Mittwoch, 5. Oktober 2011
Mäusebussarde ...
Hier noch ein paar Mäusebussard-Aufnahmen vom letzten Wochenende (30.9.2011)...
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Planet Mars (13) - Ausflußtäler
Was sind Ausflußtäler und wo findet man sie?
Wie der Name schon andeutet, handelt es sich bei den Outflow Channels um Täler, in denen ein- oder mehrmals riesige Wassermassen relativ plötzlich und schnell abgeflossen sind. Sie gehen oftmals von einem „Einzugsgebiet“ in Form einer großen Depression aus, deren „Inneres“ morphologisch häufig ein „chaotisches“ Aussehen besitzt (durcheinanderliegende, z.T. kilometergroße Blöcke ursprünglichen Oberflächenmaterials, chaotic terrain). Am Ende dieser Depression öffnet sich gewöhnlich ein mehrere Hundert Kilometer langes und einige Dutzend Kilometer breites Tal, wobei die für irdische Flußläufe typischen Seitentäler fast immer fehlen. Daraus schließt man, daß die Wassermassen, die einst durch diese Täler geflossen sind, nicht aus einem intakten Wasserkreislauf mit häufigen Niederschlägen stammen können. Das ist ein wesentlicher Unterschied zu „normalen“ Flußläufen, wie man sie auf dem Mars teilweise in den sogenannten valley networks findet.
Zu erwähnen ist noch, daß die Depressionen sowie Teile der Talstrukturen oft mehrere Kilometer tief sind und die eigentlichen Ausflußtäler ein weitgehend konstantes Verhältnis von Breite zu Tiefe aufweisen. Außerdem verlaufen sie fast immer mehr oder weniger geradlinig, soweit sie nicht durch spezielle geologische Gegebenheiten (wie z.B. Verwerfungen) zu einem Richtungswechsel gezwungen werden. Stark mäandernde „Flußläufe“, wie man sie auf der Erde häufig findet, gibt es bei typischen Ausflußtälern so gut wie nicht. Weiterhin fällt das fast völlige Fehlen von Seitentälern auf, die für irdische Flußsysteme typisch sind und ihre Einzugsgebiete dendritenartig überdecken.
Niger und Dao Vallis (links) sowie Harmakhis Vallis (oben rechts) sind typische Ausflußtäler, die in das Hellas-Becken münden. Quelle NASA, JPL, MGS
Die „Mündungszonen“ der Outflow Channel gehen manchmal in typische deltaförmige Schwemmfächer über, die neben einer Vielzahl meist stromlinienförmiger Abtragungsformen um Hindernisse (erkennbar an ihrer Tropfenform) auch terrassenähnliche Geländeformen, die sich als Flußterassen interpretieren lassen, enthalten. Gerade im Bereich von Chryse Planitia kann man die Aufteilung der Ausflußtäler, die, von Süden kommen, in dieses Becken münden, in ein weitverzweigtes Netz von flachen, anastomisierender Täler sehr gut studieren. Alle diese Landschaftsformen zeigen ihre speziellen Eigenheiten. Aber die Analogien zu irdischen Flußsystemen sind so groß, daß eine fluvatile Entstehung dieser Ausflußtäler (und anderer Fließstrukturen) auf dem Mars die einzige vernünftige Erklärung für ihre Existenz ist.
Chryse Planitia
Die eindrucksvollsten Ausflußtäler des Mars münden in das Chryses-Becken: Kasai Vallis, Maja Vallis, Simud und Hu Vallis sowie Ares Vallis (um nur die Wichtigsten zu nennen). Sie haben in ihren breiten Mündungsgebieten stromlinienförmige Strukturen hinterlassen, aus denen man die Fließrichtungen genau rekonstruieren kann. Dazu gehören tränenförmige Inseln um Impaktkrater, die in Strömungsrichtung spitz auslaufen, glatte, von Geröll befreite Talböden, Fließmuster in Form langgestreckter weicher Erhebungen und Vertiefungen entlang der Talsohlen sowie überdimensionierter „Rippelmarken“.
Die Kanäle der Ausflußtäler lassen sich teilweise über 3000 km weit bis zu dem östlichen Durchbruch des Valles Marineris verfolgen. Im Bereich des Kasei Vallis, welches das nördliche Lunae Planum durchschneidet und im Echus Chasma am Nordost-Hang von Tharsis seinen Ausgang nimmt, existiert ein Landstrich von mehr als 500 km Durchmesser, der sich über 2000 m in das umgebende Hochland eingegraben und dabei ein riesiges Schwemmland mit vielfältigen Fließstrukturen hinterlassen hat.
Tränenförmige Umströmungsfiguren um alte Impaktkrater oder große Gesteinsbrocken zeigen noch heute die Fließrichtung des Wassers im Ares-Vallis an. Quelle NASA, Viking
Kraterstatistiken haben ergeben, daß die Ausflußtäler, die in das Chryse-Becken münden, im Zeitraum zwischen 3.8 und 2.0 Ga entstanden (Neukum, Hartmann, 2001) und in der Tendenz damit etwas jünger sind, als z.B. die valley networks, die man fast alle in das Noachian (d.h. älter als 3.5 Ga) datiert.
Am 4. Juli 1996 landete die amerikanische Sonde Mars Pathfinder mitten im ehemaligen Überschwemmungsgebiet von Ares Vallis und setzte dort den Mini-Rover „Sojourner“ aus, der unter großer öffentlicher Aufmerksamkeit bis zum 27. September die unmittelbare Umgebung der Landestelle untersuchte. Besonders interessant waren dabei die chemischen Analysen des anstehenden Gesteins, die mittels eines Alphapartikel-Röntgenspektrometers (APXS) vorgenommen wurden. In Bezug auf eine ehemalige Überflutung des Gebietes konnten darin jedoch höchstens schwache Hinweise mit einem großen Interpretationsspielraum gefunden werden. Der erhoffte Nachweis der frühen Existenz von flüssigem Wasser gelang bei dieser Mission noch nicht. Das war erst den beiden nachfolgenden Rover-Missionen Spirit und Opportunity vorbehalten.
Auch im Bereich der Tharsis-Aufwölbung außerhalb des Einzugsgebiets von Chryse Planitia existieren eine Anzahl von Valleys, die als Ausflußtäler klassifiziert werden. Zu erwähnen sind hier besonders Mangala Vallis südlich von Olympus Mons im Übergangsgebiet zum Terra Cimmeria und Olympica Fossae nordöstlich von Ascraeus Mons. Letztere ist dahingehend interessant, da sie sowohl tektonische als auch fluvatile Merkmale aufweist.
Das rund 900 km lange Mangala Vallis beginnt im Gegensatz zu vielen anderen Ausflußtälern in einer Grabenstruktur, die tektonisch-vulkanischen Ursprung ist (Head et. al., 2003). Eine genaue Analyse der morphologischen Strukturen führte zu der Hypothese, daß das Vallis bei mindestens zwei, mehrere Millionen Jahre auseinanderliegenden Flutereignissen von jeweils nur wenigen Monaten Dauer entstanden sein muß. Es wird ver¬mutet, daß magmatische Intrusionen (Dikes) einen tektonischen Graben ausgefüllt und eine isolierende Deckschicht aus Perma¬frostboden aufgeschmolzen haben.
Ausschnitt aus dem Mangala Vallis im Westteil der Tharsis-Aufwölbung mit typischen Fließstrukturen. Ihr Quellgebiet liegt in einem Spalten¬system, den Mangala Fossae. Quelle ESA, DLR
Dadurch konnte unter Druck stehendes flüssiges Wasser, welches sich im durch Impakte zerrütteten Untergrund angesammelt hatte (aquifer), plötzlich und katastrophenartig austreten und auf diese Weise das riesige Ausflußtal formen.
An der östlichen Begrenzung des Hellas-Beckens befinden sich drei große, relativ eng beieinander liegende Ausflußtäler, die jeweils in großen Depressionen ihren Anfang nehmen: Dao und Niger Vallis sowie Harmakhis Vallis. Dazu kommt noch das ca. 1500 km lange Reull Vallis, welches sich durch das Hochland Promethei Terra zieht und dem sich bemerkenswerterweise kein eindeutiges Quellgebiet zuordnen läßt.
Kopfbereich des Dao (links) und Niger Ausflußbeckens. Die steilen Flanken, welche die Gesteinsmassen der Lavaströme des Vulkans Hadriaca Patera angeschnitten haben, fallen bis zu 2.5 km ab. Quelle ESA, DLR, Neukum
Niger Vallis und Dao Vallis bilden in ihrem „Quellgebiet“ zwei langgezogene riesige Senken mit steilen Rändern am Fuß eines sehr alten Vulkans, Hadriaca Patera, und vereinigen sich ab ihrem Mittellauf zu einer insgesamt 1200 km langen und bis zu 20 km breiten Talstruktur. Während das nördlichere Dao-Vallis im Mittel 2400 m Tiefe erreicht, liegt der Talboden des südlicheren Niger-Vallis mit knapp 1000 m deutlich höher. Im Wesentlichen wird es von terrassierten Becken- und Bruchstrukturen bestimmt, die lokal in chaotic terrain übergehen. Das Dao-Vallis weist dagegen einen mehr ebeneren Talboden (besonders an den Randbereichen) mit zahlreichen, stark verwitterten Gesteinsblöcken im Talinnern auf. Es zeigt damit morphologisch große Ähnlichkeiten mit den box canyons (wie z.B. Juventae Chasma) im Gebiet des Valles Marineris und von Chryse Planitia.
150 km östlich von Niger Vallis erstreckt sich parallel dazu Harmakhis Vallis. Es erreicht auch eine Länge von über 1000 km und mündet genauso wie Niger Vallis in das Hellas-Becken. Nur beginnt es nicht in der Nähe eines alten Vulkans, sondern in der Nachbarschaft eines anderen Ausflußtals, Reull Vallis, mit dem es jedoch nicht verbunden ist. Die Ausgangsdepression ist tiefer als der Abflußbereich und scheint genauso wie die Depressionen von Dao und Niger Vallis durch Kollaps entstanden zu sein.
Eine Vielzahl von Kanäle beginnen ihren Lauf im Bereich des Westhangs des Vulkankomplexes Elysium Mons und reichen bis weit in die nördliche Tiefebene Utopia Planitia hinein. Die wichtigsten Vertreter sind Hephaestus Fossae, Hebrus Vallis, Granicus Vallis, Tinjar Vallis und Hrad Vallis. Sie zeigen neben fluvatilen Merkmalen oft auch Eigenheiten, die auf eine tektonische Beeinflussung oder Mitwirkung bei ihrem Entstehen vermuten lassen.
18.4 km breiter Ausschnitt von Hebrus Vallis. Quelle NASA, JPL
Ein Fallbeispiel: Kasai Vallis
In diesem Kapitel soll einer der größten Outflow Channels des Mars, der in zwei parallelen Armen in das nordwestliche Chryse-Becken mündet, etwas detaillierter vorgestellt werden. Es handelt sich um das „Tal des Mars“, Kasai Vallis, dessen Name sich vom japanischen Wort für den Roten Planeten ableitet.
Die gewaltigen Ausmaße des Ausflußtals erkennt man am besten auf einer farbcodierten Höhenreliefkarte, wie sie vom MOLA-Team angefertigt wurde. Ausgehend von Echus Chasma, von dem es durch eine schmale Landbrücke getrennt ist, beginnt es als flache Depression, die sich zunehmend auf über 400 km verbreitert um dann nach ca. 1500 km in zwei canyonartige Einschnitte überzugehen, die den Inselberg Sacra Mensa (200x600 km) sowie den Impaktkrater Sharonov umfließen, um anschließend in einem breiten Delta in das Chryse-Becken zu münden. Dabei erreicht die Ausdehnung des gesamten Ausflußtals fast eine Länge von 3000 km. Die als Nord-Kasai-Vallis und als Süd-Kasai-Vallis bezeichneten Täler verbinden sich hinter dem Sharanov-Krater (105x118 km) zu einem System von Tälern, die sich getrennt von langgezogenen Fließstrukturen und Inseln schnell im Chryse-Planitia-Becken auflösen.
Das Gefälle über die gesamte Länge erreicht fast 10 km und die Kliffs an den Rändern des Canyons fallen an manchen Stellen bis zu 3 km ab (Tanaka et.al., 1992). Im Inneren der Depression und der tief eingegrabenen Täler sind eine Vielzahl verschiedenster morphologischer Strukturen auszumachen, die auf eine zeitlich sehr schnelle Ausformung dieses riesigen Ausflußkanals hinweisen. Grob orientiert sich das Kasai Vallis an tektonischen Verwerfungen, die offensichtlich etwas mit der Tharsis-Aufwölbung zu tun haben. Man erkennt das z.B. im nördlichen Teil, wo der Rand der Depression ungefähr parallel zu den Bruchstrukturen des angrenzenden Tempe Terra verläuft. Ausgedehnte Gebiete am westlichen Rand des Quellgebietes sind wiederum nach Entstehung der Depression großflächig von Lavaströmen überdeckt worden, so daß die ursprüngliche Oberflächenmorphologie streckenweise nicht mehr zu erkennen ist. Ein besonders augenfälliges Merkmal der beiden nördlichen Kasai-Täler ist ihre auffällige Terrassierung, die man sonst in diesem Ausmaß bei anderen Outflow Channels auf dem Mars nicht findet. Aus ihr lassen sich Informationen über die Entstehungsgeschichte des Ausflußtals herauslesen, in dem z.B. Vergleiche mit analogen Strukturen vorgenommen werden, wie man sie bei irdischen Flüssen und Flußsystemen findet.
Analysiert man die Landschaftsmorphologie etwas eingehender, dann kommt man zu dem Schluß, daß die Talentwicklung mit einer großflächigen Abräumung (Denudation) oberflächennaher Schichten begonnen haben muß, wobei ungefähr 700000 Kubikkilometer Gestein abgetragen und abtransportiert worden sind. Von diesem Vorgang zeugen die obersten Terrassen, die später nicht wieder überflutet wurden und deshalb quasi in ihrer urtümlichen Form erhalten geblieben sind. Alle weiteren Ausräumungsepisoden fanden in immer kleineren räumlichen Skalen statt, wobei die Tiefenerosion und damit auch die Kanalisierung in jeder weiteren Phase zugenommen haben. Es lassen sich insgesamt 4 Phasen der Talbildung anhand der hinterlassenen Terrassierung rekonstruieren, wobei der südliche Teil des Kasai Vallis der letzten und jüngsten Phase zuzuordnen ist. Dessen Talboden liegt noch einmal rund 200 m tiefer als der Talboden des nördlichen Zweiges. Seine Ausmaße zeigen, daß allein hier einmal mehr als eine Million Kubikkilometer Gestein abgetragen worden sind.
Farbcodierte Höhenreliefkarte des Einzugsgebiets von Karsai Vallis am Nordostrand von Tharsis, das sich im nördlichen Teil in zwei Arme aufspaltet um dann hinter dem Krater Sharonov in das Chryse-Becken zu münden. Im Süden sind Teile des Vallis Marineris zu erkennen. Quelle MGS, NASA, MOLA-Team
Talbildung durch fließendes Wasser
Den Prozeß der Talbildung durch Wasser und Eis ist auf der Erde von Geologen eingehend studiert worden, weshalb sich deren Erkenntnisse natürlich auch auf die Interpretation der Marstäler anwenden lassen. Bei der Ausräumung von Tälern durch Wasser spielen die Strömungsgeschwindigkeit (sie bestimmt u.a. ob eine Strömung laminar mit wenig Erosionskraft oder turbulent mit hoher Erosionskraft ist) und die damit verbundene Geröll- und Suspensionsfracht eine entscheidende Rolle. Es gilt dabei die Regel, daß je höher die Strömungsgeschwindigkeit ist, um so größer ist auch die Menge der mitgeführten Feststoffe. Wenn sich diese Feststoffe über die gesamte Wassersäule verteilen, bilden sie die Suspensionsfracht eines Flusses. Werden sie dagegen nur bodennah mit der Strömung mitgerissen, dann bilden sie die Geröll- oder Bodenfracht des Flusses. Die Bodenfracht ist aufgrund der beim Transport auftretenden Wechselwirkung mit dem Flußboden eine der wesentlichsten Größen, die für die Tiefenerosion verantwortlich sind. Die gesamte Sedimentmenge, die ein Fluß pro Zeiteinheit transportieren kann, nennt man seine Transportkapazität. Sie hängt entscheident von der Fließgeschwindigkeit v und dem Volumendurchsatz Q über der Querschnittsfläche A des Flusses ab:
Q=v A
Die Fließgeschwindigkeit v wird dabei gewöhnlich semiempirisch durch die Manning-Gleichung (Robert Manning, 1816-1897) beschrieben:
v=(∛(R^2 ) √I)/n
R nennt man den hydraulischen Radius. Er entspricht bei genügend breiten Fließgewässern ungefähr der Wassertiefe; I ist das Gefälle (=negative Steigung) und n ein Koeffizient (Gauckler-Manning-Koeffizient), welcher, grob gesagt, die Bodenrauhigkeit beschreibt.
Diese Formel wurde verschiedentlich für die Schwerkraftbedingungen auf dem Mars angepaßt (z.B. Komar, 1979; Irwin et.al. 2005) und damit Abschätzungen für Volumendurchsätze einzelner Ausflußkanäle vorgenommen.
Das die Abtragungsgebiete des Vallis nicht über einen langsamen kontinuierlichen Prozeß niederschlagsgesteuert, wie auf der Erde meist üblich, entstanden sein können, zeigen eine Vielzahl morphologischer Merkmale sowie die im Vergleich zur Erde selbst in der „warmen“ Frühzeit des Mars völlig verschiedenen Klimabedingungen. Um z.B. die Profile der Kanäle des nördlichen und südlichen Teils erklären zu können, sind Q-Werte von ~5∙10^7 km³/s notwendig gewesen, die sich natürlich nur über kurze Zeiträume von Wochen oder Monaten aufrechterhalten lassen, vorausgesetzt, ein genügend großes Wasserreservoir steht dafür zur Verfügung. Andererseits zeigen Kraterzählungen auf den einzelnen Terrassen, daß sich die Gesamtentwicklung des Kasai Vallis mindestens, beginnend vor 3.5 bis 3.1 Milliarden Jahren, über eine Milliarde Jahre hingezogen hat. Die Ausformung des Outflow Channels erfolgte demnach episodisch, wobei im Wesentlichen zwei Hauptphasen zu unterscheiden sind: In der ersten Hauptphase erfolgte eine relativ flache Abtragung eines großflächigen, von der Kollapsstruktur Echus Chasma ausgehenden Gebietes (Größe ~ 8.8∙10^5 km², Alter 3.5 – 3.1 Ga) und in der zweiten Hauptphase (die vor 2.4 – 2.3 Ga endete) erfolgte die Ausformung der eigentlichen Abflußkanäle. Sie zeigen ein typisches kastenförmiges Profil, während irdische Flüsse mehr V-förmige Täler und irdische Gletscher mehr U-förmige Täler hinterlassen. Später kam es noch zu Teilüberflutungen mit Plateaubasalten, die heute westliche Teile des Quellgebietes überdecken. Es ist klar, daß ein Entstehungsszenario sowohl das Ausmaß der Talbildung, dessen Profil als auch die Zeitskala seiner Ausformung reproduzieren muß. Und solch ein Szenario sollte natürlich auch auf die anderen Ausflußtäler des Mars anwendbar sein und deren Entstehung erklären.
Den Prototypen einer durch eine Abfolge von katastrophalen Fluten überformten Landschaft auf der Erde stellen die Channeled Scablands (d.h. „von Kanälen durchzogene Einöden“) in den nordwestlichen Vereinigten Staaten im Bereich des Columbia River Plateaus dar. Die Vielzahl der Täler, die sich tief in den harten Basalt des Columbia-Plateaus eingeschnitten haben, unterscheiden sich von anderen durch Wasser oder Eis ausgeräumten Täler durch ihre rechteckigen Querschnitte, was bereits in den 20ziger Jahren des vorigen Jahrhunderts zu einer hitzigen Debatte unter den Geologen über ihre Entstehung geführt hat. Im Bereich von Aufsandungen haben sich darüber hinaus Rippelmarken („Megarippel“) erhalten, die in ihrer Größe und Ausprägung einzigartig sind und die heute trockenliegenden Böden der Kanäle besitzen streckenweise Vertiefungen, die sich am Einfachsten als Kolke interpretieren lassen. Dazu kommen noch ganze Kaskaden von ehemaligen Katarakten, stromlinienförmige „Inseln“ sowie große, über längere Strecken transportierte und dann liegengebliebene Gesteinsblöcke.
Der Geologe J.Harlen Bretz (1882-1981) war der Erste, der sich auf diese Beobachtungen einen Reim machte und damit eine wissenschaftliche Debatte vom Zaum brach. Heute, nach über 90 Jahre intensiver Feldforschung in dieser Region, werden seine Ideen allgemein anerkannt und die Entstehung der Scablands stellt sich in vereinfachter Form wie folgt dar:
- Am Ende der letzten Eiszeit staute ein zurückweichender Gletscher den glazialen Clark Fork River und es entstand ein riesiger Gletschersee (Lake Missoula) mit einer Gesamtfläche von ~7700 km², einer Tiefe von ~600 m und einem Inhalt, der dem des Michigan-Sees entspricht. Seine Küstenlinie kann man noch heute quasi in versteinerter Form an den Hängen der Sentinel Mountains bei Missoula (Montana) erkennen.
- Als der Eisdamm schließlich brach, ergossen sich vor ca. 15000 Jahren innerhalb weniger Tage (maximal 2 Wochen) die Wassermassen des Gletschersees katastrophenartig in das Gebiet des Columbia River-Plateaus südwestlich von Spokane (deshalb Great Spokane Flood), wobei Ausflußraten von Q~1.7∙10^7 km³/s sowie Ausflußgeschwindigkeiten von v~100 km/h erreicht wurden.
Die Ausformung von Tälern mit rechteckigem Querschnitt erfolgt am effektivsten durch zurückweichende Katarakte, welche die Steilstufe unterspülen und die Gesteinswände zum Einsturz bringen. Quelle USGS
ERST-1 Falschfarbenaufnahme des Gebiets der Channeled Scablands. Man beachte die Ähnlichkeiten der Ausflußtäler im harten Columbia River-Basalt mit den Ausflußtälern auf dem Mars, die in das nördliche Chryse-Becken münden. Man erkennt auch hier stromlinienförmige Inseln (rechts unten) und breite Abflußrinnen mit scharfen Talkanten. Quelle USGS
- Die Flutwelle hat als Erstes fast vollständig die Lößbedeckung der miozänen Columbia River-Basalte entfernt, bevor sie sich tief in den harten Untergrund einarbeitete. Die ursprüngliche Lößbedeckung ist nur auf einigen stromlinienförmigen „Inseln“ erhalten geblieben, die offensichtlich nicht überflutet wurden.
- Die Talbildung selbst erfolgte dabei u.a. durch die enorme Erosionskraft zurücklaufender Katarakte, wie man es noch heute (wenn auch um viele Größenordnungen langsamer) beispielhaft bei den Niagarafällen beobachten kann. Insgesamt wurden in den Scablands ~210 km³ Gestein abgetragen und verfrachtet.
- Die Überflutungen (an denen auch noch andere Gletscherseen beteiligt waren) wiederholten sich mehrfach, da sich der Eisdamm immer wieder neu aufbaute und Wasser anstauen konnte.
- Einige Geologen zählen bis zu 40 solcher Flutereignisse über einen Zeitraum von ~2000 Jahren, die am Ende der letzten Eiszeit über die heutigen Bundesstaaten Idaho, Washington und Oregon hereingebrochen sind.
- Am Unterlauf der Strömungen haben sich riesige Geröllhalden und Kiesbänke ausgebildet, die noch heute von der Kraft des fließenden Wassers zeugen.
Solche katastrophenartigen Entleerungen von Gletscherseen, wenn auch im geringeren Ausmaß, kamen während der letzten Eiszeiten auch an anderen Orten vor. Als Beispiel soll hier nur das Gebiet um den Porcupine River im nördlichen Alaska genannt werden. Aber auch im Gebiet des Aral-Sees und des Kaspischen Meeres hat man Landschaftsformen entdeckt, welche auf ausgedehnte Flutereignisse am Ende der letzten Eiszeit hinweisen (Komatsu et.al., 1997).
Das Gletscherseen, wenn sie plötzlich ihre Wassermassen talwärts freigeben, innerhalb kürzester Zeit ganze Täler ausräumen können, läßt sich sehr gut an den sogenannten Jökulhlaups („Gletscherlauf“) studieren. Unter diesem isländischen Wort versteht man die schlagartige Entleerung von Seen, die sich beispielsweise aufgrund einer vulkanisch bedingten Erwärmung eines Eisschildes oder Gletschers unter der Eisschicht gebildet haben. In der Geologie wird dieser Begriff aber auch ganz allgemein für alle mit Gletschern im Zusammenhang stehenden Flutereignissen verwendet.
Die Dry Falls in Central Washington sind Steilstufen riesiger Katarakte, deren Ausmaße die der Niagarafälle um das zehnfache übertroffen haben. Sie waren aktiv, als der Eisdamm des Lake Missoula vor ca. 25000 Jahren mehrfach brach und sich die Wassermassen in die heutigen Bundesstaaten Idaho, Washington und Oregon ergossen. Quelle USGS
Im Gletschereis des Donjek-Gletschers in Yukon (Alaska) durch einen Jökulhlaup 1998 ausgefräßte Abflußrinne . Quelle USGS
Für das Studium der Ausflußtäler des Mars ist insbesondere die Art von Jökulhlaups interessant, die mehr oder weniger regelmäßig auf Island entstehen, wenn erwachende vulkanische Tätigkeit das Aufschmelzen von Gletschern bewirkt. Ein Fallbeispiel ist der große Gletscherlauf von 1996 im Bereich des Skeiðarárjökull im südlichen Island. Ausgangspunkt war der Vulkan Vatnajökull, der fast vollständig unter einer Eiskappe verborgen ist. Als dieser Vulkan 1996 wieder einmal ausbrach, begannen die umgebenden Gletscherseen durch das Schmelzwasser schnell anzusteigen, wodurch ihre Eisbarrieren brachen und riesige Wassermengen (Qmax≈45000 m³/s) ins Tal abflossen. Dabei konnte man im Bereich des südlich vorgelagerten Sanders Skeiðarársandur, quasi im Kleinen, die Entstehung von scabland-ähnlichen Strukturen live beobachten. Die Wassermassen hatten dabei bis zu 10 m große Eisblöcke mitgerissen und eine massive Stahlbrücke zerstört.
Nächstes Mal: Entstehung der Ausflußtäler
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Dienstag, 4. Oktober 2011
Panorama um den Hochwaldturm im Zittauer Gebirge
Panoramaaufnahme vom Hochwald im Zittauer Gebirge ("Böhmische Berge") - Ein Gastbeitrag von Werner Schorisch aus Zittau.
Unter Ausnutzung des herrlichen Hochdruckwetters (Altweibersommer) des letzten Wochenendes konnte vom Hochwaldturm aus (Zittauer Gebirge, Oberlausitz) folgendes Panorama (es zeigt insbesondere die böhmische Seite) aufgenommen werden:
Und hier richtig groß! (Achtung - u.U. wegen der Größe längere Ladezeit)
Und für diejenigen, für die das alles "Böhmische Dörfer" (richtiger "Böhmische Berge") sind, hier mit Beschriftung...
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Montag, 3. Oktober 2011
Essay: Besuch auf der Burg Bösig (Bezdez) in Nordböhmen
Wenn man sich vom Parkplatz des Ortes Schloßbösig aus auf den beschwerlichen Weg gemacht hat, um die weithin sichtbare Burgruine Bösig zu ersteigen und auch glücklich oben angekommen ist, dann bekommt man neben der obligatorischen Eintrittskarte auch einen dreisprachigen bunten Zettel ausgehändigt, der über die Geschichte dieser einst mächtigen Burg- und Klosteranlage aufklären soll. Für einen äußerst knappen Überblick mag das zwar genügen, für einen geschichtsinteressierten Menschen sind die Angaben aber mehr als dürftig. Deshalb habe ich etwas nachgeforscht und möchte hier nun etwas Näheres über die alten Gemäuer berichten, soweit sich die wenigen Quellen darüber auslassen.
Fährt man, von Böhmisch Leipa (Ceska Lipa) kommend in Richtung Jungbunzlau (Mlada Boleslav), dann fallen einen auf halber Strecke eigentlich sofort die beiden gerundeten Bergrücken der Bösige (Bezdez) auf. Der höhere von beiden trägt die Ruinen der ehemals als Königsburg angelegten, sich über den ganzen Bergrücken sich hinziehende Burg Bösig und bildet damit ohne Zweifel die charakteristischste Landmarke Nordböhmens zwischen dem Kummergebirge bei Hirschberg (Doksy) mit dem Hirschberger Großteich und, östlich davon, der nur wenige Kilometer entfernten Stadt Weißwasser (Bela pod Bezdem). Auch wenn Sie sich nicht für Geschichte interessieren, sollten Sie den Bösig schon allein wegen der grandiosen Fernsicht wegen, die auf der einen Seite bis zum Riesengebirge und auf der anderen Seite bis nach Prag reicht, besuchen. Wenn Sie erst einmal auf der Plattform des großen Burgturmes stehen, dann ist auch der beschwerliche Aufstieg schnell wieder vergessen.
Wann genau der Bösig als Bauplatz für eine feste Burg entdeckt wurde, läßt sich heute nicht mehr mit Gewißheit sagen. Es gibt Vermutungen, die der böhmische Gelehrte Bohuslav Balbin (1621-1688) in seinem Geschichtswerk ziemlich unkritisch übernimmt, daß es bereits im neunten Jahrhundert auf dem Bösig ein „festes Haus“ gegeben haben soll. Er erzählt sinngemäß, daß damals der slawische Fürst Slavibor (der in einer Holzburg bei Melnik hauste und der Vater der Heiligen Ludmilla von Böhmen war) für seinen Sohn die Burg Hauska errichten ließ. Nach deren Fertigstellung (so um 880) soll er sie dann – wenn man Balbin glauben darf - einem Vogt, der auf dem nicht weit entfernten Bösig saß, zur Aufsicht übergeben haben. Aber wie gesagt, sicher ist das nicht. Es gibt weder Quellen noch irgendwelche archäologische Befunde, die eine Besiedlung des Berges bereits zu jener frühen Zeit irgendwie beweisen. Wahrscheinlicher ist es dann schon, daß die Bebauung des Bösigs irgendwann im 11. Jahrhundert eingesetzt hat. Auch hier ist nicht viel Verläßliches überliefert worden. Es existieren lediglich Hinweise darauf, daß irgendwelche Kastellane, die von den Herren Zupa von Kamenec eingesetzt worden waren, auf dem Bösig residierten (sicherlich nicht unter freiem Himmel). Der Ort „Kamenec“ selbst ließ sich bis heute nicht lokalisieren.
Das älteste Dokument, welches vom Bösig stammt, trägt das Jahr 1185 als Datum. Es handelt sich dabei um eine Urkunde, die der Herzog Friedrich von Böhmen (1142-1189) aus dem Herrschergeschlecht der Premysliden auf dem Bösig unterzeichnet hat. Damit belehnte er seinen getreuen Untertan, dem Ritter Hadmar II von Kuenring (~1140 bis ~1217 - erinnern Sie sich? Er war es, der im Jahre 1192 den englischen König Richard Löwenherz auf seiner Burg Dürnstein gefangen hielt), mit Weitra in Niederösterreich. Zu jener Zeit hat es also bereits einen für einen Fürsten annehmbare Behausung auf dem Bösigberg gegeben. Auf die Existenz einer ersten, wahrscheinlich noch recht kleinen Burganlage, weist auch ein Meierhof hin, der sich bereits vor 1204 am Fuße des Berges befunden haben muß. Aus diesem Meierhof hat sich dann später die Stadt „Schloßbösig“ entwickelt. Wir wissen sogar recht genau darüber Bescheid, da sich ein sogenannter „Gnadenbrief“ erhalten hat, der von dem damaligen König Ottokar II Premysl unterzeichnet ist. Darin erteilt er den Brüdern Krawer die Erlaubnis, unterhalb des „Schlosses“ eine Stadt zu erbauen, die er zugleich mit einer Vielzahl von Rechten und Pflichten ausstattete. Dieser Gnadenbrief lautet, in etwas moderne Sprache gebracht, folgendermaßen:
Ottokar, von Gottes Gnaden böhmischer König, Herzog in Österreich und Steiermark, Markgraf in Mähren. Allen Unseres Königreiches, Ehre, Macht und Herrlichkeit zu ewigen Zeiten, das alles meistens in der Fülle und dem Vermögen Unserer getreuen Untertanen besteht, wie dann unsere königliche Hoheit um das Ansehen bedacht ist, wie möglichst selbes zu vermehren. Derowegen geben Wir hiermit zu vernehmen: daß wir Unsern Wald auf Besdiez und an dem sogenannten Wasser Dogs gelegen, sammt den sogenannten Hof Horka mit beiläufig hundert und nicht mehreren Ruthen Feldbaues sammt Wiesen, Hutweiden und anderem Zugehör dem Konrad und Hartwig von Krawe zur Anlegung einer Stadt im vorbenannten Walde gegeben und eingeräumt haben, in welcher Stadt gedachter Konrad und seine rechtmäßigen Erben für immer Gericht haben und den dritten Pfennig von ihr haben sollen; auch sollen sie zwei schon acker- und nutzbare und noch zwei aufzubauen kommende Ruthen nebst der Mühle, die an dem obgedachten Wasser erbaut werden soll, ohne allen Zins und Verbindlichkeit des vorerwähnten Gerichts wegen, frei und ruhig geniesen. – Auch gestatten Wir benannten Richtern, ihren Erben und allen Inwohnern dieser Stadt, alle Rechte der Stadt Prag und alle jene Freiheiten, welche die Städte und Flecken unseres Königreiches haben. Auch werden diejenigen Bauern, so zu dieser Stadt gehören und etwas Feld anbauen werden, verbunden und schuldig sein: vom nächsten Fest der heiligen Walpurgis, Uns jährlich von jeder Ruthe ackerbaren Grundes´ein Mark Silber Prager Gewichts, dann ein Schwein, einen Hammel, drei Hühner, einen Scheffel Weizen, einen Scheffel Korn und einen Scheffel Hafer zu entrichten und abzugeben; zu welcher Abfuhr sie alljährlich vorbesagter Massen verbunden sein sollen. Ferner haben sich vorbenannter Konrad und Hartwig verbunden: zur Danksagung für diese Gnade vor Weinachten dieses Jahres hundert Mark Silbers von ihrem Eigenen zu erlegen. Dessen Zeugen sind unterschrieben: Heinrich ein Sohn Castelow’s, Heinrich ein Sohn Smilow’s und Hazpluck Cenko ein Bruder Smilow’s, als wirklicher Verwalter des Hofes Bezdiez, und andre mehr. Gegeben bei Pecka im Jahre 1264 den 22. October, im dritten Jahr unseres Reiches.
Ungefähr zur gleichen Zeit begann der Bau der wichtigsten Teile der noch heute sichtbaren Burganlage. Als Jahr der Fertigstellung der nun „königlichen Burg“ wird gewöhnlich das Jahr 1279 genannt. Dieses Datum macht man an der Gefangensetzung des Sohnes von Ottokar dem II, des zehnjährigen Kronerben Wenzel und dessen Mutter Kunigunde von Halitsch (1245-1285), fest.
Dazu muß man folgendes wissen: Ottokar II Premysl war seit 1253 König von Böhmen. Seine Machtambitionen waren immer auch auf Österreich ausgerichtet, wo mit Friedrich II (der Streitbare) 1246 die Babenberger an die Regierung gelangten. Es kam zu erbitterten Machtkämpfen zwischen dem Vater Ottokars II (König Wenzel I Premysl) und Friedrich II von Österreich, in dessen Ergebnis Ottokar Herzog von Österreich wurde (1251). In unserem Zusammenhang sind nur die letzten Regierungsjahre des böhmischen Königs interessant, wo er aufgrund der Regelungen eines Erbvertrages Kärnten und die Krain in sein Königreich einverleiben konnte. Dieses Unterfangen machte ihn bei den Kurfürsten unbeliebt, die seinem Machtzuwachs mit immer größeren Mißtrauen begegneten. 1273 versuchte man dann endgültig seine aufstrebende Macht zu brechen, in dem man einen neuen König wählte (Rudolf von Habsburg, 1218-1291). Das führte zu einem Zerwürfnis zwischen dem böhmischen König und den Kurfürsten, über die sich Ottokar II beim Papst bitterlich beklagte. Zwar ging es dabei in erster Linie um Gebietsansprüche, die das römische Reich an den böhmischen König stellte. Aber hauptsächlich war damit eine Demontage der Machtfülle des Premysliden beabsichtigt. 1273, nach dem Hoftag in Speyer, wurde der böhmische König aufgefordert, seine österreichischen Reichslehen zurückzugeben, um sie Rudolf von Habsburg übereignen zu können. Das hätte aber pro Forma auch den Verlust von Böhmen und Mähren bedeutet, so daß in der Folge der böhmische König und seine Widersacher zu kriegerischen Mitteln gegriffen haben. Zum Showdown kam es dann schließlich im 26. August 1278 auf dem Marchfeld vor Wien. Dort trafen sich die Ritterheere des böhmischen und des österreichischen Königs zur größten Ritterschlacht aller Zeiten, in deren Verlauf Ottokar II getötet wurde. An der Schlacht sollen insgesamt 30000 Mann (man muß wohl eher sagen „angeblich“) beteiligt gewesen sein.
Durch den Tod Ottokars II Premysl wurde auf einmal das Schicksal seines damals 10-jährigen Sohnes aus zweiter Ehe interessant, der ja dessen rechtmäßiger Nachfolger war. Der nunmalige König Rudolf I drang mit seinem Ritterheer in Mähren ein, um das Land als Ausgleich für die Kriegskosten im Besitz zu nehmen. Das Land Böhmen überließ er dagegen dem Markgrafen Otto IV von Brandenburg (1238-1308) zur Verwaltung und setzte ihn als Vormund für den noch minderjährigen Wenzel ein. Eine seiner ersten Amtshandlungen war, ihn samt seiner Mutter Kunigunde aus Prag auf die „feste Burg“ Bösig zu verfrachten und dort gefangen zu setzen. Die Gründe dafür waren offensichtlich Streitigkeiten um die Vormundschaftskosten, über die man sich nicht einigen konnte. Die Überlieferung berichtet, daß dort der Knabe und seine Mutter zuerst streng gehalten wurden und sie nur einen „Böhmen“ als Ansprechpartner zur Verfügung hatten – die Burgbesatzung bestand ausnahmslos aus Deutschen aus dem näheren Dunstkreis Ottos von Brandenburgs. Die gegenüber der Einwohnerschaft von Prag geheimgehaltene Überführung auf die Burg Bösig erfolgte in der Nacht vor „Pauli Bekehrung“, also am 25. Januar 1279. Alle Versuche durch den böhmischen Adel, den jungen König durch Verhandlungen zu befreien, waren in der Folge erfolglos. Man erzählt, daß Kunigunde – eine außergewöhnlich schöne Frau – die Gunst des Kastellans Hermann gewann und so ab und an die Burg unter Zurücklassung ihres Sohnes verlassen konnte. Sie kehrte auch jedesmal zurück. Dann faßte sie aber im insgeheimen den Entschluß, doch aus ihrem Burggefängnis ohne ihrem Sohn zu entfliehen. Dazu fingierte sie einen Brief ihrer Tochter Agnes, die zu jener Zeit im Kloster des heiligen Franz in Prag weilte, was ihr der Burghauptmann auch bewilligte. Auf diese Weise gewann sie dessen Vertrauen und so war es für sie dann kein Problem mehr, nach ihrer Rückkehr von ihm eine Reise zur Todesfeier ihres Gemahls Ottokar II Premysl, die jährlich am 26. August in Znaim stattfand, zu erwirken. Nur das sie in diesem Fall nicht mehr auf den Bösig zurück kam wie sonst immer, sonder in Troppau bei ihres Gatten unehelichen Sohn Nicolaus Zuflucht und Asyl fand. Markgraf Otto war über die Flucht der Königin-Witwe so aufgebracht, daß er deren Sohn in einer Nacht- und Nebelaktion nach Zittau verfrachten ließ um ihn dann von dort nach Spandau (bei Berlin) überführen zu lassen. Jetzt begann ein immer mehr ausufernder Kuhhandel um den jungen König. Otto IV verlangte von den böhmischen Ständen 15000 Mark Kuttenberger Silber, um ihn freizulassen. Nachdem mit großen Mühen das ausgelaugte Land die Summe zusammen hatte, verlangte er weitere 20000 Mark Silber und besetzte als Pfand die Städte Zittau, die Burgen Ronau und Scharfenstein, den Bösig sowie die Städte Tetschen, Brüx, Aussig und Sandau. Das wurde nun selbst Rudolph I zu viel, und er erkannte auf dem Reichstag zu Freiburg im Jahre 1283 dieses Unterfangen seines Markgrafen als äußerst unbillig. Er löste Kraft seiner Autorität die Verpfändungen auf und erklärte Wenzel II als deren rechtmäßigen Eigentümer. Otto von Brandenburg blieb nichts anderes übrig als seine Besatzungen aus den genannten Städten und Burgen zurückzuziehen und den Königssohn ohne Lösegeld freizugeben. Nach seiner Rückkehr nach Prag stand der jugendliche König bis 1288 unter dem Einfluß des Wittigonen Zawisch von Falkenstein (1250-1290), der mit seiner Mutter Kunigunde liiert war (die Heirat fand im Mai 1285 statt. Die Königin starb jedoch bereits wenige Monate später). Was die Burg Bösig betrifft, wurde ihr Bau während der Regierungszeit von Wenzel II fertiggestellt. Das Gerücht, daß er die Burg den Tempelrittern übereignet haben soll (auf die angeblich der Anbau unter dem großen Burgturm zurückgehen soll), ist wohl eher in das Reich der Legende zu weisen (bekanntlich erfolgte die gewaltsame Auflösung dieses zu Reichtum und Einfluß gekommenen Ritterordens im Jahre 1307). Verläßliche Quellen dafür gibt es jedenfalls nicht und auch aus anderen Gründen ist eine Anwesenheit von Mitgliedern dieses Ordens auf diesem Berg hochgradig zweifelhaft.
Blick auf den "Teufelsturm" 2003
Blick auf den Teufelsturm 2011
Blick in den Burghof und auf die Burgkapelle
Wenzel II starb im Jahre 1305 nach schwerer Krankheit. Da sein Sohn Wenzel III 1306 ermordet wurde, starb mit ihm das Königsgeschlecht der Premysliden aus und ein Interregnum begann, in dem Johann von Lützelburg (Johann von Böhmen, der „Blinde“ 1296 - 1346 Crecy) zur Macht in Böhmen gelangte. In dieser Zeit bemächtigte sich ein Pota von Duba der Burg auf dem Bösig. Als der König 1317 ultimativ die Zurückgabe der Burg an die Krone verlangte, kam es zum Zerwürfnis und zu einer Fehde zwischen den lokalen Adeligen unter Pota und dem König andererseits. Als Ergebnis kam die Burg wieder in königliche Hand, wurde Sitz des Prager Burggrafen und verblieb dort bis zum Jahre 1332. Das war die Zeit, in welcher der König Johann in viele Kriege verwickelt war und deshalb dringend Geld brauchte. Da blieb ihm nichts anderes übrig, als eine große Zahl von Städten und Burgplätzen an den heimischen Adel zu verpfänden, wodurch die Burg Bösig an den obersten Prager Burggrafen Hynek Berka von Duba und Lipa (unter ihm wurde der 1320 der Hradschin in Prag erbaut) überging und bei seiner Familie bis 1337 verblieb. Mit ihm begann eine gute Zeit für die Burg und die Bewohner seiner Herrschaft. So erkannte er, daß die unter dem Bösig liegende Stadt Schloßbösig von ihrer Lage her nicht sonderlich günstig lag und er deshalb beschloß, sie an anderer Stelle neu zu errichten. Seine Wahl fiel auf eine schmal auslaufende Talspitze in südöstlicher Richtung, auf der von alters her schon ein Meierhof bestand. Hier legte er 1337 den Grundstein für eine neue, stark befestigte Stadt die später den Namen Weißwasser erhalten sollte. Von der Begründung dieser Stadt existiert noch eine mit drei Siegeln versehene Urkunde, die Hynek von Berka selbst unterzeichnet hat. Sie erneuerte die Privilegien und Pflichten der alten, unter Ottokar II begründeten Stadt und stattete sie mit neuen Privilegien aus, die auch den Anwohnern und Neusiedlern der Umgebung der Burg (insbesondere Hirschberg) zum Vorteil gereichten. Gerade diese Privilegien wurden nach Hyneks Tod (1348) von Kaiser Karl IV nochmals explizit bestätigt.
Der Burgbrunnen ist kein "echter" Brunnen mit Zugriff auf das Grundwasser. Im Mittelalter wurde darin Regenwasser gesammelt.
Wie bereits erwähnt, gelangte nach Zurückzahlung des Pfandes im Jahre 1337 die Burg wieder in den Besitz der Krone, wo sie auch bis zur Regentschaft Wenzel IV (dem Sohn Karl IV) verblieb. Sie gilt seitdem als „königliche Burg“ und wurde auch so (insbesondere während der Regentschaft Karl IV) auch so genutzt. Karl IV, der am 30. September 1350 verfügte, daß die Burg Bösig nie wieder veräußert werden darf, weilte oft in ihr. Grund dafür waren oftmals die ausgedehnten königlichen Jagden, die regelmäßig in den wildreichen Wäldern der Umgebung stattfinden. Auch ein Felsen unweit der Straße zwischen Hirschberg und Niemes, der „Kaiserstuhl“ genannt wird, erinnert daran. Dort in der Nähe soll dem Kaiser die Idee gekommen sein, in der Nähe des Ortes Hirschberg (Doxa) einen Teich anlegen zu lassen, was auch geschah (1366). Der Hirschberger Großteich, der eine kleine Insel mit den Resten einer alten Burg („Mäuseschloß“) umflutet, ist heute ein weithin bekanntes Erholungsgebiet und kann vom Burgturm auf dem Bösig in seiner ganzen Größe überblickt werden. Interessant in diesem Zusammenhang ist ein im Sandstein ausgehauener Kanal, über dem die heutige Straße von Habstein kommend nach Hirschberg führt. Er entstand zur Regierungszeit Karl IV. Merkwürdig ist jedoch eine Jahreszahl, die man noch im vorletzten Jahrhundert dort entziffern konnte – 1222. Man vermutet, daß an dieser Stelle einmal eine Mühle stand und die Jahreszahl dessen Baujahr angibt. Der Kanal wurde jedenfalls erst anderthalb Jahrhunderte später angelegt.
Mit dem Namen Karl IV ist auch die kleine Burgkapelle am vorderen Eingang zur Burg verbunden. Dieses Kleinod ist mittlerweile wieder weitgehend renoviert und stellt für den Kenner die eigentliche Attraktion der Burganlage dar. Deshalb möchte ich hier etwas abschweifen und etwas mehr über dieses Bauwerk berichten bevor wir den Faden der Geschichte weiter aufrollen.
Burgkapelle
Ob die Kapelle zur Zeit Karls IV schon bestand oder erst unter seiner Herrschaft errichtet wurde (für das Einiges spricht), ist nicht mehr feststellbar. Bekannt ist aber, daß der Kaiser das Gebäude (welches damals dem Heiligen Michael geweiht war) den Lateraner Chorherren aus dem Orden des Heiligen Augustin auf dem Karlshof in Prag zur Seelsorge übergab. Diese kleine Kapelle im gotischen Baustil hat trotz mannigfacher Umbauten ihr Flair bewahren können. Während der Hussitenzeit wurden in ihr eine zeitlang Kelch und Hostie gereicht. Später war sie der Ersatz für eine Kirche für eine Anzahl Augustiner-Mönchen aus der benachbarten Stadt Weißwasser, die von 1624 bis 1633 hier ein Kloster unterhielten. Sie mußten die Gemäuer aber wieder räumen, als der damalige Besitzer der Burg, Wenzel Albrecht Eusebius von Waldstein (Schillers „Wallenstein“), hier (1634) ein Benediktiner-Kloster einrichten wollte. Da er in selbigem Jahr in Eger ermordet wurde, konnte er es selbst nicht mehr stiften. Das übernahm vielmehr der spätere römisch-deutsche Kaiser Ferdinand III, welcher die an die Krone zurückgefallene Burg Bösig samt der sie umgebenden Dörfer und Meierhöfe dem Benediktiner-Stift Emaus in Prag zur Nutzung übergab. Das Kloster bestand dann bis zum Jahre 1785, als es auf Befehl des Kaisers Josef II zwangsweise aufgelöst wurde. In der Zwischenzeit hat es im Sinne seiner Begründer sehr erfolgreich gewirkt und dabei große Schätze an Gold, Silber und Edelsteinen sowie edlen Stickereien angehäuft (eine Auflistung ist erhalten geblieben, die Schätze leider nicht). Ihre Quelle waren regelmäßige Wallfahrten zu diesem Kloster, dem 1714 von Papst Clemens XII der vollständige Ablaß gewährt wurde. Außerdem wurden dem Kloster eine Vielzahl von Stiftungen einheimischer Adeliger zu teil und auch der Grundbesitz dürfte einiges für die Mönche abgeworfen haben. Dafür hatten die 8 Geistlichen auch viel zu tun. Allein im Jahre 1741 haben sie 2920 Messen gelesen... Der Grund für die Wallfahrten, an denen manchmal einige Tausend Personen das Kloster erklommen, war ein sogenanntes Gnadenbild. Das Gnadenbild, welches in der Bösiger Burgkapelle verehrt wurde, war ein Marienabbild und zwar eine von drei Marienstatuen, die nach dem Urbild der wundertätigen Maria auf Montserrat (in Spanien) angefertigt und durch Berührung mit Letzterer geheiligt wurde. Grund für diese Auftragsarbeit war die Vermählung Ferdinand III mit Maria Anna von Spanien im Jahre 1631. Eines davon war für die Benediktiner-Abtei in Wien und eines für das Emaus-Kloster in Prag bestimmt. Das Dritte sollte auf dem Hradschin aufgestellt werden, gelangte aber nach dem Tod Ferdinands III (1657) letztendlich in das Kloster Bösig. Das war im Jahre 1666. Und dieses Gnadenbild zog Pilger aus nah und fern magisch an, so daß die Einnahmen des Klosters allein durch diese Wallfahrten für mehr als ein Jahrhundert mehr als gesichert waren. Mit dem Geld wurden eine Vielzahl von Baumaßnahmen durchgeführt, die der Burg immer mehr den Charakter eines Klosters gaben: Ausmahlung der Räume, in denen die Mönche lebten (die Heiligenbilder waren z.T. im 19. Jahrhundert noch sichtbar); Errichtung eines Kreuzganges; Ausbau der heute verschütteten Grüfte unter der Bergkapelle etc.
Einer der bekannteren Bösiger Prioren war der 1748 verstorbene Beremund Proche. Von ihm stammt die erste, in deutscher Sprache verfaßte Geschichte des Berges Bösig (1742). Zu erwähnen ist vielleicht noch, daß das Kloster auch schlimme Zeiten erlebt hat. Während des 30- jährigen Krieges nahmen z.B. die Schweden die Burg in Besitz (1643), errichteten Schanzen (die im Bereich des untersten Tores noch heute auszumachen sind) und verheerten kurz vor ihrem Abzug Burg und Stadt. Der Wiederaufbau des durch Brand in starke Mitleidenschaft geratenen Klosters erfolgte unter dessen dritten Abt, dem Spanier Anton von Suttomajor. Er war es auch, der am 8.September 1666 die Prozession anführte, welche das Montserrater Gnadenbild auf den Bösig brachte um sie dort auf dem Hochaltar aufzustellen. Nach der Auflösung des Klosters gelangte die Statue übrigens in die Pfarrkirche von Hirschberg („Kirche des Heiligen Bartholomäus“), wo sie als Bestandteil des Hauptaltars noch heute zu sehen ist. Wallfahrten zu ihr finden aber nicht mehr statt.
Die heute wieder zum größtenteils renovierte Burgkapelle beeindruckt in ihrer gotischen Schlichtheit. Sie ist jedoch der gesamten Innenausstattung beraubt, so daß es schwer fällt, sich eine Vorstellung von ihrer ehemaligen Pracht zu machen. Man gelangt in ihr vom Burghof aus über eine kleine Steintreppe. Ihr inneres ist kahl und leer. Kein Altar mehr, nur ein unförmiger Stein, wo einst die „Schwarze Madonna von Montserrat“ thronte; keine Heiligenbilder mehr in den Nischen. Lediglich ein leerer Raum mit einer Seitenkapelle, einem Rundgang in halber Höhe (unzugänglich) , mehrere gotischen Langfenster aus einfachem Glas, aber mit feiner Ornamentik, die den Raum in ein diffuses Licht tauchen.
Hier wollen wir den Faden der Geschichte wieder aufgreifen und berichten, was auf dem Bösig in der Zeit nach der Regentschaft Karls IV geschah.
Der Sohn Karls IV, König Wenzel IV, war der erste, der die Bulle seines Vaters bezüglich der Veräußerung der Königsburg bei der ersten Gelegenheit brach. So kam sie in den Besitz seines Vetters, des Markgrafen von Mähren mit dem Namen Prokop (1355-1405). Er spielte in der Auseinandersetzung der beiden Brüder, König Sigismund von Ungarn und Wenzel IV von Böhmen, eine wichtige Rolle. Wenzel IV, manchmal auch „Wenzeslaus der Faule“ genannt, hatte bekanntlich keinen guten Leumund unter den Kurfürsten. So kam es am 20. August 1400 zu dessen Absetzung als böhmischer König mit der Begründung, daß er ein „eynen unnüczen, versümelichen, unachtbaren entgleder und unwerdigen hanthaber des heiligen Romischen richs“ ist. 1402 sah sich dann sein Bruder, König Sigismund, veranlaßt, nach Böhmen einzumarschieren und seinen Bruder in Prag festzusetzen. Bei dieser Gelegenheit zog er auch mit seinem Heer unter den Bösig, den der Wenzel-treue Markgraf Prokop mit den Seinen tapfer verteidigte. Die Belagerung schien zu einer ewig währenden Geschichte zu verkommen, da die Burgbesatzung sich davor mit reichlich Lebensmittel eingedeckt hatte. So mußte Sigismund zu einer List greifen, um dem Prokop habhaft zu werden. Der böhmische Geschichtsschreiber Balbin hat diese Episode überliefert. Danach wurde der Markgraf mit einer List aus der Burg gelockt und (entweder vor der Burg, Balbin, oder in Prag – andere Quellen) gefangengesetzt. Auf jeden Fall ergab sich die Burgbesatzung nicht und Sigismund mußte weitgehend unverrichteter Dinge wieder abziehen. Da die Absetzung Wenzels IV als böhmischer König formal ungültig war, konnte er nach Einigung mit seinem Bruder und mit Unterstützung einer Vielzahl böhmischer Landesherren weiter regieren. So gelangte auch die Burg Bösig wieder in seinen Besitz, die er aber gleich wieder (samt dem Umfeld) den Herrn von Michalowizc („Michelsberger“, ihre Stammburg befand sich vor Jungbunzlau an der Iser) vermachte. Die „Michelsberger“ hatten die Burg dann während der gesamten unruhigen Hussitenzeit in Besitz und mußten sie auch mehrfach gegen die Horden der Kelchner verteidigen. So ist überliefert, daß am 18.Oktober 1421 die Stadt Weißwasser fiel und die Hussiten unter deren Bürgern ein wahres Blutbad anrichteten. Alle Mönche aus dem dortigen Augustinerkloster wurden auf dem Scheiterhaufen verbrannt und die Stadt durch Feuer stark in Mitleidenschaft gezogen. Zwar konnte die Burgbesatzung unter Führung des Ritters Johann von Michalowizc die Stadt befreien, aber nicht lange halten. Mittlerweile gelang es dann auch den Hussiten die von der Besatzung entblößte Burg zu erobern und abzufackeln. Festsetzen konnten sie sich dort aber nicht. Auf jeden Fall wissen wir aber anhand von Urkunden, daß die Burg zwischen den Jahren 1428 und 1432 wieder einigermaßen wohnlich hergerichtet wurde und sie allem Anschein nach an den Herrn Johann Smirizky von Smirie (Schmiritz) übergegangen ist (wie bereits im Essay über die Burg Hauska berichtet, wurde er - ein Mitregent Georg von Podiebrads) – 1453 als Katholik auf dem Altstädter Ring in Prag hingerichtet). Danach wechselte die Burg mehrfach ihre Besitzer: 1493 Alexander Berka von Duba, 1494 Adam Tawazowsky von Cimburg und ab 1498 Spetle von Janowic, dessen Familie die Burg bis etwa 1558 in Besitz hatte. Einige Jahrzehnte später gelangte dann die Herrschaft wechselnd an die Wartenberger und Waldsteiner bis sie dann am 14. Oktober 1588 für 22000 Prager Groschen an den königlichen Kämmerer Johann (der Ältere) von Waldstein überging (die entsprechende Urkunde ist noch vorhanden). Er verpfändete es aber sofort wieder an den Herrn Johann von Wartenberg, von dem es dann über eine Wiederheirat seiner Witwe (er starb am 4. Januar 1595) an Wenzel Berka von Duba und Leipa (der Ältere) überging.
In den Wirren des 30-jährigen Krieges wurde die Burg mehrfach stark in Mitleidenschaft gezogen und teilweise zerstört. So eroberte am 5. Januar 1621 ein bayerisches Regiment den Bösig, auf den zuvor die Einwohner der Umgebung ihre Habseligkeiten in vermeintliche Sicherheit gebracht hatten. Dabei wurden alle Burggebäude in Brand gesteckt. Da Wenzel von Duba nach der Schlacht am Weißen Berge mit dem „Winterkönig“ Friedrich von der Pfalz außer Landes geflohen war, erklärte man alle seine Besitztümer als verlustig. Kurz danach hat dann Albrecht von Waldstein („Wallenstein“) die Oberaufsicht über die Burg Bösig übernommen und danach an seinen Verwandten Adam (der Jüngere) von Waldstein (1570-1638) verkaufen lassen. Von ihm gelangte die Herrschaft an Wallenstein zurück, der nach dem Sieg in der Schlacht bei Lützen (1632) das Gelübde ablegte , auf dem Bösig ein monumentales Benediktiner-Kloster einzurichten (es sollte 30 Mönche, 20 Priester und 10 Kirchenlehrer zur Unterrichtung der Novizen beherbergen). Aber wie ich bereits berichtet habe, konnte er dieses Vorhaben nicht mehr ausführen, da er am 25. Februar 1634 in Eger ermordet wurde. Das von ihm gestiftete Baumaterial war zwar schon vor Ort. Aber man nutzte es nicht mehr zur Ausbesserung der Burg, sondern erbaute daraus in Schloßbösig den Kretscham – auch ein wichtiges Bauwerk.
Innenteil ehemaliger Klosterräume mit Rauchabzug. Die Zwischendecken sind im Laufe der Zeit eingestürzt
Mit der Übergabe der Burg an Mönche der Prager Benedektiner –Abtei durch Ferdinand III setzte sich ihre Geschichte als Kloster fort. Aufgrund der Ausweisung als Wallfahrtort kam das Kloster schnell zu Reichtümern, die aber im Beyerischen Erbfolgekrieg verlustig gegangen sind. Und das kam so. Am 30. Juli drang Prinz Heinrich von Preußen auf Befehl seines Königs (Friedrich II) in Nordböhmen ein und besetzte dort fast alle wichtigen Städte. Sein Hauptquartier errichtete er im Schloß Schwojka (nicht die Burg, die damals schon längst in Trümmern lag). Von dort zogen marodierende Truppenteile durch die Gegend und statteten auch den Benediktinern auf dem Bösig manchen unerfreulichen Besuch ab. Deshalb baten die Mönche einem preußischen General um eine Schutzmannschaft, die auch bewilligt wurde und aus 40 Preußen bestand. Zur gleichen Zeit unterhielten die Österreicher ein Feldlager nahe Münchengrätz. Ihnen war die Burgbesatzung auf dem Bösig ein Dorn im Auge, weshalb sie eine Abteilung von ~200 Kroaten hinschickten, um die Preußen zu verjagen. Die Aktion gestaltete sich aber zu einem Fiasko. Zwar gelang es den Kroaten noch unbehelligt mittels konfizierter Leitern die Burgmauer zu überwinden, aber am oberen Burgtor erwarteten sie die Preußen schon mit heftigem Büchsenfeuer. Am Ende waren 6 Kroaten tot und 36 verwundet. Bei diesem Angriff fanden aber die Preußen beim Wegräumen von großen Holzstößen im Burghof mehrere Kisten und Koffer, die den Klosterschatz enthielten. Was dann geschah, war quasi folgerichtig. Die Preußen bemächtigten sich der Kleinode, soweit sie transportabel waren und machten sich damit aus dem Staube. Als dann die Österreicher mit einer größeren Streitmacht eintrafen, fanden sie nur noch eine Handvoll verdatteter Mönche vor – aber von der preußischen „Schutzmannschaft“ fehlte jede Spur.
Mit der dekretlich befohlenen Auflösung des Klosters im November 1785 begann der endgültige Niedergang der Burg. Die Orgel wurde ausgebaut, die große Glocke und das Gnadenbild entfernt und nach Hirschberg transportiert. Die verwüsteten Gebäude wurden einzeln an Bewohner der Umgebung verkauft, die begannen, alles noch Nützliche auszubauen und fortzuschaffen. Teile der Burggebäude wurden als Steinbruch genutzt um billiges Baumaterial für Häuser und Scheunen zu gewinnen.
Der Wartturm (mit einem kleinen Turmzimmer im oberen Teil) wird heute als Aussichtsturm genutzt
Im Turmstübel mit dem engen Aufgang zur Aussichtsplattform
Blick aus dem Turmstübchen auf den Turm der Burgkapelle
Ab 1824 diente der Hauptturm der Burg Triangulationszwecken. Auch zog sie immer mehr romantische Schwärmer an, die sich an den alten und sehr baufällig gewordenen Mauern ergötzten. Das bewog einige Männer, an der Ruine Befestigungsarbeiten auszuführen um sie so der Nachwelt zu erhalten. Dadurch entwickelte sie sich – auch wegen der herrlichen Aussicht vom Hauptturm aus – zu einem gern besuchten Ausflugsziel. In den letzten Jahrzehnten wurden die Erhaltungsmaßnahmen stückweise fortgesetzt. Alle Hauptgebäude erhielten wieder Dächer oder wurden anderweitig renoviert. Oft gibt es auf der Burg Schauveranstaltungen – so bieten dort Falkner und manchmal auch Astrologen ihre Künste dar oder es werden Ritterspiele ausgeführt. Auf jeden Fall lohnt sich ein Besuch dieser ehrwürdigen alten Burg- und Klosteranlage.
Bösige vom Kummergebirge aus gesehen ...
Ergänzung: Burg Hauska in der Daubaer Schweiz
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Sonntag, 2. Oktober 2011
Panaorama vom 1012 m hohen Jeschken (Nordböhmen)
Panoramaaufnahme vom Jeschken (Jested) bei Reichenberg (Liberec) in Nordböhmen - Ein Gastbeitrag von Prof. Dopleb.

Und hier in richtig groß... (lohnt sich ! Aber Achtung: 50.6 MB - u.U. recht lange Ladezeit)
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Samstag, 1. Oktober 2011
Al-Quaida (oder doch "Al-kaloida"?) und der Wunderbaum
Bei meinem heutigen kleinen Spaziergang durch die Kleingartenanlagen wurde ich einem "Wunderbaum" gewahr (Ricinus communis), was bei mir sofort düstere Gedanken an folgenden Artikel in "Die Welt" wach werden ließ. Mein Gott, denk ich mir, hier wächst ja in Mengen eine Pflanze, die so giftig ist (ja, gut, nicht die Pflanze, nur die Samenschalen), daß sie in der Biowaffen-Konvention genannt wird. Und die will, laut "Welt", Al-Quaida ernten, um damit "Ungläubige" umzubringen. Aber ich denke, das war ein Mißverständnis. Die bärtigen Herren, wahrscheinlich noch vom Ramadan gezeichnet, brauchten nur ein günstiges Abführmittel. Und das gewinnt man bekanntlich aus den Samen des Wunderbaumes, den Castorbohnen. Man nennt es Rizinusöl und das ist völlig ungiftig (aber nicht harmlos - zumindest wenn keine Toilette in der Nähe ist).
Das Lektin (ein spezielles Protein) Rizin ist ohne Zweifel eine extrem giftige Substanz (zwei bis vier Samenschalen des Wunderbaumes reichen, um in die ewigen Jagdgründe geschickt zu werden). Man sollte sich also von den Samenschalen als Nahrungsergänzungsmittel tunlichst fernhalten, genauso wie vom Blauen Eisenhut, vom Bilsenkraut, von der Hortensie, den Samen der Eibe (nicht das rote Fruchtfleisch), dem Mai-Rißpilz, dem Goldregen, dem Grünen Knollenblätterpilz und dem Stechapfel...
Trotzdem würde mich interessieren, wie eine Wunderbaum-Biowaffe aussehen soll - vielleicht wie ein Regenschirm?
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Große Sumpfschwebfliege
An Distelblüten (hier Ackerkratzdistel) kann man manchmal die hübsche Große Sumpf-Schwebfliege (Helophilus trivittatus) beobachten. Sie ist ein eifriger Blütenbestäuber, die man oft weitab von den Lebensräumen ihrer Larven, Sumpflöcher, Teichränder, schlammige, mit Wasser befüllte Wegränder, Pfützen etc.), antrifft. Die Larven besitzen eine typische Form mit einem ausfahrbaren Atemrohr ähnlich einem Schnorchel. Man nennt diesen Typ von Larven "Rattenschwanzlarven".
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Große Schwebfliege
Bevor diese Große Schwebfliege (Syrphus ribesii) von Blüte zu Blüte schweben kann, muß sie als Larve für einige Wochen Tag für Tag 100 bis 150 Blattläuse verzehren. Wie fast alle Schwebfliegen bevorzugt das ausgewachsene Insekt gelbe Blüten wie hier z.B. den Rainfarn. Sie ist harmlos und ernährt sich von Blütenpollen. Das wissen aber z.B. manche Vögel oder Menschen nicht, die sie aufgrund ihrer Zeichnung für eine Wespe halten - und die können bekanntlich stechen. Diese Erscheinung, daß harmlose Tiere in ihrer Färbung oder Gestalt wehrhaften Tieren nachäffen, nennt man in der Evolutionsbiologie Mimikry (siehe hier).
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