Montag, 12. Januar 2015

Der evangelische Friedhof in Reichenau (heute Bogatynia)

Ein Gastbeitrag von Birgit Proft:   „Ein wahres Schmuckkästlein war der Friedhof …“


Der älteste Teil unseres Reichenauer Friedhofes bildete fast ein Quadrat und lag um die Kirche herum. An ihn schloss sich ein etwa ebenso großer, neuerer Teil und an diesen wiederum ein dritter Teil von ungefähr gleicher Größe an. Jeder Friedhofsteil war von einer Mauer umschlossen, durch die breite Durchgänge von einem zum anderen führten.

An den Friedhofsmauern entlang befanden sich die Erbbegräbnisse, das waren Familiengräber mit sechs, acht oder mehr Liegestellen. Sie waren üblicherweise von eiserenen Gittern umgeben, mit verschließbaren Türen. Viele der Gräber waren ausgemauert und überdacht. Abgeschlossen wurden diese Grüfte durch schwere Stein- und Metallplatten. Aus den Inschriften der Tafeln konnte man die Geschichte so mancher Reichenauer Familie ablesen.

…es war Brauch, dass der Sarg an einem Platze mitten auf dem Friedhof noch einmal geöffnet wurde. An jeder Ecke dieses Platzes stand eine Linde, deren Baumkronen so verschnitten waren, dass ihre Zweige ein durch ein Gerüst gehaltenes, dichtes Blätterdach bildeten. Hier an dieser Stelle nahmen die Hinterbliebenen Abschied von dem Verstorbenen.

Ein wahres Schmuckkästlein war der Friedhof mit seinen sauberen, von Rosen, Rotdorn und Akazien begrenzten Wegen. Keine Männer mit Weltruhm ruhen auf ihm, keine Kunstwerke, zu denen die Welt pilgert, schmücken seine Gräber, auch keine Gedenkzeichen, durch die einer den anderen zu überbieten sucht. Jahrhundertelang wurden an dieser Stätte die Reichenauer zur letzten Ruhe gebracht: Vornehme und Geringe, Alte und Junge, Ehrbare und solche, von denen man das nicht sagen konnte. Keinem verwehrte der Friedhof sein spezielles Fleckchen. 


Karl Friedrich Meschke 
Aus „Eine Sammlung heiterer und besinnlicher Begebenheiten eines Reichenauer Wahl-Dresdners mit Wurzeln „a dr Äberlausitz“ 


Und jetzt … 






Blick zur Kirche


Ruhestätte der Familie Trenkler




Vor 1945… 


und heute...



Seit Mai 2014 treffen sich einige Mitglieder des Naturschutzvereins „Zittauer Bergland“ e.V. meist einmal wöchentlich auf diesen Friedhof, um Wildwuchs zu entfernen, die Wiesen zu mähen und die noch vorhandenen früheren Grabanlagen in einen würdigen Zustand zu versetzen.


Meterhohes Gras mußten wir zunächst mit der Sense zu Leibe rücken. Der Wildwuchs (meist junge Ahornbäume) wurde mit Baumscheren zurückgeschnitten.



Es gibt sehr viel zu tun.

Alte Holzkreuze wurden durch Neue ersetzt, um den kleinen evangelischen Friedhof ein würdiges Aussehen zu geben.


Ein schönes altes Kreuz wurde wieder aufgestellt.

Auch den Rasen haben wir übers Jahr regelmäßig gemäht.

Edward Semper von der Bruderschaft des Bogatyniaer Landes unterstützte uns hin- und wieder dabei.


Dieses Kreuz, das wir unter Brombeersträuchern fanden, wurde von Helmut Liebig wieder hergerichtet und hat nun in der Nähe der Kapelle einen würdigen Platz gefunden.




Grabsteine wurden wieder aufgerichtet und brachten die Geschichte Reichenauer Familien zum Vorschein. Nicht alle Grabplatten sind zerschlagen worden.




Manche Grabsteine, so wie dieser, ragen unter dem grünen Efeuteppich hervor.



Unter diesem Gestrüpp verbarg sich das Grab von Edwin Preibisch.



Die von Unkraut und Wildwuchs befreiten Gräber wurden auch wieder bepflanzt.


Hinter diesen hohen Sträuchern verbarg sich der hintere Teil des Friedhofes.


Jetzt ist er von der kleinen Kapelle aus wieder sichtbar.



Ein Grab wurde von Unkraut befreit. Und auch ein zweites daneben.



Und so sehen die Gräber heute aus. Wer waren wohl diese Menschen? Kannte sie jemand?


Auch das Grab des Heimatdichters Carl Wilhelm Friedrich …


… befindet sich wieder in einem ansehnlichen Zustand.


Vieles haben wir in diesem Jahr auf dem evangelischen Friedhof in Bogatynia in Ordnung gebracht, vieles gibt es noch zu tun. Der Wildwuchs weicht Stück für Stück einem grünen Efeuteppich, unter dem man die Gräber und Grabsteine noch erahnen kann. Das wollen wir auch so belassen.

Für zwölf Gräber, die zwischen den anderen gepflegten Gräbern völlig verwahrlost waren und die wir wieder in Ordnung gebracht und neu bepflanzt haben, hat Helmut Liebig schöne, schlichte Holzkreuze gebaut. So bekam der Teil des Friedhofes, der noch genutzt wird, ein gepflegtes Erscheinungsbild und wir hoffen, dass dies auch den Familien gefällt, die hierherkommen und die Gräber ihrer Angehörigen pflegen. Und wir haben den Rasen regelmäßig gemäht. Ein junger Pole hat sich zu uns gesellt und hat uns nach Kräften unterstützt. Dafür danken wir ihm. Wir hätten nicht gedacht, dass uns diese Aufgabe so fesseln könnte. Immerhin waren wir seit Mai fast jeden Montag für drei bis vier Stunden hier. Aber nur so kann es etwas werden. Ein Friedhof bedarf regelmäßiger Pflege, wenn er nicht verwildern soll. Außerdem wollten wir verhindern, dass der Wildwuchs mit Unkrautex „behandelt“ werden konnte. Das wäre sehr schade gewesen, weil auf diesem Fleckchen Erde viele Vogelarten heimisch sind.

Vielleicht schaffen wir es ja, dass der evangelische Friedhof einmal wie ein Park aussieht und von Polen und Deutschen gleichermaßen für einen Besuch gern genutzt wird. Wer uns in diesem Jahr dabei unterstützen will, ist gern gesehen. Hilfe und Unterstützung sind gefragt.


Birgit Proft und Helmut Liebig vom Naturschutzverein „Zittauer Bergland“ e.V.

Kommentare:

  1. Bin gerade elektrisiert beim Bild des Dichters Carl Friedrich Willhelm verweilt, weil dort auf der Grabstätte auch Menzel steht. Mein Mädchenname ist Menzel.....gibt es Aufzeichnungen, wer von der Familie Menzel dort begraben ist ?

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    1. Hallo Frau Kasper,
      leider habe ich lange nicht mehr in meinen Beitrag zum Reichenauer Friedhof hineingeschaut, deshalb meine verspätete Antwort.
      Was ich auf der Grabplatte lesen kann,sind die Namen von:
      Johanna Christiane Menzel geb. Liebig 17.2.1817 - 29.10.1880
      Johann Gottlieb Menzel 18.6.1815 - 21.11.1896
      Johanna Auguste Friedrich geb. Menzel 23.2.1842 - 6.5.1913
      Wenn ich Ihnen weiterhelfen konnte,würde es mich freuén. Sollten es Ihre Ahnen sein, melden Sie sich doch mal bei mir. Sie erreichen mich über die E-mail-Adresse des Naturschutzvereins Zittauer Bergland e.V.
      Viele Grüße
      Birgit Proft

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  2. Wir waren am Wochenende mit unserer Familie vor Ort und haben den gleichen verwilderten Ort vor gefunden (der offensichtlich dank der Arbeit des Zittauer Bergland e.V. begehbar war). Wir waren entsetzt wie dort seitens der polnischen Bevölkerung mit unseren Vorfahren umgegangen wird, wieso werden die Namen der Toten aus dem Mauerwerk geschlagen und Grabsteine umgestoßen?! Sind das die selben Menschen die Sonntäglich brav in die Kirche gehen? Wir waren auf der Suche nach meinem Urgroßvater. Gibt es denn irgendwo Bücher oder andere Nachweise oder Notizen wer auf diesem Friedhof beerdigt wurde? Kann mir da jemand helfen?

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    1. Hallo Herr Neumann,
      auf Ihren Kommentar vom 15.02.2016 würde ich Ihnen gern etwas ausführlicher antworten.
      Sie erreichen mich über die e-mail-Adresse vom Naturschutzverein Zittauer Bergland e.V.. Nur soviel vorab: Die Ursachen für den Zustand des Reichenauer Friedhofs sind in der unmittelbaren Nachkriegszeit zu suchen, als der Hass auf die Deutschen unendlich groß war. Die heutige evangelische Gemeinde in Bogatynia ist sehr klein und mit der Erhaltung des Friedhofs einfach überfordert.
      Leider gibt es keinerlei Aufzeichnungen über den Reichenauer Friedhof. Die wurden zu Kriegsende sämtlichst vernichtet. Aber es gibt auch andere Möglichkeiten der Ahnenforschung. Und der Geschichtsverein in Bogatynia (BZB) ist an Reichenauer Familiengeschichte stets interessiert. Also melden Sie sich doch mal bei mir.
      Viele Grüße
      Birgit Proft

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  4. Sehr geehrte Frau Proft,
    heute, am 25.03.2016 bin ich unverhofft auf diese sehr schöne Seite gestoßen.
    Mein Name Rudolf Scholze. Meine Vorfahren stammen aus Reichenau / Sachsen. Ich arbeite seit 2008 an meiner Ahnentafel. Können Sie mir bitte sagen ob es irgend wo noch ein Grabstelle mit dem Namen Scholze gibt? Ich war schon einmal in Oberullersdorf/ Kopazow, wo es das "Scholze - Gut" gibt. Auf alle Fälle komme ich im Frühjahr den Friedhof besuchen. Für mich ist das eine sensationelle Entdeckung! Ich werde mich über den Naturschutzverein Zittauer Bergland e. V. bei Ihnen melden.
    Bis dahin viele Grüße
    von
    Rudolf Scholze

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    1. Sehr geehrter Herr Scholze,
      vielen Dank für Ihr Interesse an unserem Blog über den Reichenauer Friedhof. Ich melde mich in den nächsten Tagen per e-mail bei Ihnen.
      Bis dahin viele Grüße
      Birgit Proft

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