Mittwoch, 28. Oktober 2015

Etwas Lesestoff: Trojanische Wirren um den Glöckner von Notre Dame, um Luther, Böhmisches Bier und dessen schöne "Blume"

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Auch das Patent, welches Blaise Pascal für diese Erfindung erhielt, hat ihn nicht reich gemacht.

Erfindung des Omnibus

Quelle: Bundesarchiv

Aber eine andere Erfindung, die ihm noch kurz vor seinem Tod im Jahre 1662 gelang, hat in einer natürlich moderneren Form bis heute überdauert: Der Droschken-Omnibus (kurz, ein Gefährt für alle), der auf einer festen Omnibuslinie in festgesetzten Zeiten verkehrte und dessen An- und Abfahrzeiten somit kalkulierbar waren (was bei der Deutschen Bahn bekanntlich nicht immer der Fall ist). Er wurde als „Wagen für 5 Groschen“ (carrosses à cinq sols) bezeichnet und befuhr, mit zwei Pferden bespannt, mehrere Stadtteile von Paris.

Trojanische Wirren

Da fällt mir ein, dass manche Leute glauben, der Stadtname „Paris“ hätte etwas mit Paris, dem Sohn des trojanischen Königs Priamos zu tun, der, wie ja jeder weiß, einen guten Geschmack bewies als er Aphrodite als die schönste Frau unter der Sonne erwählte und, in den dadurch ursächlich ausgelösten Wirren (von denen Homer in seiner Ilias ausführlich berichtet) dem Helden Achilles einen Pfeil in die Achillesferse schoss, was dieser bekanntlich wiederum nicht überlebte.

Skulptur von Ernst Herter, 1884

Achilles fiel auf diese Weise für die weitere Belagerung Trojas aus (was für die Achäer ziemlich tragisch war) und die Griechen unter Agamemnon erlangten erst dann das Kriegsglück wieder zurück, als das von Odysseus erdachte hohle Holzpferd fertig gebaut und mit einer geheimen Besatzung ausgestattet war. Was dann von Seiten Trojas passierte, kann man unter allen denkbaren (und nicht allein militärischen) Gesichtspunkten nur als saudumm bezeichnen (so wie heute das Öffnen unbekannter E-Mail-Anhänge). Der Ausgang ist bekannt.

Warum Paris „Paris“ heißt

Nein, der Name Paris für die Stadt „Paris“ hat einen anderen Ursprung, und den kann man in dem bekannten Geschichtswerk Gaius Iulius Caesars (100 – 44 v. Chr.) „De Bello Gallico“ – deutsch „Der Gallische Krieg“, jederzeit selbst nachlesen.


Der große römische Feldherr berichtet darin, wie der gallische König Vercingetorix zusammen mit den Kriegern des keltischen Volksstamms der Parisii gegen Caesars Legionen kämpfte. Dazu verließen sie ihre Heimatsiedlung Lutetia auf einer Insel in der Seine und wurden, wie erwartet, von den Römern geschlagen, die dann prompt deren Siedlung übernahmen, sie am Ufer erweiterten, in „Lutetia Parisiorum“ umbenannten und zu einer für damalige Verhältnisse wirklich modernen Stadt ausbauten, welche später kurz „Paris“ genannt wurde. Ein Römer, den es privat oder dienstlich dort hin verschlug, hatte quasi das große Los gezogen. Ein Aquädukt versorgte die Stadt mit Frischwasser, Thermen luden zu einem Bad ein und mehrere Theater sorgten für ein kulturelles Ambiente. Auch die wirtschaftlichen Verhältnisse in und um diese Ansiedlung waren für damalige Verhältnisse hervorragend. Damit war der Grundstein für eine große Zukunft dieser Stadt gelegt. Nach dem Untergang des "Großen Römischen Reiches“ residierten hier ab 508 fränkische Könige.


Notre Dame de Paris und sein Glöckner

Im Jahre 1163 wurde der Grundstein für die Kathedrale Notre Dame de Paris gelegt und 1831 der berühmte Roman Victor Hugo’s (1802-1885) über das Zigeunermädchen Esmeralda und den Glöckner Quasimodo, welcher genau in dieser und um diese Kirche spielt, veröffentlicht. Die meisten werden dieses Werk des großen französischen Romanciers nur als Verfilmung kennen, was eigentlich schade ist. Denn der Roman entfaltet sogar in seiner deutschen Übersetzung eine unvergleichliche epische Wucht, die einem das Leben im spätmittelalterlichen Paris (1482) farbig und opulent vor Augen führt - verbunden mit einer spannenden, ineinander verwobenen Handlung unterschiedlichster Charaktere.


Eigentlich sollte man beides kennen, den Roman und die wunderbare Verfilmung von 1956 mit Anthony Quinn als Quasimodo, der unvergleichlichen Gina Lollobrigida als Esmeralda und Alain Cuni als Claude Frollo.


Das Leben in einer spätmittelalterlichen Stadt, war, soweit man nicht einer besser gestellten Kaste angehörte, meist beschwerlich und kurz. Die Lebenserwartung erreichte im Durchschnitt gerade einmal 35 bis 40 Jahre und war u. a. den schlechten hygienischen Verhältnissen geschuldet, die verheerende Seuchen (wie die Pest) begünstigten und auch zu einer hohen Kindersterblichkeit führten. Also alles Faktoren, die in Verbindung mit einer für die meisten kaum erschwinglichen medizinischen Versorgung, schwerer körperlicher Arbeit, häufigen kriegerischen Auseinandersetzungen und schlechter Ernährung zu einem frühen Tod führte.

Der Tod im Mittelalter

Und der Tod verlor im Mittelalter seine heitere, epikureische Form und wurde zu einem Schrecken mit folgender Verdammnis, Fegefeuer und Höllenqualen, die ihrer theologischen Bedeutung beraubt, zu einer realen und jedermann vorstellbaren Tatsache wurde, der man nur durch einen entsprechenden gottgefälligen Lebenswandel entkommen konnte. Kurz gesagt, das Ziel des mittelalterlichen Lebens war ein rechtes Sterben (bona mors).


Denn der Tod konfrontierte den Christenmenschen ganz direkt mit der Frage nach Verheißung oder Verdammnis, wobei die mittelalterliche Kirche in den Verdammnisbeschreibungen stark (man denke nur an das „Jüngste Gericht“ von Hieronymus Bosch (1450-1516) oder Dantes „Commedia“) und in den Himmelsvisionen erstaunlich schwach war.


Die Schrecken wurden dabei noch genährt von den Eindrücken, welche die wie aus dem Nichts erscheinenden großen Seuchen (z. B. die Pestwellen des Spätmittelalters) in den Seelen der Menschen hinterließen, die Schrecken der Kriege oder den sehr direkten Empfindungen, wie man sie in jener Zeit relativ oft bei Ketzer- und Hexenverbrennungen gewinnen konnte.

Hieronymus Bosch - Höllensturz

Die größte Angst des mittelalterlichen Menschen bestand deshalb darin, zu früh, noch im Zustand der Sündhaftigkeit, zu sterben (mala mors). Denn „Mors peccatorum pessima“ – der Tod der Sünder ist überaus schlimm. Deshalb bedeutete „Leben“ im Mittelalter sich ganz konkret auf den Tod vorzubereiten, denn nichts war schlimmer als ein plötzlicher Tod, ohne Absolution, letzter Ölung und kirchlichen Beistand. Tägliches Beten, das fromme Anhören der Messe, gute Taten etc. sollten den „schlimmen Tod“ verhindern. Denn es galt der Grundsatz von Augustinus „Es kann nicht übel sterben, wer gut gelebt hat“ (Non potest male mori, qui bene vixerit). Um das zu unterstützen, entwickelte sich seit dem 12. Jahrhundert eine Art göttlicher Fürbitte, die sich an dem „Heiligen Christophorus“ (derjenige, welcher der Legende nach das Christuskind auf seinen Schultern über den Fluss getragen hat) anlehnte. Sein Gedenktag im katholischen Kirchenjahr ist übrigens der 24. Juli. Das Ziel der Fürbitte war es, den „Tod ohne Gnadenmittel“ abzuwenden. Dazu benötigte man ein Bild des Heiligen und eine entsprechende Fürbitte-Formel.

Christophorusblätter

Mit dem Aufkommen des Druckgewerbes wurden in großer Zahl entsprechende Drucke (meist Holzschnitte mit dem Abbild Christophorus‘) hergestellt und unter dem Volk verteilt. Man nannte sie Christophorusblätter. Trotz ihrer großen Stückzahl haben sich nur wenige bis heute erhalten. Mit dem Beginn der Reformation wurde in den gebildeten Kreisen immer mehr Kritik über den Christophorus-Wunderkult laut, wobei die Kritik von Erasmus von Rotterdam in seiner „Lob der Torheit“ sicherlich am Lautesten zu vernehmen war.


Auch für Luther war letztendlich das „Anschauen des Christophorus-Antlitzes“ nur eine spezielle Form der Götzenbildnerei. Als es um den Neubau des Petersdoms in Rom ging und man merkte, so wie heuer in Berlin beim Flughafenbau, dass er teurer wird als vorgesehen, musste sich der Papst und seine Kardinäle überlegen (so wie heute die Landesregierung in Potsdam und der Senat von Berlin), wo denn das viele Geld dafür herkommen soll. Nachdem die Einnahmen aus dem „Peterpfennig“, eine freiwillige Spende der Gläubigen an die Kurie, nicht ausreichten, erinnerte man sich an die Urängste der spätmittelalterlichen Menschen, nämlich nach dem Tod mit hoher Wahrscheinlichkeit in der Hölle im Fegefeuer (Purgatorium) zu landen.

Ablassbriefe

Da ist es schön, dass das Kirchenrecht dem armen Sünder Möglichkeiten eröffnete, dem zu entgehen oder die Bußzeit in der Hölle zumindest maßgeblich zu verkürzen. Vor dem Neubau der Peterskirche reichte es dazu aus, eine Wallfahrt zu unternehmen (im schlimmsten Fall bis nach Jerusalem), oder, bei kleineren Sünden, nach der Beichte ein entsprechendes Gebet entsprechend oft zu wiederholen. Aber dann wurde der Ablass kommerzialisiert in Form der Einführung der Ablassbriefe, die jedermann ohne sonstige Voraussetzungen (Beichte, Kommunion) für sich und andere gegen „Bares“ erwerben konnte. Und wer erst eine „Sünde“ plante, konnte sich damit auch schon einmal prophylaktisch von einer zeitlichen Sündenstrafe freikaufen. Denn „Wenn das Geld im Kasten klingt, die Seele in den Himmel springt.“, war damals ein geflügeltes Wort der Ablasshändler, von denen der Dominikanermönch Johann Tetzel (1460-1519) nur einer der besonders Prominenten war.


Da nur ein Teil der Gelder, die der Ablasshandel einbrachte, den Weg nach Rom fand (der andere Teil landete gewöhnlich in der Schatulle des Landesbischofs sowie in der des Ablasshändlers selber), erhielten die Ablasshändler große Unterstützung von den lokalen Kirchenfürsten (hier der Hohenzollernprinz und dreifache Erzbischof Albrecht von Brandenburg). Die Ablasshändler traten dabei marktschreierisch auf, malten die Hölle in noch düsterer Farben, als es Hieronymus Bosch (1450-1516) je hätte tun können, und zogen so dem dummen Volk den letzten Kreuzer aus der Tasche. Aber beachten Sie, die Methode, die hinter dem Ablasshandel steckt, bewährt sich auch heute noch. Nur ist sie subtiler geworden. Als Stichworte möchte ich nur „Telekomaktie“ (vielleicht erinnert sich noch jemand an Manne Krug, „Anwalts Liebling“, und Ron Sommer?) und manche Formen des „Riesterrentenvertrags“ nennen. Es gab aber einen gelehrten Professor der Bibelauslegung, dem der exzessive Ablasshandel an seiner universitären Wirkstätte in Wittenberg ziemlich suspekt vorkam. Ihn störte dabei weniger die geistliche Intention, die sich dahinter verbarg, sondern vielmehr die Tatsache, dass auch der Ablass für bereits Verstorbene erworben werden konnte. Und so beschloss er, wie damals üblich, eine gelehrte Disputation darüber anzustoßen.

Martin Luther und seine 95 Thesen

1517 veröffentlichte dieser gelehrte Mönch mit Namen Dr. Martin Luther (1483-1546) seine 95 Thesen über die Heilskraft der Ablässe und löste damit eine Ereignisfolge aus, die zum noch heute andauernden neuzeitlichen Kirchenschisma führte. Das die Reformation zum Erfolg wurde und Luther nicht das Schicksal von Jan Hus ereilte, lag u. a. an einem zwar durchschnittlichen, aber sehr weisen Fürsten, nämlich an Kurfürst Friedrich III. dem Weisen von Sachsen (1463-1525), dessen Untertan damals Luther war.


Obwohl zutiefst katholisch, hielt er über den durch das Wormser Edikt in die Reichsacht gefallenen Professor seiner von ihm gegründeten Wittenberger Universität die schützende Hand. Und durch den von ihm veranlassten Zwangsaufenthalt Luthers auf der Wartburg bei Eisenach verdanken wir Deutschen die erste deutsche Bibelübersetzung und damit die Grundlagen unserer Schriftsprache. Niemand hat die deutsche Einheitssprache mehr geprägt, als Martin Luther. Er schaute dem Volk aufs „Maul“, rang beim Übersetzen der Heiligen Schrift um jedes Wort, erfand dabei einprägsame Redewendungen, die später direkt in die Alltagssprache eingegangen sind und setzte so die Grundlage für ein einheitliches Schriftdeutsch für eine Nation, die in eine Vielzahl von Sprachdialekten aufgespalten ist.

Martin Luther und die deutsche Sprache

Nur ein Beispiel. So beginnt er die Weihnachtsgeschichte nicht mit einem märchenhaften „Es war einmal…“ sondern gehoben und formschön mit „Es begab sich aber zu der Zeit…“. Deshalb lohnt es sich schon der Sprache wegen, das Lukasevangelium wieder einmal zu lesen, und das gerade heute, wo Sprachschluderei nicht nur scheinbar Usus geworden ist. Wer es nicht glaubt, lese einfach einmal die E-Mails, die jeden Tag auf Arbeit so eintrudeln. Was einem hier manchmal ernsthaft – und das im Rahmen einer gewöhnlicher Geschäftskorrespondenz - vorgesetzt wird, lässt einen immer öfters am Bestehen einer Kulturnation zweifeln…


Doch zurück zu Martin Luther. Zu seinen Lebzeiten sprach man im deutschen Raum ca. 20 verschiedene Sprachen oder Dialekte, die sich wiederum grob in Niederdeutsch (im Norden) und Oberdeutsch (im Süden) zusammenfassen lassen. Das Kurfürstentum Sachsen lag dabei ziemlich genau auf der Sprachgrenze, was erklärt, das Wörter aus beiden Sprachräumen in der Lutherbibel Verwendung fanden mit dem erfreulichen Effekt, dass sich heute sogar Friesen und Bayern problemlos verstehen können. Kaum jemand weiß noch, dass Sprüche wie „Der Mensch lebt nicht nur vom Brot allein“, „Niemand kann zwei Herren dienen“ oder „Sein Licht unter den Scheffel stellen“ allesamt von Luther stammen. Das liegt daran, dass er sich viele Gedanken um Formulierungen gemacht hat. Die wortwörtliche Übersetzung war nicht unbedingt sein Ding. Für ihn war es vielmehr wesentlich, den Sinn zu erfassen und daraus eine Formulierung abzuleiten, die jeder versteht - und nicht stattdessen starr an Worten zu kleben. Lassen Sie sich einfach mal den Satz „Ex abundantia cordis os loquitur“ von Google ins Deutsche übertragen und vergleichen Sie das Ergebnis mit Luthers Version „Wes das Herz voll ist, des gehet der Mund über“ – und Sie werden ein bekanntes Sprichwort erkennen. Auch deshalb ist die Lutherbibel nicht bloß eine schnöde Übersetzung aus dem lateinischen und griechischen Original, sondern eine literarische Meisterleistung und damit ein Kulturgut an sich. Viele Worte, die ehemals einem Dialekt angehörten und nur sehr lokal gesprochen und verstanden wurden, hielten durch Luthers Bibelübersetzung Einzug in das moderne Deutsch. Ich denke dabei beispielsweise an das Wort „ruchlos“, was bekanntlich nur ein anderer Ausdruck für „rücksichtslos“ ist. Aber auch „Feuereifer“, „Machtwort“, das „Morgenland“ oder das „Lästermaul“ waren Wörter, die Luther erstmals verwendete und die heute zum gewöhnlichen Wortschatz eines jeden Deutschen gehören. Dadurch, dass sich in den folgenden Jahrhunderten die Lutherbibel sprachlich nicht mehr veränderte (sie war quasi sakrosankt) und man dialektbedingte Verständnisprobleme mit „Übersetzungshilfen“ abmilderte, stellte sie einen gewissen Standard dar, nach der letztendlich selbst Schüler in der Schule Schreiben und Lesen lernten. Auch das Gottes Wort nun in Bibeldeutsch von den Kanzeln verkündet wurde und nicht mehr in dem für das Volk unverständlichen Kirchenlatein, war ein wichtiger Schritt bei der Vereinheitlichung der Sprache. Zwar dauerte es noch einige Zeit, bis sich überall im deutschen Sprachraum die von Luther initiierte Schriftsprache auch im gesprochenen Wort in einem gemeinsamen Hochdeutsch (das selbst die Schweizer beherrschen) wiederspiegelte. Aber damit war eine weitere Grundlage hin zu einem zukünftigen vereinheitlichten deutschen Nationalstaat geschaffen worden, der bekanntlich 1871 Wirklichkeit wurde. Und noch etwas dürfte vielleicht interessant sein. Auch das Schriftbild, dass Sie hier bewundern dürfen – also die nur für das Deutsche typische Großschreibung von Substantiven – hat sich wegen Luther erhalten, denn er hat sie konsequent angewendet. Eigentlich ein guter Grund, sie auch in Zukunft beizubehalten. Zum Schluss noch ein paar wenige Worte zur Reformation.

Martin Luther und die Reformation

Zeitlich ist sie anzusetzen zwischen den Thesenanschlag Luthers im Jahre 1517 und der Beendigung des Dreißigjährigen Krieges mit dem Westfälischen Frieden von 1648. Sie ist ohne Zweifel die bedeutendste kirchliche (und gesellschaftliche) Erneuerungsbewegung der frühen Neuzeit, die von Deutschland ausgehend nach und nach auch die Nachbarländer – zuerst die Schweiz unter Ulrich Zwingli (1484-1531) – erfasste und Europa zu einem neuen Antlitz verhalf. Der Preis war freilich hoch. Man denke nur an den Dreißigjährigen Krieg, der ganz Mitteleuropa, und darin insbesondere die deutschen Länder, in ein nie dagewesenes Elend stürzte.

Prag in Böhmen


Ausgangspunkt für diesen verheerendsten Krieg aller Kriege, die unseren Kontinent je heimgesucht haben, war Prag, die Hauptstadt und der Mittelpunkt Böhmens. Über viele Jahrhunderte war diese Stadt an der Moldau selbst der Mittelpunkt Europas. Im Veitsdom auf dem Hradschin, dem Burgberg hoch über der Moldau, sind allein vier Kaiser und eine Kaiserin sowie 8 Könige und eine Königin begraben. An ihnen lässt sich ein großer Teil der Geschichte des Sacrum Imperium Romanum, beginnend bei den Premysliden im 14. Jahrhundert (Ottokar I. und II.), über den Lu-xemburger Karl IV. bis hin zu den Habsburgern Ferdinand I., Maximilian II. und Rudolf II., festmachen - mit Nachwirkungen bis heute. In Prag wirkte Jan Hus an der dort 1348 von Karl IV. gestifteten Karls-Universität (der ältesten Universität überhaupt nördlich der Alpen!), dort fand 1419 der erste Prager Fenstersturz (Beginn der Hussitenkriege) und 1618 der zweite Prager Fenstersturz (Beginn des Dreißigjährigen Krieges) statt. Hier wirkte Johannes Kepler von 1600 bis 1612 als Hofmathematiker Kaiser Rudolf II. und hier entstand im Wesentlichen sein großes Werk „Astronomia nova“, eines der wichtigsten und bedeutendsten Bücher in der langen Geschichte der Astronomie.

Der Prager Sankt-Wenzels-Vertrag

Und nicht zu vergessen, hier, in Prag, wurde 1517 der Sankt-Wenzels-Vertrag geschlossen, der es adeligen Grundeigentümern erlaubte, auf ihrem Grund und Boden Bier zu brauen. Dieses Privileg führte um 1570 zur Gründung einer Brauerei im rund 50 Kilometer nordwestlich von Prag gelegenen Dorf Kruschowitz (Krušovice), die, seitdem sie 1581 von Kaiser Rudolf II. erworben wurde, als „Königliche Brauerei Kruschowitz“ firmiert. Wenn Sie also einmal durch Böhmen reisen, achten Sie auf das auffällige Logo mit dem Namenszug „Krušovice“ und der Jahreszahl 1581 beidseitig der Krone.

Kruschowitzer Dunkel


Dann lohnt es sich allemal, einmal anzuhalten und einen halben Liter „Kruschowitzer Dunkel“ (Krušovice Černé) zu genießen, so wie es einst Kaiser Rudolf II. auch des Öfteren getan hat. Ein Bierkenner hat es wie folgt beschrieben:

Das Bier fließt tiefschwarz mit schönem, bräunlichen Schaum ins Glas und duftet nach kräftigen Röstmalz-Aromen, Kaffee und Rauch. Umso überraschender ist dann der Geschmack: Im Antrunk kommen zwar wie erwartet, schön ausgeprägte Röstaromen, Kaffee, einen Hauch bittere Schokolade und Getreide, doch sofort danach bleibt jegliche Schwere aus. Das Bier fließt leicht die Kehle hinab und wirkt dabei erfrischend mild. Es klingt mit einem dezenten Bitteren süffig aus und erinnert entfernt an ein Pils. Ein Blick auf den Alkoholgehalt erklärt dann diese Leichtigkeit.

Braunschweiger Mumme

„Schwarze“ Biere sind eine urdeutsche Erfindung. Es lässt sich urkundlich mit einiger Unsicherheit bis zum Jahr 1390 zurückverfolgen, und zwar in Form der „Braunschweiger Mumme“. Ganz sicher und offiziell wird dieses spezielle, extrem haltbare dunkle Bier seit 1492 in Braunschweig gebraut – und man kann es auch heute noch kaufen…


Lange Zeit war die „Mumme“ das Bier der Seefahrer. Sein hoher Alkohol- und Zuckergehalt machte es auch ungekühlt für lange Zeit haltbar und schützte die Seefahrer so vor dem gefürchteten Skorbut. In Niedersachsen war über Jahrhunderte hinweg dieses Getränk quasi ein Grundnahrungsmittel, und man sagte sich:

Ein starker Sachse wird, wie alle Völker sagen - Nie schmal in Schulter seyn und schlappe Lenden tragen. - Fragt einer, welches denn die Ursach dessen sey? - Er isset Speck und Wurst und trinket Mumm’ dabey“.

Bier mit Blume

Ein frisch gezapftes Bier ist nicht nur ein kulinarischer sondern auch ein ästhetischer Genuss, wenn es eine „Blume“ (oder andernorts auch „Krone“ oder „Haube“ genannt) besitzt. Darunter versteht man den feinsahnigen Schaum, der sich beim Einschenken über der Flüssigkeit bildet und fast immer von weißer Farbe ist. Ihre Entstehung ist dem beim Gärungsprozess entstandenen und im Bier gelösten Kohlendioxid zu verdanken. Beim Einschenken kommt es zu einer minimalen Druckentlastung und auch zu einer leichten Erwärmung der Flüssigkeit, so dass Kohlendioxid-Gasbläschen entstehen, die aufgrund der von Archimedes schon vor einiger Zeit entdeckten Gesetzmäßigkeit nach oben steigen und dabei aufgrund des abnehmenden Drucks weiter wachsen. Dabei werden spezielle Eiweißstoffe (Proteine) mit nach oben gerissen, die beim Erreichen der Oberfläche der Flüssigkeit Schaumbläschen bilden. Kleinere können sich dabei noch zu Größeren vereinigen und der Nachschub von Unten schiebt sie zusammen mit ihren Nachbarbläschen weiter nach oben, so dass über dem Bier eine Schaumkrone – „die Blume“ – entsteht.


Die Wände der Bläschen sind dabei durchsichtig, aber an ihnen kann sowohl Licht gebrochen als auch reflektiert werden. Fällt Licht auf den Bierschaum wird er deshalb dieses Licht nach allen Richtungen streuen und es entsteht unabhängig von der Farbe der Biersorte ein weißer Schaum. Das Besondere dabei ist dessen Stabilität, die eine längere Zeit anhält, obwohl an der Schaumbildung keine Tenside (wie bei Geschirrspülmittel oder beim Badeschaum) beteiligt sind. Diese Eigenschaft, die gern zur Prüfung der „Schalheit“ eines Bieres herangezogen wird, war über Jahrhunderte hinweg rätselhaft. Denn bei „normalen“ Proteinen ist solch eine relativ lange andauernde Schaumbildung eher ungewöhnlich. Seit der Einführung des Reinheitsgebotes (welches Geschirrspülmittel im Bier explizit verbietet) mussten 496 Jahre vergehen, bis dieses Rätsel gelöst werden konnte. Und schuld daran waren, wie konnte es auch anders sein, die Gene. Und zwar ganz speziell ein Gen des Hefepilzes Saccharomyces pastorianus mit dem Namen CFG1, wobei „CFG“ die Abkürzung für „Carlsbergensis foaming gene“ ist. Wird dieses Gen in der Zelle des Hefepilzes exprimiert, dann entsteht an den Ribosomen, den Eiweißfabriken der Zellen, das Hüllenprotein Cfg1p, welches den Bierschaum stabilisiert. Und das scheint den Hefen in den bei Bieren der dänischen Carlsberg-Brauerei offensichtlich besonders gut zu gelingen. Carlsberg und Tuborg waren übrigens die Lieblingsbiere der Mitglieder der „Olsenbande“ Egon, Kjeld und Benny. Stabile Schäume sind aber nicht nur beim Gerstensaft erwünscht.


Nicht immer sind Träume Schäume - Jane Everson

Einer amerikanischen Lehrerin aus Chicago mit Namen Carry Jane Everson (1843-1914) fiel um 1885 beim Waschen von ölverschmierten Säcken, die zuvor zerkleinerten Kupferkies enthalten hatten, etwas Interessantes auf.
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