Dienstag, 1. Juli 2014

Auf den Spuren Amand Paudlers: Wanderung auf dem Kammnebenweg - Teil 3

Ein Gastbeitrag von Björn Ehrlich, Zittau-Hörnitz, und Holger Totz, Herrnhut

Etappe 3 – Blottendorf – Finkendorf

Es soll die Königsetappe werden und der frühe Morgen hält alles bereit, was man dafür benötigt: stahlblauen Himmel und Fernsicht. Auf geht es in Richtung Kleis (Klíč). Von allen Seiten zeigt sich der Berg wie ein pyramidales Bauwerk und zieht den Betrachter magisch an. Oft leiten sich die Namen landschaftlicher Elemente von Wahrnehmungen und Erscheinungen ab. So mutmaßt auch Paudler: 'Es verdient bemerkt zu werden, daß Pfarrer Ig. Jaksch schon vor hundert Jahren den Namen „Gleiß“ - so schrieb er ihn – von dem „Glanze“ der glatten, schimmernden Steine ableitete, „von welchen der Berg gegen Mittag bei Sonnenschein glänzt oder gleißt“. 

Der Gipfel hält heute den besten Lohn für die Mühen des Aufstiegs bereit, den man sich nur wünschen kann – ein grandioses Panorama und zwar mit einer Ausdehnung von 360°. Der Landschaftsfotograf und Autor Siegfried Weiß erinnert sich an einen Gipfelaufenthalt : 

'Einst stand ich bei Sonnenaufgang auf seinem Gipfel. Es war ungewöhnlich kühl. In den Tälern wallte Nebel, der aber die niedrigen Berge nicht ganz einhüllte. Es bemächtigte sich meiner ein Gefühl tiefer Dankbarkeit, und ich glaubte die Beweggründe alter Heiden zu verstehen, die ihrer tiefen Empfindung nur durch Opfergaben Ausdruck verleihen konnten. Schweigsam saß ich auf den kalten Steinen und war unfähig, zu fotografieren. Die Sonne stieg höher und höher, die stille Vorstellung zerfloss, und die Landschaft bekam wieder ihr alltägliches Antlitz, wenngleich der Blick vom Kleis immer schön ist. Sein Gipfel ist um so wertvoller, da kein Bauwerk darauf steht. Man kann die Einsamkeit genießen und hat so ein rechtes Gipfelgefühl.'

Obwohl ohne Sonnenaufgang, wir genießen dieses Gipfelgefühl ausgiebig, auch wenn der Weg heute noch sehr weit ist und ein zweiter ebenbürtiger Aufstieg ziemlich an die Substanz zu gehen verspricht. Ziel ist zunächst die Aussicht am Knespelberg (Knespelův vrch) bei Hoffnung (Nadeje) von wo man einen herrlichen Blick über das östliche Lausitzer Gebirge bis hin zum Isergebirge und südlich zum Rollberg-Hügelland hat. Ich habe an dieser Aussicht schon oft gesessen und obwohl hier eine überdachte Sitzgruppe eingerichtet ist, habe ich hier noch nie jemanden angetroffen und es gibt auch kaum Spuren, die auf die Anwesenheit von Zivilisation schließen lassen. Schön zeigt sich hier der Hochwald (Hvozd). So können wir uns auf den Aufstieg einstimmen und noch immer herrscht Fernsicht. 

Noch einmal kreuzt sich auf dem Hochwald unser Weg mit Paudlers Kammweg. Wie der Kleis, so ist auch der Hochwald ein exzellenter Aussichtsberg. Über den Gipfel verläuft die sächsisch-böhmische Grenze. Bereits 1854 wurde auf böhmischer Seite eine Gastwirtschaft eröffnet, 1890 folgte die erste Baude auf sächsischer Seite. Beide Bauden erlebten eine sehr wechselhafte Geschichte. Die Baude auf deutscher Seite ist erhalten geblieben, ihre böhmische Schwester ging nach der Vertreibung unwiederbringlich unter, wie viele andere Einrichtungen auf tschechischer Seite auch. So die Baude auf der Lausche (Luž), die schöne Baude an den Rabensteinen (Krkavčí kameny) oder die Volkertbaude am Lindenberg (Lipový vrch).



Mit Liebe und Enthusiasmus wurde die Hochwaldbaude 1991 durch den jetzigen Baudenwirt, Uli Grundmann, vor ihrem Ende bewahrt. Sie wird noch heute betrieben und erfreut sich großer Beliebtheit. Gleichwohl, so scheint es, ist der Gesamtzustand unbefriedigend und ruft nach grundlegender Sicherung bzw. Sanierung. Dieser Aufwand kann kaum durch eine Privatperson geleistet werden. Unumstritten ist die Baude Kulturgut und so stellt sich die Frage, was dessen Erhalt der Gesellschaft heute noch wert ist. Es geht hier nicht um Wirtschaftlichkeit oder Gewinnerzielung und es ist auch schwer vorstellbar, dass sich erforderliche Investitionen amortisieren. Es geht um die Bewahrung dieses einzigartigen Wahrzeichens des Zittauer Gebirges und damit des Landes Sachsen. Es wäre schön zu hören, wie sich die Eigentümer des Grundstücks, die Tourismusverbände und die Kreis- und die Landesbehörden sich die weitere Entwicklung vorstellen und zwar, bevor es zu spät ist. Sollte es diesbezüglich an Ideen mangeln, so sei ein Erfahrungsaustausch mit den Betreibern der Bauden auf Lobosch und Milleschauer Berg im Böhmischen Mittelgebirge empfohlen. Dort zumindest scheint es gute Konzepte zu geben. Die tschechischen Nachbarn gehen da wohl verantwortungsvoller und traditionsbewusster mit ihrem Erbe um. Auf den Bergen herrscht ein freier Geist. Vielleicht tut man sich hierzulande deshalb so schwer.

Natürlich haben wir uns ein Gipfelbier verdient, aber bis zu unserem Quartier in Finkendorf (Polesí) liegt noch ein gutes Stück Weg vor uns, so dass wir uns baldigst vom Wirt wieder verabschieden. Auch wenn die letzten Kilometer recht eben verlaufen, sind wir nach 30 Kilometern froh, die Herberge erreicht zu haben. 




Beim Aufstieg zum Gipfel des Kleis


Oben angekommen


Exzellente Aussicht, mehr ist nicht zu erwarten





Auf dem Weg nach Röhrsdorf (Svor)



Auf Morgenthauer (Rousínov) Flur, Blick zurück zum Kleis


Ein Fall für den Zahnarzt (Zahnstein)


Am Knespelberg






Kapelle in Hoffnung


In Großmergthal (Mařenice) beginnt der Anstieg zum Hochwald, zuerst sanft …




… dann heftig


… aber es hat sich gelohnt






Petersdorf (Petrovice) am Fuß des Falkenbergs (Sokol)


Auf den letzten Kilometern


Wir sind angekommen – die Pension in Finkendorf

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