden sich unter einem Regenschutz ein paar Bänke und ein Tisch und an der Wand hängt noch eine Anzahl von Informationstafeln, die sowohl über die Burg Sperlingstein als auch über Besonderheiten der belebten Natur der Umgebung aufklären. Und wer möchte, kann sich noch im „Gipfelbuch“ verewigen oder zumindest einmal nachschauen, wer denn vor kurzem noch alles hier vorbeigekommen ist. Wir fanden es außerdem noch äußerst hilfreich (heuer am Pfingstsonntag waren ~30° Lufttemperatur), daß wir hier ein Behältnis mit frischem Trinkwasser vorgefunden haben, welches genau zu dem von uns genutzten Zweck von Samaritern der Neuzeit hier abgestellt worden ist…


Und nun ist es nicht mehr weit hinauf bis zu den Gipfelfelsen, die schon durch den Wald hindurch lugen. Über einen schmalen Weg gelangt man auch zügig hinauf und findet sich schnell zwischen den ersten drei der vier Gipfelklippen wieder. Und erst hier sind einige der wenigen noch vorhandenen Mauerreste der alten Feste auszumachen. Dazu gehört eine ca. 8 m hohe grobgemauerte Wand sowie einige kleinere Reste Mauerwerk, die vollständig von Pflanzen überwuchert sind. Selbst eine gehörige Portion Phantasie reicht da nicht aus um sich vorzustellen, wie einst diese von vornherein nicht sonderlich große Burg einmal ausgesehen haben mag. 


Aber da „Burgenforscher“ seit nunmehr 200 Jahren Sperlingstein näher untersucht haben, konnte zumindest ein grober Grundriß der Anlage erarbeitet werden. Das Zentrum bildet ein kleiner Innenhof, wo man noch im vorletzten Jahrhundert abgesackte Kellerräume wahrnehmen konnte. Er war ehemals über drei Seiten eingemauert und ist mittlerweile zugewachsen. Aber der vom Hauptweg links abgehende Trampelpfad führt zu einem mit Ketten gesicherten Klettersteig, über den man mit etwas Mut auf den mittigen Gipfelfelsen gelangen kann. Weiterhin konnten Hinweise auf die Existenz von zumindest zwei Zugbrücken gefunden werden und zwar in Form von Vertiefungen, in welche die Gewichtssteine bei deren Anheben hinein geglitten sind. Die Erste schloß mit einer Rampe am Haupteingang ab und die zweite (wenn die Rekonstruktion richtig ist) verband Teile der inneren Burg. Auf einem der Hauptfelsen im hinteren, geschützten Teil der Felsgruppe, fand man Reste eines rechteckigen Gebäudes, von dem vermutet wird, daß es sich dabei um den Wohnturm der Burg gehandelt hat. Als Baustoff für die massiven Burgbauten wurde überwiegend der anstehende Basalt verwendet. Aber auch Backsteinreste sowie Reste verbrannten Lehms konnten an den Stellen nachgewiesen werden, wo sich wahrscheinlich einmal kleinere Wirtschaftsgebäude befunden hatten. Ansonsten wurde, wie bei mittelalterlichen Burgen üblich, Holz als zweitwichtigstes Baumaterial verwendet. Reste davon sind davon freilich nicht erhalten geblieben. Nur in den noch bestehenden Steinmauern kann man noch hier und da Ablagepfalze für nicht mehr rekonstruierbare Holzkonstruktionen ausmachen. 


Über die Geschichte der Burg hat sich nicht sonderlich viel bis in die heutige Zeit erhalten. Es ist sicherlich wahr, daß sie als Repräsentationswohnsitz eines Mitglieds des niederen Adels gedacht war. Alte Quellen berichten von einem gewissen Johann von Tichlowitz, der um das Jahr 1374 von den Herren von Wartenberg (die wir vom Roll bei Niemes her kennen) einige Dörfer der Umgebung käuflich erworben haben soll. Die Existenz eines Dorfes (Pfarre) mit Namen Tyechleuicz ist jedenfalls für das Jahr 1360 urkundlich bezeugt. Dieser Johann von Tichlowitz soll dann auch die Errichtung der Burg Sperlingstein veranlaßt haben, die, wiederum urkundlich bestätigt, ab 1404 dessen Sitz wurde. Sie hatte alles, was sich ein damaliger „Vladike“, der in den Ritterstand aufgestiegen war, nur wünschen konnte: Uneinnehmbarkeit und Machtzentrum über mehrere Ortschaften der Umgebung. Nur bequem und luxuriös war es dort sicher nicht. Ganz im Gegenteil. Die Lebensbedingungen des kleinen Landadels waren oftmals nicht viel besser als die der untergebenen Bauern. Durch den Burgbau muß er sich jedenfalls stark verschuldet haben was ihm zwang, sowohl Burg als auch einige Dörfer an Siegmund von Wartenberg zu veräußern, der damals in Tetschen residierte. Das muß so um das Jahr 1413 gewesen sein. Also mit einem geruhlichen Alterswohnsitz war damit wohl nichts mehr… Fünf Jahre später ging Burg und Herrschaft an Heinrich Left von Lazan, der als königlicher Kämmerer und als Landeshauptmann des damals böhmischen Erzbistums Breslau in die Geschichte eingegangen ist. 1420 nahm er aktiv an der Schlacht bei Vysehrad (Prag) unter Kaiser Sigismund gegen die Hussitten teil (16.8. bis 1.11.1420), bei dem er den Tod fand. Ob er zuvor jemals seine „neue Burg“ Sperlingstein besucht hat, ist eher unwahrscheinlich. Und so wechselte in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts die Burg noch mehrfach ihre Besitzer (u.a. Nikolaus I. Lobkowitz von Hassenstein, genannt der „Arme“, obwohl er als oberster Landschreiber von Böhmen stinkreich war; dann, ab 1425, wurde Anna von Sternberg Burgbesitzerin. 1444 zogen schließlich die Sechsstädte mit ca. 9000 Mann unter Kaspar von Nostitz vor die Burg und zündeten sie an, nach dem sie zuvor bereits die Burgen Birkstein (=Einsiedlerstein) sowie die Ronburg erobert hatten (nur der Dewin bei Hammer hielt ihren Angriffen stand). Die Burgbesatzung hatte vorsorglich schon vorher das Weite gesucht. Seitdem nahm das Interesse an dieser Immobilie ziemlich schnell ab. Die Bauern der Umgebung bedienten sich der schon schön vorgeformten Mauersteine und ab dem 16. Jahrhundert war sie dann endgültig öde und verlassen. Nur ein paar Sagen haben sich überliefert, da sie von Generation zu Generation weitererzählt wurden. Eine handelt sogar vor der Zeit des Burgbaus. Danach soll hier an der Elbe ein grausamer, heidnischer Ritter gelebt haben, der alle Christen zutiefst hasste. Er hauste in der Burg „Rattenstein“, deren wenige Reste man noch heute südöstlich von Tichlowitz auffinden kann. Es heißt in der Sage, daß dieser Ritter von seinen christlichen Nachbarn besiegt und in seine Burg eingeschlossen wurde. Aber der stolze Heide wollte sich nicht ergeben. Als die Sonne unterging, brachte er noch einmal seinen Göttern ein Opfer dar, bestieg dann sein rabenschwarzes Roß, verband ihm die Augen, und stürzte sich mit ihm an einer Stelle, den man heute noch als „Heidenstein“ kennt, in die Tiefe. Später wurde dann der Ort dieser Sage auf den Sperlingsstein verlegt.




Den heutigen Reiz der Burgstelle macht die schöne Sicht auf das Elbtal in Richtung Aussig aus, welches man von einer freien Stelle zwischen zwei hohen Felstürmen genießen kann. Links zeigt sich die Spitze des Fernsehturms auf dem Zinkenstein und rechts unten, tief im Tal, die Dörfer Babutin und Tichlowitz sowie, direkt dahinter, der leicht geschwungene Elbebogen, wie er im Elbtal in Richtung Aussig abbiegt.



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