Freitag, 13. April 2018

Wanderung zum Mertendorfer Hutberg (Nordböhmen)


Unter unseren Aussichtsbergen nimmt der Hutberg entschieden eine bevorzugte Stelle ein. Bekanntlich hängt die Weite der Rundsicht durchaus nicht allein von der absoluten Höhe ab. Ausschlaggebend ist die Lage. So hat ja auch unser Leipaer Spitzberg bei seiner bescheidenen Höhe (446 m) eine geradezu überraschende Rundsicht, wenn wir sie auch nicht mit der Vom Rigi oder Vom Ütliberg bei Zürich vergleichen wollen. Über den Turmbau auf dem Mertendorfer Hutberg, dessen Gipfelform die Bezeichnung ,,Hut" Vollauf rechtfertigt, schreibt die D. Leipaer Zeit vom 17. August 1924:

Die Errichtung eines steinernen Aussichtsturmes auf dem das mittlere und untere Polzental beherrschenden Hutberge (598 m, Basalt), der die aussichtsreiche Rabensteiner Höhe mit seiner Felsenpyramide überragt, ist eine Botschaft, die bei den zahlreichen Touristen im Polzentale helle Freude auslösen wird. Schon Vor 50 Jahren war man auf diesen herrlichen Aussichtsberg aufmerksam geworden, und der arbeitsamen Vereinigung der Mertendorfer Naturfreunde war es zu danken, daß im Jahre 1886 ein Gipfelweg geschaffen wurde, dessen Eröffnung am 20. Juni 1886 stattfand. Der zahlreiche Bergbesuch machte zunächst die Errichtung einer Schutzhütte erforderlich, die im Jahre 1893 geschaffen wurde. Der Wunsch nach einer Aussichtswarte ging erst im Mai 1901 in Erfüllung. Die Rundsicht ist eine völlig überraschende, zumal sie vom Riesengebirge bis zum Erzgebirge reicht, das ganze nördliche Bergpanorama, die Daubaer Schweiz, den Georgsberg, die Leitmeritzer Berge, den Zschirnstein, den gr. Winterberg u. a. Gipfel umschließt. Die Kriegsjahre waren für den Hutberg leider eine böse Heimsuchung, doch ist nunmehr die Mertendorfer Vereinigung unter dem Obmanne Jofef Hanke soweit, daß ein Aufzug für das Baumaterial erbaut und die Mauerung des Steinturmes bereits einige Meter gefördert werden konnte. Reichliche Spenden für diese touristische Schöpfung wären erwünscht, da ein Baufond nicht Vorhanden ist und die Mitglieder der Vereinigung bei dem Baue selbst Hand anlegen. Der Berg ist jetzt täglich bewirtschaftet und ist eine weißblaue und eine weiß-rotbraune Markierung vorhanden. Der Aufstieg kann ans dem Polzentale von Ober- oder Niederpolitz aus, von Mertendorf oder von Wernstadt aus über Klein- uud Groß-Jober, Rabenstein bewerkstelligt werden.

Soweit aus den Mitteilungen des Nordböhmischen Vereines für Heimatforschung und Wanderpflege, Heft 47 (1924). Möchte man die großartige Aussicht vom Hutberg genießen, achte man auf eine dies versprechende Wetterlage und begebe sich kurz entschlossen vor Ort. Als Ausgangsort für unsere Wanderung erwählen wir das Polzental, also Ober Politz (Horní Police), um bei dieser Gelegenheit zu prüfen, ob die angekündigte Restauration an der Kirche Mariä Heimsuchung voran geht. Im Vordergrund steht aber zunächst der Aufstieg zur Rabensteiner Höhe (Havraní vrch). Dabei wird man jedes mal von Wehmut ergriffen angesichts der Ruinen des alten Bauerndorfes Rabenstein, die sich der Urwald hier ein Stück unterhalb des Kammes einverleibt hat. Wenigstens die Märzenbecher, die die alten Gemäuer umsiedeln, beleben diese schaurige Kulisse.

Erreicht man die Rabensteiner Höhe, wird unverzüglich die Entschlusskraft zum Weitergehen gelähmt, denn die Aussicht, vor allem auf die Höhen des Lausitzer Gebirges ist hier so faszinierend, das zunächst einmal gerastet wird. Vergeblich versuchen wir noch, auf der Südostseite der Rabensteiner Höhe den „Tschaschelstein“ zu finden, der in alten Wanderführern beschrieben ist und auf dem man auf dem Hosenboden sitzend zu Tal tschascheln kann. Anstelle dessen bescheiden wir uns beim Aufstieg zum Gipfel des Hutbergs mit einer Visite beim Glöckelstein (Zvonkový kámen), einem ansehnlichen, mehrfach zerklüfteten Gesteinsblock. Das grobe, um den Stein verstreute Geröll vermittelt eine Vorstellung vom Entstehungsprozess einer Blockhalde.

Der heutige hölzerne Aussichtsturm auf dem Hutberg (Strážný vrch) wurde 2006 eingeweiht. Über die abwechslungsreiche Geschichte des Hutberggipfels erfährt man mehr auf dieser Seite. Mit Fug und Recht kann man behaupten, dass die Aussicht vom Turm zum besten gehört, was die Region an exponierten Lagen zu bieten hat. Wie oben schon gesagt: die Lage macht‘s. Jenseits des Mertendorfer (Merboltice) Tales erspähen wir an der Flanke des Steinberges eine mächtige Blockhalde. Diese wollen wir noch in Augenschein nehmen. Einen richtigen Weg über den Kamm des Steinbergs scheint es jedoch nicht zu geben und der Abstieg zu den Geröllfeldern ist etwas schwierig, aber immerhin haben wir ein für uns neues Landschaftselement erkundet.

Aus dem Mertendorfer Tal zieht der Weg noch einmal ein Stück hinauf zu den Hanglagen unter dem Hutberggipfel, bevor er sich gen Ober Politz wendet. Langsam tauchen aus dem Tal die Türme der Kirche Mariä Heimsuchung auf. Auf dem letzten Stück des Weges ist der gesamte Komplex der Wallfahrtskirche nebst dem Politzer Schloss einsehbar. Natürlich wollen wir einen Blick in die Kirche werfen und sind erstaunt, dass sie geöffnet ist. Allerdings werden wir umgehend wieder hinaus komplimentiert, denn die Restauratoren sind am Werke. Das Bauwerk sieht einer umfangreichen Sanierung entgegen. Auch der Altar soll abgebaut und in Prag restauriert werden. Frühestens in zwei Jahren soll die Wallfahrtskirche wieder für die Öffentlichkeit zugänglich sein.

Die GPS-Daten zur Tour findet man hier.



 Frühlingsgefühle



Überraschende Accessoires am Wegrand in Neugrund (Novosedlo)



Die Märzenbecher blühen auf den Fluren des früheren Dorfes Rabenstein…



 … welches heute von Urwald überwuchert ist




Kaum vorstellbar, dass Rabenstein früher ein Grundbuch hatte


Endlich auf der Rabensteiner Höhe … in aussichtsreicher Lage




Auch der Geltsch (Sedlo) grüßt herüber


Der Turm auf dem Hutberg


Der Glöckelstein


Umfassende Aussicht vom Mertendorfer Hutberg






Blick über Mertendorf






Im lang gezogenen Mertendorfer Tal findet man einige schön restaurierte Bauwerke



Blockhalde am Steinberge





Wallfahrtskirche Mariä Heimsuchung und Schloss Ober Politz











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