Ein Gastbeitrag von Björn Ehrlich, Zittau-Hörnitz
Innere Unruhe quält einen in der Annahme, den richtigen Termin für eine Wanderung zu den blühenden Obststreuwiesen im südlichen Jeschkenvorland wieder verpasst zu haben. im Großen und Ganzen kennen wir die Gegend, aber sie präsentiert sich zu jeder Jahreszeit in einem anderen Gewand und während der Baumblüte ist es am Schönsten hier.
Wir beginnen dieses Mal unsere Wanderung in Johannesthal (Janův Důl) und wandern vorbei an den blühenden Kirschenbäumen hinauf nach Swetla (Svetla). Man nehme sich Zeit, diese Blütenpracht zu genießen. Einer Wanderfreundin fallen die Farbnuancen der grünenden Büsche und Bäume in den Wäldern auf, die man nur zu dieser Jahreszeit in dieser Weise wahrnehmen kann.
Der weitere Weg zieht sich am Hang des Jeschkenkammes (Ještědský hřbet) erst moderat, dann steil nach oben in Richtung Plan. Alsbald biegen wir ab in Richtung Roter Stein (Červený kámen), um bei diesem Bilderbuchwetter einen Blick von oben auf die Berglandschaft und die in der Ferne liegenden Vulkankuppen zu werfen. Trotz des wolkenlosen Himmels ist die Fernsicht jedoch ein wenig eingetrübt. Trotzdem erkennt man noch gut die Kegelberge wie Roll (Ralsko) und Bösige (Bezdězy), die ferneren muss man sich hinzudenken. Im Rücken des Betrachters erhebt sich jedoch in voller Pracht der „Vater“ Jeschken (Ještěd), den man wohl von keinem Standort aus besser sehen kann. Über den herausragenden Aussichtsfelsen des Roten Steines erfährt man wenig Erhellendes in der Literatur. Wir begnügen uns daher mit der Übersetzung einer Erklärtafel, die am Fuß des Felsen angebracht ist. Darauf heißt es
„Wir befinden uns auf dem mächtigsten Felsvorsprung am südwestlichen Hang des Jeschken. Der Rote Stein besteht aus Gestein, das zur Gruppe der Quarzite gehört. Diese Gesteine entstanden vor etwa 350 Millionen Jahren während der variszischen Faltenbildung im frühen Paläozoikum. Der Rote Stein ist älter als das Isergebirge, das erst im Tertiär entstand. Damals wurde der Grund des paläozoischen Meeres angehoben und an die bestehenden Ufer gedrückt – „Gondwana“, den uralten Kontinent, der nur scheinbar dem heutigen „Eurasien“ ähnelte. Bei diesem Prozess entstanden an den Pressflächen enorme Drücke und Temperaturen, bei denen sich die marinen silikatischen Ablagerungen tatsächlich in Gesteine vom Typ Quarzit verwandelten. Der Stein ähnelt Quarzit, ist jedoch nicht kompakt, hat eine andere Struktur und unterliegt leichter Witterungseinflüssen. Die rote Färbung dieses Felsvorsprungs wird durch das Vorhandensein von Eisen in seiner dreiwertigen Form verursacht. Die dem menschlichen Blut ähnliche Färbung ist kein Zufall. Die Farbe des menschlichen Blutes ist auf das Hämoglobin zurückzuführen, das aus dreiwertigem Eisen besteht.“
Die mühsam erkämpften Höhenmeter müssen wir nun wieder hergeben, es geht an der Jeschkenlehne wieder nach unten, und zwar nach Oberpassek (Hoření Paseky). Herrliche Wohngrundstücke mit Weitblick in die Landschaft liegen hier am Hang des Bergmassivs. Und in den Gärten blüht es natürlich wieder lebhaft.
Kurz nach Eintritt in den Wald liegt noch eine Sehenswürdigkeit am Wege, über die in der Literatur wenig bis nichts zu erfahren ist: der Zigeunerüberhang (Cikánský převis). Zigeuner darf man heute nicht mehr sagen, also heißt die Höhle heute Jeřmanská skála. Es handelt sich um die Höchstgelegene prähistorische Siedlung der Isergebirgsregion. Sie war bereits in der Jungsteinzeit vor etwa 6.000 Jahren besiedelt. Archäologische Funde belegen, dass Menschen hier lebten oder sich zumindest zeitweise aufhielten. Der Überhang bot natürlichen Schutz vor Witterungseinflüssen und war daher als Wohnstätte ideal geeignet. Er ist heute ein beliebter Rastplatz für Wanderer und Ausflügler und wie man sieht, kann man unter dem Überhang auch Lagerfeuer entfachen. Bloß beim Aufstehen muss man Acht geben, sonst haut man sich mörderisch die Rübe ein. Zugleich lernen wir noch eine neue Vokabel, denn in der tschechischen Literatur ist zu lesen, dass der Zigeunerüberhang ein beliebter Tramping-Platz ist, also beliebt als Übernachtungsmöglichkeit bei Tramps. Bis zu 20 Leute sollen hier boofen können (wenn man sich zusammenkuschelt, vielleicht auch ein paar mehr).
Es geht nun noch hinauf zum Preußenkreuz (Pruský kříž) und von da auf direktem Wege hinunter zum Ausgangspunkt unserer Wandertour.
Die GPS-Daten zu dieser Tour findet man hier.

Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen