Sonntag, 13. September 2015

"In der Tinte sitzen" und die Eichengalle


Jetzt, im Spätsommer und im Herbst, findet man allenthalben an Eichenblättern kugelförmige Anhängsel - sogenannte Galläpfel. Es lohnt sich aber nicht, sie zu kosten. Erstens schmecken sie überhaupt nicht und zweitens sind sie immer "madig". In ihrem Inneren lebt nämlich die Larve der Gemeinen Eichengallwespe, ein kleines schwarzes Insekt, welches man manchmal auf Doldenblütlern beobachten kann. Die Galle selbst ist eine Abwehrreaktion auf die Enzyme, welche die Gallwespe in das Blatt mit dem Ei übertragen hat. Was dabei biochemisch passiert, soll hier aber nicht das Thema sein. Vielmehr die Beobachtung, daß sich das Innere des Gallapfels, wenn man ihn aufschneidet, in der Luft schnell tiefschwarz verfärbt. Diese Erscheinung wird schon seit dem Mittelalter ausgenutzt, um Tinte - genauer Eisengallustinte - herzustellen. Sie ist sehr beständig und kaum mit Wasser aus irgendeinem Material wieder herauszuwaschen. Auf diese "Schwierigkeit" bezieht sich die Redewendung "In der Tinte sitzen", über deren Herkunft ich nun kurz berichten möchte, damit wiederum Sie, lieber Leser des "Naturwunderblogs", etwas zu erzählen haben, wenn Ihnen solche  "Gallapfel" ansichtig werden...


Die Redewendung "In der Tinte sitzen" taucht zum ersten Mal in den Predigten eines gewissen Johann Geiler von Kaysersberg (1445-1510) aus Schaffhausen auf, dessen Intention und Broterwerb im Halten von derben Predigten bestand, die er aufzeichnen und drucken ließ. Er gilt auch als ein geistiger Wegbereiter des Hexenwahns in Deutschland, was nicht zu seinen ansonsten vom Humanismus geprägten Ansichten zu passen scheint. In seinen Predigten, die das „Narrenschiff“ von Sebastian Brant (1457-1521) betreffen, findet sich dann die Zeile „Du bist voller sünd, du steckst mitten in der tincten“. Daraus wurde dann der Spruch, der den Jammer ausdrückt, der einen befällt, sobald die Probleme über den Kopf zu wachsen drohen. Hier spielt wahrscheinlich die Eigenschaft einer guten Tinte, fest zu haften und nur schwer abwaschbar zu sein, eine Rolle. Seitdem der Mensch nicht mehr mit einem keilförmigen Griffel auf Tonplatten schreibt, verwendet er „gefärbtes Wasser“ (denn das bedeutet „tincta aqua“), um seine Gedanken auf papierähnlichen Materialien wie Papyrus oder Pergament niederzuschreiben. Aus dem lateinischen Wort „tincta“ entstand dann das althochdeutsche „tincte“ (das noch in Tinktur weiterlebt), bis irgendjemand schließlich das „c“ vergaß - und das Wort „Tinte“ war geboren. Im Laufe der Jahrhunderte entwickelte man eine Vielzahl verschiedener Tinten, aber die wichtigste und schließlich am häufigsten verwendete basierte auf den runden Kugeln (siehe Fotos), die im Spätsommer manche Eichenblätter zieren. Es handelt sich, wie bereits gesagt, bei ihnen um die Gallen der Eichengallwespe (Cynips quercusfolii). Man hat sie früher in großen Mengen gesammelt um daraus einen Sud herzustellen, der zu einem beträchtlichen Teil aus Gallussäure besteht und den man mit Eisen(II)-Sulfat und etwas Gummi arabicum vermengte. Dabei entstand eine dunkle Flüssigkeit, mit der sich mit Schreibfedern (z. B. angespitzten Federkielen) sehr gut schreiben ließ. Beim Trocknen der Tinte entsteht dann durch Oxidation aus dem zweiwertigen Eisen tiefdunkles dreiwertiges Eisen, welches zusammen mit der Gallussäure eine tiefschwarze Komplexverbindung ergibt. Schriftstücke, die mit einer derartigen Eisengallustinte geschrieben werden, zeigen einen besonders schönen Kontrast zum weißen Papier. Aber natürlich waren in den Schreiberstuben der mittelalterlichen Klöster oder in den königlich-kaiserlichen Kanzleien auch andersfarbige Tinten in Gebrauch. So gab es rote Tinten, die aus dem Sekret von Purpurschnecken gewonnen wurden. Mönche wiederum entwickelten teure Gold- und Silbertinten, mit denen neben Illustrationen meist nur die Anfangsbuchstaben neuer Absätze künstlerisch gestaltet wurden. 

Eine Ausnahme ist hier der „Codex Argenteus“, eine Abschrift der sogenannten, in gotischer Sprache geschriebenen Wulfila-Bibel aus dem 6. Jahrhundert. Hier fanden ausschließlich Silber- und Goldtinten Verwendung. Diese Tinten waren natürlich sehr teuer. Noch teurer sind heute bestimmte Markentinten für Tintenstrahldrucker, deren Literpreise teilweise jenseits von Gut und Böse liegen - die aber, zur Beruhigung, an den Preis von einem Liter Skorpionsgift (~24 Millionen €) noch lange nicht heranreichen. Hinter diesen Preisen (insbesondere für die farbigen Druckertinten) stehen nicht unbedingt die Herstellungs- und Entwicklungskosten, sondern auch eine clevere Geschäftsidee: Man mache den Tintenstrahldrucker möglichst billig (als Kaufanreiz), und kassiere später an den Verbrauchsmaterialien (Tintenpatronen, Spezialpapiere) ab. Aber diese Geschäftsidee funktioniert nur noch teilweise (es gab mal eine Zeitlang Tintenspritzer, die waren nur unwesentlich teurer als ihr Satz Tintenpatronen), seitdem der Handel mit Nachfüllsets und Billigtinten floriert. 


Kommentare:

  1. Ein spannender Bericht über eine kleine Wespe. Für mich alles Neuigkeiten, was die Tinte anbelangt, danke für die Aufkärung, ich werde diesen Blog weiter empfehlen.
    Liebe Grüße
    von Edith

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  2. Sowas von spannend, die Eichengallen kenne ich ja, und danach hatte ich gesucht, aber das mit der Tinte, Klasse ... ;-) Bloggen bildet... Lieben Gruß Ghislana

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  3. Sehr spannend! Kann ich das Foto für interne Zwecke verwenden? Liebe Grüsse! Denise

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