Donnerstag, 17. November 2011

Groß-Iser im Isergebirge ...

Ein Gastbeitrag von Werner Schorisch und Björn Ehrlich. Text M.S.



Anfang des Monats erschien im hießigen Sachsenblatt (SZ - Sächsische Zeitung) unter dem Titel "Mit der Bibel ins Isermoor" ein interessanter Artikel über die Bewohner der "Neuen Schule" in dem ehemaligen Ort Groß-Iser (~900 m hochgelegen) auf der schlesischen Seite des Isergebirges. Sie ist das einzige Gebäude, welches die Nachkriegszeit dieses abgelegenen Gebirgsdorfes bis heute überdauert hat und wird von einer netten polnischen Familie als uhrige Gebirgsbaude (Chatka Górzystów) betrieben. Seitdem es das Misthaus (im allegorischen Sinn) im benachbarten böhmischen Klein-Iser nicht mehr gibt, ist sie zu einer Anlaufstätte auch vieler deutscher Touristen geworden. Grund genug, einmal etwas über diesen Ort auf der Großen Iserwiese am Fuße des Heufuders (Stóg Izerski, 1105 m) zu berichten.


Ich habe vor über 25 Jahren zum ersten Mal von dem Ort jenseits der Iser im Misthaus von Gustav Ginzel gehört, der uns warnte, die Iser auf der Höhe der Großen Iserwiese zu besuchen, da sie Grenzfluß zwischen Polen und der CSSR ist und die dort Patroille gehenden Grenzer einen vorwitzigen "Touristen" (besonders wenn er Gast des Misthauses war) gern mal nach Reichenberg kutschierten, um ihn dann in "unsere DDR" abzuschieben. Wir hatten es damals trotzdem versucht, ohne aber direkt bis an die Iser heranzugehen. Wir wagten es eigentlich nur bis zum Raubschützenfelsen auf dem mittleren Iserkamm, von wo man einen schönen Blick auf die Große Iserwiese hat. Damals war die Neue Schule, das Einzige von ehemals 58 Gebäuden vor dem Krieg, noch von den polnischen Grenztruppen "okkupiert" - was wahrscheinlich auch der Grund dafür ist, warum sie bis heute überlebt hat. Der Raubschützenfelsen (Pytlácké kameny) soll an einen zur Zeit Napoleons lebenden "Raubschützen" mit Namen Hennerich oder so ähnlich (ich weiß es nicht mehr genau) erinnern, der damals hier am Dreiländereck zwischen Sachsen, Preussen und Böhmen sein Unwesen trieb. Gustav Ginzel erzählte nur, daß er damals in einer selbstgebauten Holzhütte unterhalb des Felsens gehaust haben soll und ein sehr erfolgreicher Wilderer war. Aber lange hat er es nicht gemacht, denn ein "Schaffgotscher" Förster soll ihn beim Trinken aus einem Gebirgsbach einfach so von hinten erschossen haben...

Groß- und Klein-Iser waren zwei sehr entlegene Gebirgsdörfer, die ihre Existenz böhmischen Exulanten, Glaubensflüchtlingen, verdanken, die sich, um der Verfolgung zu entgehen, hier gegen Ende des 30jährigen Krieges angesiedelt hatten. Sie trennte der mittlere Iserkamm und waren von Gebirgswiesen, Knieholzgürtel und Hochmooren umgeben. Um in die nächsten Orte zu gelangen, waren mehrstündige Fußmärsche von nöten und im Winter nur mit Skiern oder Schneeschuhen zu schaffen. Im Fall von Groß-Iser war das in erster Linie Bad Flinsberg am nördlichen Fuße des Isergebirges.



Aufgrund der besonders im Winter äußerst widrigen Lebensbedingungen (Temperaturen unter -20° C sind nicht selten) erfolgte der Ausbau von Groß-Iser nur sehr langsam. Wer hier siedelte, mußte schon einem besonderen Menschenschlag angehören: Landwirtschaft war auf den nährstoffarmen Moorwiesen so gut wie nicht möglich, höchstens etwas Viehhaltung. Nur Heidelbeeren gab es im Spätsommer reichlich. Während es in Klein-Iser eine Glashütte gegeben hat, war in Groß-Iser das Torf-stechen (zuerst als Brennmaterial, später als "Heilmoor" für die Moorbäder im Kurort Bad Flinsberg) und die Forstwirtschaft die einzige Erwerbsquelle, die zumindest während des kurzen Sommers Geld einbrachte. 



Zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts verbesserten sich die Bedingungen dahingehend, daß der Ort als Sommerfrische und Wanderziel entdeckt wurde und die Bewohner so andere Einkommensquellen erschließen konnten. Der Steg von Bad Flinsberg nach Groß-Iser war bereits einige Jahrzehnte zuvor hergerichtet und befestigt worden. Dadurch konnten im Sommer ein bis zwei mal die Woche Kleinhändler wie Fleischer und Bäcker mit ihren Pferdewagen den Ort besuchten und belieferten.  

Zuletzt bestand das locker angelegte Dorf aus  45 Wohnhäuser, 3 Gasthöfe mit Übernachtung, einer Jugendherberge, dem Schaffgottschen Jagdschloß und einer Försterei. Die "Obrigkeit" war mit zwei Zollhäusern vertreten. Elektrisch Licht gab es nur in den Gasthöfen und wenigen Wohnhäusern. Ansonsten wurde mit Petroleumlampen beleuchtet und auf Propangasherden gekocht. Für den Winter mußte man im Sommer sehr viel Holz spalten, wenn man es warm haben wollte. Brauchte man etwas, dann war ein mehrstündiger Fußmarsch nach Bad Flinsberg unvermeidlich.

Wie sich das Leben aus der Sicht eines jungen Mädchen, die damals die neue Schule besuchte, gestaltete, kann man in der heutigen Bergbaude lesen:


Während des zweiten Weltkrieges wurden die Lebensbedingungen, die eh schon nicht einfach waren, immer schwieriger. Die jungen Männer wurden zur Wehrmacht eingezogen und die Besucher blieben zunehmend aus. Insbesondere dem Wirt Paul Hirt ("Friedel Paul") war es zu verdanken, daß das Leben weiterging. 

Das Unglück für den Ort begann (für D begann es bereits 12 Jahre früher), als am 10. Mai 1945 russisches Militär den abgelegenen Ort erreichte, besetzte und sich dort einquartierte. Dabei wurde Paul Hirt, wie man sagt, völlig ohne Grund erschossen. Sein Grabmal kann man noch heute im Ort besichtigen:


Ab dem 21. Juni begann dann - diesmal vom nachrückenden polnischen Militär organisiert - die Vertreibung der deutschen Bevölkerung. Sie mußten von einem Tag zum anderen mit wenigen Habseligkeiten ihre geliebte Heimat verlassen. Die meisten der ~ 250 Bewohner haben sie nicht mehr wiedergesehen. Das 1913 erbaute hölzerne Jagdschloß wurde abgefackelt und in der Neuen Schule wurde eine Grenzstation eingerichtet.


Zwischen 1946 und 1956 galt Groß-Iser als militärisches Sperrgebiet. Die Häuser wurden bei "Manövern" bis auf die Grenzstation vom Militär zerstört und dem Erdboden gleichgemacht. Nur die Grundmauern erinnern noch daran, daß hier einmal Menschen gelebt haben. Ein Besuch des Ortes war kaum mehr möglich, denn es war ja Grenzgebiet. 




Seit der "Wende" hat sich die Situation grundlegend geändert. Sommers wie Winters ist die Örtlichkeit wieder für Wanderer und Naturfreunde erreichbar. Und auch die Nachfahren der ehemaligen deutschen Bewohner, die nun weit verstreut in Deutschland wohnen, sind wieder versöhnt und treffen sich ab und an in der "Neuen Schule", der  Chatka Górzystów. Sie wird von einer jungen polnischen Familie bewirtschaftet (seit 1996), die mit ihren zwei Kindern hier eine Heimat gefunden hat. Wie dazumal im Misthaus kann man in der Baude übernachten, wenn man höflich nachfragt und dann des Nachts, bei klarem Wetter, einen unbeschreiblichen Sternhimmel bewundern.





Blick zum 1122 m hohen Sieghübel. Im Vordergrund sind die Reste einiger der zerstörten Häuser zu sehen.


Und hier ein Panorama über die Große Iserwiese... und hier nochmal ganz groß ((Achtung - u.U. wegen der Größe längere Ladezeit). Rechts die Berge des Riesengebirges mit der Reifträger- und Schneegrubenbaude.

www.wincontact32.de  WINcontact 32 - Blog

Planet Mars (22) - Die Südpolarkappe - Kohlendioxid-Geysire


Kohlendioxid-Geysire
Die Südpolarregion des Mars scheint auch heute noch geologisch aktiv zu sein – und zwar in einer unerwarteten Art. In den mit Trockeneis überzogenen polaren Wüstengebieten fand man dunkle Flecken (dark dune spots, DDS) mit ovalen, nicht ganz so dunklen „Abgasfahnen“, die in die bevorzugte Windrichtung zeigen. 

Diese Flecken, die man besonders in den Dünenfelder der Südpolarregion findet, erscheinen und verschwinden im Wechsel der Jahreszeiten. Sie tauchen zu Frühlingsbeginn auf, werden dann kräftiger (Maximum im späten Frühling) um mit dem beginnenden Sommer langsam wieder zu verblassen bis im Marsfrühling der Zyklus von Neuem beginnt. Eine Analyse der Regionen, wo dieses Phänomen auftritt, hat einige Charakte-ristika ergeben, die für deren Interpretation von Bedeutung sind:

  • Die dunklen Spots habe eine zumeist kreisförmige Gestalt mit einem Durchmesser von einigen 10 bis einigen 100 m.
  • Die Existenz dieser Flecken hängt offenbar entscheidend von der Oberflächenstruktur der Dünen ab, bei denen sie auf-treten.
  • Die unterliegenden Strukturen (sie werden u.U. sichtbar, wenn die Deckschicht sublimiert ist) zeigen eine sternförmige Struktur, bei der von einem Zentrum aus radial wenige Meter breite Gräben ausgehen (spider structures).
  • Die DDS entstehen nur selten direkt oben auf den Dünen, sondern zumeist weiter unten. Der Sonnenstand hat auf ihre Entstehung keinen nachweisbaren Einfluß.
  • Die winterliche Abdeckung des Untergrundes durch Trockeneis erreicht in den Regionen, wo DDS auftreten, eine Mächtigkeit von ungefähr einem Meter.

Diese im wahrsten Sinne des Wortes ungewöhnlichen Formationen lassen sich nach dem derzeitigen Wissensstand am besten damit erklären, daß die saisonale Sublimation des Trockeneises von der Unterseite der Trockeneisschicht her erfolgt, wobei die Gasentwicklung eine besondere Art von „Geysire“ bewirkt (S.PIQUEUX et.al. 2003). Wenn dabei das Gas nicht sofort einen Ausgang findet, gräbt es nach dieser Hypothese unter dem Eis im Regolith des Untergrundes radiale, meterbreite Kanäle aus, die nach dem Verschwinden der Trockeneisschicht schlußendlich wie die beobachteten spider aussehen. 


Detailaufnahme von dark dune spots. Man beachte die ovalen, wie Abgasfahnen aussehenden Verfärbungen des Marsuntergrunds auf der Lee-Seite der kraterähnlichen Depressionen. Quelle NASA, MGS

Wie sehen nun diese Vorgänge im Einzelnen aus? Die Gebiete, wo die genannten Strukturen auftreten (man nennt sie cryptic regions), werden über den Winter hinweg von einer ca. 1 Meter mächtigen, weitgehend durchsichtigen Trockeneisschicht bedeckt. Darunter befinden sich dunkle PLD-Schichten mit guter Absorptionsfähigkeit für das durch die Trockeneisschicht dringende Sonnenlicht. Sie nehmen im Frühjahr die Sonnenwärme auf und lassen das CO2- Eis von der Unterseite her sublimieren. Da die Eisschicht gasundurchlässig ist, baut sich nach und nach ein Druck auf bis zu dem Moment, wo es an einer Schwachstelle zum Durchbruch kommt. Das Kohlendioxidgas (sein Druck ist ungefähr 4 Größenordnungen höher als der atmosphärische Druck) entweicht dann mit einer Strömungsgeschwindigkeit von bis zu 160 km/s in die dünne Marsatmosphäre, wobei Partikel des Untergrundes mitgerissen und dann durch den Wind vom Geysir weg verfrachtet werden...


Prinzipielle Funktionsweise eines Kohlendioxid-Geysirs auf dem Mars.  Quelle PIQUEUX et.al., Wikipedia

Auf diese Weise bilden sich die beobachteten „Abgasfahnen“. Durch den beim Abblasen erfolgten Druckverlust fließt radial im Untergrund Gas nach, wobei im lockeren Regolith flache Gräben ausgeblasen werden, die radial zur Öffnung des Geysirs weisen. Als Ergebnis erhält man genau die Morphologie, wie sie die spider structures aufweisen. Diese Strukturen treten jedoch nicht überall in den cryptic regions auf, sondern nur dort, wo lockeres, leicht erodierbares SPLD anliegt


Dark dune spots und spinnenartige Grabenstrukturen dominieren diese Aufnahme des MGS vom 8. September 2008. Sie entstehen im Frühjahr immer wieder neu, was auf ein saisonales Phänomen schließen läßt.  Quelle NASA, MGS


Spider-artige Strukturen auf einem mit DDS-überdeckten Dünenfeld. Anhand derartiger Aufnahmen erkannte man, daß beide morphologische Strukturen vom Ursprung her miteinander verwandt sein müssen.   Quelle  NASA

Es soll nicht unerwähnt bleiben, daß es ähnliche Geysire, die aber mit Stickstoff als Treibgas arbeiten, auf dem Neptun-Mond Triton gibt, wie die Voyager-Aufnahmen aus dem Jahre 1989 zeigen. Die an manchen Stellen auf der Erde vorkommenden „Kaltwasser-Geysire“ (z.B. der Adernach-Geysir in der Eifel) arbeiten auch mit Kohlendioxid. Dieses aus dem Untergrund aufsteigende Gas ist die Ursache dafür, daß dieser Geysir über ein 1903 abgeteuftes Bohrloch ca. alle 100 Minuten ausbricht. Er ist (im Gegensatz zu den Geysiren auf Triton) natürlich in keinster Weise mit den Mars-Geysiren zu vergleichen.


Es muß wohl für einen zukünftigen Astronauten, der in der Südpolregion des Mars einmal einen Frühlingsspaziergang unternehmen wird, ein aufregendes Erlebnis sein, wenn rings um ihn herum die Kohlendioxid-Geysire ausbrechen...    Quelle NASA

Die Hypothese von der Existenz von Kohlendioxid-Geysiren kann viele morphologische Strukturen in diversen Regionen der Südpolarkappe, deren Entstehung sonst äußerst rätselhaft wäre, recht gut erklären. Das betrifft die spiders, aber auch die saisonal wechselnden dunklen „Fahnen“ im Bereich der Gasaustritts-öffnungen. Es fehlt eigentlich nur noch eine erfolgreiche Landung in der Nähe eines solchen Geysirs, der gerade ausbricht. Man kann sich vorstellen, daß ein solcher Ausbruch ein ähnlich spektakuläres Ereignis ist wie z.B. der Ausbruch des Old Faithful im Yellowstone-Nationalpark.


Nächstes Mal: Entwicklungsgeschichte der Polkappen

Hinweis:  Alle Postings finden Sie über die Randleiste des Blogs unter "Beliebte Reihen"

www.wincontact32.de    WINcontact 32 - Blog



Essay: Kosmische Perspektiven



Am 16. Januar 2007 funkte die Sonde Cassini ein Bild des Saturns mit seinen Ringen zur Erde, von dem ein Ausschnitt hier abgebildet ist. Wenn man genau hinschaut, erkennt man am rechten Rand des zweiten, etwas diffusen Rings, einen kleinen Stern, der sich auf dem ersten Blick nicht von den anderen Sternen, die auch auf der Aufnahme zu sehen sind, unterscheidet. Einem normalen Betrachter würde er wahrscheinlich kaum auffallen, da das Bild von den grandiosen, im Gegenlicht der Sonne matt leuchtenden Ringen dominiert wird. Aber dieser Punkt ist durchaus etwas Besonderes, denn es ist der Ort im Universum, von dem im Jahre 1997 die Sonde Cassini auf ihren langen Weg zum Saturn gestartet ist, unsere Erde. Auf diesem kleinen Punkt hat in den letzten 4.5 Milliarden Jahren alles das stattgefunden, was unter Erdgeschichte, Geschichte der Menschheit oder als persönliche Geschichte eines jeden einzelnen Menschen subsumiert wird. Und es ist nicht völlig auszuschließen, daß dieser Punkt der einzige Planet in unserem Milchstraßensystem ist, wo es Lebewesen geschafft haben, in das kosmische Zeitalter einzutreten und ihren Heimatplaneten zu verlassen.

Dieser Blick zurück zur Erde, die den Menschen vergangener Jahrhunderte verwehrt geblieben ist, eröffnet eine neue Sicht auf uns und unsere Welt in Form einer Art von  „kosmischer Perspektive“, die auch in Verantwortung und in Handeln umgesetzt werden muß. Wenn die Erde im kosmischen Geschehen auch völlig bedeutungslos und nebensächlich erscheinen mag, so gibt es doch für uns nur diese eine Erde und wir müssen alles tun, um sie auch für die uns folgenden Generationen weiterhin lebenswert zu erhalten. 

Die „kosmische Perspektive“ ist erst einmal auch eine Perspektive in Bezug auf  Entfernungen, die weitab jeglicher menschlicher Erfahrungen und Vorstellungen liegen. Das betrifft sowohl zeitliche als auch räumliche Entfernungen. Jeder Mensch hat ungefähr ein Gefühl dafür, wie lang z.B. ein Kilometer oder eine Meile ist. Aber niemand kann sich „so richtig“ eine Entfernung von einem Lichtjahr oder einem Parsek vorstellen, obwohl sich diese Entfernungen natürlich sehr leicht in Kilometer oder Meilen angeben lassen. Und über das Weltall läßt sich höchstens sagen, daß es „unendlich“ groß ist, was immer das auch bedeuten mag. Um eine „Vorstellung“  zu bekommen, gibt es nur den Weg der Reduktion auf „Vorstellbares“. Als Kind hat z.B. dem Autor ein Vortrag in der Sternwarte seines Heimatortes von Martin Franze einen bleibenden Eindruck hinterlassen, in dem er die Größen der Planeten und die Entfernungen im Sonnensystem und zu den nächsten Sternen soweit reduzierte (die Erde als Erbse, der Jupiter als Apfel etc.), daß er ihre Bahnen auf einem Stadtplan und auf einer Wanderkarte der näheren Umgebung veranschaulichen konnte. Auf diese Weise bekam man zumindest ein Gefühl dafür, was kosmische Entfernungen eigentlich bedeuten. Noch eindrucksvoller in diesem Zusammenhang ist z.B. der „Planetenlehrpfad“ an der Ostseeküste bei Warnemünde, in Heidelberg (Sternwarte) oder, sehr empfehlenswert, in Sohland in der Oberlausitz, wo man die „Entfernungen“ im Sonnensystem quasi erwandern kann. Heute findet man derartige Planetenlehrpfade an vielen Orten in Deutschland, meist in einem Maßstab von 1 zu 1 Milliarden, so z.B. im Nördlinger Ries oder in München vom Innenhof des Deutschen Museums aus. 

1977 kam ein Kurzfilm von Charles Eames (1907-1978) und Ray Berenice Eames (1912-1988) heraus, der außergewöhnlich die Größen von Objekten in der Natur im wissenschaftlich zugänglichen Bereich zwischen den Quarks (10^-16)  Meter) und den entferntesten Quasaren (10^24 Meter) veranschaulichte –„Power of 10“.  Dieser kurze, knapp 9 Minuten lange  Film gilt noch heute als „culturally, historically, or aesthetically significant“, da er auf eindrucksvolle Weise die Entfernungen, die einen bei einer Reise in die Mikrowelt oder bei einer Reise an die Grenzen unseres erfahrbaren Kosmos begegnen, veranschaulicht. Es lohnt sich auf jeden Fall, ihn sich im Internet einmal anzuschauen (in diesem Zusammenhang sei noch auf das gleichnamige Buch von PHILIP MORRISON (1915-2005) hingewiesen, in dem die Aussagen des Films vertieft und noch detaillierter erläutert werden). Daß es nicht nur im Kosmos viel freien Platz gibt, sondern auch in der Mikrowelt, hat der bekannte Physiker und Nobelpreisträger RICHARD FEYNMAN (1918-1988) in einer berühmt gewordenen Rede vor der American Physical Society (29. Dezember 1959) mit dem Titel „Da unten ist jede Menge Platz“ dargelegt. Auch diese Rede lohnt es sich durchaus wieder einmal durchzulesen („There’s plenty of room at the bottom“, Engineering and Science 23 (1960), 22-36; und im Internet bei der Adresse

http://www.zyvex.com/nanotech/feynman.html

Die „kosmische Perspektive“ reduziert sich natürlich nicht nur auf die rein skalenmäßige Einordnung von Erde und Mensch, auch die zeitliche Dimension spielt selbstverständlich eine wichtige Rolle. Und zwar nicht nur in der Hinsicht, daß der Kosmos, wie wir ihn kennen, eine Geschichte mit einem zeitlichen „Anfang“ besitzt (der Urknall vor 13,7 Milliarden Jahren), sondern auch in der nicht immer bewußten Form, daß man aufgrund der Endlichkeit der Lichtgeschwindigkeit nur Objekte „in der Vergangenheit“ und bis zu einer endlichen Entfernung (dem „Horizont“, welcher der Entfernung entspricht, die das Licht während des „Weltalters“ maximal zurückgelegt hat) beobachten kann. 

Ein Hauptmerkmal des Kosmos ist seine ausgesprochene Leere. Auch wenn die Objekte, die wir mit unseren Teleskopen sichtbar werden lassen, den Anschein erwecken, daß das Weltall voll von Sternen und aus Sternen bestehenden Galaxien ist, so stellen sie doch nur einzelne, einsame Leuchttürme in einem riesigen Meer der Leere dar. Und doch gibt es viel, ja wirklich viel mehr Sterne im Kosmos als Sandkörner an allen Stränden und allen Wüsten der Erde zusammengenommen. Allein in unserer Milchstraße gibt es (je nach Schätzungen) 200 bis 300 Milliarden Sterne, die sich grob gerechnet über ein Volumen (inklusive Halo) von ~20 Peta-Lichtjahre (Peta=10^15, 1 Lj~9.5 ∙10^15 m) verteilen. Das bedeutet, daß auf ein Volumen von 100x100x100 (Kubik) Lj im Mittel nur etwas 0.15 Sterne entfallen. Im Bereich der galaktischen Scheibe ist diese Zahl natürlich um rund 4 Größenordnungen größer, da sich dort und insbesondere im inneren „Bulge“, die Sterne besonders konzentrieren. Aber das ändert nichts an der Tatsache, daß die mittleren Abstände der Sterne in Relation gesetzt zu ihren Durchmessern unvorstellbar groß sind. Um den nächsten Nachbarn unserer Sonne, den Stern Proxima Centauri, zu erreichen, benötigt ein Lichtstrahl (Geschwindigkeit ~300000 km/s) 4.22 Jahre. Hätte man die Bahn der Sonde Voyager 1 so ausgelegt, daß sie diesen Stern erreichen soll, dann wäre sie im Vergleich dazu ~76000 Jahre unterwegs.  

Würde man die gesamte Materie des für uns sichtbaren Kosmos über dessen Volumen gleichmäßig verteilen, dann ergibt sich eine mittlere Materiedichte von 4.7∙10^-33 kg/m³, was weit unterhalb einer Konzentration von einem Wasserstoffatom pro Kubikmeter liegt. Betrachtet man dagegen nur die Materiedichte innerhalb einer Galaxie, dann kann man von einem Richtwert von ungefähr einem Wasserstoffatom pro Kubikmeter ausgehen. Unter allen praktischen Gesichtspunkten ist der kosmische Raum (selbst dort, wo „dichte“ Gas- und Staubwolken vorhanden sind) leer, ein Ultrahochvakuum der Güte, wie man es auf der Erde wird niemals herstellen können.

Die nächst größeren Struktureinheiten sind in der kosmischen Hierarchie nach den Sternen die Galaxien, die ja bekanntlich selbst aus Sternen sowie aus Gas und Staub bestehen. Man schätzt, daß die Gesamtzahl der Galaxien im überschaubaren Kosmos (der sogenannten „Hubble-Blase“) die Zahl von 100 Milliarden deutlich übersteigt. Die endliche Größe der „Hubble-Blase“ im Vergleich zum (wahrscheinlich) unendlich großen Universum ist dabei eine direkte Konsequenz des gleichfalls endlichen Weltalters (13.7 Milliarden Jahre), da sich Licht in einer endlichen Zeit auch nur eine endliche Strecke ausbreiten kann. Dabei kann diese Strecke durchaus größer sein, als sich rechnerisch aus Zeit x Lichtgeschwindigkeit ergibt, da man die Expansion des Raumes mit berücksichtigen muß. Der gegenwärtige Radius der Hubble-Blase beträgt deshalb etwa 45 Milliarden Lichtjahre und nicht nur 13.7 Milliarden Lichtjahre. Was „dahinter“ passiert, ist bis auf den Teil, der aufgrund der Expansion der Hubble-Blase im Laufe der Zeit in diese Blase gelangt, prinzipiell für uns nicht sichtbar. Man kann auch sagen, der „Partikelhorizont“ der Hubble-Blase schirmt uns vor der Unendlichkeit des Kosmos ab.

Das Universum ist nicht nur leer, sondern auch kalt. Das war nicht immer so. Vor 13.7 Milliarden Jahren, zum Zeitpunkt des „Urknalls“, waren die Temperaturen einmal unbeschreiblich hoch (~10^32 K in der sogenannten Planck-Ära). Durch die Expansion des Kosmos hat sie nach den Gesetzen der Thermodynamik stetig abgenommen und heute einen Wert von 2.7 K erreicht. Das ist die Strahlungstemperatur der Hintergrundstrahlung, die man, da sie im Kosmos omnipräsent ist, durchaus als „die“ Temperatur des kosmischen Raumes ansehen kann. Diese Temperatur wird in Zukunft weiter fallen, da der Kosmos näherungsweise adiabatisch expandiert. Es wird also noch kälter werden …

Die Materie im Weltall besteht aus den Elementen Wasserstoff (92.4%) und Helium (7.3%) sowie aus elektromagnetischer Strahlung. Alle anderen Stoffe sind mengenmäßig im Vergleich dazu nichts weiter als „Verunreinigungen“. Es besteht zwar die Tendenz, daß im Laufe der Zeit diese „Verunreinigungen“ zunehmen, aber die meisten Elemente werden wohl für immer und ewig in den Sternen, in denen sie durch Kernfusionsprozesse entstanden sind, eingeschlossen bleiben. Ein kleiner Teil wird jedoch, z.B. durch Sternwinde, beim Abstoßen von Sternhüllen sowie bei Nova- bzw. Supernovaexplosionen, in den kosmischen Materiekreislauf zurück gegeben. Und diesem Vorgang verdanken wir letztendlich unsere Existenz, denn wir bestehen hauptsächlich aus diesen „Verunreinigungen“ in Form von Kohlenstoff-, Sauerstoff-, Phosphor-, Stickstoff-, Schwefel- und Eisenatomen, die zusammen mit Wasserstoffatomen die chemischen Verbindungen aufbauen, aus denen unser Körper und die Körper aller anderen Lebewesen auf der Erde bestehen.  Um diese Elemente entstehen zu lassen, mußten erst einmal viele Sterngenerationen entstehen und wieder vergehen. Es ist also nicht nur allegorisch gemeint wenn man sagt, daß wir aus „Sternenstaub“ gemacht sind.

Im Kosmos findet Strukturbildung statt. Das ist dahingehend außergewöhnlich, da eine gleichmäßige, homogene Verteilung der Materie im Raum auf den ersten Blick logischer und einsichtiger erscheint. Aber wir wissen heute, daß sich die Keime für die großräumige Struktur des Universums mit seinen riesigen Voids und den miteinander verbundenen Super-Galaxienhaufen bereits in den Quantenfluktuationen des ganz frühen Kosmos finden.

Noch zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts wurde dem Kosmos, wohlbegründet mit den Gesetzen der Thermodynamik, ein „Wärmetod“ vorausgesagt, in dem alle strukturbildenden Prozesse in der Zukunft irgendwann einmal zum Erliegen kommen. Dieser „Wärmetod“ ist durchaus zwingend, wenn es zutreffen sollte, daß der Kosmos in thermodynamischer Hinsicht ein sogenanntes „abgeschlossenes System“ darstellt. Es scheint aber so, daß gerade diese Voraussetzung nicht erfüllt ist, so daß uns ein „Wärmetod des Universums“ erspart bleibt …  Erst seit vergleichsweiser kurzer Zeit beginnt man zu verstehen, wie Strukturbildung im Kosmos unter dem universellen Einfluß der Gravitation funktioniert. Wie es dazu kommt, daß die Materie in Galaxien und Galaxienhaufen in großen Skalen und in Sternen und Planeten in mittleren Skalen organisiert ist und wie sich Milliarden von Einzelsternen zusammen mit Gas- und Staubwolken zu solch großartigen Gebilden wie den riesigen Spiralgalaxien formen. 

Erst seit wenigen Jahrzehnten verfügen die Astronomen die Technologien, um in unserer Milchstraße gezielt nach Sternen mit eigenen Planetensystemen Ausschau zu halten. Aus bescheidenen Anfängen hat sich mittlerweile ein Forschungsgebiet mit vielen und z.T. erstaunlichen und überraschenden neuen Erkenntnissen entwickelt, welches zeigt, daß planetare Objekte zu den gewöhnlichen Begleitern vieler Sterne gehören. Insbesondere hat ihre Formenvielfalt überrascht und Anlaß gegeben, völlig neue „Familien“ von (Exo-) Planeten zu definieren, für die es in unserem Sonnensystem keine Analoga gibt. Beispiele dafür sind die sogenannten hot jupiters und die super-earths. Als diese Zeilen geschrieben wurden (Sept. 2011) waren genau 687 Exoplaneten bekannt mit – was die Anzahl betrifft - stark steigender Tendenz. Diese Tendenz ist insbesondere speziellen „Entdeckungssatelliten“ wie z.B. Kepler zu verdanken, welche die Zahl von Exoplanetenkandidaten in kurzer Zeit haben in die Höhe schnellen lassen. Es wird sicherlich nicht mehr lange dauern, daß auch Exoplaneten von der Größe und Art der erdähnlichen Planeten unseres Sonnensystems in das Blickfeld der Astronomen geraten werden. Der Höhepunkt wäre wohl die Entdeckung einer zweiten Erde. Aber ob es und wenn ja, wann, dazu kommen wird, steht noch in den Sternen.

Eine besondere Beziehung verbindet uns jedoch mit unserer unmittelbaren kosmischen Umgebung, die wir schlicht als Sonnensystem bezeichnen. Während bereits der nächste Stern, Proxima Centauri, mit einer Entfernung von 4.2 Lichtjahren (43∙10^12 km), in vernünftigen Zeiträumen mit den heute verfügbaren Raumflugtechniken quasi unerreichbar ist, konnten mittlerweile alle Planeten unseres Sonnensystems, eine Großzahl ihrer Monde sowie eine repräsentative Auswahl von Planetoiden und Kometen von Raumsonden erforscht werden. Bald (2015) wird auch eine Sonde (New Horizons) den Kuiper-Gürtel erreichen und dann einen ersten Blick aus der Nähe auf den Zwergplaneten Pluto und seine vier Monde werfen können. Was für geheimnisvolle Landschaften werden uns dann wohl vor unseren Augen auftun? Was werden sie uns über den Ursprung unseres Sonnensystems erzählen und damit letztendlich über uns selbst? 

Wer sich einmal den riesigen Fortschritt, den die Erforschung unseres Sonnensystems allein im letzten halben Jahrhundert gemacht hat, vor Augen führen möchte, braucht eigentlich nur Planetenbücher von Anfang der 60-ziger Jahre mit modernen Sach- oder Lehrbüchern vergleichen. Aufnahmen der Oberfläche von Planeten und Monden gehören mittlerweile genauso zu den Hinguckern in allen möglichen Zeitungen und Zeitschriften wie die farbenprächtigen Aufnahmen des Hubble-Weltraumteleskops. Selbst in der Werbung finden sie bereits vielfältige Verwendung. Denn ihrer seltsamen Ästhetik kann man sich kaum entziehen und bei manchen Menschen wecken sie den Wunsch, mehr darüber zu erfahren. Deshalb ist auch die Akzeptanz, „astronomische Summen“ an Geldmitteln für die Erforschung des Universums auszugeben, in den modernen Industriestaaten sehr groß. Astronomen liefern Bilder und Bilder schaffen nun mal Emotionen. Auf diese Weise kann man Menschen Wissenschaft nahe bringen, auch wenn sie sonst nichts damit am Hut haben. Man sollte deshalb den pädagogischen Wert der Astronomie als Wissenschaft nicht unterschätzen. So gesehen ist es schade, daß dieses Fach in der heutigen deutschen Schullandschaft nur ein Schattendasein führt oder, wie in der gymnasialen Stufe nur als Anhängsel des Physik-Unterrichts  angeboten wird. Dabei könnte doch gerade die Behandlung spannender astronomischer Fragen, vielleicht ergänzt mit einem Beobachtungsabend in einer der zahlreichen Volkssternwarten viel mehr junge Menschen zu einer beruflichen Karriere in einem technisch-naturwissenschaftlichen Fach animieren, als es bisher leider der Fall ist. 

Amateurastronomie 
Das Privileg, Astronom und an einem Forschungsinstitut oder einer Universität festangestellt zu sein und dafür auch noch recht gut bezahlt zu werden, haben nicht viele Menschen. Oftmals ist „Fachastronom“ nur ein Teil der Karriere eines Naturwissenschaftlers (meist Physikers), dem es später nicht schwerfällt, eine Stelle in der Industrie als z.B. Versuchsingenieur, IT-Spezialist oder als selbständiger Unternehmer zu finden. 

Im krassen Unterschied zu der kleinen Zahl professioneller Astronomen stehen die vielen Liebhaberastronomen, die sich mehr oder weniger ernsthaft mit dieser Wissenschaft beschäftigen ohne damit irgendwelche beruflichen Interessen zu verfolgen. Sie befriedigen damit ihre eigene Neugier auf naturwissenschaftlichem Gebiet, haben Freude daran, anderen Mitmenschen die Planeten und Sterne nahe zu bringen und einige von ihnen leisten in ihrer Freizeit sogar ernsthafte wissenschaftliche Arbeit, die schon immer von Fachastronomen gefördert und entsprechend anerkannt worden ist. Man kann sogar sagen, daß vielleicht neben einigen wenigen Teilgebieten der Biologie (Erforschung lokaler Faunen und Floren) die Astronomie eine der letzten Refugien ist, wo auch Laien (im positiven Sinne des Wortes) noch für die Wissenschaft wertvolle Beiträge zu liefern in der Lage sind. Man braucht um z.B. neue Planetoiden im Sonnensystem, neue veränderliche Sterne oder sogar Exoplaneten um fremde Sonnen zu entdecken zwar ein entsprechendes Equipment und eine gehörige Erfahrung und Wissen, aber sicherlich kein Riesenteleskop. Schon mit dem kleinsten Fernrohr lassen sich veränderliche Sterne in ihrem Lichtwechsel verfolgen und zur Beobachtung von Sternschnuppen benötigt man neben einem günstigen Beobachtungsplatz neben einer Uhr und einem Notizblock höchstens noch einen geeigneten Liegestuhl.   

Auch das Equipment ist heute kein Problem mehr. Während vor Jahrzehnten der Selbstbau von Fernrohren (insbesondere Spiegelteleskope) noch die Regel war, stehen heute dem ernsthaften Amateur eine Vielzahl von Fernrohren unterschiedlicher Größe und Ausstattung käuflich zur Auswahl – die astronomischen Zeitschriften sind voll davon. Moderne Aufnahmegeräte wie CCD-Kameras oder Digitale Spiegelreflexkameras in Verbindung mit einer großen Auswahl von Filtern und Computerprogrammen zur Bildverarbeitung erlauben sogar in relativ lichtverschmutzten Gegenden Himmelsaufnahmen mit Reichweiten und einem Detailreichtum, die früher, in der Ära der chemischen Fotografie, nur mit Teleskopen mit mehreren Metern Öffnung möglich waren. Amateure gelingen mittlerweile mit ihren Teleskopen und elektronischen Kameras Planetenaufnahmen, die qualitätsmäßig schon am Niveau von Aufnahmen mit dem Hubble-Teleskop kratzen. Und auch Riesenteleskope sind Dank des Internets für den Amateur nicht mehr unzugänglich. Im Prinzip erlaubt das Internet (wir kommen darauf noch zu sprechen) jedem Amateur die Teilhabe am astronomischen Wissen, das in vielerlei Archiven sowie in elektronischen Bibliotheken niedergelegt ist. Das E-Mail erlaubt sogar die Korrespondenz mit Fachwissenschaftlern, die gegenüber Amateurastronomen meist sehr aufgeschlossen sind (ein Astronom ist eigentlich nur ein Liebhaberastronom, der für seine Tätigkeit bezahlt wird, denn hier bildet Beruf und Berufung wahrlich eine Einheit).

Aber man muß nicht unbedingt ein Teleskop besitzen oder in der Nähe einer Volks-oder Schulsternwarte wohnen, um als Amateur „Fachastronomie“ betreiben zu können. Ein Computer mit dem Zugriff auf das weltweite Netz reicht aus. Der rasante Ausbau des Internets in Verbindung  mit ständig fallenden Preisen für Massenspeicher haben die Möglichkeiten einer international vernetzten Forschung wahrlich revolutioniert, in dem man, ohne seine Wohnung verlassen zu müssen, einen Zugriff auf Rohdaten (z.B. in Form von Himmelsdurchmusterungen, Katalogen, Ergebnissen numerischer Simulationsrechnungen etc.), auf Publikationen sowie andere Informationsquellen erhält. Während man mit E-Mail Nachrichten verschicken und empfangen kann, so kann man sich heute mit E-Science selbst an vielfältigen wissenschaftlichen Projekten beteiligen. Einige diesbezügliche Projekte werden im Folgenden noch näher vorgestellt.

Virtuelle Observatorien
Moderne Astronomie ist eine datenintensive Wissenschaft, vergleichbar vielleicht nur noch mit der Hochenergiephysik mit ihren riesigen Detektoren an großen Teilchenbeschleunigern. Informationen über das Weltall, wie sie Riesenteleskope oder Teleskope auf Satelliten tagtäglich liefern, werden schon lange nicht mehr auf Fotoplatten oder auf Papier gespeichert, sonder liegen in Bits und Bytes in elektronisch lesbarer Form vor. Führt man diese Informationen in riesigen, überall auf der Welt über das Internet zugänglichen Datenbanken zusammen, dann entsteht so etwas wie ein virtuelles Observatorium. 

Was sich auf dem ersten Blick so einfach anhört, ist in Wirklichkeit ein anspruchsvolles logistisches Problem. Eine Zusammenführung von Archiven verschiedenster Art macht nur Sinn, wenn es definierte Datenformate und Schnittstellen gibt: Objektbezeichnungen sind nicht vereinheitlicht. Für viele Einzelobjekte gibt es dutzende von Namen, die eine Identifizierung erschweren. Dazu kommt noch, daß Wissenschaftler unterschiedlicher Teildisziplinen verschiedene Einheiten bzw. Einheitensysteme verwenden (z.B. das erg im Gegensatz zum Joule bei der Energie; das Angström im Gegensatz zum nm, dem Frequenzäquivalent GHz oder dem Energieäquivalent eV bei spektroskopischen Aufgabenstellungen), was die Handhabung von Beobachtungen und Messungen zumindest erschwert. Eine Überwindung dieser Schwierigkeiten wäre eine echte Herausforderung, die sich – und das ist die gute Nachricht -  ab dem Jahr 2002 die International Virtual Observatory Alliance (IVAO, http://www.ivoa.net/) gestellt hat. Der deutsche Ableger davon nennt sich German Astrophysical Virtual Observatory (GAVO, http://www.g-vo.org/) und ist u.a. im Zentrum für Astronomie der Universität  Heidelberg beheimatet.

Mittlerweile sind bereits eine Vielzahl „Virtueller Observatorien“ im Netz. Ihre Zusammenschaltung in Form eines „Grids“ ist in Arbeit. Man muß dann als Nutzer nicht mehr wissen, wo, d.h. bei welchem Observatorium oder Institut, in welchem Archiv die benötigten Daten vorgehalten werden. Die Kunst besteht dann darin, nur noch die richtige Abfrage zu erstellen („Google für Sterne“ hat man das einmal spaßhaft genannt). 

Paralleles Rechnen
Ein anderer Aspekt virtueller Observatorien betrifft die Parallelisierung von Such- und Auswertealgorithmen, um riesige Datenströme (z.B. die Signale, die Radioteleskope permanent empfangen) nach bestimmten Gesichtspunkten zu analysieren. Das bekannteste (aber nicht einzige) Projekt dieser Art ist SETI@home (http://setiathome.berkeley.edu/). Die Idee, die dahinter steckt, ist für die Auswertung die ansonsten ungenutzte Rechenkapazität von Millionen von Arbeitsplatz- und Heimcomputern zu nutzen, in dem man ihnen über das Internet „Datenhäppchen“ zur Verfügung stellt, die dann ein spezieller Bildschirmschoner vordergründig nach sinnhaltigen Signalen (die vielleicht von fremden Zivilisationen stammen könnten – SETI – Search for Extraterrestrial Intelligence) durchforstet. Die Verbindung, daß mit diesem Projekt nach etwas gesucht wird, das jedem Menschen brennend interessiert („Sind wir allein im Weltall?“) mit der Möglichkeit, teure Superrechnerkapazität einzusparen und für erfolgsträchtigere Forschungen einzusetzen, hat zum großen Erfolg dieser Kampagne, die von der Universität Berkeley koordiniert wird, geführt. Wobei sich der Erfolg weniger darauf bezieht, daß man damit irgendwelche verdächtige Signale im Sinne des berühmten „wow“-Signals gefunden hätte (die „Außerirdischen“ schweigen noch), sondern eher in dem Sinn, daß man mit der Methodik des weltweit über das Internet vernetzten Rechnens Probleme angehen kann, für die ansonsten keine ausreichende (oder bezahlbare) Rechnerkapazität zur Verfügung stehen. Weitere Beispiele in diesem Zusammenhang sind:

EINSTEIN@home (http://einsteinathome.org/)

dient u.a. der Auswertung von Signalen der Gravitationswellendetektoren der LIGO Scientific Collaboration und besteht seit 2005. An diesem Projekt haben sich weltweit bis heute fast 530000 Freiwillige beteiligt. Dabei konnte zeitweise eine Rechenkapazität von mehr als 400 Teraflops/s erreicht werden.

MilkyWay@home (http://milkyway.cs.rpi.edu/milkyway/)

Dieses für jeden Stellardynamiker hochinteressante Projekt hat sich das Ziel gesteckt, ein 3D-Computermodell unserer Milchstraße in nie dagewesener Genauigkeit zu erstellen. Ausgangspunkt sind dabei die riesigen Datenmengen, die der Sloan Digital Sky Survey (SDSS) sowie diverse Astrometriesatelliten (z.B. Hipparcos) liefern. Um die riesigen Datenmengen zu bewältigen, werden u.a. spezielle genetische (evolutionäre) Algorithmen genutzt, die hier zum ersten Mal bei astronomischen Fragestellungen angewendet werden. 

Die Methodik des verteilten Rechnens über das Internet hat sich seit SETI@home als so erfolgreich erwiesen, daß auch andere Wissenschaftszweige die damit einhergehenden Möglichkeiten nutzen. So berechnet man mit Folding@home die räumliche Struktur komplizierter Proteine und auch in der Hochenergiephysik setzt man zunehmend auf dieses kostengünstige Verfahren. Und natürlich darf GIMPS (http://www.mersenne.org/) nicht vergessen werden, dessen Ziel es ist, immer größere Primzahlen zu finden. Für die Zahl 2^43112609-1  gab es z.B. ein Preisgeld von 100000$ - leicht verdientes Geld, wenn man nur warten muß, bis das im Hintergrund laufende Rechenprogramm anschlägt und sagt „das ist eine Primzahl“. Leider wartet man (wie auch bei SETI@home) mit fast absoluter Sicherheit vergeblich. Die genannte Mersenne-Primzahl hat übrigens 12987189 Stellen... 

Passiv Rechenzeit für etwas zur Verfügung zu stellen ist eine Sache. Befriedigender ist es, sich aktiv an der Auswertung von Beobachtungsdaten zu beteiligen. Auch dafür bietet das Internet vielfältige Möglichkeiten. So gibt es Amateure, die regelmäßig die Koronographenaufnahmen der Sonnensonde SOHO nach Kometen der Kreutz-Familie absuchen und damit zu erfolgreichen Kometenentdeckern geworden sind. Ein weiteres Projekt, welches viel Aufmerksamkeit hervorgerufen hat, ist das Projekt Galaxy Zoo (http://www.galaxyzoo.org/). Es dient der Klassifizierung von Millionen von Galaxien, welche im Rahmen des SDSS aufgenommen worden sind. Damit sollen wertvolle statistische Grundlagen für die Erforschung der großräumigen Struktur unserer Welt im Allgemeinen und des Aufbaus und der Entwicklung der Galaxien im Speziellen gewonnen werden. Man bedient sich hier der menschlichen  Fähigkeit, sicher Formen zu erkennen – einer Fähigkeit, die Computer in dieser Weise erst rudimentär beherrschen. Wir mitmachen möchte, braucht nur die genannte Projekthomepage zu besuchen und sich anzumelden. Bis heute konnten bereits mehr als 60 Millionen Klassifikationen vorgenommen werden. Erste Arbeiten, die auf den Ergebnissen von Galaxy Zoo I und II beruhen, sind mittlerweile erschienen und helfen mit, die großräumige Struktur von Galaxienhaufen (wie sie z.B. im sogenannten Millenium-Projekt simuliert werden) zu verstehen.

Zum Abschluß sollen noch zwei Projekte kurz erwähnt werden, bei denen Astronomen auf viele freiwillige Helfer gesetzt haben: das Clickworker-Projekt der NASA zur Identifizierung und Klassifizierung von Mars-Kratern auf Viking-Aufnahmen und die Suche nach kometarischen Staubteilchen im Projekt stardust@home. 

Montag, 14. November 2011

Blick von der Lausche (793 m) im Zittauer Gebirge

Ein Gastbeitrag von Werner Schorisch, Zittau.

Zur fast gleichen Zeit, als ich auf dem Kaltenberg weilte, konnte Herr Schorisch diese romantischen Aufnahmen vom Gipfel des höchsten Berges des Lausitzer Gebirges, der fast 800 m hohen Lausche, anfertigen:



Fernsehturm auf dem Zinkenstein (Bukova hora) bei Aussig, vom Gipfel der Lausche ...


... und fast zur gleichen Zeit vom Gipfel des Kaltenberges (auch hier mit dem Milleschauer, diemal ganz rechts) aus fotografiert. Hier läßt sich sehr schön der Effekt der "Parallaxe" studieren...


Dieses Panorama vom Kleis über dem Schober zum Tanneberg und weiter können Sie hier richtig groß (Achtung - u.U. wegen der Größe längere Ladezeit) geniesen...



Sonntag, 13. November 2011

Stilleben: Gourmet-Geschenkpackung mit Buchsbaumblättchen

Wenn Sie sich, lieber Leser, schon keinen echten "Knoche" leisten können,


dann ist vielleicht diese Gourmet-Schachtel mit 2 Äpfeln, 2 Pepperoni-Schoten, zwei geräucherten Rotwildknackern, 3 Stück Wahnsinns-Räucherkäse und einer Knoblauchknolle (sowie dekorativen Buchsbaumblättchen) genau das Richtige, um sich selbst oder irgendeiner Verwandschaft eine Freude zu bereiten...


Und hier gibt's die Gourmet-Schachtel...

www.wincontact32.de    WINcontact 32 - Blog


Oben warm - unten kalt - Fernsicht bei Inversionswetterlage


So ein schönes Novemberwetter hatten wir schon lange nicht mehr (das letzte Wochenende einmal ausgenommen) Heute hat es uns auf den 736 m hohen Kaltenberg (Studenec) bei Hasel (Liska) unweit von Böhmisch Kamnitz (Cesky Kamenice) verschlagen. Seit zwei Jahren ist der stählerne Aussichtsturm wieder zugänglich und wir wollten ihn trotz des Bodendunstes, der augenscheinlich keine besonders gute Fernsicht versprach, besteigen. Gesagt - getan. Und dann war doch die Überraschung groß. Am Westhorizont zeichnete sch eine scharfe Linie über den Dunst / Nebel ab und dahinter waren völlig klar die Berggipfel des linkselbischen Elbsandsteinsgebirges und dahinter der Kamm des Erzgebirges klar zu erkennen. Weiter südlich schaute auch noch der Fernsehturm in der Höhe von Aussig (Usti) sowie der Gipfel des Milleschauers aus der Nebelbank hervor. Der Turm auf der obigen Aufnahme gehört zum Hohen Schneeberg (723 m), einem langgezogenen Quadersandstein-Tafelberg hinter Tetschen (Decin). 

Diese außergewönliche Sicht hatten wir einer sogenannten Inversionswetterlage zu verdanken. Eine stabile Schichtung von "schwerer" kalter Luft unten und warmer "leichter" Luft oben bildet bei Windstille eine scharfe Grenzschicht (hier in ca. 700 m Höhe), den der Boden-Smog bzw. der Bodennebel nicht durchdringen kann. Die oben liegende, saubere und klare Luft ermöglicht dann eine unbeschreibliche Fernsicht. 

Eine ausführliche Würdigung des Kaltenberges über dem Tal des Kaltenbaches beim Ort Kaltenbach folgt demnächst...


Blick zum Rosenberg (619 m), dahinter links der Hohe Schneeberg und Ausläufer des Erzgebirges.



Fernsehturm auf dem Zinkenstein (Bukova hora, 683 m) in der Nähe von Aussig (Usti).


Und hier ein Blick in die andere Richtung - zum Jeschken (Jested) bei Reichenberg (Liberez).


Einer der schönsten Aussichtspunkte des Lausitzer Gebirges - der Kleis bei Haida (Novy Bor). Rechts schaut noch der Roll bei Niemes aus dem Dunst hervor.

www.wincontact32.de    WINcontact 32 - Blog

Planet Mars (21) - Die Südpolarkappe

Südpolarkappe



Reliefdarstellung der Südpolkappe. Quelle NASA

Die Südpolkappe unterscheidet sich in vielerlei Hinsicht von der Nordkappe. Das liegt u.a. daran, daß sie ungefähr 6000 m höher liegt und auch ihr Zentrum nicht mit dem gegenwärtigen geographischen Südpol zusammenfällt. Mit einem Durchmesser von ~450 km ist ihr zentrales Deposit (PLDS) deutlich kleiner als dasjenige der Nordhemisphäre. Zwar sind auch hier spiralförmig angedeutete Talstrukturen sichtbar, aber nicht in der Ausprägung und dem Muster, wie sie für die Nordpolarkappe typisch sind. Die Mächtigkeit dieser Eisablagerungen unterscheidet sich mit einer zentralen Dicke von ungefähr 3000 m  kaum von dem des Mars-Nordpols. Der Wassergehalt ist jedoch bedeutend geringer. Er wird auf ca. 200000 km³ (~16% dessen von PLDN) geschätzt. Das ist auch mit ein Grund, weshalb man während des Südsommers (im Unterschied zum Nordsommer) keinen signifikanten Wasserdampfanstieg in der Marsatmosphäre beobachten kann (die Südpolkappe besitzt eine permanente CO2 –Schicht, welche eine Sublimation von Wassereis erschwert). 

Das südliche Pendant zu Chasma Boreale ist das Chasma Australe, welche zwei „Eiszungen“ keilförmig trennt. Zwar ist auch die Südpolkappe von weiten Ebenen umgeben, die aber weitaus stärker strukturiert sind. So fehlt ein riesiges Wüstengebiet wie Olympia Planitia im Südpolarbereich völlig. Auch die Einschlagkrater besitzen nicht oder nur z.T. die für Rampartkrater typischen Strukturmerkmale, was auf Unterschiede im Untergrund hinweist. Die Analyse ihrer Verteilung hat ergeben, daß die geschichteten Ablagerungen ungefähr 10 Millionen Jahre alt sein müssen. Analoge Untersuchungen haben für die Nordpolarkappe ein Alter in der Größenordnung von lediglich einigen 100000 Jahren ergeben (Herkenhoff et.al. 2000).

Besonderheiten des PLDS
Auf den Aufnahmen der Mars-Orbiter konnten einige signifikante Unterschiede in der Strukturierung der Schichten, welche die PLD um den Nord- und den Südpol bilden, ausgemacht werden:

  • Es ließen sich ausgedehnte junge Ablagerungen peripher zu den deutlich älteren Kern des PLDS  nachweisen
  • Angeschnittene Schichten bilden oftmals deutliche und ausgeprägte Stufen
  • In Tälern sind oftmals in Form von Tafelbergen (Mensa) stehengebliebene Sedimente zu beobachten
  • Die sogenannte „Dorsa Argentea Formation“, eine tiefliegende und deshalb sehr alte Ablagerung, besitzt kein vergleichbares Analog auf der Nordpolarkappe

Sie zeigen, daß beide Polkappen eine unterschiedliche geologische Entwicklung durchgemacht haben und daß sich auch die landschaftsformenden Erosionsprozesse auf beiden Polarkappen Unterschiede zeigen.


Auf dieser Aufnahme des Mars Reconnaissance Orbiters, die zu Beginn des Frühlings auf der Südhalbkugel aufgenommen wurde, erkennt man, wie einzelne Schichten des PLD’s herausgearbeitet und in einzelne „Schollen“ (Mensae) zerfallen sind.   Quelle NASA, MRO

Dorsa Argentea Formation
Die Dorsa Argentea – Formation ist durch eine Vielzahl langgestreckter schmaler Bergrücken charakterisiert, die mittlerweile von vielen Autoren als glazialfluviale Formen, die man auf der Erde "Oser" nennt, interpretiert werden (eine alternative Deutung, die sich wahrscheinlich aber nicht aufrechterhalten läßt, hält sie für vulkanischen Ursprungs).  Außerdem finden sich hier Gruben (pits, cavi), im Untergrund, die sich durch Instabilitäten im Eis gebildet haben. Diese Gruben haben meist steile Flanken, eine unregelmäßige Form und sind bis zu 50 km groß. Ihre Tiefe kann bis zu 1000 m betragen. Außerdem konnten mehrere große Ausflußtäler in das Argyre-Bassin entdeckt werden.


Diese Bergrücken, die das südliche Argyre-Becken durchziehen und der Dorsa Argentea Formation zugeordnet werden, sind mit hoher Wahrscheinlichkeit Oser. Sie entstehen, wenn Schmelzwasserflüsse in Gletscherspalten abfließen und darin mitgeführte Gerölle ablagern. Nach dem vollständigen Abschmelzen der Eismassen bleiben dann langgezogene bahndammähnliche Strukturen zurück. Quelle NASA, Viking


Ausschnitt aus einer HiRISE-Aufnahme (MRO), welches relativ alte Schichten des PLDS zeigt. Aufgrund vielfältiger Erosionserscheinungen, die im Einzelnen nur schwer zu interpretieren sind, ist eine genaue stratigraphische Einordung derartiger Sedimentstufen nicht einfach. Quelle NASA, MRO

Ungewöhnliche Landschaftsformen
Gerade um den Südpol herum findet man auf den hochauflösenden Satellitenaufnahmen Landschaften, die zu interpretieren eine echte Herausforderung für jeden Geomorphologen sind. Auf einigen erkennt man Strukturen wieder, die auch in den Permafrostzonen der Erde aufzufinden sind, andere dagegen scheinen einmalig für den Mars zu sein.


Die Entstehung dieses aus Sedimenten herausgearbeiteten Musters aus Rechtecken (Ausschnitt ~ 14x20 km) ist sehr rätselhaft. Auch darüber, wie deren Inhalt (schwarze Punkte) zu interpretieren ist (vielleicht dark dune spots), gibt es unter den Marsgeologen noch keine belastbaren Erkenntnisse.   Quelle NASA, MGS

Swiss Cheese Terrain 
Die südliche Polkappe ist im Sommer über eine Fläche von ~300 x 200 km² mit einer permanenten Trockeneisschicht überdeckt, wobei dieses Trockeneisgebiet um ca. 150 km vom geographischen Pol versetzt liegt. Die Landschaft erscheint von oben ziemlich skurril, da es dafür auf der Erde keine Analoga gibt: irreguläre bis kreisförmige Vertiefungen, welche den Untergrund wie eine Scheibe Schweizer (Löcher-) Käse auf den Satellitenaufnahmen erscheinen lassen. Dabei haben die Vertiefungen selbst steile Wände, die ab einer gewissen Tiefe in einen horizontalen und weitgehend flachen Boden übergehen. Dieser Boden selbst kann wieder analog gebaute Vertiefungen aufweisen, so daß einige dieser pit’s eine komplexe, stufenförmige Struktur (die wie ein Abdruck eines umgekehrten „Turm von Hanoi“ aussieht) erhalten. In manchen Gebieten beginnen sich die Vertiefungen zu überlappen und bilden schließlich ebene Landschaften auf dem Höhenniveau des Bodens der pit’s. 

Alle diese genannten Strukturen finden sich neben langgezogenen schmalen Depressionen, die ein Muster ähnlich der Papillarlinien der Finger bilden (fingerprint terrain) in einer im Mittel rund 10 m mächtigen Schicht aus gefrorenem Kohlendioxid. Darunter befindet sich die von THEMIS (Thermal Emission Imaging System, Mars Odyssey) nachgewiesene Wassereispolkappe, die etwas wärmer ist. Die Landschaften, welche die permanenten Trockeneisschichten der Südpolarkappe formt, sind starken Änderungen unterworfen. So vergrößern sich die „Löcher“ des Swiss Cheese Terrains um ungefähr 1 bis 4 Meter im Jahr, wobei die „Expansionsrate“ abhängig von der jeweils betroffenen Schicht ist. Aus den THEMIS-Daten der Sonde Mars Odyssey konnten z.B. deutlich eine im Mittel ~8 m mächtige ältere untere Schicht und eine ca. 2 m starke Deckschicht aus gefrorenem CO2 nachgewiesen werden (Thomas et.al. 2005). Aus morphologischen Merkmalen folgt, daß die untere und damit ältere Schicht an den freiliegenden Stellen seit ca. 100 Jahren der Erosion ausgesetzt ist. Die obere, weniger mächtige Deckschicht, erodiert dagegen erst seit etwa 50 Jahren. Inwieweit sich daraus Erkenntnisse über die Klimaentwicklung des Planeten gewinnen lassen, bedarf noch eingehender Diskussion.  Auf jeden Fall ergeben sich die meisten, auf den ersten Blick verstörenden Oberflächenmerkmale, durch Sublimation und Kollaps von CO2- Eis.


„Fingerprint terrain“ nennt man diese Landschaft im Bereich der permanenten Südpolkappe des Mars. Sie besteht aus einer dünnen Schicht aus Trockeneis, in der sich durch Sublimations- und Erosionsprozesse, die im Einzelnen noch nicht gut verstanden sind, lange weiche Rinnen bilden. Diese Strukturen zeigen bereits in der Größenordnung von Jahren signifikante Veränderungen.  Quelle NASA, MGS


Ausschnitt aus einer Mars Odyssey-Aufnahme aus dem Randgebiet der permanenten CO2-Bedeckung der Südpolkappe. Aufgrund seiner durch spezifische Sublimationsprozesse entstandene Morphologie spricht man von einem Swiss Cheese Terrain. Die obere, „zerrissene“ Struktur stellt Trockeneis dar, der Untergrund besteht aus leicht wärmeren Wassereis.  Quelle NASA


Der Aufnahmestreifen besitzt eine Breite von ~900 m und zeigt die Swiss Cheese –Strukturen im Kohlendioxideis im Detail. Es handelt sich dabei um relativ kurzlebige, aus mehreren Schichten bestehende Trockeneisschichten. Messungen auf MGS-Aufnahmen haben ergeben, daß durch Sublimation pro Marsjahr ungefähr 3 m Trockeneis abgetragen werden, die sich aber im Winter wieder niederschlagen. Quelle NASA, MGS


Spinnenartige Grabenstrukturen werden an manchen Stellen der Südpolarkappe sichtbar, sobald im Sommer die Trockeneisschicht verschwunden ist. Bildausschnitt ~500 m.  Quelle NASA


Nächstes Mal: Kohlendioxid-Geysire

Hinweis:  Alle Postings finden Sie über die Randleiste des Blogs unter "Beliebte Reihen"

www.wincontact32.de    WINcontact 32 - Blog


Impressionen von den kapverdischen Inseln...



LANDSCHAFTEN

Hallo Mathias,

Anbei ein paar Impressionen von den Kapverden...

Wir sind zurück von den Kapverden. Der Archipel bestehet aus 9 Inseln und ein paar sonstigen Brocken im Meer. Die Inseln unterscheiden sich durch ihre unterschiedliche Erscheinungsform. Wir hatten uns für die Wanderinsel Sao Antao entschieden. Die gebirgige Insel ist ein landschaftlicher Leckerbissen. Der Osten der Insel ist subtropisch geprägt, der Westen ist wüstenartig. Dazu gesellen sich schroffe Steilküsten im Norden. Im Osten dominieren die grünen Täler, die durch Terrassenanbau intensiv genutzt werden (Bananen, Mango, Papaya, Zuckerrohr, Kaffee, das ganze Programm). Das Auge kann sich daran satt sehen.  Gerade während unseres Aufenthaltes erlebten wir - leider - ein Wetterphänomen, welches den Einheimischen zwar willkommen war, aber für ungewöhnlich gehalten wird. Es regnete 3 Tage hintereinander, bei vorausgesagten 350 Sonnentagen im Jahr. Der Regen war so intensiv, dass die Flüsse gefährlich anstiegen und auch der  Westen der Insel eingeweicht wurde.  Das war faszinierend, weil die vulkanische Landschaft sich binnen weniger Tage nach dem Regen in sattem Grün und teilweise blühend präsentierte, eine unvergessliche Szene.


























MENSCHEN


Am meisten haben uns die Menschen beeindruckt. Es ist ein armes Volk und man fragt sich, woher diese Leute die Gelassenheit, die Freundlichkeit und die Gastfreundschaft nehmen. Die Lebensverhältnisse sind mehr als schlicht, es herrscht Perspektivlosigkeit, insbesondere bei der nach unserer Einschätzung gut ausgebildeten Jugend. Industrie gibt es kaum. Die landwirtschaftliche Nutzung der Ressourcen ist  intensiv, aber alles per Hand. In vergleichbaren Regionen, wie beispielsweise den kanarischen Inseln oder Madeira geht die arbeitsaufwendige Terrassenwirtschaft wahrnehmbar zurück. Hier ist es eine Frage des notwendigen Bedarfes an Lebensmitteln, die zu einer intensiven Bewirtschaftung jeder Parzelle zwingt, denn glaubt man den Informationen der Reiseliteratur, kennt man hier auch noch den Hunger. Das zweite Standbein der Nahrungsmittelproduktion ist die Fischwirtschaft, die in althergebrachter Weise ausgeübt wird, denn an modernen Schiffen und Fanggerät mangelt es. So lässt sich dem Meer nur abringen, was in unmittelbarer Küstennähe aufgebracht werden kann, weil die schnell erreichten tiefen Zonen mit der verfügbaren Technik nicht mehr befischt werden können. In den Hotels haben wir es plötzlich erlebt, dass der Strom ausfiel oder das Wasser nicht lief. Manchmal fragt man sich, warum in den Geschäften die halben Auslagen leer sind. Schon vergessen? Das gab es vor 20 Jahren hier auch.

Wie elend sind unsere Probleme im Verhältnis zu denen der Entwicklungsländer? Man muss es erlebt haben, damit es einem richtig bewusst wird. Es treibt die Wut und den Zorn, wenn man die Großkotzigkeit und die Endzeitstimmung hier wahr nimmt, sobald man den Fuss wieder auf heimatlichen Boden setzt. Vielleicht ist es ganz gut, wenn die große Krise bald kommt, die von den Überschlauen so sehnsüchtig herbeigeredet wird. Vielleicht sollte mal ein Jahr das Licht ausgehen, damit Demut einzieht und damit man lernt, sich auch wieder an den kleinen Dingen zu erfreuen.

Gruß
Björn












ABSCHIED


Ein Gastbeitrag von Björn Ehrlich, Zittau-Hörnitz

www.wincontact32.de    WINcontact 32 - Blog



Blogverzeichnis - Blog Verzeichnis bloggerei.de Interessante Blogs Blog-Webkatalog.de - das Blogverzeichnis