Freitag, 20. Januar 2012

Die Weihnachtskrippe zu St. Wenzel in Schluckenau im böhmischen Niederland


Als ich vorige Wochen einen Abstecher nach Schluckenau (Sluknov, Böhmisches Niederland) unternommen hatte, um die Pesttafel an der St. Wenzel-Kirche zu fotografieren, war unerwartet auch die Kirche selbst geöffnet. Der Grund war, wie man nach deren Betreten leicht feststellen konnte, die Weihnachtskrippe, die in den Westflügel der von 1711 bis 1714 erbauten Kirche eingebaut ist. Den größten Teil des Jahres ist sie hinter einem Vorhang verborgen und man kann sie nur um die Weihnachtszeit herum bis Anfang Februar besichtigen.Sie zeugt von einer schon seit mehr als 300 Jahren gepflegten Tradition in dieser Gegend.


Weihnachtskrippen, d.h. Nachbildungen der Geburt Christi, so wie sie die Evangelien (Matthäus und Lucas) überliefert haben, kamen im Spätmittelalter besonders in Italien auf. In Mitteleuropa sind sie etwa seit 1570 nachweisbar und zwar zuerst aus Böhmen (Prag) und etwas später in Süddeutschland (Bayern). Ab dem 18. Jahrhundert gehörte die Weihnachtskrippe in den katholischen Ländern dann schon zur normalen Ausstattung in Kirchen und im eigenen Heim zur Andacht während der Festtage. Ihre Herstellung erfolgte entweder in Heimarbeit oder wurde in sogenannten Krippenvereinen organisiert.


Im böhmischen Niederland, zu der auch bis 1845 die böhmische Enklave Schirgiswalde gehörte, entstand ein Zentrum des Krippenbaus und das kam so. Im Zuge der Gegenreformation begannen Jesuiten aus Leitmeritz die Gegend des Schluckenauer Zipfels mit den großen Orten Schluckenau, Fugau und Schirgiswalde wieder zu missionieren, und so entstand in der alten Kirche (die später abgebrannt ist und ab 1711 durch die neue Barockkirche St. Wenzel ersetzt wurde) die erste "Kirchenkrippe". Sie bestand über ein Jahrhundert bis zum "Krippenverbot" Kaiser Josef II. Die Menschen in Schluckenau und Umgebung wollten aber dieses Verbot nicht akzeptieren - so entstanden die sogenannten "Hauskrippen", die aber meist so gestaltet waren, daß sie eher das Leben der hiesigen Bevölkerung als das Leben in Betlehem zu Christi Geburt darstellten. Einige davon haben sich erhalten und können z.B. im Krippenmuseum zu Schirgiswalde, im Pfarrhaus zu Schluckenau oder im Krippenmuseum Christophsgrund bei Reichenberg zur Weihnachtszeit besichtigt werden. 

Ab 1818 besuchten fast 30 Jahre lang drei Holzschnitzer aus Südtirol Schluckenau und schnitzten in den Herbstmonaten vor Weihnachten Heiligen- bzw. Krippenfiguren, für die sie dankbare Abnehmer fanden. Das animierte letztlich begabte Einheimische, insbesondere Weber, selbst Holzfiguren zu schnitzen und sich damit ein Zubrot zu verdienen. Auf diese Weise entstand im 19. Jahrhundert im böhmischen Niederland quasi eine "Krippenindustrie" mit überregionalen Abnehmern. Dabei wurde ein hoher künstlerischer Anspruch durchgesetzt, der sich in lebensecht wirkenden Figuren äußerte, die so gestaltet wurden, wie man sich die Menschen und die Landschaft zur Zeit Christi Geburt in Nazareth und Betlehem "im Morgenland" vorstellte. Man sprach dann ganz konkret von "Orientalischen" oder "Morgenland"- Krippen. In dieser Form sind sie übrigens fast nur aus dem böhmischen Niederland bekannt. Man nimmt sogar an, daß einzelne Reisen von Künstlern in den Orient organisiert wurden, um das Flair "vor Ort" einfangen zu können. Man weiß z.B. genau, daß der Künstler, welcher den Hintergrund der nicht erhalten gebliebenen Krippe von 1818 gemalt hat, selbst mehrere Jahre in Palästina gewesen ist.


Insgesamt standen in der Schluckenauer Kirche im Laufe der Geschichte 5 Weihnachtskrippen. Von den ersten drei ist überhaupt nichts mehr erhalten geblieben. Insbesondere ist die älteste, von 1666, beim Kirchenbrand von 1710 völlig zerstört worden. Die Krippe von 1923 lieferte dagegen einen Großteil der Figuren der "heutigen" Weihnachtskrippe in der St. Wenzels-Kirche, die zum ersten Mal 1932 aufgebaut wurde und die seitdem jedes Jahr, auch während des Krieges und der Zeit der Vertreibung der deutschsprachigen Bevölkerung 1945/46, zu Weihnachten zu besichtigen war.


Wenn man die Krippe als Diorama zum ersten mal sieht, fällt einen die überaus realistisch gestaltete Landschaft auf, die von dreidimensionalen Modellen fast stufenlos in ein plastisch gemaltes Hintergrundbild übergeht. Die Figuren, Menschen und Tiere, sind in einer ausgesprochenen Präzision geschnitzt und dezent bemalt, daß man nur Staunen kann. Man glaubt, daß der Geburtsort Jesus vor über 2000 Jahren wirklich so ausgesehen hat. Wenn man sich etwas Zeit nimmt, lassen sich sehr viele, z.T. überraschende Details ausmachen. Ob grasende Ziegen und Schafe zusammen mit ihren Hirten, die Stadtbewachung am Stadttor oder Menschen, die verzückt aus ihrem Zelt heraus auf den als "Kometen" dargestellten Weihnachtsstern blicken...





Das Diorama nimmt insgesamt eine Fläche von 16 m² ein. Es wurde bis 1945 von dem Schluckenauer Krippenverein, der 160 Mitglieder hatte, betreut. Nach Krieg und Vertreibung blieb davon nur noch ein Mitglied übrig, der aber mit großer Hingabe Mitstreiter in der neu hinzugezogenen Bevölkerung gesucht und gefunden hat, so daß die Tradition lückenlos fortgeführt werden konnte.


Die Krippe wird währende der zwei Monate, wo sie zugänglich ist, dreimal aufgebaut bzw. verändert. Zuerst wird Jesu in der Krippe im Stall zu Betlehem dargestellt, dann, um den Dreikönigstag, die "Königsmadonna" mit dem Christuskind auf dem Schoß (erstes Foto) und den heiligen drei Könige, die ihn anbeten. Und zum Schluß, nach einem dritten Umbau, wird noch der Auszug nach Ägypten gezeigt.






"Königsmadonna" mit den heiligen drei Königen ...


Der Weinachtsstern als ("Halley'scher") Komet ...


Wer also etwas Zeit hat und in der Nähe wohnt - bis Anfang Februar kann die Krippe noch Sonntags von 14 bis 16 Uhr in Schluckenau besichtigt werden. Die Kirche jedenfalls ist nicht zu übersehen...

Teil II :  Auszug nach Ägypten

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Kommentare:

  1. Sehr interessante Figuren - und schöne Fotos!

    R.E.

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  2. einfach super, bin ganz begeistert

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  3. Der Kommentar wurde von einem Blog-Administrator entfernt.

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